Alles außer Pop – Warum ich die Toten Hosen nicht vollständig hassen kann

Es ist einfach und auch ein bisschen selbstverständlich, die Toten Hosen zu hassen oder mindestens peinlich zu finden. Und wenn sie jetzt in Chemnitz spielen, gibt es genug Leute, die darüber lästern. Dabei ist es gut, wenn berühmte Leute gegen Rechts spielen. Argumente für oder gegen so ein Konzert wurden bei uns hier bereits ausgetauscht.

Die Toten Hosen nicht vollständig zu hassen, fühlt sich für mich ein bisschen an, wie ein Outing. Ich bin ja hier für alles außer Pop zuständig und Nähe zum Mainstream sägt freilich an meiner narzisstischen Homöostase. Ich komme auch nicht umhin, zu betonen, dass mein letztes Album der „Hosen“ (wie man in Fachkreisen sagt) „Kauf mich!“ war und ich das schon nicht mehr so richtig intensiv gehört habe. Das war 1993, wie ich eben mit Hilfe von Google ermittelt habe.

Leute, die noch älter sind als ich, sprechen davon, dass man damals entscheiden musste, ob man Beatles oder Rolling Stones hört. Die Coolen hörten natürlich die Stones. In meiner Jugend war es so ähnlich, die Entscheidung fiel aber zwischen den Ärzten und den Toten Hosen. Ich war also leider auf der Beatles-Seite. Heute weiß ich, dass die Ärzte viel witziger waren. Von jeher hatten die Ärzte Selbstironie und die Hosen nicht, auch wenn beide sich an Provokationen versuchten.
Als Noch-Nicht-Mal-Teen, nämlich in dem Alter, wo vorne schon eine 1 steht, aber hinten noch kein -teen folgt, da ist Selbstironie aber nicht das, wonach man sucht. Und als ich die Toten Hosen in irgendeiner Talkshow im ersten, zweiten oder dritten deutschen Fernsehen „Hier kommt Alex“ spielen sah und hörte, und mir aufging, dass das dieses Punk sein muss, da packte mich etwas, das bis heute anhält: die Suche nach Ernst und Wahrhaftigkeit in Musik (statt falscher Fröhlichkeit und Zerstreuung). Schon in der Grundschule hatte ich unter den begrenzten Ressourcen, die heimischer Plattenschrank und die Aufnahmetaste am Radiorekorder hergaben, jene Musik ausgewählt, die dieses Gefühl bediente. „Reach out, I’ll be there“ von Four Tops hatte es, „In the summertime“ von Mungo Jerry definitiv nicht. Bis zum heutigen Tage empfinde ich genau das Gleiche wie mit neun, wenn ich diese beiden Lieder vergleiche (die beide auf einer Mixkassette waren, daher das Beispiel).

Jedenfalls waren die Toten Hosen ein Einfallstor für mich, in eine Welt von Musik, bei der nicht von Lied zu Lied die Stimmung wechselte und plötzlich Grinsebackengedudel zu befürchten war, sondern die insgesamt das Raue, Erhabene, Aufrichtige hatte, was ich suchte. Sie führten mich zu Punk, zu The Cure, zu Hardcore, Metal und Freejazz. Als Startpunkt waren die Toten Hosen, trotz aller Albernheiten, von denen ich mich damals nicht distanzieren konnte, besser geeignet als die Ärzte.
Pathos ist für mich kein Schimpfwort. Auch wenn er natürlich schnell ins Peinliche umschlagen kann. Sowohl der Penäler-Humor („Ficken, Bumsen, Blasen“) als auch der pathetische Ernst der Toten Hosen sind für mein über 40-jähriges Ich nicht mehr cool. Aber damals waren sie es, für mich, dazu kann ich stehen.

Heute sind die Toten Hosen selbstverständlich peinlich. Pathos und Komfortzone passen nicht zusammen. Pathos bedingt – will er kein Kitsch sein – Einsamkeit, Außenseitertum, trotzig zu dem zu stehen, was man im Herzen spürt, auch wenn andere lachen. Das kann es nicht auf der Stadionbühne geben. Ballermann- und CDU-Parteitagskompatibel wie sie heute klingen, sind die Hosen Pop im Sinne dieser Kolumne und das ist vermutlich von Anfang an in ihnen angelegt gewesen, auch wenn sie es selbst nicht wussten.

Trotzdem freue ich mich, wenn wir da draußen in den Stadien Leute haben, deren Wurzeln irgendwo in diesem Rebellentum liegen und die ein verdammtes Konzert gegen Rechts auf die Beine stellen, wenn auf deutschen Straßen der Hitlergruß gezeigt wird und wenn sie berühmt sind und viele Leute ziehen: umso besser und auch Helene Fischer soll kommen und dann spielen sie zusammen erst „Sascha“ und dann „Schrei nach Liebe“, denn natürlich ist auch hier das Pendant der Ärzte das bessere gewesen.

„Ich bin noch keine sechzig
Und ich bin auch nicht nah dran
Und erst dann werde ich erzählen
Was früher einmal war“
Wort zum Sonntag, Die Toten Hosen (Smiley)

Der Autor schreibt hier alle zwei Wochen über Musik. Über Musik redet er auch im Podcast Ach & Krach – Gespräche über Lärmmusik.

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4 Kommentare

  1. #2 | Ke sagt am 1. September 2018 um 22:58 Uhr

    @1 Hans
    Spannender ist da die Frage, was Antifa ist.
    Meistens ist es ja jenseits der grossen Demos sehr ruhig um diese Gruppen. Insbesondere, wenn sehr zweifelhafte Aktionen nicht von den deutschen Rechten ausgehen.

  2. #3 | Hans sagt am 2. September 2018 um 11:46 Uhr

    @Ke
    Die Frage mag spannend sein, im verlinkten Artikel war mit Antifa aber keine Gruppe gemeint, sondern eine Haltung.
    Die Frage, die gestellt wurde, ob politische Kulturevents wie »Wir sind mehr« Kraft spenden, oder einfach nur kostenlose Bekenntnisse sind, wo sich die bürgerliche Gesellschaft gegenseitig auf die Schulter klopft.
    Die Events kommen und gehen, Pegida und AFD bleiben.

  3. #4 | Alles außer Pop – The Cure I | Ruhrbarone sagt am 13. April 2019 um 08:15 Uhr

    […] Für mich ist dieses erste Album auch tatsächlich die erste Begegnung mit meiner späteren Lieblingsband gewesen (obwohl das ca. 1991 war und bereits die Disintegration erschienen war). Auf der Feier zum 14. Geburtstag meines Freundes Moritz wurden plötzlich keine Kinderaktivitäten mehr durchgeführt (oder, wie man die Zeit zwischen Topfschlagen und Saufen vorübergehend elegant überbrückt hatte: ins Kino gegangen), sondern es wurde getanzt. Pogo nannte sich das und zwei Bands wurden dazu in Dauerschleife gespielt: The Police (So Loneley etc.) und The Cure. Kann sein, dass ich die Band und den Song schon mal vorher irgendwo gehört hatte, aber hier ging es richtig los. Ich besorgte mir dieses Album auf Kassette und hörte es auf meinem Walkman, zusammen mit ein paar anderen Tapes, Velvet Underground etwa oder Cat Stevens oder, ich geb’s zu: den Toten Hosen. […]

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