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Ruhrtriennale: Wie es jetzt weitergehen muss

Stefanie Carp und Christoph Marthaler bei der Bekanntgabe der Intendanz für die Ruhrtriennale 2018 – 2020. Foto: Edi Szekely/Ruhrtriennale 2016

Ganz sicher war es falsch, die „Young Fathers“ nach dem Eklat beim letztjährigen Pop-Kultur-Festival Berlin überhaupt zur Ruhrtriennale einzuladen. Mindestens war es sehr naiv, selbst wenn man berücksichtigt, dass mit „Massive Attack“ 2013 völlig unbemerkt und unkommentiert schon einmal BDS-Unterstützer im Rahmen der Ruhrtriennale aufgetreten sind. Völlig richtig war es von Seiten der Ruhrtriennale, von den „Young Fathers“ eine klare Stellungnahme zu ihrer Haltung zu Israel und der BDS-Kampagne zu verlangen und als diese nicht kam, den Auftritt abzusagen. Denn auch wenn Stefanie Carp mit ihrer Stellungnahme „Bedauerlicherweise haben sich die Young Fathers nicht von BDS distanziert. Wir schlussfolgern daraus ausdrücklich nicht, dass die Band antisemitisch sei und es ist mir in diesem Zusammenhang wichtig zu betonen, dass Kritik an der Politik der derzeitigen israelischen Regierung nicht per se mit Antisemitismus gleichzusetzen ist“ nicht ganz falsch liegt und selbst der BDS als nicht zentral gesteuerte Organisation vielleicht auch Sympathien von Menschen erhält, die keine antisemitischen Ziele verfolgen und das Existenzrecht Israels vorbehaltlos anerkennen, muss sich die Ruhrtriennale klar gegen eine Bewegung positionieren, die sich eben im Kern nicht oder alles andere als glaubhaft von Antisemitismus distanziert.

Fadenscheinig wird die Argumentation der Ruhrtriennale in allen weiteren Schritten. Die Krisen-Kommunikation hat hier völlig versagt und das Vorgehen spricht vor allem von kompletter Naivität, sowohl was den BDS angeht als auch was die Presse und Öffentlichkeit betrifft. Die Gründe, warum sich Stefanie Carp so chaotisch verhalten hat, liegen allerdings immer noch im Dunkeln – muss man vermuten. Ganz sicher sind die „Young Fathers“ kein unerlässlich wichtiger Punkt in ihrem durchaus beachtlichen Ruhrtriennale-Programm. Auch die Absage der anderen Musiker Tony Eile, Mazen Kerbaj, Hassan Khan, Sharif Sehnaoui und Raed Yassin und damit der Wegfall zweier kleinerer Veranstaltungen wären locker zu verschmerzen gewesen. Die nebulöse Erklärung von Stefanie Carp als Intendantin der Ruhrtriennale, das  Festival werde derzeit von zwei Kampagnen unter Druck gesetzt, muss auf diesem Hintergrund betrachtet werden. Wenn die bisherigen Absagen das Festival-Programm nicht grundsätzlich beschädigen, kann diese Aussage nur bedeuten, dass noch weitere Künstler der Festivalleitung gegenüber ihre Teilnahme zumindest infrage gestellt haben, sollten die „Young Fathers“ nicht auftreten. Künstler, die so prominente Positionen im Programm besetzen, dass Stefanie Carp vor solchen Drohung einknickte.

Diese Vorgänge, sollten sie existieren, muss Carp nun schonungslos offenlegen. Sollten sich weitere Künstler des Ruhrtriennale-Programms mit dem BDS oder den „Young Fathers“ solidarisiert haben, muss Carp sagen, wer das sind und weitere geplante Veranstaltungen möglicherweise absagen, um den BDS in seine Schranken zu verweisen. Umgekehrt ist die jetzt vorgebrachte Forderung, Stefanie Carp solle die Leitung der Ruhrtriennale sofort niederlegen, grundfalsch. Es ist abzusehen, dass auch Christoph Marthaler dann gehen würde. Die Ruhrtriennale würde zumindest in diesem Jahr nicht stattfinden. Das wäre für die Carp-Kritiker ein Pyrrhussieg. Zwar wäre Carp dann für ihr naives, wankelmütiges Verhalten und ihre verfehlte Kommunikation abgestraft, aber die BDS-Kampagne würde eine Absage der Ruhrtriennale umgehend als ihren Sieg verbuchen. Ihre Vertreter bekämen durch eine Absage der Ruhrtriennale die Gewissheit, dass sie das deutsche Kulturleben nach ihren Vorstellungen beeinflussen und boykottieren können und namhafte Personen auf das Leichteste stürzen können. Das wäre zweifellos die katastrophalste Auswirkung dieses unseligen Vorgangs.

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26 Kommentare zu “Ruhrtriennale: Wie es jetzt weitergehen muss

  • #1
    KLaus Freitag

    Die mindestens genau so spannende Frage ist die, warum Frau Carp . nachdem sie sich zuerst gegen eine Ausladung der Young Fathers entschied, diese dann doch ultimativ zu einem distanzierenden Statement gegenüber der BDS-Kamasgne aufforderte.

    Woher kam dieser Sinneswandel?

    Sollten sich die "Sponsoren" des Festivals aus Zweckverbönden und Landespolitik direkt in die künstlerische Programmplanung eingemischt und Druck ausgeübt haben, sind zukünftige Einmischungen in kritische Kunst auch nicht mehr fern. Dann brauchen sich diejenigen, die nun über die Einladung der Young Fathers Klage führten, aber auch nicht mehr über Erdogan aufregen .

    Die ganze Angelegenheit hinterlässt einen fahlen Beigeschmack, auch im Hinblick auf internationale Wahrnehmung Dabei ist die Rolle der Intendantin nur der eine Aspekt. Die wahrscheinlich entscheidenden Einmischungen der Politik in künstlerische Programmplanung ist dann besonders verheerend, wenn Kunst nicht nur dem Amusement dienen mag , sondern lieber Politik und Gesellschaft in den Blick nehmen will.

    Auch die internationale Kunstszene wird diese Entwicklung n Deutschland mit Sorge betrachten, denn international ist die Kritik an der Politik Israels sehr viel schärfer als hierzulande und die Unterstützung der BDS-Kampagne um ein Vielfaches höher..

    Insgesamt eine ausgesprochen hässliche Angelegenheit. Die Verantwortung hier für tragen nicht die Intendanten sondern eine sich in die künstlerische Programmplanung einmischende Landespolitik so wie diejenigen, die diese Einmischung lauthals gefordert haben Die Verlierer sind -neben Frau Carp, die nach dieser heftigen und zum Teil persönlichkeitsverlerzenden Kritik von allen Seiten ihre Intendanz nur schwerlich wird fortsetzen können – vor allem die Kunst und diejenigen, die dem BDS eine Niederlage zufügen wollten.

    Gewonnen -zumindest an Bekanntheit – hat die BDS-Kampagne – damit ist genau das Gegenteil von dem erreicht worden, was die Kampagne- und nichts anderes war es- gegen die BDS-Kampagne erreichen wollte
    Ein klassisches Eigentor mit in der Summe noch nicht absehbaren fatalen Folgen für das Verhältnis zwischen Politik und Kunst

  • #2
    Thomas Wessel

    Es gibt 2 Modelle. Das eine ist die Pop-Kultur Berlin, sie erklärt , warum BDS antisemitisch ist und warum man sich von keiner Erpressung beeindrucken lässt und stellt ein mega Programm auf die Bühne; warum sollte das die RT nicht können, warum sollte Chorwerk Ruhr nicht singen? Das andere Modell ist der Echo.

  • #3
    Jupp Schmitz

    Ich vermute, dass Frau Carl mit dem Düsseldorfer Staatsanwalt liiert ist. Für beide scheint Antisemitismus seit 45 nicht mehr zu existieren.

  • #4
    Stefan Laurin

    Ich glaube nicht, das Stefanie Carp entlassen worden wäre – wobei auch das nicht auszuschließen gewesen wäre. Ich glaube, sie wäre gegangen. Klar ist: Die kommenden Woche hätte sie auf ihrer Position nicht durchgestanden. Wäre das ein Sieg für den BDS gewesen? Nein , ich glaube nicht. Es wäre ein Signal an andere Festivalleiter, die öffentlichen Geld bekommen, gewesen: Wenn Du BDS-Aktivisten einlädst, riskierst Du Deinen Job. Es wäre ein gutes Signal gewesen. So haben die Young Fathers Carp gerettet. Blamiert sind sie und ihr Team trotzdem.

  • #5
    bob hope

    Keine Ahnung, was folgende Aussage in dem Text zu suchen hat: „Ganz sicher sind die „Young Fathers“ kein unerlässlich wichtiger Punkt in ihrem durchaus beachtlichen Ruhrtriennale-Programm. Auch die Absage der anderen Musiker Tony Eile, Mazen Kerbaj, Hassan Khan, Sharif Sehnaoui und Raed Yassin und damit der Wegfall zweier kleinerer Veranstaltungen wären locker zu verschmerzen gewesen.“ Die Wichtigkeit eines Programmpunktes sollte doch kein Kriterium dafür sein, die Aussagen und das Handeln der beteiligten Künstler zu kritisieren.

    Als langjähriger Besucher der Ruhrtriennale bin ich entsetzt darüber, wie dumm und ignorant die neue Intendanz sich präsentiert. Die Leitung eines Festivals, das ja durchaus eine gewisse Relevanz hat, hat auch eine gesellschaftliche und politische Aufgabe. Eigentlich wäre der Rücktritt bzw. die Entlassung von Stefanie Carp logische Folge dieses Eiertanzes, letztlich dürfte es aber tatsächlich um eine Kosten-Nutzen-Rechnung gehen: Das Programm ist nunmal das Programm von Stefanie Carp. Wäre sie nicht mehr Chefin, müsste man die diesjährige Ausgabe der Ruhrtriennale absagen. Wird man sich kaum leisten können.

  • #6
  • #7
    Honke Rambow Beitragsautor

    @ #7: Lieber bob hope, die Aussage ist deshalb relevant für den Text, weil die ganze folgende Argumentation darauf aufbaut. Um es auch für sie klar zu machen: Wenn die Ruhrtriennale nur das Konzert der Young Fathers absagen muss, ist das überhaupt kein Problem. Stefanie Carp wäre garantiert dabei geblieben. Die Wiedereinladung ist nur dadurch begründbar, dass möglicherweise auch andere Künstler abgesagt haben. Solche, deren Positionen im Festival-Programm fundamental sind. Sollten Sie sich das Programm der Ruhrtriennale angeschaut haben und über ein gewisses Verständnis des Festivals verfügen., dürfen Sie jetzt gerne mutmaßen, wer das eventuell sein könnte.

  • #8
    Stefan Laurin

    @Laus Freitag: Frau Carp ist eine schlichte Mitarbeiterin der Kultur Ruhr GmbH die dem Land und dem RVR gehört und welche die Ruhrtriennale veranstalten. Wenn die Besitzer der Kultur Ruhr GmbH der Ansicht sind, dass Carp das Projekt gefährdet, haben sie jedes Recht sie so rauszuwerfen wie eine Reinigungskraft, die beim klauen erwischt wird. Sie ist eine Angestellte. Nicht mehr und nicht weniger. Und wenn eine Angestellte einer öffentlichen GmbH Antisemiten nachgibt, sollte sie sich einen neuen Job suchen. Die BDS-Kampagne ist jetzt in Deutschland bekannter, hat aber keine Sympathien gewonnen. Schlimm wäre es nur, wenn die Antisemiten sich durchsetzen würde, aber die Young Fathers treten nicht auf. Und nein, international ist die Kritik an Israel nicht stärker geworden. Es ist der Terrofinanzierer Iran, der den Kampf gegen Israel finanziert. Die Hamas hat sich ins Aus manövriert. Nazis, Antisemiten und Hippies wie Roger Waters mögen jammern, Feiglinge wie Sie, die sich mit falschen Namen wichtig machen und die Bäcklein aufblasen – es wird nichts ändern: BDS wird in Deutschland kein Bein auf den Boden bekommen.

  • #9
    Thomas Wessel

    @ Honke: Ich finde Deine Spekulation – dass wirklich große Namen im Programm sich hinter BDS formiert hätten – nicht erhellend. Fürchte eher, dass sie jene "Zwietracht und Verwirrung" befördert, von der Jens Balzer in DIE ZEIT schreibt, sie sei die eigentliche BDS-Strategie. Wirklich übel wäre, käme es dahin, dass Leute, deren Namen im Programmheft stehen, jetzt erklären müssten, sie stünden NICHT hinterm BDS.

  • #10
  • #11
    Klaus Freitag

    Ausserdem können Sie davon ausgehen, dass Frau Carpo einen Künstlervertrag hat, der sich in der Regel von dem Vertrag einer Reinigungsfachkraft nicht nur im Gehalt unterscheidet, Du Depp.

  • #12
    Honke Rambow Beitragsautor

    @#9: Im letzten Punkt gebe ich dir absolut recht, Thomas. Ein Grund mehr für die Forderung, dass die Ruhrtriennale bzw. Stefanie Carp sich schnellstmöglich und umfassend erklären muss. Bisher reichen ihre Äußerungen doch kaum, das wirre Vorgehen zu begründen. Dass es da andere Hintergründe geben muss, zu vermuten, liegt nicht nur nahe, sondern hat ja schon längst in dem Festival nahestehenden Kreisen zu Spekulationen, nicht nur im luftleeren Raum geführt. Hier muss einfach sehr schnell Klarheit geschaffen werden, nicht von den Künstlern, sondern von Stefanie Carp.

  • #13
    Honke Rambow Beitragsautor

    @#10: Dass Stefanie Carp einen anderen Vertrag als eine Reinigungskraft hat (zum Beispiel ist er mit Sicherheit auf die drei Jahre der Triennale begrenzt) ist richtig, aber auch Intendanten können natürlich ganz flott vor die Tür gesetzt werden, wie man gerade an Chris Dercon an der Volksbühne gesehen hat.

  • #14
    Thomas Wessel

    @Honke#11: BDS-Promis, die es heimlich sind? Die sich selber nicht outen mögen? Aber eine Intendantin so unter Druck setzen können, dass sie die, deren Hand sie füttert – MP und Kulturministerin ua haben Position bezogen, die lassen sich doch nicht mehr räumen – tags darauf ins Gesicht schlägt? Es hieße: BDS fordert NRW zum Duell. Wenn Du damit recht hast, Honke, weigere ich mich einfach, Dir recht zu geben.

  • #15
  • #16
    Stefan Laurin

    @Klaus Freitag: Na und? Wenn die Besitzer der GmbH das Gefühl haben, dass sie Mist macht, wird der Vertrag aufgelöst. Es ist nicht "ihr" Festival. Es ist das Festival des Landes NRW und des RVR. Ansonsten: Heul doch 🙂

  • #17
    Klaus Freitag

    @ Laurinius ( 40 % Vol.): Hat der BDS sich eigentlich schon bei Ihnen bedankt – mittels kleiner Postkarte oder Freikarte für ein Roger-Waters-Konzert? Ich mein ja nur, bessere PR hätten die auch nicht hingekriegt. Respekt! :-))

  • #18
    abraxasrgb

    @ Klaus Freitag Inhaltlich völlig disagree, formal sehr sympathischer Stil! Dass man diese Kritik bei den Ruhrbaronen freischaltet? Liberaler Chapeau *den virtuellen Hut zieh*

    Das ist im MIMIMIMI-Zeitalter argumentativer „Mädchen“ eine hübsche Oase der Kontroverse! 😉

  • #19
    Stefan Laurin

    @Klaus Freitag: Roger Waters? Wenn ich alte Gammler sehen will, geh ich in ein Seniorenheim. Und PR? Raten sie mal, warum ich ihre letzten Kommentare freigeschaltet habe… Damit alle lesen können, was für Irre BDS-Anhänger sind.

  • #20
    Thorsten Stumm

    Frau Carp hat mit Ihrer erneuten Einladung öffentlich die zuständige Ministerin, die Ihr öffentlich den Rücken gestärkt hat nach Ihrer Ausladung, blamiert und sich gegen eine bekanntes Statement des MP gewandt. Das überlebt sie nicht in Ihrer Position….die Ruhrtrienale hat nächstes Jahr ein andere Leitung, jede Wette….man wird sich einvernehmlich trennen, so wirds kommen…..

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  • #22
    bob hope

    @ #7: Honke Rambow: Habe den Kontext falsch interpretiert und mich auch missverständlich ausgedrückt, sorry!

    Abgesehen davon wäre es tatsächlich – neben der Einladung der BDS-Sympathisanten – ein weiterer Skandal, wenn Carp nur auf Druck prominenter Künstler so agiert hätte. Habe leider keine Hintergrundinfos, da ich niemanden (mehr) aus dem Umfeld der Ruhrtriennale und deren Gesellschafter kenne.

    Was sagt eigentlich Elliott Sharp zu der Geschichte? Ist ein etwas prominenterer Künstler bei der diesjährigen Ruhrtriennale. In der Vergangenheit hat er durchaus die Politik Israels in Gaza kritisiert und sich darüber zwischenzeitlich mit John Zorn zerstritten, der sich mit seiner Radical Jewish Culture schon sehr klar zu Israel und der Geschichte des Judentums bekennt.

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