Saturn am Westenhellweg vor dem Aus – Mein letzter Grund für Dortmund verschwindet

Vor Saturn am Westenhellweg in Dortmund im Juli 2021. Foto: Robin Patzwaldt

Unser aller Kaufverhalten hat sich in den letzten Jahren massiv gewandelt. Das Internet hat eben fast alles verändert, auch die Lage des Einzelhandels in unseren Innenstädten. Und nein, diese Tendenzen sind nicht aufzuhalten. Das ist uns allen längst klar und wurde hier im Blog der Ruhrbarone im Laufe der vergangenen Jahre ja auch schon häufiger und emotional diskutiert.

Und dennoch war die Meldung vom Donnerstagabend, dass Saturn am Dortmunder Westenhellweg zum Sommer dicht macht, wohl nicht nur für mich ein echter Schlag in die Magengrube.  Da tröstet es wenig, dass, wer den Laden in den letzten Jahren regelmäßig beobachtet hat, den Niedergang auch optisch hat schon länger kommen sehen können. Der immense Sanierungsbedarf des Gebäudes wird nun auch als Grund dafür genannt, dass der Mietvertrag nun seitens Saturn nicht verlängert wird. Wie dem im Detail auch sei. Jetzt ist es also offiziell: Bald ist Schluss. Für die City Dortmund ist das keine Randnotiz, das ist ein echter Treffer in die Weichteile.

Denn mit Saturn verschwindet nicht einfach irgendein Geschäft. Da geht eines der letzten Stücke Innenstadt-Logik. Ein Magnet. Ein Anker. Einer dieser Orte, die man unter ‚Dortmund‘ fest im Kopf abgespeichert hatte.

Schlag in die Magengrube, ganz persönlich

Und ja: Für viele Leser dürfte diese Nachricht – so wie auch für mich ganz persönlich – ein Schlag in die Magengrube gewesen sein. Ich geb’s zu: Saturn war streng genommen der letzte Grund, weshalb ich alle paar Wochen mal nach Dortmund gefahren bin. Der letzte halbwegs verlässliche Anlass, sich durch die City zu schieben, zwischen Menschen, Schaufenstern und dem diffusen Gefühl, dass eine Innenstadt eigentlich leben sollte.

Früher war Dortmund für mich ein Ort, an dem man Geld lassen konnte, ohne das Gefühl zu haben, es in ein schwarzes Loch zu werfen. Kaufhäuser, Fachgeschäfte, Ecken, die nach „Stadt“ aussahen – nicht nach „hier könnte auch ein leerer Bildschirm stehen“. Ich ließ kaum eine Woche ins Land ziehen, ohne mindestens einmal dort aufzuschlagen.

Die große Leerstands-Lotterie

Und heute? Heute fährt man rein und denkt sich: Ach guck, wieder eine Fläche, die aussieht, als würde sie gleich wahlweise ein Nagelstudio, ein Handyhüllen-Shop oder eine „Coming soon“-Folie bekommen. Urbaner Überraschungsei-Moment, nur ohne die Freude. Man schlendert nicht mehr, man zählt Leerstände. Und irgendwann merkt man: Das ist keine Momentaufnahme mehr, das ist ein Trend mit Dauerkarte.

Huhn oder Ei: Wer hat hier wen verlassen?

Natürlich könnte ich mich jetzt moralisch geschniegelt hinstellen und „die da oben“ beschuldigen, die Vermieter, die Politik, die fehlenden Konzepte, die Parkgebühren, die Baustellen, das Wetter, den Mondstand. Stimmt alles irgendwie – und trotzdem muss man auch in den Spiegel schauen: Logisch, auch ich trage meinen Teil Schuld. Ich kaufe seit Jahren gerne und viel online. Bequem, günstig, schnell.

Und doch ist das Ganze wie die Huhn-oder-Ei-Frage: Bin ich ins Internet geflüchtet, weil die Innenstadt immer weniger bot? Oder bot die Innenstadt immer weniger, weil ich längst auf dem Sofa saß und „In den Warenkorb“ geklickt habe? Wahrscheinlich beides. Ein schöner Teufelskreis – nur ohne den Teil, der noch „schön“ ist.

Wenn der letzte Vorwand verschwindet

Und jetzt fällt mit Saturn einer der letzten Gründe weg, für den sich Dortmund für mich noch wie Dortmund angefühlt hat: Diese Mischung aus Verlässlichkeit, Kindheitserinnerungen und Konsumtempel. Wenn selbst das verschwindet, wird’s still in der City – nicht romantisch still, sondern „Rollgitter-klappern-am-Samstag“-still.

Vielleicht ist das die neue Realität: Innenstädte als Kulisse, nicht als Ziel. Als Ort, den man passiert, nicht besucht. Als Hintergrund für Selfies und Leerstände. Für Dortmund ist das bitter. Für mich ist es vor allem eines: wehmütig.

Gute Nacht, Dortmund

Gute Nacht, Dortmund. Und sorry, Saturn: Du warst mein letzter Vorwand.

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