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Statt Kooperation, Zerfall

Rheinorange, Am Bört in Duisburg – Frank Vincentz – GFDL

Nach dem – für manche Leute grausamen – Abriss über gesellschaftlich in Mode gekommene Worte ‘Evolution’, sind Fragen nach möglichen gesellschaftlichen Entwicklungen keineswegs hinfällig geworden, auch nicht mit Bezug auf das Ruhrgebiet. Von besonderer Relevanz sind Fragen nach wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten, bezieht man die hohen Sozialkosten ein, die der gehemmte Strukturwandel, die regionale Massenarbeitslosigkeit und die vom Bund auferlegten Reformen in der Sozialgesetzgebung eingebracht haben.

Ansiedlungen von Billigmärkten und Outlet-Center sind lediglich eine Reaktion auf die vergleichsweise geringe Kaufkraft. Die marode Infrastruktur ließe zwar eine partielle Rückkehr zu bäuerlichen Lebensweisen zu, in nicht wenigen Straßen könnte man bald Kartoffeln und Korn anpflanzen, auch ohne sie aufreißen zu müssen. Johann Nepomuk von Schwerz betonte 1820, dass im relevanten westlichen Gebiet der Grafschaft Mark ein geeigneter Boden für Roggen und Großgerste sei (vgl. Das Ruhrgebiet. Ein historisches Lesebuch, Bd., 1, hg. v. K.Tenfelde, Th.Urban, Essen (Klartext) 2010, S. 113). Doch auch eine eventuell betreibbare experimentelle Subsistenz- und Tauschwirtschaft würde kaum mehr als die Not aufzeigen, die im Ruhrgebiet herrscht.

Die an Materialforschung und Logistik ausgerichtete Planung der Konzerne (Ruhr2030) ist gescheitert, obgleich hiesige Voraussetzungen berücksichtigt, wenn auch teilweise überbewertet wurden. Und der aktuelle Ideenwettbewerb des Regionalverbandes Ruhr (RVR) ist eher raumplanerisch orientiert, denn an wirtschaftlichen Belangen. Keiner der finalen Beiträge setzt die wirtschaftliche Entwicklung in das Zentrum, um eine Raumplanung daran auszurichten. Ohne den Einbezug hinreichender wirtschaftlicher Entwicklungsmöglichkeiten bleiben solche dokumentierten Ergebnisse fraglich. Ähnlich verhält es sich mit dem längerfristigen Projekt Städteregion 2030. Doch der RVR ist beschränkt! Für mehr als Raumplanung ist er nicht zuständig. Jede Stadt murkst wirtschaftspolitisch primär für sich alleine!

“Kompetenzfeldwirtschaft”?

Das Konzept der Konzerne (Ruhr2030) war an sogenannten ‘regionalen Kompetenzen’ ausgerichtet, das Wirtschaft als auch Forschung, also die Hochschulen und Institute, einbezog. Worin diese lokalen Kompetenzen allerdings liegen, darüber kann man, wie auch der RVR weiß, unterschiedlicher Ansicht sein. Es lässt sich sogar fragen, ob es sich nicht eher um wirtschaftliche Erfolge, denn um Kompetenzen handelt: Nicht Kompetenzen, sondern Erfolge entscheiden darüber, was wirtschaftlich in Frage kommt. Doch ‘Erfolgswirtschaft’ hört sich ziemlich tautologisch an, ‘Kompetenz’ erweitert hingegen die beanspruchte Geltung, auch wenn man sie nicht einlösen könnte. ‘Felder’ passt zu dieser Sprachblüte gut – ebenso zur vorindustriellen bäuerlichen Geschichte.

Die Planung hat sich seit dem Scheitern der Konzerne kaum verändert. Das Gewicht liegt, wie beim RVR nachzulesen ist, weiterhin auf Materialforschung und Logistik, tritt nur weniger offensiv in die Öffentlichkeit. Sogar die Medizintechnik, die auch die Konzerne bereits inklusive der hiesigen Kliniken einbezogen hatten, gehört dazu. Im Grunde wird das alte Konzept weiterhin verfolgt. Doch in der regionalen ‚Kompetenzfeldwirtschaft‘ bleibt der Markt im Hinblick auf Ansiedlungen unberücksichtigt, die überregionale Relevanz. Sachsen war mit seinem Aufbau eines “Silicon Saxony” für Unternehmen aus der Mikroelektronik – die zum Bereich Materialforschung gehören -, weitaus attraktiver als das Ruhrgebiet.

Nationalpark Ruhrgebiet?

Wirtschaft und Raumplanung verbindet ein zentrales Problem. Das Ruhrgebiet ist erst durch den Ausbau und die Konzentration auf Schwerindustrie entstanden. Der Gelsenkirchener Stadtteil Heßler, in dem ich aufwuchs, weist durch seinen Flurnamen noch heute darauf hin, was es dort wahrscheinlich einst gab: ein Idyll aus Haselnusssträuchern! Die Städte als auch die Region, mit denen man es heute zu tun hat, wären ohne die strukturgebende Wirtschaft, die Schwerindustrie, gar nicht entstanden. An den Rändern, Heßler liegt an der Grenze zu Altenessen, blieben landwirtschaftliche Betriebe relativ lange erhalten. Ich kann mich an drei Höfe in diesem Stadteil erinnern, obwohl längst Schächte der Zeche Wilhelmine Victoria entstanden waren und noch vor meiner Geburt mehr oder weniger geschlossen wurden. Inzwischen ist vom Bauernland als auch von den Zechengeländen viel überbaut oder in alternativer Nutzung. Heute hat man es im Ruhrgebiet mit einem städtischen Ballungsraum von über fünf Millionen Menschen zu tun, zu einem großen Teil ohne wirtschaftliche Perspektive. Auch wenn man eine zukünftige monowirtschaftliche Struktur vermeiden möchte, kommt man nicht umhin, zu berücksichtigen, dass es um rund 50.000-70.000 Arbeitsplätze geht! Wenn man dies nicht als politische Aufgabe sieht, sollte man konsequent zur Abwanderung aufrufen und den partiell begonnen Rückbau forcieren, um z.B. touristisch attraktive Urwälder entstehen zu lassen, einen urtümlichen Emschbruch, vielleicht sogar im Verbund mit Bungee Jumping in alte, überwucherte Schächte. Die planerische Erschließung eines Nationalparks, das wäre eine echte Alternative! —

Statt Kooperation, Zerfall

Duisburg hat inzwischen Probleme, Stadtteile an sich zu binden. Die Bürgerintitative “Deine-Stimme”, wie inzwischen sogar relativ ausführlich in der Welt zu lesen ist, spricht sich gegen einen Verbleib des Bezirks Homberg, Ruhrort und Baerl in Duisburg aus. Besonders in den linksrheinischen Stadtteilen Homberg und Baerl ist der Widerstand gegen die Stadt groß, wie die WAZ mitteilt. Die bürgerliche Enttäuschung und Wut richten sich gegen Verwaltung und Politik, die nichts gegen den Verfall der Wirtschafts- und Lebensräume unternehmen. Es wäre müßig, darüber zu spekulieren, ob sich auch der Duisburger Süden abwenden, ja ob der Separatismus in andere Ruhrgebietsstädte überspringen wird, doch ist offensichtlich eine Belastung von Bürgern erreicht, die zumindest lokal Grenzen gefunden hat.

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16 Kommentare zu “Statt Kooperation, Zerfall

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  • #3
    Freidenker

    http://www.freitum.de/2014/05/uber-die-zerstorung-der-urbanen-stadt.html

  • #4
    WALTER Stach

    Es lohnt sich, wie ich so eben für mich feststellen konnte, den Inhalt dieses Beitrages zu verknüpfen mit dem Beitrag „Weiter so in Oberhausen“ von Felix Christians vom 17.5. hier bei den Ruhrbaronen!
    Jeder Beitrag verdient so noch mehr Aufmerksamkeit.

  • #5
    Helmut Junge

    @Walter, wir werden später sagen können, daß es an Mahnern nicht gemangelt hat. Interessant finde ich ich, daß Reinhard die separatistischen Bewegungen einzelner Duisburger Stadtteile in diesen Zusammenhang mit der Kritik am Verfall anführt. Dann versteht man auch die Überschrift, wo er „Zerfall“ schreibt. So hatte ich das bisher noch gar nicht gesehen. Aber Reinhard sei für diesen Hinweis gelobt. Wenn wir diese Bewegungen „weg von der Zentrale“ als Antwort an die scheinbar immer zufriedenen Wähler sehen, dann ist dieses „weg von der Zentrale“ ein neuer Gegenentwurf zum „weiter in diesem Trott“.

  • #6
    Reinhard Matern Beitragsautor

    Lieben Dank @ Freidenker #3, Walter #4 und Helmut #5. Der aufgezeigte Zusammenhang ist mit Absicht verfasst worden, sogar jedes Wort, darunter auch „Zerfall“. Als Schreibtischtäter kann ich gar nicht anders 😉

  • #7
    Stephan

    Wann werden die Industriebosse mal mehr über die Aussagen des Club of Rome nachdenken? Wenn die Lüneburger Heide komplett in Industriegebiete umgewandelt wurde?
    Auch der Amazonas kann nur einmal abgeholzt werden, so groß er auch ist. Wir leben auf einem endlichen Planeten mit endlichen Rohstoffen. Man kann halt keine Kohle und keinen Stahl drucken. Wenn die Flöze und Erzgänge ausgelutscht sind, dann ist halt Schicht im Schacht.
    Unendliches Wachstum kann es nur in der Natur geben: Leben und Sterben sowie Wiederverwendung des Gestorbenen für das Leben.

    Wobei man sich natürlich schon fragen muss, warum man an China ein komplettes Stahlwerk verkauft hatte, während China gerade einen riesigen Wirtschaftsboom hinlegt. In der Zeit des Ab- und Wiederaufbaus haben sich die diversen Konkurrenten auf jeden Fall die Hände gerieben.

    Erz und Kohle müssen auch erstmal zum Stahlwerk in China transportiert werden und auch wenn ich kein Wirtschaftswissenschaftler bin: hochwertigen Stahl zu transportieren ist sicher lukrativer als der Transport von Steinkohle oder Eisenerz.

    China muss aus reinem Selbsterhaltungswillen demnächst mit einem rigorosen Wirtschaftsumbau anfangen, wenn nicht demnächst vielleicht ein fünftel der Bevölkerung mangels Sauerstoff nicht mehr arbeiten kann. Das wird Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft haben.

    Wie pumpt man das Wasser in 100 Jahren aus den immer tiefer sackenden Gebieten entlang des Rheins im Gebiet des Rheinlands (über ehemaligen Kohleflözen?)?

    Wir brauchen zum Leben keinen Audi quattro, ein fernsteuerbares Haus oder eine vierwöchige Karibikkreuzfahrt.

  • #8
    Stephan

    Und noch zum Thema Mobilität: Das Fahrrad wird wahrscheinlich in den nächsten Jahren wieder ein sehr wichtiges Transportmittel werden, egal ob mit (elektrischem) Hilfsmotor oder nicht.

    Vor 15,20 Jahren gab es mal einen Fernseh-Bericht über eine Stadt im Rheinland(?). Dort hatte man es geschafft, dass der öffentliche Nahverkehr (ÖPNV) komplett zuschussfrei betrieben wurde. Die Verwaltung befand sich glaube ich direkt am Busbahnhof in einem Container und nicht in einem 30-Millionen-Euro Verwaltungsbaukoloss. Leider fällt mir einfach der Name dieser Stadt nicht mehr ein und was noch alles für Tricks für diesen kostengünstigen ÖPNV eingesetzt wurden.

    Interessant ist auch das Beispiel der brasilianischen (Ole, oleee, oleeoee! 😉 ) Stadt Curitiba. Es gibt dort glaube ich keine U- oder S-Bahn, nur ein dichtes Busliniennetz. Eine Besonderheit ist, dass die Busse alle an Hochbahnsteigen halten (das ist denke ich wohl unsinnig, wenn man an die Kosten für solche Bahnsteige denkt und daran, dass es Niederflurbusse gibt) und eine andere Besonderheit ist, dass die Fahrgäste durch Metallkonstruktionen gezwungen sind, vorne ein- und hinten auszusteigen. So werden die Halte im Schnitt deutlich verkürzt.

  • #9
    Stefan Laurin

    Das Fahrrad ist Keine Alternative zum Auto bei schlechtem Wetter und mittleren Strecken. Es ist mehr ein Symbol und ein Sportgerät als ein vollwertiges Verkehrsmittel.

  • #10
    Arnold Voss

    http://www.ruhrbarone.de/radfahren-erobern-wir-uns-die-stadt-zuruck

    http://www.ruhrbarone.de/e-mobility-die-zukunft-des-nahverkehrs-im-ruhrgebiet

  • #11
    Reinhard Matern Beitragsautor

    Thema Mobilität: (1) Von Duisburg nach Gladbeck bzw. umgekehrt kann mit Nahverkehrsmitteln zeitlich zu einer Weltreise werden, vor allem Abends 😉 (2) Es gibt bereits eine ‚Fahrradautobahn‘ durchs Ruhrgebiet: am Rhein-Herne-Kanal entlang. Probleme bereiten einige Hafengebiete, wie der Hafen von Essen, der umfahren werden muss. Ich bin bereits öfter mit einem Fahrrad von Duisburg nach Gelsenkirchen und wieder zurück gefahren. Speziell @Stefan Laurin: Für nicht wenige Menschen ist das Fahrrad ein vollwertiges Verkehrsmittel (!), ohne PKW, vollwertiger als der hiesige Nahverkehr.
    Aber das Hauptproblem der Region ist die wirtschaftliche Perspektivlosigkeit!

  • #12
    H. Kantorek

    Abwandern statt Zerfall!

    Viele wollen raus.

    Viele wollen nicht mehr auf einem besseren Kohlenpott warten.

    Es muss sich was tun, damit die Randgemeiden Alpen, Xanten, Haltern, Hamm, Schwerte nicht abwandern.

    Dazu muss ein RVR-Gesetz kommen, dass das Verhindert.

    Dazu muss es mehr Fördergelder geben.

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  • #15
    Horch

    Bzgl. Kaufkraft.Vorm Aldi sieht man viele teuere Autos!
    Aber natürlich hat auch der Reallohnverlust dazu beigetragen.

  • #16
    Stephan

    @Horch

    Aldi hatte noch so Anfang der 90er, als ich Student in Stuttgart war, kleine Läden (ca. ein Drittel bis halb so groß) wie heute, zumindestens in dem Stadtteil, in dem ich wohnte, und nur wenige Filialen in ganz Deutschland. Zudem erschien diese Filiale in meinem Stadtteil, von der ich nicht weiß, ob sie heute noch existiert, irgendwie ein bischen schmuddelig, die Produkte nahm man sich aus einfachen Pappkartons heraus, ich weiß nicht mehr ob es schon Kühlregale gab, ich glaube nicht. Die Kundschaft bestand überwiegend aus Leuten mit wenig Kaufkraft, selbst in Stuttgart. Ganz in der Nähe gab es auch noch eine Penny-Filiale. Heute gibt es Aldi-Filialen in jedem Ort ab ca. 6.000 Einwohnern.
    Meine Eltern, beide Akademiker, waren dann ab ca. 2000, als eine Aldi-Filiale in meinem Heimatort eröffnet wurde, dort dann auch quasi Stammgast, obwohl sie es nicht nötig gehabt hätten – heute schon. Man muss allerdings zugeben, dass die Qualität der Produkte für den Preis immer sehr gut war/ist.

    Nichtsdestotrotz müssen wir von den Supermärkten wieder wegkommen.

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