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Treue Bergvagabunden: Beste Stimmung in Duisburg-Rheinhausen

5. Juni 2020: Die Treuen Bergvagabunden spielten in Duisburg-Rheinausen; Foto: Peter Ansmann

5. Juni 2020: Die Treuen Bergvagabunden spielten in Duisburg-Rheinausen; Foto: Peter Ansmann

Pierre Lavendel ist mir kein Unbekannter: Der Musiker hatte schon vor 20 Jahren in Duisburg eine eingefleischte Fangemeinde. Damals spielte er mit seiner Band The Cokeras auf Festivals und bei kleineren Events in Duisburg.

Im – damals noch existierenden – Irish Pub The Pògs stand er zeitweise zusammen mit Eddie Who? (Verstorben 2015) auf der Bühne.

Auch an Freizeit-Gigs von ihm mit Eddie Who? und Shane MacGowan, dem früheren Frontmann der legendären irischen Folk-Punk-Band The Pogues, kann ich mich gut erinnern.

Um so überraschter war ich, als ich jüngst durch Facebook auf eine Veranstaltung mit Pierre Lavendel  aufmerksam gemacht wurde: Er wurde, mit seiner Band Treue Bergvagabunden, für ein Konzert im Volkspark zu Duisburg-Rheinhausen angekündigt.

Treue Bergvagabunden: Konzert in Rheinhausen

Nachdem ich über Tante Google einige Videos der Band auf YouTube gefunden hatte, war ich noch überraschter: Musikalisch hatte sich Pierre Lavendel seit Beginn der 2000er Jahre irgendwie – zumindest für mich – unerwartet weiterentwickelt. Der Besuch des Konzertes am 5. Juli 2020 war von mir deshalb fest eingeplant.

Unglücklicherweise ging dieser Termin am Wochenende bei mir unter. Glücklicherweise hatte Mit-Ruhrbaron Thomas Meiser aber das gleiche Event auf seinem Schirm. So kamen wir nach einer kurzen Radtour am vergangenen Sonntag gemeinsam am Volkspark an – und senkten eben mal den Altersdurchschnitt des Publikums erheblich.

Die Stimmung kann, trotz des zwischenzeitlichen Regenwetters, nur als extrem gut bezeichnet werden:

Bei wunderschönen  Klassikern – wie z.B. Schwarz-Braun ist die Haselnuss, dem Westerwaldlied, Rosamunde und Auf der Reeperbahn nachts um halb eins – feierten gut 200 Menschen mit Mundschutz und Sicherheitsabstand vor der Bühne und im Umfeld des Veranstaltungsortes. Zur Bühne war der Zugang, wegen der Corona-Bestimmungen, nur für eine begrenze Personenanzahl möglich.

Erster öffentlicher Auftritt seit Beginn der Coronakrise

Die Freude über den ersten Auftritt seit Beginn der Coronakrise war der Band deutlich anzumerken: Und diese Stimmung steckte durchaus an. Im König am Park, eine kleine Gaststätte direkt am Veranstaltungsort, gab es nach dem offiziellen Konzert eine kleine Zugabe.

Mit einem der beiden treuen Bergvagabunden, Pierre Lavendel, habe ich mich über das sehr spezielle Projekt „Die Treuen Bergvagabunden“ und das erste Konzert seit Beginn der Coronakrise unterhalten.

Treue Bergvagabunden: Mit Sicherheit keine ganz gewöhnliche Band

Ruhrbarone: Pierre, zuletzt habe ich dich bei einem Auftritt mit der Band The Cokeras gesehen. Das war 2002 oder so. Du hast jetzt ein neues Projekt mit Namen „Die Treuen Bergvagabunden“. Wie kam es dazu?

Pierre Lavendel: Die Treuen Bergvagabunden gab es schon 1997 – 1998 in komplett anderer Besetzung. Dann habe ich das Projekt auf Eis gelegt und im Jahre 2001 meinen kongenialen Partner in Buddy Diamond getroffen. Seitdem spielen wir meist als Duo zusammen. Wir hatten immer wieder mal einen Bassisten dabei, allerdings funktionieren wir am besten zu zweit da wir uns musikalisch gegenseitig „lesen“ können.

Treuer Bergvagabund: Buddy Diamond; Foto: Peter Ansmann

Treuer Bergvagabund: Buddy Diamond; Foto: Peter Ansmann

Ruhrbarone: Du warst zeitweise auch mit rockiger Musik unterwegs. Ich kann mich an gemeinsame Gigs mit Eddie Who?, damals im The Pògs erinnern. Der Stil von Die treuen Bergvagabunden ist ja nun ein ganz anderer. Wieviel Ironie steckt in diesem Projekt?

Pierre Lavendel: Anfangs sehr viel Ironie. In den 80er/90er Jahren habe ich mich in der subkulturellen Ecke Psychobilly/Punk/Skin usw. aufgehalten und wir fanden es witzig auf öffentlichen Plätzen lauthals alte Heino-Lieder zu grölen. Irgendwann kannte ich ca. 20 Texte auswendig und dachte mir das ich das gerne mal mit einer Band probieren möchte. Die Phase mit Eddie Who? im Pògs kommt auch von meiner Vorliebe zu irischer Musik wie den Dubliners und The Pogues. Ich spiele zur Zeit ja auch mit dem ex-Gitarristen der Pogues in einer Folkabilly-Band Namens „Jamie Clarke´s Perfect“. (Jamie Clarke’s Perfect auf Spotify hören!)

Treuer Bergvagabund: Pierre Lavendel; Foto: Peter Ansmann

Treuer Bergvagabund: Pierre Lavendel; Foto: Peter Ansmann

Ruhrbarone: Nur damit euch die Leser der Ruhrbarone, die euch bisher vielleicht nicht kennen, besser musikalisch einschätzen können: Was sind so die Top10-Songs, die bei keinem Konzert der Treuen Bergvagabunden fehlen dürfen?

Pierre Lavendel: Natürlich die Gassenhauer von Heino aus den 60er/70er Jahren wie Treue Bergvagabunden, Polenmädchen, Schwarzbraun ist die Haselnuß, Hoch auf dem gelben Wagen, Jenseits des Tales und Blau blüht der Enzian. Dazu gesellen sich Songs die weniger bekannt – allerdings lyrisch sehr interessant sind wie Wir wollen zu Land ausfahren, Schwer mit den Schätzen des Orients beladen und Vom Barette schwankt die Feder.

Unser Publikum rekrutiert sich aus feierwütigen trinkfesten Spaßvögeln

Ruhrbarone: Kriegt man mit bestimmten Liedgut von Heino – z.B. dem Westerwald-Lied und dem Lied vom Polenmädchen – eventuell nicht auch Fans, die man eigentlich nicht haben möchte?

Pierre Lavendel: Wir spielen auch Songs wie Ein Heller und ein Batzen oder das Westerwaldlied. Der Ursprung der meisten Songs geht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Unser Publikum rekrutiert sich meist aus feierwütigen trinkfesten Spaßvögeln. Ich würde mir manchmal schon wünschen das die Leute sich mehr mit den Liedern auseinandersetzen und merken das die Songs rein gar nichts mit Deutschtümelei oder gar falsch interpretiertem Patriotismus zu tun haben. Wir haben mehr und mehr totalen Spaß an alten deutschen Volksliedern aus der Studenten-/Jugend- und Arbeiterbewegung. Allerdings spielen wir bei Kneipengigs auch viele Instrumentals und Rockabillstücke aus den 50er &60er Jahren. Auch Punk. Wir kommen ja beide eher vom Punk. Welcher Fascho steht schon auf Punk? (Lacht)

Konzert der Treuen Bergvagabunden am 5. Juli 2020; Foto: Peter Ansmann

Konzert der Treuen Bergvagabunden am 5. Juli 2020; Foto: Peter Ansmann

Ruhrbarone: Musik entwickelt sich ja weiter. Man selbst bleibt ja irgendwo stehen. Geht zumindest mir so. VIVA schaue ich z.B. seit längerer Zeit gar nicht mehr wegen Tic Tac Toe, weil ich deren Musik einfach nur hasse. Früher habe ich 1Live gehört und die damals aktuellen Hits, heute höre ich WDR4 und auf ich habe, aus der Sicht einiger Mitmenschen, verstörend viel Musik von Heino auf meinem MP3-Player. Ist das bei eurem Publikum ähnlich?

Pierre Lavendel: Dank unseres eher subkulturell geprägtem Backgrounds ist „moderne“ Musik seit jeher an uns abgeprallt. Wir machen das was uns Spaß macht. Kennst du eine Heino-Coverband? Selbst Heino spielt die alten Stücke heute kaum noch und macht jetzt mehr auf Rock-Oper / Rock-Opa. Mich persönlich interessiert keine „moderne“ Musik. Tic Tac Toe ist doch ein Spiel. Oder?

Ruhrbarone: Ist das nicht auch so eine Girliband?

Pierre Lavendel: Ich erinnere mich an drei langweilig-dumme Gören aus den 90ern.

Ich habe Musikerfreunde und Musikerkollegen, die stehen vor dem Ruin

Ruhrbarone: Die meine ich dann wohl. OK: Wie sieht Euer Publikum so aus? Eher Kids, unser Alter oder die erste Nachkriegsgeneration?

Pierre Lavendel: Kurioserweise alle Altersgruppen, so grob geschätzt ab 30 aufwärts. Wir sind ja leider der ewige Geheimtip. Aber das ändert sich dank dieses Interviews bestimmt.

Ruhrbarone: Ich weiß von einem Gig von euch im Haus Diel in Wanheimerort. Wo spielt ihr normalerweise so?

Pierre Lavendel: Wir haben unsere Stammlokale in Duisburg wo wir gerne und regelmäßig gebucht werden da wir in der Regel für ein volles Haus garantieren. In den Jahren 2004/2005 hat der Buddy mit mir bei Jamie Clarke´s Perfect gespielt und wir haben die kompletten Touren auch gleichzeitig als Vorgruppe agiert. Haben unter anderem auch in der Schweiz, in Holland, in Belgien und sogar in England gespielt. Aber das war eher aus Spaß. Die meisten Promoter haben ein Problem damit uns ihrer Hörerschaft schmackhaft zu machen. Wer will schon Heino-Songs im Punkmantel oder generell altbackene deutsche Volkslieder hören? Ewig gestrige hätten bestimmt auch ein Problem mit unserem „Sauf-und-Rauf-Image“.

Ruhrbarone: Kommen wir zu einem unerfreulichen Thema. Corona. Festivals und musikalische Events fallen dieses Jahr weitgehend aus. Ihr hattet jetzt letzten Sonntag ein gut besuchtes Konzert im Volkspark in Duisburg-Rheinhausen. War dieses das erste seit Beginn der COVID-19-Krise?

Pierre Lavendel: Ja, das erste. Es ist ein Desaster für die Musik- und Clubszene. Wir haben viele Gigs verloren seit Beginn des Lockdowns im März. Mit unseren verschiedenen Bands. Ich habe Musikerfreunde und Musikerkollegen, die stehen vor dem Ruin. Es gibt ja keine staatliche Hilfen für Soloselbstständige wie Künstler. Und wir stehen ja wahrscheinlich grad mal am Anfang einer großen Krise. Ich will gar nicht weiter darüber nachdenken.

Ruhrbarone: Am Sonntag war ich auch bei eurem Konzert im Volkspark in Duisburg-Rheinhausen. Die Stimmung war extrem gut. Was war das für ein Gefühl, erstmals seit der Krise, wieder auf der Bühne zu stehen?

Pierre Lavendel: Wir hätten uns vor Freude fast in die Hosen gemacht. Da wir auch seit dem letzten Gig im Dezember 2019 nicht mehr geprobt haben – wir proben eigentlich nie da wir immer regelmäßig Engagements hatten – war es mehr als spannend. Den meisten scheint es glücklicherweise gefallen zu haben.

Ruhrbarone: Vorausgesetzt, die Corona-Lage verschärft sich nicht weiter: Wann und wo kann man eventuell mit dem nächsten Auftritt der Treuen Bergvagabunden rechnen?

Pierre Lavendel: Wir sind auf mehreren Privatpartys gebucht. Unter anderem ein 80. Geburtstag. Volks-Punk scheint mehr und mehr salonfähig zu werden. Ein öffentlicher Gig ist leider erstmal nicht in Sicht. Übrigens; wer uns buchen möchte schreibe an Cokeras@aol.com. Man kann nur hoffen das sich bald wenigstens im kleinen Rahmen in Clubs und Kneipen wieder was tut!

Ruhrbarone: Ja, das wäre schön. Vielen Dank für deine Zeit. Euch natürlich Gesundheit und weiterhin viel Erfolg.

Pierre Lavendel: Danke, dir auch. Und auf demnächst, mal wieder auf ein Bierchen.

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