Vergessene Zeugnisse jüdischen Lebens – Auf den Spuren der Egerländer Gemeinde

Ein Grabstein auf einem vergessenen jüdischen Friedhof. Foto: Andreas Wolf
Ein Grabstein auf einem vergessenen jüdischen Friedhof. Foto: Andreas Wolf

Wohnt man in Grenznähe zur Tschechischen Republik, fährt man nicht erst, seit der Irankrieg und die Sperrung der Straße von Hormus die Spritpreise in die Höhe schießen ließen, zum Tanken ins Nachbarland. Durch einen Bekannten wurde ich auf zwei vergessene jüdische Begräbnisstätten aufmerksam, die ich mir bei meinem letzten Ausflug zur Zapfsäule an einem sonnigen Frühlingstag angesehen habe.

Die ehemals bedeutsame jüdische Gemeinde im böhmischen Eger (tschechisch: Cheb) geht historisch bis in das 13. Jahrhundert zurück. Die Stadt, die heute nur knapp 5 Kilometer hinter der Grenze zu Oberfranken liegt, beherbergte vermutlich nach Prag die älteste jüdische Gemeinde Böhmens, deren Blütezeit im 13. und 14. Jahrhundert lag. Die Juden bewohnten ein eigenes Viertel und besaßen schon damals alle städtischen Bürgerrechte. Durch ein verheerendes Pogrom, ausgelöst durch die fanatische Hetze eines Mönches, im Jahr 1350 wurde sie innerhalb weniger Stunden vernichtet. Die meisten jüdischen Bewohner wurden getötet, wenige konnten entkommen und ihr Besitz wurde gestohlen. Der Kaiser und böhmische König Karl IV. verzieh der Egerer Bevölkerung gegen die Zahlung eines Bußgeldes.

Wenige Jahre später bildete sich erneut eine jüdische Gemeinde in Eger. Nach weiteren Vertreibungen, unter anderem in den Jahren 1430 und 1502, lebten zeitweise keine Juden mehr in der Stadt.

Seit Ende des 17. bis Mitte des 18. Jahrhunderts existierte wieder eine kleine Gemeinde. Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts sollen dann keine Juden in nennenswerter Zahl mehr in Eger gelebt haben. Nach Aufhebung von Restriktionen und der Garantie der Gleichheit vor dem Gesetz kam es 1850 zu einer Neubesiedelung in der nun wirtschaftlich aufstrebenden Stadt. 1862 bildete sich ein religiöser Verein, der 1872 als Jüdische Religionsgemeinde anerkannt wurde. 1870 wurden die Bauarbeiten für die Fundamente einer Synagoge fertiggestellt. Das Gebäude wurde absichtlich entweiht und als Turnhalle fertig errichtet. Im Jahr 1893 wurde eine prachtvolle Synagoge im orientalischen Stil mit einer weithin sichtbaren Kuppel eingeweiht. In der Reichspogromnacht 1938 wurde sie von einer fanatischen Menge in Brand gesetzt und zerstört. Heute steht an der Stelle ein Plattenbau.

Ab den 1870er Jahren wuchs die Gemeinde stetig an und erreichte Mitte der 1930er Jahre eine Größe von mehr als 500 Personen, was einen Anteil von ca. 1,5 bis 2 Prozent an der Bevölkerung ausmachte.

Von außen gesteuerte Übergriffe auf die tschechische Bevölkerung der Stadt kündigten im Spätsommer 1938 die deutsche „Übernahme“ Egers bereits an. Je mehr sich die politische Lage zuspitzte, desto mehr Juden und auch Tschechen flüchteten nach Osten in das tschechische Kernland. Eine Massenfluchtbewegung setzte ein, als in den letzten Septembertagen 1938 die Besetzung zur Gewissheit wurde. Am 13. November 1938 wurde behördlicherseits verkündet: „Eger ist ganz judenrein!“. Ein kleiner Teil der Juden der Stadt, ca. 60 bis 80 Personen, überlebte die Shoah.

In den ersten Nachkriegsjahren bildeten sogenannte „Ost-Rückwanderer“ eine neue Gemeinschaft, die aus etwa 200 Personen bestand. Ab 1947 emigrierten die meisten von ihnen allerdings in das heutige Israel.
Bei Bauarbeiten Anfang des 20. Jahrhunderts wurden einige Grabsteine des ehemaligen jüdischen Friedhofs freigelegt. Ansonsten sind keine sichtbaren Reste der beiden alten Friedhöfe vorhanden.

In zwei kleinen Dörfern jenseits der Stadtmauern sind allerdings noch jüdische Begräbnisstätten erhalten. Am Fuße des Berges Lesný liegt das ehemalige Dorf Amonsgrün, das heute ein Ortsteil von Dolní Žandov ist. Der Berg ist die höchste Erhebung im Kaiserwald und trug bis 1946 den Namen Špičák (deutsch: Spitzberg). Im 19. Jahrhundert wurde er auch Judenhau genannt. Warum, ist allerdings nicht dokumentiert. Das Wort „Hau“ bezeichnet im süddeutsch-böhmischen Raum einen gerodeten Waldabschnitt oder eine Waldschneise. Der Name könnte also auf eine Rodung oder einen Handelsweg zurückgehen, der mit jüdischen Händlern oder Siedlern verbunden war. Hier kann man heute noch ca. 70 Grabsteine finden. Die Ruhestätte wurde vermutlich in den 1830er Jahren angelegt.

Der Eingang des jüdischen Friedhofs in Amondsgrün. Foto: Andreas Wolf
Der Eingang des jüdischen Friedhofs in Amondsgrün. Foto: Andreas Wolf
Grabsteine auf dem jüdischen Freidhof in Amondsgrün. Foto: Andreas Wolf
Grabsteine auf dem jüdischen Freidhof in Amondsgrün. Foto: Andreas Wolf

Auch im nur vier Kilometer entfernten Klein Schüttüber (tschechisch: Malá Šitboř), in dem keine 100 Einwohner leben, ist ein jüdischer Friedhof erhalten. Ein unscheinbares Wäldchen versteckt die von außen kaum sichtbaren Mauern, die ca. 80 Grabsteine umfassen. Dieser Friedhof soll zu Beginn des 19. Jahrhunderts errichtet worden sein.

Der jüdische Friedhof in Klein Schüttüber. Foto: Andreas Wolf
Der jüdische Friedhof in Klein Schüttüber. Foto: Andreas Wolf

Heute hat sich die Natur diese letzten Zeugnisse der jüdischen Präsenz in und um Eger fast komplett zurückgeholt. Einige Grabkerzen deuten allerdings darauf hin, dass auch heute noch Menschen die Stätten aufsuchen und der Verstorbenen gedenken.

In vielen Städten, in denen es heute keine nennenswerte jüdische Präsenz mehr gibt, lassen sich Spuren der Vergangenheit finden. Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, warum es so ist, und die richtigen Schlüsse aus der Vergangenheit zu ziehen. In Zeiten, in denen der Antisemitismus weltweit eine neue Qualität des Hasses erreicht hat und Israel als der Jude unter den Staaten Angriffen aus den angrenzenden Gebieten und offener Feindschaft aus Europa und allen Ecken der Welt ausgesetzt ist, ist ein Blick in die Vergangenheit notwendig, um eine Wiederholung ihrer Schrecken in der Zukunft zu verhindern.

עם ישראל חי – Am Israel Chai – Das Volk Israels lebt!

 

Werbung

Dir gefällt vielleicht auch:

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x