„Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“ 

Gedenken in Köln Foto: Roland Kaufhold


In Köln wurde am armenischen Mahnmal des Völkermordes an den Armeniern gedacht. Von unserem Gastautor
Roland Kaufhold.

Das armenische Mahnmal am linksrheinischen Ende der Hohenzollernbrücke, im Zentrum Kölns, gehört zur Stadt. Jährlich am 24. April findet dort das Gedenken an den osmanischen Völkermord an den Armeniern und weiterer christlicher Minderheiten statt. 2015, zum 100.ten Jahrestag, wurde die Erinnerung noch vor dem unweit gelegenen Kölner Dom gefeiert.

In den Jahren seit 2018 hatten Verantwortliche der Stadt Köln, offenkundig aus Angst vor der auch in Köln stark vertretenden türkischen Leugnerszene, angedroht, das armenische Mahnmal wieder abzutransportieren. Das Gedenken fand in Köln dennoch jährlich statt: So 20182022 sowie 2023. Es bleibt zu hoffen, dass es nicht nur bei einer „kölschen Lösung“ bleibt – wie es einer der Redner formulierte – sondern dass der neue Kölner Oberbürgermeister Burmester dem armenischen Mahnmal auch offiziell eine Bestandsgarantie zusagt.

Auch in diesem Jahr fanden sich mehrere hundert Menschen bei sonnigem Wetter beim armenischen Mahnmal ein, vor allem aus der großen armenischen Gemeinde Kölns. Für diese sprach ihr Gemeindevorstand Atranik Tabaker. Er betonte, dass der Völkermord an den Armeniern bis heute eine Narbe hinterlasse, die nicht verheilt. Die Bedrohungen ihrer Gemeindemitglieder und ihres Mahnmals bleibe eine Realität – auch in Köln. Erst die Erinnerung ermögliche einen Blick auf die Gegenwart.

Weiterhin sprachen die Berliner Politikwissenschaftlerin  Jeanette Ehrmann und Albrecht Kieser von der Initiative Völkermord erinnern. Der Beitrag der Genozidforscherin Tessa Hofmann wurde verlesen.

Albrecht Kieser stellte ein Erinnerungsprojekt des Köln-Mülheimer Hölderlin-Gymnasium vor. Die Schüler hatten ein Dutzend eindrucksvoller Tafeln erstellt, die sich mit der Geschichte des Genozids auseinander setzten sowie mit den Schriften Armin T. Wegners und dessen Bücher über das armenische Schicksal. Die Eltern vieler Schüler stammen aus der Türkei. Dennoch gab es keinen Protest. Erinnerung an den Genozid an den Armeniern bilde ein wichtiges pädagogisches Thema auch an ihrer migrantisch geprägten Kölner Schule, darin ist sich die gesamte Schule einig.

Der Chor der armenischen Gemeinde trug, neben dem armenischen Mahnmal stehend, mehrere gedenkende Lieder vor, die zu der würdigen Gesamtatmosphäre entscheidend beitrugen.

Tessa Hoffmann erinnerte daran, dass die Verbrechen, die „die beiden spätosmanischen Regime“ begingen, „strafrechtlich weitgehend ungesühnt“ geblieben seien. Insbesondere in der Türkei gelten die Hauptverantwortlichen bis heute als Modernisierer und Fortschrittsbringer. Heute seien es immerhin 32 Staaten, deren Legislative den Genozid an den Armeniern anerkannt haben, darunter der Deutsche Bundestag im Jahr 2005 und 2016. Das heutige Gedenken diene der Aufarbeitung der Geschichte und sei eine unabdingbare Voraussetzung für Abschluss, Aussöhnung und Prävention künftiger Verbrechen. Es bilde zugleich eine Botschaft an künftige Täter: Völkermord wird nicht straffrei bleiben.

Ein Kölner Nachtrag: Ralph Giordano und Dogan Akhanli

In Köln sind beim Erinnern immer zwei für die Geschichte Kölns zentrale Persönlichkeiten innerlich dabei: Ralph Giordano (1923 – 2014) und Dogan Akhanli (1957 – 2021). Ohne diese beiden Persönlichkeiten hätte es in Deutschland bis heute keine glaubwürdige Erinnerung an den türkischen Völkermord an den Armeniern gegeben. Bei den zahlreichen Gesprächen am Rande des diesjährigen Gedenktages fielen ihre Namen immer wieder. Dogan Akhanli war von Anfang an, gemeinsam mit seinem Freund Ilias Uyar, gestaltend bei den Gedenkfeiern dabei.

Ralph Giordano hatte bereits 1986, als Fernsehjournalist und als Überlebender der Shoah, eine präzise dokumentierende und erinnernde 45minütigen Fernsehdokumentation – „Die armenische Frage existiert nicht mehr – Tragödie eines Volkes zum armenischen Schicksal veröffentlicht.

Bereits während der Schnittarbeiten an seinem Film mussten das WDR-Studio und Ralph Giordano selbst unter Polizeischutz gestellt werden. Giordano wurde 1986 mit Morddrohungen überhäuft, die aus der türkischen Leugnerszene stammten.

Der Film wurde zwar, trotz massivster Proteste und Drohungen der rechten türkischen Leugnerszene, 1986 vom WDR ausgestrahlt, blieb danach jedoch beim WDR bis 2005 unter strengstem Verschluss (Kaufhold 2015).

Bereits 1946 hatte Giordano, wie er in einem autobiografischem Buch schrieb, Franz Werfels Armenien-Buch „Die 40 Tage des Musa Dagh“ mit großer Erregung geradezu verschlungen. Dennoch benötigte er auf seinem Lernweg noch viel Zeit:

„So tief mich das Werk beeindruckt hatte, es dauerte noch vier Jahrzehnte, bis ich als Publizist das Schicksal der Armenier aufgriff. Ich habe mich oft gefragt, warum, und in dieser Frage lag durchaus ein gewisser Selbstvorwurf. Denn inzwischen hatte ich über diese Völkertragödie mehr erfahren, war über das Geschehen von 1915/16 besser informiert als unmittelbar nach dem Untergang Hitlerdeutschlands und in dem allgemeinen Informationsvakuum der ersten betäubenden Zeit danach. Die einzige Erklärung dafür ergibt sich aus der lebenslangen Last, die mir meine eigene Geschichte im Dritten Reich aufgebürdet hatte.“

Und in seinem Alterswerk Erinnerungen eines Davongekommenen (2007) hob Giordano als zentralem Aspekt seines Wirkens hervor: „Die armenische Sache aber war längst zur meinen geworden. (…) Es lebe die armenische Sache! Es lebe die Armenische Republik! Es lebe das armenische Volk.“ Und er fügte, Hitler zitierend, hinzu: „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“ (Kaufhold 2015)

Der Text erschien bereits auf Hagalil

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