Paralympics VI: Eine schrecklich nette Familie
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Wer hätte es gedacht: Es wird stressig bei den Paralympics. Vier Stunden Schlaf pro Nacht und trotzdem häufen sich die ausstehenden Geschichten. Deshalb gibt es unten als Update nur schnell eine Geschichte, die ich unter anderem für Zeit-Online geschrieben habe. Zum Eindruck, den ich nach drei Tagen von den Paralympics gewonnen habe:
Die Winter-Paralympics in Kanada wollen sich offiziell nicht mit den Olympischen Spielen messen. Trotzdem betonen sie bei jeder Gelegenheit, wie akzeptiert, erfolgreich und gleichberechtigt ihre Veranstaltung mittlerweile sei. Dabei hätten sie das gar nicht nötig.
In Whistler treffen sich derzeit nicht nur die 500 besten behinderten Wintersportler der Welt, sondern – wie jedes Jahr um diese Zeit – auch jede Menge gut betuchte Touristen. Denn in Whistler gibt es nicht nur tolle Pisten, sondern auch teure Hotels, teures Essen und teure Souvenirs. Wer etwas auf sich und seine Geldbörse hält, fährt nach Whistler in den Schnee. Besucher zahlen im größten Wintersportgebiet Nordamerikas für einen Tagesskipass fast 100 Dollar. Wer in einem der vielen edlen Hotels eincheckt, muss nochmal das Dreifache für eine Übernachtung rechnen. Und Bier und Burger haben selbst für ein Skigebiet gesalzene Preise.
Trotzdem sind die geschwungenen, durchgeplanten, akkurat gepflasterten Straßen Whistlers Mitte März voll von hippen Ski- und Snowboardfans. Sie sind hier, um Ski zu fahren und Geld auszugeben. Nebenher laufen auf den großen Bildschirmen an der Talstation der „Excalibur Gondola Blackcomb“ die paralympischen Wettbewerbe auf einem riesigen Bildschirm. Viele Ski-Touristen bleiben zwischendurch stehen, um sich die Wettbewerbe anzusehen und die schallend laute Moderation zu hören. Und wenn abends, nach Schließung der Skilifte, auf der Medal Plaza der immergleiche Medaillensingsang ertönt, um die paralympischen Gewinner zu ehren, dann sind trotz widerlich-schneeigen Wetters tausende Zuschauer dabei.
Vielleicht sind es diese kanadisch-leichten Momente der fröhlichen Verbundenheit, des lauten, begeisterten Jubels, die dem Betrachter die paralympischen Winterspiele weniger trostlos vorkommen lassen. Weniger trostlos, als es die nackten Zahlen, der direkte Vergleich mit den Olympischen Spielen vermuten ließe. Nach der gut besuchten, knallig-bunten Eröffnungsfeier im großen BC Stadium zu Vancouver bestimmt vor allem in Whistler der Schneematsch das Bild. Denn tagsüber, bei geöffneten Pisten, sind die Paralympics für die Besucher Whistlers ganz sicher nicht die Hauptattraktion.Die olympischen Fanfeste sind abgebaut und in den Souvenir-Shops herrscht längst Ausverkauf. Bis zu 50 Prozent Rabatt gibt es auf einzelne Produkte und gegen Ende dieser Woche dürften Maskottchen, Mützen, T-Shirts und Anstecker noch einmal günstiger werden.
Derweil treten die Athleten in fünf Sportarten an. Schlitten-Eishockey und Rollstuhlcurlen finden in Vancouver statt, Ski-Alpin, Biathlon und Langlauf in Whistler. In den drei letztgenannten wird unterteilt zwischen sitzenden, stehenden und sehbehinderten Athleten. Damit es fair zugeht, bekommen schwerer beeinträchtigte Sportler Zeitvorteile. Und auch wenn es zwischen Fußball und Formel 1 Gefahr läuft, unterzugehen: Die deutschen Athleten haben sportlich erfolgreich begonnen. Die blinde Biathletin Verena Bentele und der gelähmte Alpine Martin Braxenthaler haben Gold geholt, Deutschland liegt im Medaillenspiegel auf Rang vier.
Während vor drei Wochen hunderte deutsche Journalisten von den Befindlichkeiten unserer Gold-Lena berichteten, könnten sich die Berichterstatter der Paralympics – mit Ausnahme der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender und einiger Stipendiaten – gemütlich an einem Frühstückstisch versammeln. Von ehemals 800 Zuschauerbussen sind nur noch gut 120 im Einsatz. Und diese sind seltenst wirklich gefüllt.
Wer sich in Whistler während der Wettkämpfe auf den Tribünen umschaut, sieht neben normalen Zuschauern auch viele freiwillige Helfer, Verbandsmitglieder und Familienangehörige. Natürlich gibt es auch gut besuchte Wettkämpfe, aber als Verena Bentele am Samstag die letzte Entscheidung des Tages gewann, sahen dies im abgelegenen „Whistler Paralympic Park“ kaum noch mehr als 100 zahlende Zuschauer. Die „Familie der Paralympics“ bekommt da eine ganz neue Bedeutung.
Andersherum ist gerade die familiäre Atmosphäre das große Pfund der Paralympics. Die Athleten sind nah und authentisch und ihre individuellen Lebenswege fast immer faszinierender als die manch stromlinienförmiger Olympiastarter. Sie haben viel mehr zu erzählen, auch zu abseitigen Themen. Es gibt bei der Anreise kaum nervige Staus oder Schlangen und vieles wirkt entspannter, natürlicher als bei Olympischen Kommerzspielen. Und wer das komplizierte Verrechnungssystem der Schadensklassen als gegeben akzeptiert und sich führen lässt von der Wettkampf-Moderation, der kann auch die sportlichen Duelle genießen.
Doch statt sich auf ihre Stärken zu besinnen, geraten die Beteiligten immer wieder in Versuchung, ihren Sport zu überhöhen. Seit 1976 gibt es paralympische Winterspiele und seitdem hat sich viel getan. Die Wettkämpfe sind professioneller geworden, mehr Länder nehmen teil und mehr Medien berichten. Erstmals sind die paralympischen Empfänge im gleichen deutschen Haus untergebracht wie die olympischen Abende kurz zuvor. Und dass Politiker und Funktionäre dem deutschen Behindertensportverband ihre Aufwartung machen, ist längst selbstverständlich.
Das alles ist eine gute Entwicklung. Deshalb gleich vom „zweitgrößten Sportevent der Welt“ zu sprechen, wie es der IPC-Vorsitzende Sir Philip Craven immer wieder tut, ist dennoch übertrieben. Paralympische Spiele bleiben aus vielen Gründen vorerst ein Randsport-Ereignis. Wer sich darauf einlässt, wird dennoch belohnt.
Das Foto habe ich in einem der Souvenir-Shops gemacht. Was dort so preisgünstig beworben wird, sind die Maskottchen dieser Spiele. Ein Foto von mir und Sumi, dem Maskottchen der Paralympics, ist vorerst leider verschollen. Es ist aber gemacht und wenn es wieder auftaucht, stelle ich es online. Versprochen.














