
Es gibt Journalisten, die Missstände aufdecken. Und es gibt Journalisten, die Missstände erst herstellen. Die Artikelserie des SPIEGEL-Autors Hannes Schrader über das Berliner ZERA Institute gehört zur zweiten Kategorie. Seit Monaten wird aus jedem neuen Anlass dieselbe Geschichte erzählt: dieselben Vorwürfe, dieselben Personen, dieselben Andeutungen. Was nicht ins Narrativ passt, verschwindet. Dafür wird längst Widerlegtes immer wieder neu aufgewärmt. Bis heute bezeichnet Der Spiegel das ZERA Institute als „angeblichen Thinktank gegen Antisemitismus“. Ein Institut, das in der jüdischen Gemeinschaft breite Unterstützung findet und vom israelischen Botschafter persönlich als wichtige Initiative gegen modernen Antisemitismus gewürdigt wurde, entwertet Schrader mit einem einzigen Wort: „angeblich“.
Die folgenden Beispiele zeigen, dass es sich nicht um einzelne Fehlleistungen handelt, sondern um ein wiederkehrendes journalistisches Muster.
Wenn postimperiale Ideologie zur Quelle wird
Der jüngste SPIEGEL-Artikel – „Berlins Ex-Kultursenatorin droht Haftstrafe wegen Fördermittelvergabe“ – erscheint auffälligerweise ohne Autorennamen, weist jedoch unverkennbar die gewohnte Handschrift auf. Im Kern stützt sich der Artikel auf den afghanischstämmigen Anwalt Moheb Shafaqyar, Mitglied der Linkspartei, der als stellvertretender Vorsteher der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg zurücktreten musste, nachdem er Israel-Unterstützer als ‚verachtenswerte Monster‘ bezeichnet und sie später als ‚widerwärtige Nazis‘ beschimpft hatte.
Shafaqyar ist keineswegs der neutrale juristische Beobachter, als der er dem Leser präsentiert wird. Ein Blick auf seine öffentlichen Social-Media-Kanäle genügt: Seit Monaten kreist seine Kommunikation nahezu obsessiv um die CDU, die Berliner Förderpolitik und Projekte gegen Antisemitismus. Er verbreitet Beiträge aus dem radikal pro-palästinensischen Milieu und teilt unter anderem Posts, die das Kulturhaus Spore gegen angeblich „tendenziöse“ Berichterstattung in Schutz nehmen – obwohl dort nach Recherchen des Tagesspiegels Hamas-Gewalt relativiert, der Terrorbegriff zurückgewiesen und antisemitische Passagen der Hamas-Charta kleingeredet wurden.
Zugleich verbreitet Shafaqyar Narrative, in denen die deutsche Antisemitismusbekämpfung als Instrument gegen Araber und Muslime oder als Korruptionsprojekt dargestellt wird. Genau dieser linksradikale, antiisraelische Aktivist wird zur zentralen Quelle eines SPIEGEL-Artikels, der aus politischen Kontakten Korruption, aus Förderentscheidungen einen Skandal und aus einem Think Tank gegen Antisemitismus ein „angebliches“ Projekt macht.
Der Mann, der nur weiße Frauen küsst
2018 veröffentlichte Hannes Schrader in der ZEIT einen Essay mit dem Titel: „Warum liebe ich nur weiße Frauen?“ Darin schreibt er: „Ich bin in Frankfurt am Main geboren, einer der internationalsten Städte Deutschlands; 180 Nationen leben dort zusammen. Aber geknutscht habe ich immer nur mit weißen Deutschen.“ Er betrachtet seine Tinder-Matches, erinnert sich an ein Date mit einer nicht weißen Frau und fragt sich, ob er selbst ein Rassist sei. Dann beschreibt er seine Herkunft: „Meine Großeltern waren beide hohe Beamte; meine Mutter arbeitet bei einer großen deutschen Bank. Sie überwies mir jeden Monat genug Geld, um davon bequem leben zu können. Ich musste nie aufs Geld achten, konnte in den Semesterferien verreisen und hatte Zeit und Geld für mittelmäßig bezahlte Praktika.“
Es ist die Selbstbespiegelung eines jungen Mannes, der nie materielle Unsicherheit kannte und aus der eigenen Partnerwahl ein moralisches Erkenntnisprojekt machte. Die Beichte über das Privileg wird dabei selbst zum Privileg: öffentlich über die eigene mögliche Voreingenommenheit nachzudenken und dafür noch als besonders reflektiert zu gelten. Genau das schreibt Schrader am Ende sogar selbst: Eine Kollegin habe ihn für den Text „mutig“ genannt; womöglich nütze ihm diese Selbstanklage sogar beruflich. Umso interessanter ist die Frage, wie derselbe Journalist mit Frauen umgeht, die nicht das Privileg hatten, vor Pathos triefend über ihr Datingleben zu philosophieren, sondern Antisemitismus erlebt und vor dem Krieg geflohen sind.
Diskriminierung gegen Jüdinnen – beim SPIEGEL offenbar erlaubt
Den Ruhrbaronen liegt die vollständige Korrespondenz zwischen Hannes Schrader und dem ZERA Institute vor. Sie zeigt, welche Fragen er stellte, welche Antworten er erhielt – und wie wenig davon später im Artikel übrig blieb. Besonders deutlich wird das am Umgang mit Taja Ferdman und Ewa Dobrovolska. Beide kamen als jüdische Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine nach Deutschland und fanden beim ZERA Institute eine qualifizierte Beschäftigung. In Schraders Berichterstattung treten sie jedoch vor allem durch biografische Details hervor, die ihre Professionalität infrage stellen.
Taja Ferdman führte Schrader bereits in seinen Presseanfragen als ehemaliges Model an. Das Institut erläuterte ihm ausführlich seine akademische Ausbildung als Ingenieurin, ihre analytische Tätigkeit und ihre Rolle im Projekt. Im Artikel blieb davon vor allem eine Zwischenüberschrift: „Die Antisemitismusexpertin hat bisher keine Antisemitismusexpertise.“ Der Maßstab war gesetzt. Nicht ihre tatsächliche Arbeit bestimmte das Bild, sondern ein akademisches Ideal, das ihr nie zugeschrieben worden war. Bei Ewa Dobrovolska verfuhr Schrader nach demselben Muster. Obwohl ihm ihre Abschlüsse in Public Relations und Journalismus sowie ihre Tätigkeit für die Projektkommunikation bekannt waren, machte der Artikel vor allem eines aus ihr: „Die PR-Beauftragte ist auch DJane.“ Unter ihrem Foto stand: „Social-Media-Expertin Dobrovolska: Kaum Deutschkenntnisse.“
Warum interessiert sich eines der größten Nachrichtenmagazine Deutschlands für die frühere Tätigkeit einer Social-Media-Mitarbeiterin und einer Analystin eines kleinen Think Tanks? Warum werden ihre Nebenbiografien groß bebildert, während ihre Qualifikation und ihre tatsächliche Arbeit in den Hintergrund treten? Für Ewa blieb diese Darstellung nicht folgenlos. Sie leidet infolge ihrer Kriegserlebnisse unter einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung und verfügt über einen anerkannten Schwerbehindertenstatus. Nach Erscheinen des Artikels wurde sie wiederholt auf die Darstellung im SPIEGEL angesprochen. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich erheblich. Sie konnte zeitweise nicht mehr arbeiten und musste erneut stationär behandelt werden.
Schrader nahm dabei nicht Politiker oder Behördenleiter in den Blick, sondern zwei jüdische Frauen, die keine öffentlichen Ämter bekleideten und die nach Krieg und Flucht beruflich Fuß zu fassen versuchten. Statt ihr Handeln zum Gegenstand der Berichterstattung zu machen, rückte er ihre persönlichen Lebensläufe in den Mittelpunkt.
Soros: Das ewige Murmeltier
Ausgangspunkt ist ein älterer X-Kommentar der Vorsitzenden des ZERA Instituts, Maral Salmassi, in dem sie George Soros als „Parasiten“ bezeichnete. Die Wortwahl wurde noch am selben Tag öffentlich bedauert. Das ZERA Institute stellte klar, dass sich die Kritik auf Soros‘ politischen und finanziellen Einfluss bezog und nicht auf seine jüdische Herkunft. Seitdem bildet diese Äußerung den roten Faden in Schraders Berichterstattung. Unabhängig vom eigentlichen Thema wird sie in jedem Artikel wieder aufgewärmt und als moralischer Beleg herangezogen, um das gesamte Institut zu diskreditieren.
Dabei zeigt sich ein weiteres Muster. Vor der Veröffentlichung bat Schrader ausdrücklich um eine Stellungnahme. Salmassi antwortete fristgerecht und verwies auf die öffentliche Erklärung des Instituts. Die vollständige Korrespondenz liegt den Ruhrbaronen vor. Im veröffentlichten Artikel behauptete Schrader dennoch, Salmassi sei auf seine Nachfrage nicht eingegangen. Das ist schlicht eine Unwahrheit. Eine Antwort lag vor. Sie passte nicht zur Geschichte, die erzählt werden sollte. Nicht die dokumentierte Kommunikation bestimmte die Berichterstattung. Die Berichterstattung entschied, welche Teile davon der Leser überhaupt zu sehen bekam.
Matthias Becker – Ein SPIEGEL-Artikel über einen LinkedIn-Eintrag
Besonders deutlich zeigt sich Schraders journalistische Methode am Umgang mit Dr. Matthias J. Becker. Dieser Herr Becker gehört zu den renommiertesten Antisemitismusforschern Europas. Seine Arbeiten werden international rezipiert; seit Jahren publiziert er zu antisemitischen Narrativen, zur Radikalisierung und zur politischen Kommunikation. Wer über seine wissenschaftliche Arbeit berichten wollte, hätte mehr als genug Material gehabt. Schraders Artikel handelte jedoch weder von Beckers Forschung noch von einer fehlerhaften Studie, einem wissenschaftlichen Streit oder einem Plagiat.
Ausgangspunkt war eine unpräzise Angabe auf Beckers LinkedIn-Profil, in der seine Verbindung zur University of Cambridge verkürzt dargestellt wurde. Aus diesem formalen Detail entwickelte Schrader jedoch weit mehr als eine Korrekturgeschichte. Der LinkedIn-Eintrag wurde zum Ausgangspunkt für einen Angriff auf Beckers Glaubwürdigkeit – und von dort aus auf die Legitimität des gesamten ZERA Institutes.
Ob dies auf einer ungenauen Formulierung, einer Ausschmückung oder bloßer Nachlässigkeit beruhte, lässt sich nicht beurteilen. Fest steht nur: Für Beckers wissenschaftliche Qualifikation, seine Forschung oder seine fachliche Eignung spielte diese Angabe keinerlei Rolle. Warum widmet Deutschlands größtes Nachrichtenmagazin einem formalen Fehler auf dem LinkedIn-Profil eines außerhalb akademischer Fachkreise weitgehend unbekannten Forschers einen bebilderten Artikel? Welches öffentliche Interesse wird dadurch berührt? Welcher gesellschaftliche Erkenntnisgewinn entsteht daraus? Ein professioneller Journalist hätte einen solchen Sachverhalt in einem Nebensatz erwähnt oder mit einer kurzen Korrektur erledigt. Hannes Schrader machte daraus einen eigenen SPIEGEL-Artikel.
Wie in seinen übrigen Texten rückt auch hier nicht die eigentliche Arbeit einer Person in den Mittelpunkt, sondern ein Detail ihrer Biografie oder Selbstdarstellung. Wieder wird aus einem Randaspekt die Hauptgeschichte. Und wieder geht es weniger um fachliche Leistung als um die Erzeugung eines Zweifels an der Integrität der betroffenen Person – die billige Logik publizistischer Charakterassassination.
Verdacht statt Fakten
Der Kern von Schraders Berichterstattung besteht in der wiederkehrenden Suggestion von Korruption. Die Substanz bleibt dünn, die Erzählung dagegen ist kunstvoll gebaut. Parteimitgliedschaften, persönliche Bekanntschaften, E-Mails und politische Unterstützung werden so aneinandergereiht, dass der Eindruck eines Systems gegenseitiger Begünstigung entsteht. Wo journalistische Recherche belastbare Belege liefern müsste, bleibt die Berichterstattung auffallend vage. Sie arbeitet mit Insinuationen, zeitlichen Koinzidenzen und der bloßen Existenz politischer Kontakte.
Die tatsächliche Lage ist wesentlich komplexer. Nach monatelangen Anhörungen im Berliner Untersuchungsausschuss und den Feststellungen des Rechnungshofs steht fest, dass es bei der Förderung von 13 Projekten auf der CDU-SPD-Liste „Projekte mit besonderer politischer Bedeutung“ vergabe- und verwaltungsrechtliche Fehler gab. Zugleich wurde ein politischer Machtkampf zwischen der Hausleitung und Teilen der Verwaltung sichtbar. Diese Vorgänge werden parlamentarisch und rechtlich aufgearbeitet. Sie sind jedoch kein Beweis für Korruption oder persönliche Bereicherung, wie Schraders Berichterstattung immer wieder nahelegt. Besonders deutlich wird diese Methode im jüngst anonym erschienenen SPIEGEL-Artikels der Serie. Bereits die Überschrift spekuliert über eine mögliche langjährige Haftstrafe für die ehemalige Senatorin Sarah Wedl-Wilson. Dabei bedeutet die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens weder Anklage noch Verurteilung und erst recht keine Haftstrafe. Von den weiteren Personen, gegen die sich Shafaqyars Anzeige richtete, werden Joe Chialo, Christian Goiny und Dirk Stettner nicht strafrechtlich verfolgt.
Shafaqyar greift das Framing auf Bluesky dankbar auf und spinnt daraus eine Verschwörungstheorie. Während er den SPIEGEL-Artikel in seinen sozialen Medien verbreitet, beklagt er, dass nur gegen die parteilose Wedl-Wilson ermittelt werde, nicht jedoch gegen CDU-Politiker. Zugleich raunt er über „Parteibuch-Strafrecht“ und eine Staatsanwaltschaft, die den Weisungen des CDU-Justizsenators unterstehe. Aus einem Anfangsverdacht wird so eine Haftdrohung, aus einer nicht weiterverfolgten Anzeige der Verdacht politisch gelenkter Justiz.
Das Ergebnis ist kein Journalismus, sondern eine suggestive Konstruktion. Wer lange genug denselben Verdacht erzählt, braucht irgendwann keine neuen Beweise mehr.
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