
Zehn Milliarden Euro Fördergelder, große Versprechen und das Ziel, Europa zum „KI-Kontinent“ zu machen. Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine gewaltige Lücke.
Auch in Brüssel gibt es Disney-Fans. „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“, das Lebensmotto des Bären Balu aus Disneys Dschungelbuch, scheint man sich auch in der EU-Kommission zu Herzen genommen zu haben: Ende vergangenen Jahres sollte die Ausschreibung für die von der Europäischen Union geförderten KI-Gigafabriken starten. Tatsächlich wurde es der 30. Juli. Bis zu zehn Milliarden Euro aus europäischen und nationalen Fördermitteln sollen private Investitionen von mindestens 20 Milliarden Euro auslösen. Die Frist für die Einreichung von Bewerbungen endet am 12. November 2026.
Zunächst will die EU vier KI-Gigafabriken mit jeweils 500 Millionen Euro fördern. Drei weitere, besonders leistungsfähige Projekte sollen sogar jeweils eine Milliarde Euro aus Brüssel erhalten. Die beteiligten Mitgliedstaaten, darunter die fünf bevölkerungsreichsten Länder der EU, sollen Fördermittel in ähnlicher Höhe beisteuern.
Bei der Entwicklung leistungsfähiger KI-Modelle wie ChatGPT, Claude oder Gemini führen US-Unternehmen; China zählt mit Kimi und DeepSeek inzwischen zu den führenden Anbietern von Open-Weight-Modellen, die auch auf lokalen Servern betrieben werden können. Europa war führend, wenn es um die Regulierung Künstlicher Intelligenz ging. Nur Mistral aus Frankreich schaffte es, sich dauerhaft in den Top 50 der Large-Language-Modelle zu etablieren. Man kann darüber streiten, ob sich die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz so stark auf das Leben der Menschen auswirken wird wie die Beherrschung des Feuers oder nur die Industrialisierung – klar ist: KI gehört wie die Gentechnik zu den wichtigsten Zukunftstechnologien, und Europa liegt bei ihrer Entwicklung und Nutzung weit hinter den USA und China zurück.
Daran wird auch das verspätet gestartete Programm für KI-Gigafabriken nichts ändern. Zum Vergleich: Weltweit werden nach Berechnungen der Analysten von Gartner im Jahr 2026 6,37 Billionen Dollar in KI-Infrastruktur und Rechenzentren investiert werden. Amazon, Alphabet, Meta und Microsoft haben nach einem Bericht der Financial Times seit 2023 mehr als eine Billion Dollar für Rechenzentren ausgegeben. Gartner bezeichnet KI als „das größte Infrastrukturprojekt der Menschheit“. Dagegen nimmt sich das Ziel Europas, 30 Milliarden Euro für große KI-Rechenzentren zu mobilisieren – zehn Milliarden Euro davon aus Mitteln der EU und 20 Milliarden Euro von privaten Investoren –, bescheiden aus.
Umso mehr irritiert ein Tweet der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) auf X, in dem sie vollmundig bekannt gibt, dass Europa der erste KI-Kontinent werden möchte. Was genau ein „KI-Kontinent“ sein soll, erklärt sie allerdings nicht. Soll es der Kontinent mit den meisten KI-Start-ups sein? Mit den meisten Frontier-Modellen, Rechenzentren oder eingesetzten Robotern? Das leuchtende Vorbild der Welt bei der KI-Nutzung in Unternehmen und autonom fahrenden Autos und Bussen? In all diesen Bereichen hängt Europa hinterher, und das wird sich auch nicht ändern, wenn die Server der Gigafabriken, die im internationalen Vergleich nicht „giga“ sind, ihre Arbeit aufgenommen haben.
AI is the most important technology of our time.
Europe wants to become the first AI Continent.
For advanced healthcare, for the transport sector and so much more.
European AI Gigafactories will provide the necessary computing power to make this possible.
Together with our… pic.twitter.com/FdOSqYbTiu
— Ursula von der Leyen (@vonderleyen) July 30, 2026
Ein sinnvolles Projekt wird von der Kommissionspräsidentin mit ihrer großspurigen Rhetorik lächerlich gemacht. Wenn in den Gigafabriken KI-Anwendungen und das eine oder andere leistungsfähige Open-Weight-Modell entwickelt werden sollten, wäre das ein großer Erfolg, denn von der Leyen hat dieses Ziel durch ihre vollmundigen Ankündigungen schon vor Ende der Ausschreibung kleingeredet.
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