Hoffnungsträgerin unter Druck

Manuela Schwesig 2024 Foto: Agência Senado Liznez: CC BY 2.0


Manuela Schwesig gilt als mögliche Hoffnungsträgerin der angeschlagenen SPD. Doch kurz vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern droht der Ministerpräsidentin neuer Ärger: An der Universitätsmedizin Rostock sorgt der Umgang mit einem renommierten Kardiologen für Streit und wirft Fragen nach unterschiedlichen Maßstäben auf.

Selbst für ostdeutsche Verhältnisse ist Mecklenburg-Vorpommern ein herausragend verkommenes Land: Die Angriffe von Neonazis auf die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen 1992 waren die massivsten rassistischen Angriffe in Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Hass gehört bis heute zum Land wie die Ostsee: Erst vor wenigen Tagen wurde ein Oberarzt der Uniklinik Rostock freigestellt, weil er sich im Internet über Ausländer mit Sprüchen wie „Remigrieren oder kremieren“ geäußert hatte. Um Russlands Pipeline Nord Stream 2 fertig bauen zu können und US-Sanktionen zu umgehen, wurde von der Landesregierung unter Manuela Schwesig (SPD) eine „Umweltstiftung“ gegründet. Einen Düsseldorfer Anwalt, der sie online als „Russenliebchen“ bezeichnet hatte, verklagte die Ministerpräsidentin erfolgreich.

Das Land ist wirtschaftlich schwach, trotzdem hetzt die Linkspartei gegen den Bau von U-Booten auf Werften im Land. Dass Manuela Schwesig nun als Hoffnungsträgerin der SPD gilt und als mögliche Parteivorsitzende gehandelt wird, die spätestens nach einem Scheitern der Sozialdemokraten bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen die Führung der Partei übernehmen könnte, sagt nichts über ihre Fähigkeiten, aber viel über den katastrophalen Zustand der einstigen Volkspartei aus.

Im Land wird am 20. September gewählt. Die AfD liegt auch hier in Umfragen mit 36 Prozent deutlich vor der SPD mit 29 Prozent, aber tatsächlich besteht die Chance, dass sich Schwesig im Amt halten und die Koalition mit der Linken aka The Party Formerly Known as SED mit Hilfe der Grünen fortsetzen könnte.

Unangenehm könnte nun für die einst als „Küsten-Barbie“ verspottete Ministerpräsidentin jedoch ein weiterer Vorfall am Uniklinikum Rostock werden. Nach einem Bericht der Frankfurter Rundschau sorgt die mögliche Beendigung der Kooperation zwischen der Universitätsmedizin Rostock und dem Berliner Vivantes-Konzern für politischen Streit. 122 Ärzte und Pflegekräfte warnten Ministerpräsidentin Manuela Schwesig vor Folgen für Personal und Patientenversorgung. Die CDU kündigte parlamentarische Anfragen an.

Im Mittelpunkt steht der Kardiologe Prof. Hüseyin Ince, der 2015 im Rahmen der Kooperation nach Rostock kam. Kritik entzündet sich auch daran, dass für eine vergleichbare Tätigkeit eines Professors der Universitätsmedizin Greifswald an einer Schweizer Privatklinik offenbar andere Maßstäbe gelten. Die Frage nach einer möglichen Ungleichbehandlung ist bislang unbeantwortet. Die Rundschau stellt fest, Ince sei der erste und bislang einzige kardiologische Ordinarius mit türkischen Wurzeln unter den derzeit 37 staatlichen Medizinischen Fakultäten und Universitätsmedizinen in Deutschland: „Diese Biografie macht den aktuellen Konflikt nicht automatisch zu einer Frage der Herkunft.“ Sie verleihe ihm aber eine zusätzliche Dimension, vor allem vor dem Hintergrund der jüngsten, als menschenverachtend kritisierten rassistischen Äußerungen eines Kollegen, die bundesweit Empörung ausgelöst hätten.

Es könnte sein, dass sich die SPD mit Schwesig als neuer Vorsitzender nicht auf einen Weg in die Zukunft begeben würde, sondern in ein Minenfeld.

 

Autorenseite: Stefan Laurin
Diesen Artikel beobachten
Werbung

Dir gefällt vielleicht auch:

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x