
Die AfD möchte in Düsseldorf über Kultur sprechen. Die Galerien haben schon geantwortet: Vielen Dank, ohne uns. Für Montag, den 26. Oktober 2026, kündigt die Partei einen Kulturspaziergang und einen Vortrag mit Matthias Helferich an. Mehr als 50 Galerien aus Düsseldorf und Köln wenden sich gegen die politische Vereinnahmung der Kunst. Das Bildungsprogramm trägt also bereits Früchte: Man weiß jetzt ziemlich genau, wer mit wem nichts zu tun haben möchte.
Kulturkampf mit Anmeldung
Der Ablauf ist übersichtlich: Um 17.00 Uhr soll ein Rundgang am Schloss Jägerhof beginnen. Um 19.00 Uhr folgt der Vortrag des Dortmunder Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich. Die AfD-Einladung stellt ihn als Antwort auf einen jahrzehntelangen linken Kulturkampf vor. Der Titel: „Kulturpolitik von rechts!“ Anmeldung erforderlich. Die Richtung ist festgelegt, bevor die Diskussion beginnt.

Zur kulturellen Visitenkarte des Referenten gehört auch eine ältere Debatte:
Schon 2023 berichteten die Ruhrbarone über den Protest gegen Helferichs Dortmunder Büro und die dabei aufgegriffene Formulierung „freundliches Gesicht des NS“. WELT beschreibt sie als frühere Selbstbezeichnung, die Helferich nach eigenen Angaben ironisch gemeint habe. Er selbst erklärte im Mai 2026 auf Abgeordnetenwatch, es sei eine Persiflage auf eine Zuschreibung von links gewesen.
Wer mit dieser Vorgeschichte zur Kulturpflege antritt, sollte sich über einen Empfang ohne Blumen nicht wundern.
Ursprünglich war das Heinrich-Heine-Institut als Veranstaltungsort angekündigt. Inzwischen nennt die AfD selbst das gegenüberliegende Palais Wittgenstein. In ihrem Telegram-Beitrag vom 15. Oktober 2026 bezeichnet sie die vorübergehende Nichtverfügbarkeit des Heine-Lesesaals als sonderbaren Zufall und verweist zugleich auf den größeren Ersatzsaal.
Der Düsseldorfer Heinrich Heine war ein bedeutender deutscher Dichter, Publizist und streitbarer Patriot. Seine Liebe zur deutschen Sprache verband er mit scharfer Kritik an den politischen Verhältnissen seiner Zeit. Wegen seiner politischen Schriften geriet er unter Druck der Zensur und lebte ab 1831 im Pariser Exil. Wenn wir über Kulturpolitik im 21. Jahrhundert sprechen, tun wir dies im Gedenken an diesen bedeutenden Düsseldorfer Sohn und hätten dies gerne öffentlich im Lesesaal des Heinrich-Heine-Instituts im Herzen unserer Stadt getan. Dass der Lesesaal im Heinrich-Heine-Institut nun überraschend zwei Monate lang nicht genutzt werden kann, ist natürlich ein sonderbarer Zufall. Zumal die Heine-Preisverleihung im Schauspielhaus am 13.12. stattfinden soll.
(Quelle: Telegramkanal der AfD Düsseldorf)
Über den Umbau als Anlass der Verlegung berichtet die NRZ. Der Vortrag ist also verlegt, nicht verhindert. Für eine Erzählung von der unterdrückten Rede steht immerhin ein größerer Saal bereit.
Die Kunst möchte nicht als Kulisse dienen
Die Gegenrede kommt aus dem Kunsthandel. Die bei der Galerie 3AP veröffentlichte Erklärung vom 15. Oktober 2926 führt 31 Düsseldorfer und 24 Kölner Galerien auf. Darunter sind Konrad Fischer, Kadel Willborn, Ludorff und Sies + Höke sowie Gisela Capitain und Nagel Draxler. Ihr knappster Satz lautet:
„Kunst und Kultur gehören keiner Partei.“
Die Unterzeichner werfen der AfD vor, Düsseldorfs Kulturgeschichte für eine ausgrenzende politische Agenda zu beanspruchen. Sie nennen dabei Bezüge auf Heinrich Heine und Joseph Beuys. Das ist der Vorwurf der Galerien. Den Heine-Bezug kann man im verlinkten Telegram-Beitrag der AfD selbst nachlesen: Dort wird der Dichter als Patriot gewürdigt und der geplante Abend ausdrücklich mit seinem Andenken verbunden.
Heine soll mitmachen. Seine Texte besser nicht.
Das Aufmacherbild dieses Beitrags zeigt das Heine Haus an der Bolkerstraße 53 in der Düsseldorfer Altstdt: Im damaligen Hinterhaus wurde der Dichter am 13. Dezember 1797 geboren. Es ist heute ein Literaturhaus und nicht mit dem Heinrich-Heine-Institut an der Bilker Straße zu verwechseln. Der Bezug zum Beitrag ist der Dichter, auf dessen Andenken sich die AfD beruft.
Wer Heine schon als patriotischen Ehrengast herbeizitiert, könnte ihn zur Abwechslung auch lesen. In „Deutschland. Ein Wintermärchen“, Caput XXIV (1844), steht eine Strophe, die sich für den angekündigten Kulturabend als Diskussionsgrundlage anbietet:
„Fatal ist mir das Lumpenpack,
Das, um die Herzen zu rühren,
Den Patriotismus trägt zur Schau
Mit allen seinen Geschwüren.“
Heine als Namenspatron ist bequem. Heine als Autor macht mehr Arbeit. Vielleicht sollte die AfD vor dem nächsten Kulturspaziergang einen Lesekreis einschieben.
Die Galerien setzen dem ein Verständnis von Kultur entgegen, das von internationalem Austausch und unterschiedlichen Perspektiven lebt. Auch Kölner Häuser haben sich angeschlossen. Für Düsseldorf ein bemerkenswerter Vorgang: Selbst die Nachbarstadt hilft, wenn die kulturelle Erbverwaltung allzu forsch auftritt.
Ein Saal ist noch keine Zustimmung
Natürlich darf eine Partei über Kultur diskutieren. Ein Museum zu besuchen, einen Dichter zu lesen oder einen Saal zu nutzen, setzt kein politisches Wohlverhaltenszeugnis voraus. Genauso wenig verpflichtet es Galerien, Künstler oder Besucher, den dazugehörigen Parteiauftritt freundlich zu dekorieren. Wer öffentlich Kulturkampf ankündigt, sollte mit einer öffentlichen Antwort rechnen.
Genau darin liegt der interessante Teil dieser Auseinandersetzung. Die AfD hat einen Vortrag organisiert. Die Galerien haben erklärt, dass sie sich kulturell nicht von ihr vertreten lassen wollen. Weder ersetzt die Erklärung eine Debatte über konkrete Kulturpolitik noch macht die Buchung eines Veranstaltungsraums Helferich zum Sprecher der Düsseldorfer Kunst. Beides auseinanderzuhalten ist keine besondere intellektuelle Zumutung.
Für den angekündigten Abend bleibt damit eine hübsche Unterscheidung: Einen Saal bekommt man nach Verfügbarkeit. Kulturelles Ansehen leider nicht an der Garderobe.
Einloggen, um Themen zu beobachten. Einloggen