Taubergate: Lebenslüge Bildung

Peter Tauber Foto: Tobias Koch Lizenz: CC BY-SA 3.0 de

Völlig zu Recht hat Peter Taubers Tweet über Minijobs einen Shitstorm ausgelöst. Problematisch ist aber nicht nur sein herablassender Tonfall, sondern auch die Ideologie von „Bildung“ als Allheilmittel. Von unserem Gastautor Floris Biskamp

Damit keine Missverständnisse aufkommen, sei eines vorneweggeschickt: Ich habe gar nichts gegen Bildung, ja, einige meiner besten Freundinnen[1] sind gebildet. Bildung kann in vieler Hinsicht helfen, ein besseres Leben zu führen, und dagegen ist wahrlich nichts einzuwenden. Allerdings ist die Berufung auf „Bildung“ auch eine der großen Lebenslügen oder genauer gesagt: Ideologien unserer Gesellschaft, nämlich immer dann, wenn sie als Allheilmittel heraufbeschworen wird.

…dann sollen sie eben Kuchen essen!

Der Grund, aus dem Peter Taubers Tweet so viel Empörung entfacht, dürfte in erster Linie in der Verachtung liegen, mit der er aus einer privilegierten, ja elitären Position auf diejenigen herabschaut, die es weniger gut haben. Alle, die es wissen wollen, wissen, dass viele Menschen

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Beissreflexe: Je böser, desto mehr freu’n sich die Leut’!

 

Georg Kreislers unmusikalischer Musikkritiker legt eine Definition von Kritik vor, die das in Teilen der Linken vorherrschende Verständnis des Begriffs gut beschreibt: „[Ich] weiß […] sehr gut, was Kritik ist: Je böser desto mehr freu’n sich die Leut‘!“ Nach diesem Motto wird fröhlich-böse lospolemisiert – und die Leute freuen sich! Je zotiger die Punchline, je herablassender der Gestus, je vernichtender und verächtlicher das dabei gezeichnete Bild der kritisierten Anderen, desto lauter die Jubelschreie und Anfeuerungen derjenigen, die ohnehin schon auf der Seite der Kritikerin stehen. Von unserem Gastautor Floris Biskamp [1]

Um „Kritik“ in diesem Sinne handelt es sich auch bei der Kritik an queerem Aktivismus, die in vielen Beiträgen des von Patsy l’Amour laLove herausgegebenen Sammelbandes Beißreflexe geübt wird. Und genau diese böse, für die manche erfreuliche, für andere verletzende und für wieder andere befremdliche Form von Kritik dürfte stark zum außerordentlichen Erfolg des Bandes beigetragen haben. Die einen fühlen sich dazu bemüßigt mitzubeißen, die anderen dazu zurückzubeißen oder einer der Seiten zuzujubeln – entsprechend aggressiv fielen die Diskussionen insbesondere auf Twitter aus.

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Protektionismus um jeden Preis: NGOs ignorieren die Vorteile des Freihandels

Fire - Photo by Andrew Walton on Unsplash
Photo by Andrew Walton on Unsplash

Holzpellets helfen, den CO2-Ausstoß zu senken und sind dabei kostengünstig. Warum wollen Lobbyisten die EU bewegen, ihren Gebrauch und Import zu behindern und damit den Verbrauchern in Europa schaden? Von unserem Gastautor Bill Wirtz.

Die Energiewende ist ein kontinuierlicher Prozess und verwendet verschiedene Technologien. Die Realität des heutigen Energiemixes  geht weit über Photovoltaik  und Windkraftanlagen hinaus. Eine der weniger bekannten Energiequellen sind Holzpellets, die unter hohem Druck aus Holzresten gepresst werden. Dieses Holz von niedriger Qualität ist in anderen Industrien meist nicht verwendbar.

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Das Ruhrgebiet und seine Industrie – Neue Wege statt schleichender Niedergang?


„Die Industrie verlässt das Ruhrgebiet.“ „Das Ruhrgebiet steckt noch immer im Strukturwandel“. „Das Ruhrgebiet? Eine abgehängte Region.“ Schlagzeilen, die in jüngerer Vergangenheit immer wieder zu lesen waren. Das Ruhrgebiet als der neue Osten des Westens. Die Frage nach dem „Stimmt das überhaupt?“ wird kaum gestellt. Von unserem Gastautor Dirk W. Erlhöfer.

Mit dem Weggang von Opel in Bochum vor zwei Jahren wurde dieses Bild einmal mehr schärfer gezeichnet. Wieder fielen Werkshallen, wieder demonstrierten Beschäftigte vergebens. Wogegen aber demonstrierten sie? Gegen einen großen Konzern, der weltweit vernetzt und vertreten ist, der weltweit produzieren lässt? Die Frage in der Konzernzentrale nach dem „Wo produzieren wir?“ ist schnell beantwortet. Dort wo Fachkräfte sind, günstig muss es sein, effektiv muss es sein – und die Qualität muss stimmen. Kurzum: Ein wettbewerbsfähiges Produkt, das letztendlich Gewinn abwirft. Ich meine: Die Opel-Beschäftigten hätten gut und gerne gegen die eigene Stadt, das eigene Bundesland NRW oder die Bundesrepublik

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Wohlstand ohne Grenzen


Viele fordern Solidarität mit Flüchtlingen. Echte Verteidiger der Freizügigkeit sind jedoch rar. Kein Wunder, Veränderung und menschliche Ambitionen gelten heute als problematisch. Von unserem Gastautor Kolja Zydatiss.

Gestern war Weltflüchtlingstag. In den (Sozialen) Medien entfaltete sich die Debatte entlang vorhersehbarer Fronten. Linke verwiesen auf das Sterben im Mittelmeer, die verheerenden Kriege im Nahen Osten, und betonten unsere moralische Pflicht, uns hilfsbereit und solidarisch zu zeigen. Rechte geißelten Willkommenskultur und „Asylindustrie“ und warnten vor neuen Terroranschlägen.

Was auffällt: Selbst Linke, Liberale und Politiker der Mitte, die sich gerne kopfschüttelnd vom Rechtspopulismus à la AfD oder Pegida distanzieren, schaffen es nicht, sich von einem Denken zu lösen, das Einwanderung primär als Last begreift. Vor einigen Tagen etwa warnte der Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CDU) vor einer Massenmigration von 100 Millionen Menschen nach Europa, falls die Erderwärmung nicht begrenzt werde. Ähnlich äußerte sich zum Weltflüchtlingstag auch ein Kampagnenleiter von Greenpeace Deutschland bei Twitter. Das Social Media Team des Auswärtigen Amtes verkündete stolz, dass Deutschland einer der größten Geber von Entwicklungshilfe weltweit sei. Ob Linkspartei oder FDP, ständig wird betont, man müsse „die Fluchtursachen bekämpfen“.

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Antisemitismus: „Ich will keine verdammte Schuldumkehr hören. Keine Relativierungen, keine Bagatellisierungen.“

Für Gemma Pörzgen ist Auschwitz ein Narrativ.


Unser Gastautor Levi Israel Uferstern hat sich Maischberger angeschaut.

Eigentlich wollte ich schlafen gehen. Aber dann kauere ich doch auf dem Sofa vor dem Fernseher und halte wie zum seelischen Schutz ein Kissen vor meiner Brust, während ich mir die Maischberger-Diskussionsrunde über Antisemitismus anschaue.

Ich werde todtraurig dabei. Da sitzen Leute, die gar nicht selbst von Antisemitismus getroffen werden im Alltag. Das Gespräch ist vulgär, neurotisch und idiotisch.

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Köln: Ein unmöglicher Friedensmarsch

Demo gegen den Terror auf dem Kölner Heumarkt


Der „Friedensmarsch #nichtmituns Muslime und Freunde gegen Gewalt“ ist gemessen an den eigenen Ansprüchen gescheitert. Bedenkt man jedoch, wie unbequem und widersprüchlich die Position ist, in die sich die Organisator_innen dabei begeben haben und bedenkt man zudem die Konflikte um die Frage, wer für die deutschen Muslim_innen sprechen kann, ist die geringe Resonanz wenig überraschend und sollte auch nicht überinterpretiert werden. Von unserem Gastautor Floris Biskamp.

Die Fakten sind schnell erzählt: Zum Friedensmarsch unter dem Motto #nichtmituns in Köln kamen nicht 10.000 und wohl auch nicht 2.000, sondern eher 1.000 Demonstrant_innen. Diese waren – sofern sich das durch bloßen Augenschein beurteilen lässt – vielleicht zur Hälfte

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Karsten Riedel in der Rotunde: Der Moment, in dem Musik zu Kunst wird

Karsten Riedel & Die Schneydboys Foto: Rotunde/Promo

„Sorry Jungs, das war jetzt nicht notiert“, entschuldigt sich der tätowierte Pianist mit Rockabilly Tolle nach einem spontanen musikalischen Exkurs bei seinen Mitspielern. Viermal grinsen, Bögen neu ansetzen- weiter gehts . In der Bochumer Rotunde gab sich gestern das ungewöhliche Musikprojekt „Karsten Riedel und die Schneydboys“ in angenehmer Atmosphäre die Ehre. Von unserer Gastautorin Janina Herff.

Vier ausgezeichnete Cellisten der Bochumer Symphoniker und in der Mitte ein Künstler -Karsten Riedel. Mittlerweile ein gefragter Theaterkomponist gehört sein Herz ursprünglich dem Ska und Rock’n’Roll.
Mal an der Gitarren mal am Klavier, mit Bongotrommeln und Schellenband führt Riedel das ungewöhnliche Quintett mit angenehmer Leichtigkeit durch eine Mischung aus Klassik, Lou Reed und Marlene Dietrich. Keinen Moment lang wirken die oft anspruchsvollen Arrangements aufgesetzt oder schwer. Die Violoncelli mal gestrichen mal gezupft machten einfach Spaß. In jeder Minute ist die Freude der Musiker an der neuen Herausforderung spürbar. Scheinbar mühelos gelingt es dem Ausnahmemusiker sich mit seinen Interpretationen teils bekannter Songs direkt in die Herzen des Publikums zu spielen, dabei klimpert er nicht einfach irgendwelche Lieder nach… Karsten Riedel liebt und lebt jeden Song, da stört auch ein schiefer Ton oder ein holpriger Übergang überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Das ist der Moment indem bei Riedel Musik zu Kunst wird.

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Ein Jäger, der keiner war

Anis Amri Foto_ BKA


Ergebnisse zum Fall Anis Amri zeigen auf, wo es in der Terrorbekämpfung hakt. Die ehemalige Landtagsabgeordnete Simone Brand (Piratenpartei) im Interview. Von unserer Gastautorin Anna Christina.

Simone Brand war 5 Jahre lange Abgeordnete der Piratenfraktion im Landtag NRW. Dort saß sie seit Ende 2016 im Untersuchungsausschuss zu Anis Amri. Anis Amri verübte in der Adventszeit 2016 einen Terroranschlag auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin. Er tötete durch eine Amokfahrt mit einem LKW 11 Menschen, 55 wurden zum Teil schwer verletzt. Doch: Anis Amri war den Behörden in NRW lange Zeit als sogenannter „Gefährder“ bekannt.

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Mehr Rentner = Weniger Investitionen

Infrastruktur wird vernachlässigt Foto: Roland W. Waniek


Politiker aller Couleur versprechen Rentnern im aktuellen Wahlkampf mehr Wohltaten – zu Lasten der Jugend. Von unserem Gastautor Roland W. Waniek.

In einer alternden Gesellschaft sind diese nämlich eine immer bedeutendere Wählergruppe, die Politiker zu bedienen wissen. Aber nicht nur bei der Rente wird die Jugend benachteiligt: Eine empirische RWI-Studie zeigt, daß mehr Rentner auch weniger Infrastruktur-Investitionen bedeuten. In entwickelten Ländern sind in den letzten vier Jahrzehnten öffentliche Investitionen stetig zurückgegangen. Dies korreliert signifikant mit dem zunehmenden Durchschnittsalter der Bevölkerung. Ältere Menschen schätzen den erwarteten, zukünftigen Nutzen von Infrastruktur-Investitionen weniger hoch ein als aktiv Erwerbstätige. Dies liegt daran, daß sich die Zeitpräferenzen von Menschen mit dem Alter ändern. Senioren sind konsumptive, soziale Staatsausgaben wichtiger als investive, zukunftsgerichtete Maßnahmen. Das schlägt sich in der konkreten Politik nieder. Politiker sollten aber das übergeordnete, langfristige Wohl einer Gesellschaft nicht aus den Augen verlieren. Ein Lösungsansatz ist die Änderung des Wahlrechts zugunsten von Familien mit Kindern, wobei Eltern zusätzliche Stimmgewichte für ihre Kinder erhalten. Weitere Möglichkeiten sind nutzungsabhängige Entgelte für Infrastruktur und alternative Finanzierungsmodelle wie Public-Privater-Partnerships. Damit könnte die abnehmende Wählerzustimmung für Infrastruktur-Investitionen konterkarriert werden.