Das ABC des goldenen Zeitalterts II: F bis M

 

Das Goldene Zeitalter Foto: Birgit Hupfeld Lizenz: Copyright
Das Goldene Zeitalter Foto: Birgit Hupfeld Lizenz: Copyright

Am Schauspiel Dortmund läuft in diesen Tagen ein Stück, das an keinem Abend genau so aussieht wie beim letzten Mal: In „Das Goldene Zeitalter – 100 Wege dem Schicksal die Show zu stehlen“ rackern sich nicht nur die Schauspieler auf der Bühne ab, sondern Regie, Dramaturgie, Musik, Sound und Video gehen eine große gemeinsame Jam-Session mit Spielern und Publikum ein – bei der vorab nicht abzusehen ist, was heute genau geschehen wird. Die Theatermacher um Regisseur Kay Voges haben acht Stunden Material aus den Proben gesammelt, die nun bei jeder Vorstellung neu kombiniert werden (ruhrbarone berichtete: „Wortarm im Bildreich“, „Das Goldene Zeitalter – Drei Interviews“, „Das ABC des  Goldenen Zeitalters – A bis E“).

Vom „größten Theaterskandal der letzten Jahre“ war zu lesen (amusio.de), von einem „einzigartige Gemisch der Eindrücke“, in dem „Ermüdung und Exaltation, Verstörung und Verzauberung eins werden“ (Sascha Westphal auf nachtkritik.de). Und worum geht es? Das Kernthema des „Goldenen Zeitalters“ ist der Kampf mit der Wiederholung – mit den alltäglichen Mühlrädern in unserer neoliberalen Gegenwart: Aufstehen und Schlafen gehen, Arbeiten und Erschöpfung, Konsumieren und Produzieren. Und um den ewigen Wettstreit zwischen Original und Kopie: Bin ich unverwechselbar und einzigartig? Oder doch nur ein lauer Aufguss des immer schon Dagewesenen? Schließlich werden aber auch die zeitlosen Sinnfragen des Daseins berührt: Der Endlose Kreislauf von Geburt und Tod.

Es gibt für die Inszenierung keine letztgültige Gebrauchsanweisung. Aber Dramaturg Alexander Kerlin hat einen ausführlichen Beipackzettel geschrieben, der bei dieser oder jener Sachfrage konsultiert werden kann – und der neugierig machen soll. Ruhrbarone veröffentlicht „Und ewig rollt das Rad des Seins – Das ABC des Goldenen Zeitalters“ in drei Portionen. Heute gibt’s die Buchstaben F bis M.

Die nächste Vorstellung ist übrigens am nächsten Mittwoch, 9. Oktober, 19.30 Uhr im Schauspielhaus Dortmund.

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Fetisch (Lat.: facticius ‚nachgemacht, künstlich’, franz.: fétiche ‚Zaubermittel’) Objekt, dem Eigenschaften zugeschrieben werden, die es nicht hat, und das dadurch mit außerordentlicher Wirkungsmacht ausgestattet ist – z.B. als ‚Sexueller F.’ (Fixierung auf blonde Langhaarperücken, rote Pumps o.ä., → Puppen) oder als von → Karl Marx so genannter ‚Warenfetisch’ im Kapitalismus: Ein Markenprodukt wie ein → Zott-Sahnejoghurt erhält seinen Wert am Markt letztendlich nicht durch → Arbeit, sondern durch einen quasi-religiösen Zauber, der seine verhexten Esser in ein relaxtes sogenanntes ‚Weekend-Feeling’ versetzt.

Fordismus Begriff des Marxisten (→ Marx, Karl) Antonio Gramsci für stark standardisierte Massenproduktion mithilfe spezialisierter Maschinen und radikaler Arbeitsteilung. Benannt nach Henry Ford, der dank Fließbandarbeit als erster Autos als Massenprodukt verkaufen konnte und dafür in dem Dystopia-Evergreen Schöne Neue Welt von Aldous Huxley einen zweifelhaften Ehrenplatz erhielt.

Freiheit Im Zuge der NSA-Abhörskandale wieder hervorgekramter Begriff, dessen Untiefen jedoch selbst von der Partei, die seinen Namen in ihrem trägt, selten wirklich ausgelotet werden. Theatermacher Heiner Müller erinnerte einst daran, dass F. nicht die freie Wahl zwischen Pepsi und Coca Cola meinen könne. Und Kant befand schon im 18. Jh., dass wir im → Alltag – gerade dann, wenn wir uns für besonders frei halten – unfrei und vollständig determiniert sind (→ Zombies im Kaufhaus).

Geschichte Menschliche Eigenart, vergangene oder erfundene von einander isolierte Ereignisse mit Hilfe von → Kausalität in einen leicht zugänglichen Zusammenhang zu bringen.

Geburt Nicht zu lösendes Problem für die Vernunft, weil zwei Dinge zusammengedacht werden müssen, die nicht zusammen gedacht werden können: 1) Etwas kommt, das vorher nicht da war, 2) Aus dem Nichts kann nichts kommen.

Genesis Erstes Buch der Bibel. Beginnt mit der Schöpfung der Welt und landet über → Adam und → Eva, Kain und Abel relativ umstandslos bei → Noah. Zwischen den Figuren und ihren Abenteuern liegen jedoch Jahrhunderte ausgedehnt wie Sand in der Wüste Sinai, in denen der Staffelstab des Menschseins von Mann zu Mann weitergereicht wird, wovon das Buch G. ausgiebig und doch effizient Zeugnis ablegt.

Glitch (Jiddisch: glitsch ‚Ausrutscher’, ‚Fehler’, ‚Unvollständigkeit’) Kurzlebiger Fehler im System, so z.B. bei Elektrotechnik oder Computerspielen. Übliche G.s: falsch dargestellte Farben, Störgeräusche, Bildverzerrungen – kurz: Material, das an den Datenrändern einen eigenen Willen zur Gestaltung entwickelt. Künstler schätzen den G. als Mittel zur Würdigung des unvermeidbaren Fehlers.

Goethe, Johann Wolfgang von Deutscher Dichter im 18. und 19. Jh. und Verfasser des → Werther, dem das Image eines → Originals vorauseilt. Von G. selbst sind Äußerungen überliefert, in denen er der Möglichkeit von Originalität prinzipiell widerspricht. Trotz des nicht zu leugnenden Understatements ein zu seiner Zeit origineller Gedanke.

Goldenes Zeitalter Eine bis auf die gr. Antike zurückgehende Vorstellung eines → Zeit-Raums, in dem alles stimmt (→ Erlösung). Die jeweilige Gegenwart wurde vielfach als Degeneration des GZ beschrieben und z.B. Silbernes oder Kupfernes Zeitalter genannt. Dient als rhetorisches Mittel sowohl zur Verherrlichung von Vergangenheit als auch dem utopischen Entwurf von Zukunft.

Gott Einziges Wesen, das aus dem Nichts schöpfen kann. Reimt sich auf → Zott.

Guttenberg, Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Ehem. Politiker (CSU), u.a Bundesminister der Verteidigung, mit vielen Vornamen. 2011 von allen Ämtern zurückgetreten, nachdem bekannt wurde, dass er in seiner Doktorarbeit nicht aus dem Nichts schöpfte, aber so tat (→ Hegemann, Helene, → Zitatrecht).

Hamsterrad Laufrad, das um eine Mittelachse rotiert und ahnungslosen Säugetieren ein Gefühl von Fortschritt vermittelt, wo es keinen gibt. Schauerliches Sinnbild für die Vergeblichkeit unser aller Bemühungen (→ Alltag).

Hegemann, Helene Autorin, die in ihrem ersten Roman Axolotl Roadkill die Idee vom → Remix sehr weit trieb, indem sie Passagen des Bloggers Airen ohne Zitatangaben in den Roman integrierte, und damit den versammelten Groll des deutschen Feuilletons und diverser Schriftstellerkollegen auf sich zog (→ Copy and Paste, → Zitatrecht).

Hetzmasse Von Elias Canetti bezeichnete Gruppe von Menschen, die sich in der Jagd (z.B. auf einen Menschen) zusammenrottet und durch sie bestehen bleibt. Laut Schriftsteller Klaus Theweleit 1998 „zunehmend an die Bildschirme und Zeitungen verwiesen.“  Berichterstattung sei überwiegend „Mord auf Raten“, der uns nicht „vorgesetzt wird, damit wir informiert sind, sondern damit wir etwas Lust verspüren im erlahmten Leben, wenigstens die Lust am Sterben anderer“ (→ Tagesschau).

Herz Schlägt und schlägt und schlägt und schlägt und schlägt und schlägt dann, eines nahen oder fernen Tages, nicht mehr (→ Tod). Metronom, konstanter Beat, Lebensmaschine, umgangssprachlich der Sitz der Liebe. Das H. sitzt im besten Falle am rechten Fleck.

Hundert Berühmte Quadratzahl zwischen 99 und 101. Vielleicht weil sie die durchschnittliche Lebenszeit der Menschen überschreitet, wird sie häufig als Synonym für eine besonders lange → Zeit oder große Menge verwendet.

Identität (Lat.: idem ‚derselbe‘‚ dasselbe‘) Je näher man sich über diesen Begriff beugt, desto strudeliger der Strudel, in den man hinabgezogen wird. Wie kann A = A sein, wenn ein Gleichheitszeichen sie trennt? Wie kann ich von mir als selbstidentische Einheit ausgehen, wenn in mir die Wünsche auseinander stäuben wie → hundert Pferde bei Gewitter?

I Got You Babe Number-One-Hit des Pop-Duos Sonny & Cher aus dem Jahre 1965. Das hundertfach (→ Hundert) gecoverte (→ Cover) Liebesduett schrieb Sonny an einem Abend in seinem Keller und wurde von der Redaktion des Rolling Stone zum 444besten Lied aller Zeiten gekürt. Cineasten werden dabei wohl für immer die Zahlen eines Radioweckers umklappen sehen.

Individuum (Lat.: ‚Unteilbares‘, ‚Einzelding‘) Das westliche Konzept vom I. besagt, dass jeder Einzelne unverwechselbar und – Vorsicht: Paradox – dass Unverwechselbarkeit ein Ziel sei, dass es im Leben zu erreichen gilt. Als Angriffe auf das  I. werden z.B. Kopftücher, Uniformen oder gleichförmige Rhythmen gewertet. Nur die Logik widerspricht: Wenn am Ende alle individuell sind, ist’s keiner mehr (→ Exactitudes).

Irgendwann Lied von Gerhard Schöne, das an den Umstand erinnert, dass es im Leben „alles, alles“ ein letztes Mal gibt: Brot schmecken, Schnee sehen, durch den Saal tanzen (→ Tod).

Jam Improvisiertes Zusammenspiel verschiedener Instrumente und Stimmen, welches nach kurzem Anlauf in ungeahnte Sphären abheben kann. J.s laden den Zufall an den Tisch, das nicht Komponierbare mit zu gestalten.

Kaspar Theaterstück des frühen Peter Handke, in dem ein Chor von sogenannten „Einsagern“ dem sprachlosen Kasper (Hauser) in unbarmherzigen, nicht enden wollenden Variationen Worte und Grammatik einpeitscht.

Kausalität Mentaler Klebstoff, mit dem wir Erfahrenes zu sinnvollen Einheiten strukturieren: „Dieses folgte deshalb aus jenem“. Wo jedoch das ‚Deshalb’ fehlt und nur ‚Dieses’ und ‚Jenes’ ohne Haftung durch den Äther schweben, ist das Denken anders gefragt: Wir müssen uns erstmal um die Beschaffenheit des Klebstoffs kümmern.

Kobold Staubsaugermodell der Firma Vorwerk mit 11cm langem Ansaugstutzen, an dessen Ende sich ein rotierender Ventilator befindet. Führte zu mindestens sechzehn Fällen von Riss-Quetschungen an Penissen während der Selbststimulation. Über die Staubsauger-Szene hinaus bekannt geworden durch die Dissertation Penisverletzungen bei → Masturbation mit Staubsaugern des Urologen Michael Alschibaja Theimuras.

Kopie Hatte immer mit dem schlechten Ruf zu kämpfen, so in etwa, jedoch nicht ganz wie das → Original zu sein. Imageverbesserungen durch künstlerische Produktionsverfahren im 20. Jh., die das Unperfekte und Serielle (→ Serie) der K. selbst als Qualität entdeckten (→ Warhol, Andy). Digitale Kopien sind heute ohne Qualitätsverlust möglich, siehe jedoch → Glitch.

Kybernetik (Engl.: ‚cybernetics’) Wissenschaft von der Steuerung und Regelung, u.a. von Menschen. Ihre Erfinder erträumten sich Mitte des 20. Jh., mit Hilfe von Datenanalysen Verhalten vorauszusagen. Der Traum scheint in fortgeschrittenen Zeiten des Internets realisiert: Wir produzieren ausreichend Daten von uns (Bilder, Worte), um unsere nächsten Schritte mit hoher Wahrscheinlichkeit voraussagen zu können (→ Freiheit, → Zombies im Kaufhaus).

L’Âge d’Or (Dt.: ‚Das → Goldene Zeitalter’) Rätselhafter Tonfilm des Regisseurs Luis Buñuel von 1930 über Skorpione und eine bourgeoise Feierlichkeit. Gilt als Hauptwerk des surrealistischen Kinos. Laut Metzler Film Lexikon mit dutzenden bewusst gesetzten Tabubrüchen ein „anarchistischer Hymnus auf die → Freiheit.“ Spielte bei der Titelwahl zum Dortmunder Stück keine Rolle.

Leck mich im Arsch Sechsstimmiger Kanon von Wolfgang Amadeus Mozart (1782), dessen Originaltext mit repitetiver Struktur („Leck mich, leck mich, leck mich, leck mich, leck mich. Leck mich, leck mich, leck – g’schwindi, g’schwindi, g’schwindi, g’schwindi! G’schwindi, g’schwindi, g’schwindi, g’schwindi! Leck mich im Arsch g’schwindi, g’schwindi, g’schwindi!“ usw.) lange Zeit durch die Zeilen „Lasst uns froh sein! Murren ist vergebens!“ ersetzt wurde.

Loop Musikalisches oder dichterisches Verfahren mit intensiver Wirkung, bei dem ein Abschnitt herauspräpariert, beliebig oft wiederholt und zu anderen L.s ins Verhältnis gesetzt wird. Dabei können Variationen durch Effekte, Rhythmusverschiebungen und Melodiewechsel erzeugt werden. L.s verändern die Wahrnehmung von → Zeit (→ Beuys, Joseph).

Mantra (Sanskrit: ‚Schutz des Geistes’) Formelhafte Wortfolge, die sprechend, flüsternd, singend oder in Gedanken endlos wiederholt wird, z.B. im Gebet oder in der Meditation. Bewährtes Instrument zur Ausbildung einer ausgeglichenen Grundstimmung, die negative Energien erkennt, beobachtet und gelassen ins Nichts verschwinden lässt (→ Einstein on the Beach).

Marx, Karl Wichtigster Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft und Vorbild für die zweitgrößte Büste der Welt (→ Pars-pro-toto-Opfer). Seine Schrift Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte eröffnete er mit berühmt gewordenen Worten zum gespenstischen → Wiederholungszwang in der Geschichte der Revolutionen: „Hegel bemerkt irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als große Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce.“

Mashup (Engl.: ‚Vermischung’) Künstlerische Praxis, die die Verbindung zweier oder mehrerer Produkte zu einem neuen betreibt. Titel eines Buches von Dirk von Gehlen mit dem Untertitel „Lob der Kopie“ (2011), das die „Kraft der kreativen Adaption“ am M. lobt und die → Arbeit an → Das Goldene Zeitalter wesentlich inspiriert hat (→ Remix, → The Grey Album).

Masturbation Stimulation von Geschlechtsorganen durch wiederholte und variierte Bewegung, meist mit der Hand. Die gegenseitige Masturbation ist häufig Teil des Pettings. Fast 85 % aller geschlechtsreifen Menschen masturbieren regelmäßig selbst, während der Pubertät häufig mehrmals täglich. Freud bezeichnete die M. als Ursucht, die andere Süchte begünstigt. Kant bewertete sie als „schlimmeres moralisches Vergehen als Selbstmord“ (Wikipedia). Dass häufige M. mit Akne, Tuberkulose oder Schlimmerem im Kausalzusammenhang steht, gilt heute als widerlegt (→ Kausalität).

Max MSP Populäre Programmiersprache für Musik und Multimedia, mit deren Hilfe seit 20 Jahren unabhängig von Vorgaben kommerzieller Produkte Software für Live-Performances geschrieben wird. Ohne M. kein → Goldenes Zeitalter in Dortmund.

Menschenaffen Aus der Familie der Primaten und Unterform der Trockennasenaffen. Hauptdarsteller der bekanntesten Gegenerzählung zu → Adam und → Eva, nach der sich Lebewesen in weitgehend zufälligen evolutionären Prozessen herausbilden (→ Wiederholung, Variation und Selektion). In Form des Menschen sind die M. heute weltweit verbreitet.

Messi, Lionel Argentinisches Fußballgenie im Dienste des FC Barcelona, das 2007 im Alter von 19 Jahren bewies, dass es die → Wiederholung gibt. Im spanischen Pokalhalbfinale dribbelte M. aus der eigenen Hälfte über das gesamte Spielfeld, umkurvte den Torwart und schob den Ball aus spitzem Winkel ein – und schoss damit ein Tor, an dem seit dem Viertelfinale der WM 1986 eigentlich sein Landsmann Diego Armando Maradona das alleinige geistige Eigentum besaß.

Mops Engl. Hunderasse und ehemaliger chinesischer Kaiserhund. Nach einem bekannten → Endloslied kam ein M. in die Küche und stahl dem Koch ein Ei, woraufhin dieser eine Kelle nahm und ihn zu Brei schlug. Gesampelt ohne Zitatangaben von → S. Beckett in Warten auf Godot (→ Beckett-Erben).

Fortsetzung folgt.

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