Documenta: Dass sich die staatliche Kulturszene dem BDS geöffnet hat, ist der Kern des Problems

Documenta 15 Foto: Foto: Michael Paetzold, Lizenz: Creative Commons by-sa-3.0 de


Dass Sabine Schormann sich vom Posten der Generaldirektorin der Documenta zurückgezogen hat, war überfällig. Doch am Ende geht es um Haltung und die Achtung vor dem Bundestag.

Vor ihrer Zeit bei der Documenta war Sabine Schormann mit dem Management von Gute-Laune-Aufgaben beschäftig: Ob bei Planet of Visions auf der Expo Hannover, dem Tag des deutschen Denkmals oder als Direktorin der Niedersächsischen Sparkassenstiftung stand sie nie im Zentrum von kritischen Debatten wie bei der Documenta. Geholt wurde sie, um die angeschlagene nordhessische Kunstshow nach der wirtschaftlichen Katastrophe 2017 in ruhiges Fahrwasser zu steuern. Letzteres ist ihr nicht gelungen. Sie ignorierte den Einfluss der Anhänger der antisemitischen BDS-Kampagne und die Gefahr, die von ihnen für eine Institution wie die Documenta ausgeht. Allein das war fahrlässig: Als sie im Jahr 2018 ihr Amt in Kassel antrat, stand ein anderes großes Festival, die Ruhrtriennale, genau deswegen in der Kritik. 2018 beschloss in der Folge der nordrhein-westfälische Landtag, „Einrichtungen des Landes Nordrhein-Westfalen dürfen der BDS-Kampagne keine Räumlichkeiten zur Verfügung stellen und keine Veranstaltungen der BDS-Kampagne oder von Gruppierungen, welche die Ziele der BDS-Kampagne verfolgen, unterstützen.“ Dem Beschluss folgten viele Bundesländer, Städte und 2019 auch der Bundestag. Die Funktionäre der subventionierten Kulturszene liefen Sturm und ignorierten den Willen der Politik. Hätte Schormann dafür gesorgt, die Position des höchsten deutschen Parlaments zum BDS umzusetzen, wäre sie heute noch im Amt und hätte der Documenta einen Skandal erspart, der ihre weitere Existenz gefährdet: Wer beim BDS und seinen Anhängern Kunst bestellt, bekommt Antisemitismus geliefert.

Dass sich die staatliche Kulturszene dem BDS geöffnet hat, ist der Kern des Problems, das in diesem Sommer erneut bei der Documenta sichtbar wurde. Dass nun der Aufsichtsrat der Kunstmesse der Gesellschafterversammlung empfiehlt „eine fachwissenschaftliche Begleitung einzusetzen, die sich aus Wissenschaftler*innen zum Gegenwartsantisemitismus, deutschen sowie globalen Kontext und Postkolonialismus sowie der Kunst zusammensetzt“, zeugt allerdings im besten Fall von einer Mischung aus Hybris und Naivität. Es wird einer Kunstausstellung nicht gelingen, so komplexe Fragen wie die nach dem Gegenwartsantisemitismus im globalen Kontext auch nur vernünftig anzureißen. Bei dem Versuch, ein Welterklärungsmodell für den Kunstbereich zu finden, wird die Documenta Schiffbruch erleiden. Der Soziologe Niklas Luhmann nannte das Phänomen Komplexitätsgefälle. Die notwendige Reduzierung der Komplexität der Aufgabenstellung, die notwendig ist, um sich ihr überhaupt stellen zu können, wird dafür sorgen, dass die Documenta mit ihrem Anspruch scheitern wird.

Auch der Wunsch, postkoloniale Perspektiven einzubeziehen, geht in die falsche Richtung. So richtig es ist, die Kolonialverbrechen Deutschlands und der anderen europäischen Staaten aufzuarbeiten und mitzudenken, so falsch ist es, sich die Vertreter einer postmodernen Ideologie an den Tisch zu holen. „Innerhalb dieser ausgereiften postkolonialen Theorie sind alle vier postmodernen Themen deutlich erkennbar: das Verwischen von Grenzen, die Macht der Sprache, der Kulturrelativismus und die Verabschiedung von Begriffen des Universellen und Individuellen zugunsten von Gruppenidentitäten. Diese Themen sind für die Geisteshaltung von Verfechtern der postkolonialen Theorie und der Dekolonisierungsbewegung eindeutig zentral“ fassen Helen Pluckrose und James Lindsay in ihrem Buch „Zynische Theorien“ die Theorie zusammen. Sie ist, wie der gesamte auf postmodernem Denken fußende Aktivismus, ein Angriff auf die Aufklärung und die Werte des Westens.

Die deutsche Gesellschaft hat Jahrzehnte und den massiven Druck die Alliierten gebraucht, um sich zu demokratisieren und ein Teil des Westens zu werden. Wer mit der Umkehrung dieses Prozesses spielt, begibt sich nicht auf den Weg in eine gerechtere Zukunft, sondern riskiert den Rückfall in Stammesdenken und die Aufgabe westlicher Ideen wie Universalismus und individuelle Freiheit, ohne die eine offene demokratische Gesellschaft nicht denkbar ist.

Die Documenta muss zu Beginn der Aufarbeitung klare Positionen beziehen und die sollte aus einem Bekenntnis zu den Werten des Westens bestehen, die man nicht einem postmodernen Relativismus opfern darf. Der Kunsttheoretiker Bazon Brock schrieb in den Süddeutschen vor dem Hintergrund des Documenta-Skandals: „Diese Sonderstellung, wie heute öfter mal üblich, als Eurozentrismus abzuweisen, ist kenntnislos, weil Kunst- und Wissenschaftsfreiheit in Europa von Europäern gegen Europäer überhaupt erst erkämpft werden mussten. Rationalität, Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Sozialstaatlichkeit mussten auch von Europäern gegen Europäer blutig in Europa erfochten werden. Der Eurozentrismus-Vorwurf ist heute aber Kernbestand totalitär-fundamentalistisch behaupteter Herrschaft.“

Antisemitismus ist auch, mit Ausnahme großer Teile der muslimischen Welt, im globalen Süden eine Minderheitenposition. Nikita Dhawan, Professorin für politische Theorie und Ideengeschichte an der TU Dresden, wies auf der Documenta-Podiumsdiskussion Ende Juni darauf hin, dass in Indien die Sympathien für Israel weiterverbreitet sind als in den USA. Und glaubt jemand wirklich, dass indigene Völker in Südamerika und die in einer aufstrebenden Wirtschaftsmacht wie Vietnam lebenden Menschen keine anderen Sorgen haben als den BDS? Und das in einer Zeit, in der sich die Verhältnisse zwischen Israel und immer mehr arabischen Staaten entspannen?

Wenn deutsche Kulturfunktionäre den BDS ins Haus holen, geht es mehr darum, den eigenen Antisemitismus über den Umweg eines imaginierten „globalen Südens“ auszuleben als um ein wirkliches Interesse an den Lebensumständen, Problemen und Wünschen der Milliarden höchst unterschiedlicher Menschen, die in den Staaten leben, die ihm zugerechnet werden. Und von denen viele davon träumen, in demokratischen und wohlhabenden Verhältnisse zu leben, wie sie im Westen vorherrschen. In fast kolonialistischer Attitüde suchen sie sich die Künstler und Intellektuelle aus, die ihren eigenen Antisemitismus und Hass auf den Westen formulieren.

Das ist das Problem. Und der Documenta-Skandal ist eine Gelegenheit, darüber zu sprechen.

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Stephan
Stephan
6 Monate zuvor

Kern des Problems ist, dass es eine staatliche Kulturszene gibt.

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