Duisburg: Klimaschutz braucht auch eine Pipeline

Große Pipeline-Rohre auf der STEGAL-Baustelle zwischen Weimar und Erfurt, Symbolbild für Leitungsbau.
Symbolbild: Rohre der STEGAL-Erdgaspipeline zwischen Weimar und Erfurt, 26. Oktober 2005; kein Bild des Delta Rhine Corridor. Foto: Thuringius / Wikimedia Commons, CC0 1.0.

Eine CO₂-Leitung durch Duisburg mobilisiert Waldschützer und Klimagruppen. Über ihren Verlauf kann gestritten werden. Über ihren Zweck sollte man vorher nachdenken: Wer im Ruhrgebiet Industrie erhalten und Emissionen senken will, braucht mehr als gute Absichten.

Die Deutsche Waldjugend Duisburg, Fridays for Future Duisburg und der BUND hatten für den 11. Oktober 2026 zu einer Demonstration gegen die geplante CO₂-Pipeline aufgerufen. Die WAZ hat dazu berichtet. Im Zentrum ihres Aufrufs steht der Duisburger Wald. Die Organisatoren sprechen von rund 17 Hektar, die durch die diskutierte Trassenführung betroffen sein könnten.

Das ist ein ernstzunehmender Einwand. Es ist aber noch keine Antwort auf die Frage, wie eine Industrieregion ihre schwer vermeidbaren Emissionen loswerden soll.

Der Bürgerverein Wedau/Bissingheim nennt 17 Hektar betroffenen Wald und weist darauf hin, dass die endgültige Trasse noch nicht feststeht.
Angaben des Bürgervereins Wedau/Bissingheim zur diskutierten Waldtrasse. Die 17 Hektar sind keine bereits genehmigte Rodungsfläche. Screenshot-Ausschnitt vom 11. Oktober 2026. Quelle: Projektseite des Bürgervereins.

Wofür die Leitung gebraucht werden soll

Open Grid Europe plant mit dem Delta Rhine Corridor eine rund 200 Kilometer lange unterirdische CO₂-Transportleitung. Zwei Abschnitte aus dem Raum Gelsenkirchen und aus Köln/Wesseling sollen im Raum Duisburg zusammenkommen. Von dort soll abgeschiedenes Kohlendioxid Richtung Niederlande und weiter zu Speicherstätten in der Nordsee gelangen. So beschreibt der Regionalverband Ruhr das Vorhaben.

Dahinter steckt ein Problem, das sich nicht mit einem Ökostromvertrag erledigen lässt. Bei der Zement- und Kalkherstellung entsteht CO₂ auch aus dem verarbeiteten Rohstoff. Solche Prozessemissionen verschwinden nicht allein dadurch, dass der benötigte Strom oder die Wärme klimafreundlicher erzeugt werden. Auch das Umweltbundesamt benennt diese schwer vermeidbaren industriellen Quellen.

Abscheidung, Transport und dauerhafte Speicherung können einen Teil dieser Emissionen von der Atmosphäre fernhalten. Das Verfahren heißt Carbon Capture and Storage, kurz CCS. Die Pipeline wäre ein Glied dieser Kette. Ohne Abscheideanlagen an den Standorten und geeignete Speicher am anderen Ende bleibt auch das beste Rohr nutzlos.

Die Debatte darüber ist älter als der aktuelle Duisburger Streit. Schon am 17. September 2019 plädierte der Bochumer FDP-Politiker Olaf in der Beek in einem Ruhrbarone-Gastbeitrag für technische Klimaschutzlösungen und den Einsatz von CCS ( Klimapolitik: Wir brauchen einen dritten Weg). Das war eine politische Position zur Technologie, keine Prüfung der heutigen Trasse. Die Grundfrage bleibt aktuell: Wie organisieren wir Klimaschutz, der industrielle Produktion hier ermöglicht?

17 Hektar sind ein Prüfauftrag

Der Bürgerverein Wedau/Bissingheim nennt für den diskutierten Duisburger Abschnitt etwa sechs Kilometer Länge und 28,5 Meter Breite. Daraus leitet er rund 17 Hektar betroffene Waldfläche ab. Auf derselben Seite steht allerdings auch, dass der endgültige Verlauf noch offen ist. Der Verein verlangt ausdrücklich die Prüfung walderhaltender Alternativen entlang vorhandener Infrastruktur.

Diese Forderung ist erstmal vernünftig. Ein gewachsener Wald hat einen Wert als Lebensraum und Erholungsgebiet. Wer dort bauen will, muss den Eingriff begründen. Zur ehrlichen Bilanz gehört auch, welche Flächen für die Bauarbeiten benötigt werden, was anschließend wiederhergestellt werden kann und was dauerhaft baumfrei bleiben müsste.

Diese Unterscheidung lässt sich aus der pauschalen Flächenzahl allein nicht ablesen.

Der Planungsstand ist dabei entscheidend. Nach Angaben des RVR geht es derzeit um eine Raumverträglichkeitsprüfung mit 600 Meter breiten Korridoren. Das ist die Breite des untersuchten Suchraums, nicht einer geplanten Rodungsschneise. Die konkrete Trasse muss erst in einem späteren Verfahren zugelassen werden. Die öffentliche Beteiligung läuft noch bis einschließlich 26. Oktober 2026; die Unterlagen sind online zugänglich.

Auch OGE muss liefern

OGE erklärt für sein CO₂-Netz, möglichst die Korridore vorhandener Infrastruktur nutzen zu wollen. Daran darf sich das Unternehmen messen lassen. Eine Waldtrasse ist nicht schon deshalb überzeugend, weil sie sich auf einer Karte einzeichnen lässt. Alternative Verläufe, ihre Eingriffe und ihre Kosten müssen nachvollziehbar verglichen werden.

Frank Börner, SPD, Mitglied des Landtages NRW (Foto: Peter Ansmann)
Frank Börner, SPD, Mitglied des Landtages NRW (Foto: Peter Ansmann)

Der aktuelle Bericht der Duisburger WAZ macht den Unterschied deutlich: SPD-Landtagsabgeordneter Frank Börner lehnt Pipelines nicht grundsätzlich ab, verlangt aber eine Alternative zur Waldtrasse.

Dem Bericht der WAZ zufolge bewertet OGE selbst eine waldumgehende Variante im Umwelt- und Raumordnungsvergleich günstiger, bevorzugt jedoch unter Verweis auf Leitungslänge und Kosten den kürzeren Verlauf. Das widerlegt den Nutzen der CO₂-Leitung nicht.

Es erhöht aber den Erklärungsbedarf für die konkrete Trasse: Klimaschutz ist kein Freibrief für die billigste Strecke.

Ebenso wenig genügt das Etikett Klimaschutz als Geschäftsmodell. Für die Bewertung des konkreten Vorhabens braucht es belastbare Antworten: Welche Industriebetriebe werden angeschlossen? Welche Mengen sollen sie liefern? Wie werden Transport und Speicherung bezahlt? Welche Emissionen werden unter Einrechnung des zusätzlichen Energiebedarfs tatsächlich vermieden?

Das Umweltbundesamt mahnt beim Einsatz von CCS zu Recht, dass die Technik die Vermeidung von Emissionen und den Umbau der Energieversorgung nicht ersetzen darf. Daraus folgt eine sorgfältige Auswahl der Anwendungen. Für Prozesse, deren Emissionen sich anders kaum beseitigen lassen, ist ein Transportweg ein handfestes Angebot.

Eine Industrieregion muss auch bauen können

Die Forderung nach einer besseren Trasse macht einen Bürgerverein noch nicht zum Gegner der Industrie. Umgekehrt wird aus einer CO₂-Leitung kein klimapolitischer Unsinn, weil Fridays for Future oder der BUND dagegen demonstrieren. Entscheidend ist, welche Kritik sich auf den Verlauf bezieht und welche das Vorhaben grundsätzlich ausschließen will.

Wer CCS pauschal ablehnt, muss erklären, wie die betreffenden Betriebe ihre Restemissionen stattdessen senken sollen. Wer die Leitung befürwortet, muss sich einer ernsthaften Prüfung ihrer Folgen stellen. Beides gehört zu einer Debatte, die mehr leisten soll als gegenseitige Verdächtigungen.

Für Duisburg spricht viel dafür, den Delta Rhine Corridor grundsätzlich zu ermöglichen und eine möglichst schonende Trasse zu finden. Der Anspruch muss sein, Produktion und Klimaschutz zusammenzubringen. Eine Industriepolitik, die jedes Werk erhalten möchte, aber jede dafür erforderliche Baustelle ablehnt, funktioniert nur auf dem Papier.

Autorenseite: Peter Ansmann
Diesen Artikel beobachten
Werbung

Dir gefällt vielleicht auch:

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x