Ein Leben voller Tiere

Es gibt keine Flederkatzen! Spätestens, als unser Kater Loki sich die Pfote beim Sturz vom Balkon brach, musste dies als Fakt angesehen werden. Knapp 5 Wochen ist das jetzt her. Es löste eine Odyssee aus – eine Odyssee von Tierarztbesuchen, Gefühlen und Gedanken. Welche Rolle spielen Haustiere, und welche Bedeutung haben sie insbesondere für mich selbst, und wieso hasse ich eigentlich Hunde nicht mehr – und habe ich sie je gehasst? Das alles habe ich hier aufgeschrieben – es ist viel geworden, aber es gibt auch einige süße Tierfotos. Und die ziehen doch immer.

Das letzte Kind hat Fell. Ich mochte diese Phrase nie. Tiere sind keine menschlichen Kinder. Ich finde es immer befremdlich, wenn jemand sowas wie „Komm zur Mama“ sagt, und damit etwas anderes als ein Wesen der eigenen Spezies anspricht. Menschen sind Menschen. Hunde sind keine Menschen. Katzen sind keine Menschen. Mäuse sind keine Menschen, und so weiter. Im Allgemeinen vertrete ich insgesamt die recht einfache Auffassung, dass man nur dann eine „Mama“ ist, wenn man das angesprochene Wesen in sich heranreifen spürte, und schließlich dann auch gebar, und man ein „Papa“ ist, wenn die eigenen Spermien Eingang in die Schöpfung des Wesens gefunden haben. Ja, es gibt natürlich auch Adoptionen, Patchwork und so weiter – aber ich denke, mein Punkt sollte klar sein.

Man mag mich nicht falsch verstehen. Ich mag Tiere. (Haha, mit Ketchup, haha. Oh Mann.) Ich hatte als Kind einen Hamster – das war aber ein doofes Tier. Mein Großvater, bei dem ich viel Zeit in Kindheit und Jugend verbrachte, hatte immer viele Katzen. Das waren zumeist Streuner, oder Katzen, die irgendwer nicht mehr haben wollte. Mein Opa nahm sie auf, als das, was man heute wohl „Freigänger“ nennen würde. In der Wohnung des Zechenhauses waren sie nicht willkommen: Für Oma waren Katzen kurz vor Ungeziefer, auch wenn sie sie nicht per se hasste. Aber ich erinnere mich daran, wie sie das ein oder andere Mal einer Katze einen Tritt verpasste, als diese durch den Hausflur zur Wohnung statt in das Refugium im Keller gehen wollte. Opa hat das nie gesehen, dafür trug Oma Sorge. Mein Opa ging liebevoll mit den Katzen um, vielleicht war das für ihn als schlesischer Steiger die Alternative zu dem urdeutschen Taubenzuchtgedöns. Und auch ich mochte all die Katzen. Vielleicht bin ich deswegen ein Katzenfreund geworden, aber nein, ich bin kein „Katzenmensch“. „Katzenmenschen“ ist ein zweifach aufgelegter Film aus den Jahren 1942 und 1982.

Rennmäuse und ihre Namen

Tatsächlich waren – und sind – meine persönlichen Lieblingstiere Rennmäuse oder, wie man auch sagt, Gerbile, wenn man ein wenig belesener oder englischsprachiger klingen will. (Wenn ich „Lieblingstiere“ schreibe, dann meine ich Haustiere, mein Lieblingstier generell ist wohl der Falke – natürlich, sonst würde ich wohl kaum für dieses Blog schreiben.) Ich habe immer 2 bis 4 Mäuschen zusammen gehalten. Ich mochte es, zu sehen, wie sie durch das Terrarium flitzten, im Sand buddelten, miteinander durcheinander wühlten, und dankbar jede Spielgelegenheit nutzten, die ich ihnen anbot. Ich weiß noch, wie ich sie in Anisöl badete, im Waschbecken meiner Junggesellenwohnung, damit sie den Geruch verlieren, und man einen neuen Artgenossen dazu setzen konnte, was auch klappte. Rennmäuse sind schnell, in allem, was sie tun. Und sie sind sozial im Umgang miteinander. Mag ich.

Ausgelacht wurde ich dafür, dass ich den Tierchen „normale“ Namen gab, ich erinnere mich, dass eine von ihnen – ich hatte nur Weibchen, weil das erste Pärchen, das ich kaufte, eben zwei Weibchen waren – Claudia hieß. Ich habe diese Lacher bis heute nicht verstanden: „Das ist doch kein Name für eine Maus.“ Wieso nicht? Es ist mein Tier, und ich kann es nennen, wie ich will. Ich hätte sie sogar Torben-Hendrick nennen können.

Das Ende meiner Rennmauszeit war leider wie aus einem Splatterfilm: es waren drei. Als ich morgens aufwachte und zum Terrarium ging, waren zwei von ihnen tot, und die Dritte hochaggressiv. Sie hatte die beiden anderen totgebissen und sogar angefressen. Der Tierarzt sagte bei der Untersuchung am selben Tag, dass sie – woher auch immer und wieso so plötzlich – eine Nekrose oder sowas, ich erinnere mich nicht mehr genau, am Hinterlauf hatte, und der Schmerz sie gewissermaßen wahnsinnig gemacht hatte. Ich ließ sie einschläfern. Da traf ich im Übrigen auf die Vermenschlichung: Ob ich den toten Körper mitnehmen wolle, fragte der Arzt. Nein, wollte ich nicht. Es war eine tote Maus. Eine Maus, die ich gemocht hatte, aber eben eine Maus, deren Lebenserwartung in der Natur kein Jahr und in Heimhaltung wohl im Durchschnitt zwei Jahre beträgt. Für die würde ich sicherlich keinen Minieichensarg holen. Natürlich war ich traurig. Es fehlte etwas, als ich nach Hause kam. Und ja, ich hatte auch mit meinen Mäusen gesprochen, ihnen vom Tag erzählt – aber nie auf eine Antwort gewartet, oder geglaubt, dass sie mich inhaltlich verstehen würden. Welche Erkenntnisse sollten Rennmäuse auch zu den Tagesproblemen eines Psychologiestudenten mit zunehmend unübersichtlichem Liebesleben haben? Eben.

Lulu und der Spaziergang

Ich lernte zwischenzeitlich eine sehr sympathische Golden Retrieverin samt Besitzerin – auch sympathisch – kennen. Ich habe lange Zeit Hunde überhaupt nicht gemocht oder gar Angst vor ihnen gehabt. Wir werden da noch sehr detailliert drauf schauen, aber es sei hier schon kurz gesagt, dass ich Hunde immer noch nur eingeschränkt verstehe. Körpersprache, Verhaltensweisen, Geräusche. Enigmatisch. Ich war dabei nie ein Hundehasser – auch, wenn mir das nachgesagt wurde. Trotz meiner damaligen Haltung zu Hunden, und ja, es hatte mit der Besitzerin zu tun, ließ ich mich dazu überreden, oder bot es selbstlos an, ich weiß auch das nicht mehr, mich um die Retrieverin Lulu einen Tag lang zu kümmern, und ging in diesem Kontext auch mit ihr spazieren – Hunde sind bekanntlich eine Spezies, die, trotz langem, langem Zusammenleben mit unserer Spezies, nicht die Fähigkeit entwickelt haben, eine Art eigene Toilette zu benutzen. Beim Ausführen Lulus traf ich auf ein Phänomen, das ich lange danach nicht mehr präsent haben sollte: Ich wurde andauernd angesprochen. Wie schön der Hund sei, und dies und das zum Hund. Menschen, die sie streichelten, und Nachfragen, ob ich hier öfter mit ihr spazieren ginge. Befremdlich. Übrigens habe ich erfahren, als ich um Fotos von Lulu bat, dass sie keine reine Gold Retrieverin war, sondern da auch noch ein Labrador drin war. Wie man das so sagt: mit drin sein.

Urin auf meiner Jacke: Paula

Aufgrund der Entwicklungen zwischen der Hundebesitzerin und mir kam es dann dazu, dass ich Lulu schließlich nicht mehr sah, und stattdessen in eine Wohnung mit einer Katze zog, die bereits zuvor meiner Ehefrau gehörte. Paula. So hieß die Katze. Wir hatten einen schwierigen Start. Sie kam aus einem Tierheim in Gelsenkirchen. War noch jung, aber schon verhaltensauffällig. Sie hatte auf der Straße gelebt – und gerade in Gelsenkirchen ist das sicherlich keine schöne Erfahrung. Sie war keine Katze, die man klassisch hätte streicheln können; obwohl, doch, schon, manchmal. Es war kompliziert. Zu Beginn wohnten meine Frau und ich in getrennten Wohnungen. Das ist bei allen Paaren so, die sich kennenlernen – es mag Ausnahmen geben, aber da dürften viele von §173 StGB bedroht sein. In jedem Fall übernachtete ich dann mitunter bei meiner (damals) zukünftigen Frau. Paula urinierte dann zielsicher nachts auf meine Kleidung. Nur auf meine Kleidung. Wiederholt. Wir haben das als Protest gegen meine Anwesenheit interpretiert. Das war natürlich ein Anthropomorphismus: eine Vermenschlichung von Tieren. Wir können letztlich kaum anders. Wenn du ein Hammer bist, ist jedes Problem ein Nagel. Vielleicht pinkelte die Katzendame auch auf meine Klamotten, weil sie anders rochen, oder was auch immer. Das änderte sich erst nachhaltig, als ich eine Woche katzensitten übernahm – auch so ein vermenschlichender Begriff. Ich fütterte Paula, machte ihr Klo sauber, streichelte sie, sprach mit ihr. Danach war meine Jeansjacke – ich habe wirklich einmal Jeansjacken getragen – nie wieder uringetränkt.

Schließlich zogen wir – meine Frau, Paula und ich – zusammen in eine Wohnung in Herne, in der wir knapp 15 Jahre verbringen sollten. Hier stellten sich die Wege für unser berufliches Leben, erlebten, was man halt in einer Wohnung erlebt – im Guten wie im Schlechten. Bla. Unsere beiden Söhne wurden hier geboren. So sagt man das ja – aber natürlich wurden sie einem Krankenhaus geboren. Wer ohne Not Hausgeburten machen will, soll das tun – ich hätte das nicht in unserem Schlafzimmer haben wollen, was wir im Kreissaal hatten. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden. Während der Schwangerschaften durfte ich die ehrenvolle Aufgabe der Katzenkloreinigung übernehmen – Toxoplasmose. Wenn ihr Kinder bekommen werdet oder habt, dann kennt ihr den Begriff. Wenn nicht, dann braucht ihr ihn auch nicht kennen. Schließlich war dann der erste Sohn da. Für Paula war die Situation neu – natürlich, woher hätte sie sie auch kennen sollen? Wir hatten von Verwandten wohlmeinende und erbauliche Berichte über Katzen vermittelt bekommen, in denen Katzen, aus reiner Boshaftigkeit und Eifersucht, des Nachts auf Babys zu springen pflegten, um sie zu ersticken. Ich habe gerade erstmals dazu gegoogelt, keine Ahnung, wieso ich das nicht schon 2012 machte. In jedem Fall habe ich einen Bericht dazu gefunden, von 2009, in der Daily Mail. So riesig scheint das Thema also nicht zu sein. Aber als frischgebackene Eltern haben wir uns Panik machen lassen, die noch davon unterstützt wurde, dass Paula tatsächlich versuchte, im Kinderbettchen zu liegen, allerdings nur, wenn das Kind nicht da war. Deswegen schlossen wir sie – zumindest eine Zeitlang – aus dem Kinderzimmer aus. Besondere Verhaltensweisen darüber hinaus zeigte Paula nicht. Der neue Mensch im Haushalt beeindruckte sie wenig.

Paula

Studien zeigen – ich habe keinen Bock, sie zu verlinken, wenn ihr mir nicht glaubt, googelt halt selbst –, dass Katzen Menschen als Katzen wahrnehmen, und Hunde Menschen als Nicht-Hunde. Ich muss sagen, ich finde den ersteren Ansatz, allerdings wieder aus menschlicher Perspektive, besser: Du bist zu groß, du hast zu wenig Haare, du kannst dich nicht selbst putzen oder jagen und besonders beweglich bist du auch nicht. Du siehst nicht aus wie eine Katze, du bewegst dich nicht wie eine Katze und du klingst auch nicht wie eine Katze. Aber hey, du bist in meinem Rudel, also bist du wohl eine Katze, und ich behandle dich dann auch mal so. Man bekommt eine Ahnung, wieso es Ententest und nicht Katzentest heißt. Vielleicht sind Katzen deswegen auch weniger aufgeregt in Gegenwart von Menschen, als es Hunde sind – was diesmal allerdings lediglich Ausdruck meiner eigenen anekdotischen Erfahrungen ist.

Schon dünner: Paula

Paula wurde im Laufe der Jahre immer dünner und dünner. Aber sie blieb agil, zeigte keine Anzeichen von Schmerzen, zog sich nur immer ein bisschen mehr zurück. Zum Tierarzt wollten wir nicht gehen. Alles Leben hat irgendwann ein Ende, und abermals: ein Tier ist kein Mensch. Das Entscheidende war für uns, dass sie eben weiter leben konnte wie bisher, bis sie dann starb – im Winter 2019. Dieses Jahr war für mich prägend, aus einer ganzen Reihe von Gründen, privat wie dienstlich, und Paulas Tod passte da leider rein. Meine Frau und ich saßen auf dem Balkon, als es plötzlich laut im Katzenklo rumpelte. Paula war darin umgefallen, und tot. Nicht unbedingt, was wir als Menschen als würdevollen Tod empfinden würden, obwohl, keine Ahnung – wenn ich tot sein werde, werde ich mir keinerlei Gedanken mehr machen, und am allerwenigsten darüber, ob ich beim Defäkieren das Zeitliche segnete. Hätte auch was Dramatisches: „Herner Ex-Journalist und Holograf († 91) tot auf Toilette aufgefunden!“ Ich weiß zwar noch nicht, was ein Holograf ist, und wann ich es werde, aber es steht ja in der Überschrift aus dem Jahr 2070 und damit muss es wahr sein. Paulas Tod berührte uns – er hatte für uns aber auch metaphorische Bedeutung vor dem Hintergrund des Verlaufs des Jahres. Wir ließen sie nicht tot im Katzenklo liegen, sondern ich legte sie in ein Körbchen und deckte sie bis zum Hals mit einer Decke zu. Insofern inszenierten wir sowas wie einen Sarg, und Sohn schlesischer Vorfahren, der ich auf einer Familienseite bin, musste ich natürlich das machen, was man halt als Schlesier macht, wenn man etwas Totes in einem Sarg sieht: ein Totenfoto. Genauer zwei, eines könnte ja nichts geworden sein. Meine Oma, genau, die, die Katzen trat, hatte ein Album, das verschiedentlich bei ihren Freundinnenbesuchen zum Einsatz kam, in dem Fotos von Verstorbenen in ihren Särgen zu sehen waren, und bei deren Betrachtung die Damen stets zuerst feststellten, dass der Tote gar nicht so schlecht in seinem Sarg aussähe, um danach dazu auszuführen, dass das Schlechte sich aber ja im Leben der Person hinreichend gezeigt habe.

Wohin aber mit Paulas totem Körper? Meine toten Mäuse hatte ich schlicht in den Restmüll geschmissen. Das war mir nur logisch erschienen. Sie waren klein und organisch. Restmüll. Paula war nicht so klein. Und tatsächlich war das emotionale Verhältnis zu einem Tier, das über ein Jahrzehnt da war, ein anderes als bei den Mäusen. Ein Begräbnis ging dann aber doch zu weit. Hätten wir da einen großen Garten gehabt, hätten wir das möglicherweise getan. Ich bin aber auch generell kein Freund von Gräbern. Also, von konkreten Gräbern. Ich schaue mir gerne historische Grabmale und auch schöne Friedhöfe an, aber ich habe nie dem Brauch etwas abgewinnen können, einem verstorbenen Menschen dadurch zu gedenken, an den Ort zu gehen, an dem sein toter Körper unter der Erde liegt. Tote leben für mich durch Erinnerungen und Verhaltensweisen und Gedanken weiter, die ich aus der gemeinsamen Zeit mit ihnen gewonnen habe. Und diese Erinnerungen kommen einfach immer mal wieder – oder eben nicht, dann muss ich mich aber auch nicht zu solchen zwingen.

Paula

Schließlich rief ich eine Dame an, deren Nummer ich im Internet gefunden hatte, die Tiere bestatte. Sie bot an, Paulas Körper abzuholen, was ich ganz angenehm fand. Mir wurden verschiedene Bestattungsangebote gemacht. Das Günstigste war die Verbrennung, und ja, das nahm ich dann. Ob ich die Asche wieder haben möchte, wurde ich dann gefragt, und verstand die Frage tatsächlich nicht, sondern erst auf mehrfache Nachfrage. Wieso sollte ich mir die Asche meines verstorbenen Tieres ins Bücheregal stellen wollen? Wieder so eine Sache, die ich schon bei Menschen nicht nachvollziehen kann, wie dann erst bei Tieren? Die Dame wiederum konnte erst gar nicht verstehen, dass für mich mit dem Akt der Verbrennung das ganze Thema enden sollte. Sie wollte mir noch irgendwelche Bescheinigungen über die Art oder so der Einäscherung geben – ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr. Am Ende war Paulas Körper dann weg. Und wir blieben bis 2021 tierlos. Wir verlassen aber jetzt für einige Absätze unsere private Katzensituation, und wenden uns stattdessen Hunden zu.

Hunde. Wie bereits benannt, man erinnere sich an Lulu, waren Hunde an sich nie meins. Ich hatte seit meiner Kindheit vor Hunden mitunter deutliche Angst. Ich habe keine Ahnung, woher das kommt. Ich kenne jede Menge Lerntheorien der Angst, und wenn ich da so darauf schaue, dann ist es vielleicht eine Kombination aus sozial imitierter Angst gepaart mit eigenen negativen Ereignissen mit diesen Tieren, die wiederum dann natürlich kognitiv betont abgespeichert wurden.
Es gab in meiner Kindheit einen Hund, einen Cocker-Spaniel namens Sherry, Hund der Nachbarn meiner Großeltern, mit dem ich ein enges und positives Verhältnis hatte. In meiner Lerngeschichte machte ich aus ihm aber einen „true Scotsman“: Alle echten Hunde waren doof, Sherry war kein echter Hund.

Ich erinnere Hunde meiner Familie in Polen, oder Hunde auf Seiten meines damals besten Freundes, die andauernd kläfften, die Zähne fletschten, und vor denen ich auf der Hut sein sollte und wohl auch musste. Ich erinnere Hunde, die meinen Vater und mich im Wald angingen, als wir mit Fahrrädern an ihnen vorbei fuhren, und dass ich dann aus Panik beschleunigte, weil der Hund mich nicht erwischen sollte. Ich erinnere Hunde, die mich im Recklinghäuser Süden, wo ich bis zum Gymnasium durch die Gegend tigerte, ansprangen oder beißen wollten. Das Schlimmste in den knapp 3 Jahrzehnten – bis sich etwas änderte – waren aber immer die Klischeeaussagen, nach denen eben jenes Tier doch nichts tue oder nur spielen wolle. Weniger kann man in seiner Angst nicht ernst genommen werden. Getoppt wurde und wird diese Aussage letztlich aber nur noch von der Bemerkung, man sehe doch dies oder jenes am Verhalten des Hundes. Ich sah da lange, lange Zeit gar nix, und auch heute vertraue ich meinen Eindrücken null. Diese Aussage war für mich immer so, als würde ich einem Deutschen sagen: Wieso verstehst du mich nicht, wenn ich polnisch spreche – die Sätze sind doch alle eindeutig und deutlich ausgesprochen?

In jedem Fall kultivierte ich meine Angst vor und mein Unverständnis von Hunden. Ich fing an, die Straßenseite zu wechseln, wenn mir jemand mit einem Hund entgegenkam, zuerst nur bei großen, dann auch bei mittleren Hunden. Da ich nicht jedem sagen wollte, dass ich eben mitunter Angst vor Hunden habe, auch, weil dann unweigerlich Analyse- und Therapievorschläge folgten, sagte ich stattdessen immer konsequenter, dass ich eben Hunde nicht möge. Und das verankerte sich. Auch bei mir.

Tatsächlich ist es mittlerweile so, dass Hunde schlicht nicht meine Lieblingshaustiere sind. Ich respektiere sie, so wie ich es respektieren kann, dass jemand gerne Stillleben als Kunstform mag. Kann man machen, ist nicht meins, lehne ich jetzt auch nicht besonders ab, und an einzelnen Exemplaren kann man sogar großen Gefallen finden, aber ich muss mir deswegen nicht die Wohnung voll davon packen. Wie kam es zu diesem Umdenken – das war ein langer Prozess.

Ich habe mich 2010 selbstständig gemacht. 2011 kamen dann die ersten beiden Mitarbeiterinnen zu mir, damals als unbezahlte Langzeitpraktikantinnen, mit denen ich gemeinsam das Unternehmen aufbaute. Mit beiden darf ich immer noch zusammenarbeiten, wofür ich wirklich dankbar bin. Wichtig aber für uns hier: Hunde waren bei den Damen ein Thema. Ich weiß gar nicht, welcher Hund der einen Mitarbeiterin zuerst da war, aber sie brachte ihn in unser erstes Büro, als Untermieter auf der Bochumer Straße im Recklinghäuser Süden, mit. Er ist Mitglied einer jener Hunderassen, die die meisten Menschen, oder zumindest ich, unter „Kampfhund“ verorten würden.

Und ja, der tut nix und sowas alles. Schau, wie lieb der ist. Aber die gesamte Optik triggerte mich und meine Angst. Und ich tat das, was das Falscheste war: ich bat darum, dass das Tier nicht mehr ins Büro kommen möge. Tatsächlich habe ich vor Pitbulls, Staffordshire-Terriern, Dobermännern, Bullterriern und Rottweilern immer noch Angst. Vor allem vor letzteren beiden Hunderassen massive Angst, aus verschiedenen Gründen. Mit einem Rottweiler habe ich über lange Monate einer Beziehung wirklich ungewöhnlich negative Erfahrungen gemacht, die ich hier aber nicht ausführen werde. Sagen wir es so: Ich wurde von einem zähnefletschenden Hund belauert. Woher das mit den Bullterriern kommt, weiß ich nicht. Aber wenn ich schon die Kopfform sehe, zieht sich bei mir im Bauch etwas zusammen. Irgendwann gehe ich auch das Thema Kampfhundeangst mal an. Vielleicht aber auch nicht.

Und dann war Rudi da

Was ich aber zunehmend bei meinen Mitarbeiterinnen lernte, war, welche enge Verbundenheit sie mit ihren Tieren hatten und haben. Es kamen weitere Mitarbeiterinnen hinzu, der erste Mann wurde erst 2018 eingestellt, und mit den Mitarbeiterinnen kamen Hunde dazu. Die kamen zwar vorerst nicht mit ins Büro, aber es wurde von ihnen erzählt, und ja, es wurde von ihnen berichtet, als seien es Kinder. Ich habe meine Haltung dazu immer benannt, und meine Mitarbeiterinnen sind bei ihren Haltungen geblieben. Was blieb mir als Arbeitgeber da anderes übrig, als diese Haltung meiner Mitarbeiterinnen für die Firma zu akzeptieren. Fortan und bis heute ist es für mich OK, wenn jemand wegen eines kranken Hundes nicht zur Arbeit kommen kann, oder eine Hundebetreuungslücke hat und sowas alles – sprich, wenn irgendetwas ist, was man auch bei einem Kind entsprechend berücksichtigen würde. Es ist ja letztlich so, dass sie sich um ihre Tiere kümmern müssen, und wie könnte man da reinreden wollen, und ein vermeintliches Zuviel an emotionaler Nähe benennen? Für mich änderte sich dadurch in jedem Fall schon einmal das Bild von Hunden als bewusstseinslose Triebmaschinen, die einfach nur Menschen und andere Dinge beißen und zerreißen wollen.

Dann kam ein Hund, der wirklich viel an meiner Hundewahrnehmung änderte: Rudi. Seit 2014 arbeitete meine spätere Assistenz für mich, und sie hat, seit 2017 müsste das sein, eben jenen Rudi. Zur Hundebesitzerin sollte man für den weiteren Verlauf wissen, dass sie einer meiner besten Freunde werden sollte und zum anderen, dass sie im Hundesport aktiv ist, und wenn ich ihre Aussagen dazu richtig erinnere, dann ist es so, dass sie bereits kurz nach ihrer eigenen Geburt den Kreissaal mit einer Schleppleine samt Hund verließ. Und meine Erinnerungen sind stets akkurat.

Gangster scheuen das Licht der Öffentlichkeit: Rudi

Bevor wir zu Rudi kommen, gilt es das kurz zu vertiefen: Diese ganze Hundesportwelt ist eine unglaublich faszinierende Sache für mich. Ich finde es spannend, die ganzen Fachbegriffe zu hören, Abläufe erklärt und kontroverse Diskurse erläutert zu bekommen, stets versehen mit einer Einordnung durch die eigene Meinung. Mindestens die Hälfte dessen, was ich erzählt bekommen habe, habe ich sicherlich vergessen. Aber es hat einfach etwas von einer Parallelwelt – Geschichten von Tieren, von Vereinen und Vereinsleben, von Rassestandards, von Entwicklungen im Training und natürlich immer und immer wieder von Menschen. A whole new world! Das Coolste ist, dass ich keine zu dumme Frage stellen kann, wirklich keine, sondern sie immer wieder beantwortet bekomme. Ich habe in den Geschichten Deutschsein wiedergefunden, aber auch viele Berichte von besonderen Beziehungen zwischen Hunden und ihren Besitzern.

Rudi ist ein kleiner Mischling. Fragt mich nicht nach den Rassen, die da drin sind, so eine braune Straßenhundoptik. Der Schwanz ist kupiert – und ich möchte darauf hinweisen, wie sicher ich diesen Fachterminus anwende. Rudi lebte zunächst in Portugal, und anders als Hippies hatte er dort augenscheinlich keine gute Zeit. Über Zwischenstationen kam er dann zu seiner Besitzerin. Nicht zu Beginn, aber zunehmend, zeigte sich, dass Rudi wirklich hart einen am Helm hatte. Für mich wichtig: Relativ früh kam er ins Büro mit – das mittlerweile im Herner Süden war. Sagen wir es, wie es ist: Rudi ist ein Arschloch. Rudi kläfft und bellt über lange Minuten, oder war es eine halbe Stunde? Er knurrt aus dem Nichts, und er würde auch beißen, wenn man im falschen Moment ihm oder der Besitzerin zu nahe kommt. Und manchmal rennt er süß durch die Gegend und springt an einem hoch. (Das kann ich übrigens bis heute nicht leiden: Hunde, die an mir hoch hüpfen wollen. Wieso wollt ihr das?) Das Spannende ist aber: Ich hatte vor Rudi nie Angst, Respekt auf jeden Fall, Vorsicht lasse ich auch unumwunden gelten, aber Angst, nein. Ich glaube, das liegt zu einem großen Teil daran, dass das erste Hund war, bei dem mir nicht versucht wurde zu erklären, dass doch ganz einfach zu lesen sei, was er wolle oder was er machen werde. Das ist es – für den Nicht-Besitzer – eben einfach nicht. Ja, klar, Rudis Optik kommt natürlich auch hinzu. Dasselbe Verhalten von einem Bullterrier, und wir beide wären nicht mehr gemeinsam im Büro gewesen.

Rudi ist schlau – wenn er Bock hat. Ich habe erstmals einen Hund überlegen sehen. Oder es für mich so wahrnehmen können. Es gab Situationen, die den Aha-Momenten von Köhlers Affenversuchen unfassbar ähnlich waren, oder, abermals, eben von mir so wahrgenommen werden konnten. Ich mag Rudi. Durch manch ein dienstliches Telefonat bellte Rudi, der Besitzerin unangenehm, von mir aber entweder nicht wahrgenommen oder meinem Gesprächspartner gegenüber benannt: „Das ist unser Bürohund. Der hatte ein schweres Leben. Diesdas.“ Spannenderweise haben alle, wirklich alle, Gesprächspartner, mit denen ich es zu tun hatte, auf solche Erläuterungen, auch jetzt mit meinem Kater, immer positiv reagiert. Es scheint die Menschlichkeit unter Menschen zu erhöhen, wenn sie sich von eigenen Tieren erzählen können.

Ich nehme großen Anteil an Rudi. Tatsächlich ist es so, dass er der erste Hund ist, dem ich eine voll umfängliche eigene Persönlichkeit zugestehe, wahrscheinlich, weil er gerade so anders ist. Er hat auch besondere Eigenheiten, die nach menschlichen Begriffen wie Zwangsstörungen aussehen, die ich aber hier nicht genauer erläutern werde. Vielleicht fände Rudi das doof. Ich habe bei ihm auch nicht dieses Gefühl, das ich sonst stark bei Hunden habe: dass sie bereit sind, alles zu tun, nur um zu gefallen.

Mittlerweile hat Rudi das Büro verlassen, da meine gute Freundin an anderer Stelle beruflich tätig ist. Aber es ist tatsächlich immer wichtig für mich zu erfahren, wie es Rudi geht, und was er so macht. Wenn ich könnte, hätte ich sicherlich das ein oder andere Mal direkt mit Rudi telefoniert, für eine unmittelbarere Kommunikation. Und viel stärker vermenschlichen kann man nicht, oder? Doch kann man – das kommt noch.

Dexter

Ein Kalb und ein Fußballer: Dexter und Sammy

Wir haben dann noch einen Rhodesian Ridgeback-Weimaraner-Dogge-Mix im Büro, den ich aber aufgrund der Arbeitszeiten nur selten sehe, bei dem ich aber lernte, dass auch große Hunde völlig handzahm sein können. Vielleicht sogar noch zahmer als kleine Hunde. Dexter heißt er. Und er ist letztlich ein Kalb – von der Größe aber auch vom Verhalten her. Bei ihm habe ich das Gefühl, das wohl bei vielen großen Hunden vorkommen soll: Er scheint sich, mit Blick auf seinen Platzbedarf, für deutlich kleiner zu halten, als er eigentlich ist. Ich habe mich da schon öfter gefragt, ob Hunde vielleicht kein oder nur ein eingeschränktes internes Körperschema haben, habe bisher aber nicht die Muße gefunden, mich da genauer zu informieren.

Neu im Büroteam ist nun Sammy, ein Australian Shepherd, der meiner neuen Assistenz gehört. Das ist dann nochmal ein ganz anderer Hund: einfach nur lieb, humorvoll wirkend, wenn er einem sein Spielzeug hinhält und dann wegzieht, bevor man es nehmen kann, und verspielt. Er überzeugt beim Fußballspielen, und trottet unfassbar bemüht neben einem her, wenn man eben jenen Ball dann sucht.

Ich denke, an dieser Stelle kann ich dann das Thema „Hunde“ – vorerst – verlassen. Kehren wir zu Katzen zurück. Genauer Siamkatzen. Denn in den Jahren seit Paulas Tod war ich immer mehr zu der Erkenntnis gelangt, dass ich in Zukunft eine Katze haben möchte, und dass es eine Siamkatze sein soll. Ich finde diese Rasse einfach unfassbar schön und elegant und klug aussehend, und könnte jetzt hier in kindlicher Begeisterung dazu ausführen. Ich spare es mir, und bleibe bei: Ich finde sie unfassbar schön. Ein neues Haustier kam aber nicht in Frage, bevor wir ein lang gesuchtes Haus gefunden und bezogen hatten. Sagte meine Frau. Ich musste ihr leider Recht geben.

Sammy

Anfang 2021 waren wir dann in unserem Haus angekommen. Katze, Katze, Katze. Katze, Katze. Ja, nein. Es gab immer wieder Gründe, wieso es gerade doch nicht passte. Und ich drängelte und drängelte, vergaß es aber manchmal wieder, und drängelte und quengelte dann wieder. Erwachsen, wie man so mit Anfang 40 eben ist. Dann passierte es: Wir kamen im August aus einem Urlaub wieder, oder wo auch immer wir da waren, auf jeden Fall sagte meine Frau plötzlich, es war ein Samstag: „Wenn du eine Katze holen willst, dann musst du aber auch das ganze Zeug kaufen, das man braucht.“ Ich verstand erst nicht, zwei Sätze später verstand ich, küsste meine Frau, die Sonne warf einen perfekten Sonnenstrahl auf unsere Gesichter, Schwalben flogen mit einer Banderole um uns herum, in der Ferne hörte man sanfte Pianoklänge – aber da war ich auch schon unterwegs, und keine Stunde später hatte ich alles zusammen, was man für einen Kater brauchte. Weitere 2 oder 3 Tage später war es soweit: Loki war da.

Loki an seinem ersten Tag bei uns

Ein Siam-Birma-Mix-Kater, 3 Monate alt. Und einfach das unfassbar süßeste Katzentier, das jemals auf diesem Planeten gelebt hat. Auch hier spielte der Zeitpunkt eine Rolle: Wie sehr viele hatte auch mich Corona sehr durchgeschüttelt, und Loki war der absolute Lichtblick, nach fast 1,5 Jahren Corona-Leben. Und er war einfach unfassbar süß – sollte jemand den zweiten Satz dieses Absatzes nicht aufmerksam gelesen haben.

Loki Superstar

Seitdem wohnt Loki bei uns. Und er ist mein Kater, und der Kater meiner Frau, und der Kater meines großen Sohnes, und der Kater meines 4jährigen Sohnes. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Loki ist nicht unser aller Kater! Jeder von uns sieht ihn einzeln als seinen Kater an. Ich hatte noch nie eine solche emotionale Beziehung zu einem Tier. Ich glaube, da kommt einiges zusammen. Ich hatte mir eben lange ein solches Tier gewünscht. Wir haben ihn, seit er ein Kitten ist, so dass man das Aufwachsen miterlebt. Er hat keinerlei Scheu, da er, anders als Paula, keinerlei negative Erfahrungen mit irgendwem oder irgendwas gemacht hat. Und rassegemäß ist er sehr verspielt und lernbereit. Aus der Hundetrainingswelt habe ich mir seinerzeit das Klickertraining erklären lassen, und Loki bekommt es mittlerweile auf das Kommando „Hoch“ hin, sich auf die Hinterpfoten zu stellen, und meine Hand zu touchen – seht, wie sicher ich diese Begriffe nutze.

Mit der emotionalen Beziehung geht aber die zunehmende Vermenschlichung und vergrößerte Empathie einher. Als ich mit Loki – dessen Name sich übrigens auch je nach Familienmitglied anders herleitet – zum Impfen war, und die Tierarzthelferin ihn festhalten musste, bevor er die Spritze bekam, und als er dann zusammenzuckte, als die Spritze in seinen Körper eindrang, war ich wirklich fertig, und brauchte danach erstmal zwei Schnäpse.

Bürokater

Lokis Leben verwob sich von Tag zu Tag stärker mit unserem, mit meinem Leben, und schließlich wurde er zum ersten, stundenweisen, Bürokater. Da war es wiederum spannend zu sehen, wie die Mitarbeiterin – die mit dem Kampfhund – zuerst nicht so richtig mit ihm umzugehen wusste, und ich so sinnvolle Dinge sagte wie: „Der zeigt schon, was er will – die Körpersprache ist doch eindeutig.“ Ja, ich merke es ja selber.

Und dann passierte es: Vor knapp fünf Wochen fiel Loki von unserem Balkon. Ich konnte das gar nicht erfassen, als er da mit Blut am Mund und schwer Luft pumpend im Flur saß und nicht richtig auftreten konnte. Ich stand unter Schock: mein Kater! Der darf nichts haben, das darf jetzt nicht real sein. Es ist doch einfach alles schön mit ihm. Das darf nicht sein. War es aber. Meine Frau sortierte mich und die Situation. Zum Tierarzt. Natürlich, ja. Nur wo? Es war selbstredend Samstag. So etwas passiert ja immer – wie Zahnschmerzen – zwischen Freitagnachmittag und Sonntagnacht. Ich telefonierte, und machte den Fehler, nicht direkt auf die Hinweise zu hören, die mir die Tierklinik Dr. Apelt in Essen empfahlen. Kam mir zu weit vor. Stattdessen entschied ich mich für eine Tierklinik in Recklinghausen. Ich packte den Kater in die Transportbox und auf die anderen Sitze meine beiden Söhne und wir fuhren hin. Und warteten knapp 3 Stunden, bis wir an der Reihe waren, und dann noch eine weitere Stunde während der Behandlung. Wir waren alle aufgelöst, und ich weiß gar nicht, ob ich meiner elterlichen Verantwortung, die Kinder zu beruhigen, wirklich gut nachgekommen bin – wahrscheinlich war es eher ausbaufähig.

Schließlich die Diagnose: Elle an- bis durchgebrochen, keine inneren Verletzungen, das Blut am Kinn letztlich nur eine Schramme. Röntgenbilder wurden mir gezeigt, und vorgeschlagen, dass nicht operiert würde, sondern ein Verband dran käme. Für acht Wochen. Ich stimmte zu. Die acht Wochen hatte ich tatsächlich zuerst nicht gehört, nicht wahrgenommen. Die Ärztin wiederholte das aber nochmal: acht Wochen sollte Loki am besten durchgängig in der Box sein. Dann wäre wohl wieder gut. Acht Wochen. In der Box. Ein Kater, der ansonsten, in der ersten vollen unkastrierten Blüte seines Lebens, durch die Gegend rannte, sprang und auch sonst kaum in seinem Bewegungsdrang – zumindest stundenweise – zu bändigen war. Das waren 1344 Stunden. Das wollte nicht in meinem Kopf, und die Ärztin, die wirklich nett war, konnte es verstehen, und relativierte ihre Aussage ein wenig.

Wirklich schlucken musste ich, als ich dann die Rechnung bekam. Wir waren bei über 800 €. Das ist zum einen viel Geld, und zum anderen hatte ich mit vielleicht 300 oder 400 € gerechnet. Ich habe in den folgenden Tagen viel Spott für meine Naivität bekommen, so wie mir auch meine Idee ausgetrieben wurde, jetzt noch eine Katzenkrankenversicherung abzuschließen. Meine Güte, ich musste daran denken, was Menschen tun würden, die sich das einfach nicht würden leisten können, zumal die Klinik, mit mehreren Hinweisen, Ratenzahlung ausschloss. Was macht man dann? Sich das Geld zusammenleihen? Gar nicht erst zum Tierarzt fahren? Ich weiß es nicht. Das macht mich nachdenklich. Zuhause bereiteten wir für Loki eine Zeltmuschel vor, die wir noch aus Babyzeiten unserer Jungen hatten, und schufen ihm dadurch ein kleines Domizil, stellten es ins kleinste Zimmer unseres Hauses, und dachten uns: Das ist zwar eng, aber das wird.

Loki

Es wurde nicht. Am Nachmittag des nächsten Tages mussten wir feststellen, dass Loki sich den Verband abgestrampelt hatte. Wieder in die Transportbox, wieder zur Klinik, wieder Warten, drei Stunden. Mit dem seltsamen, aber wohl auch nicht unüblichen Prinzip, dass mir nur die grobe Wartezeit von drei Stunden mitgeteilt wurde, aber mir gleichzeitig verboten wurde, mich vom Gelände der Klinik zu entfernen, da sonst mein Warteplatz verfalle. Ich fragte, ob es denn passieren könnte, dass ich schon nach zwei Stunden dran sei, was klar zurückgewiesen wurde. Ich verstehe immer noch nicht, wieso ich mich dann nicht hätte für zumindest 2 der 3 Stunden entfernen dürfen. Ich glaube auch nicht, dass es irgendjemanden aufgefallen wäre. Aber es ging um Loki. Ich nahm die Transportbox und setzte mich draußen hin und wartete.

Die Anderen sind immer anders

Das Seltsamste für mich da und bei Folgeterminen bei Tierärzten waren die anderen Tierbesitzer, die man tatsächlich anhand ihrer Tiere und auch in ihrem Verhalten unterscheiden konnte, wie es in einem Comic nicht stereotyper hätte sein können: Kaninchen, Katzen und Hunde. Wir Katzenbesitzer sitzen zumeist mit unseren Transportboxen einfach da, sprechen ab und an unser Tier an, und nicken ansonsten den anderen Menschen aufmunternd zu. Kein Katzenbesitzer sprach mich bisher mit folgendem Satz an: Oh, geht es ihr nicht gut? Mal abgesehen davon, dass Loki, an den Klöten gut erkennbar, wenn er eben nicht in der Box ist, ein Er ist, war ich jedes Mal versucht zu antworten: Doch, alles super, aber ich wollte einfach mal so einen halben Tag mit ihm beim Tierarzt abhängen. Keine Ahnung, ob es Menschen gibt, die sowas machen – aber es gibt ja auch Menschen, die, ohne Notwendigkeit, in ein Stauende fahren.

Die Kaninchenbesitzerinnen, die ich traf, waren alle 3 – eine äußert kleine Stichprobe – sehr hektisch und aufgelöst und berichteten viel. Eine davon erzählte mir ihre Lebensgeschichte, ohne dass ich proaktive Signale senden wollte. Davon, dass sie noch einen Sittich hat, dass das Kaninchen eigentlich ihrer Tochter gehört hatte, dass sie keinen Kontakt mehr zu dieser hat, aber dass sie trotzdem in die Nähe ihres Wohnortes wird Urlaub machen fahren, dass sie alles tun wird, um das Leben des Kaninchens zu retten, aber dass sie wird akzeptieren müssen, wenn es dann nicht mehr ist. Ich gestehe, dass ich in dem Moment angenervt war, aber mir Mühe gab, empathisch rüber zu kommen. Man muss kein Psychologe sein, um zu erkennen, wofür das Leben des Kaninchens für die Dame wirklich stand. Was mich wirklich berührte, war dann aber, dass die Dame auf dem Parkplatz dann von Tierbesitzer zu Tierbesitzer ging, um allen eben jene Geschichte zu erzählen. Das Kaninchen wurde übrigens über Nacht in der Klinik behalten, wo am nächsten Tag eh irgendwas an den Zähnen gemacht werden sollte.

Die Hundebesitzer hingegen sind da ganz anders, und letztlich die heterogenste Gruppe, aber auch die zahlenmäßig größte Gruppe, was insofern dann doch überrascht, als dass es in Deutschlands Haushalten etwas über 15 Millionen Katzen aber nur 10 Millionen Hunde gibt. Meine Erklärung ist die, dass Hunde vielleicht zum einen mit Blick auf die Größe des Tieres und die Zuchten krankheitsanfälliger sind und zum anderen durchweg ja draußen unterwegs sind, und es da ein Mehr an Gefahrenquellen gegenüber einer Wohnung gibt. Keine Ahnung, ob das so stimmt, aber ich würde schätzen, dass ca. Dreiviertel der Patienten Hunde waren. Erkennbar suchten die Hundebesitzer am meisten das Gespräch und ließen sich auch am stärksten darauf ein. Da wurden Kranken- und Lebensgeschichten diskutiert, wohlgemerkt diejenigen der aktuellen, aber auch ehemaliger Hunde, wie ich das sonst nur von Omas Treffen mit ihren Kaffeeklatschdamen kannte – wir sprachen oben davon. Auch die Krankheitsfälle der anderen Tiere, die schon in den Behandlungsräumen waren, wurden erörtert. Ich war mehrfach beeindruckt, wieviel ein Hundebesitzer per kurzer Inaugenscheinnahme eines anderen Hundes an Diagnosen stellen und Therapiewege beschreiben kann. Ich kann das nicht. Aber ich bin ja auch ein Katzenbesitzer.

Was aber noch auffiel, war die starke Verbindung, derer sich die Hundebesitzer immer wieder mit Blick auf ihre Hunde versicherten. Man würde eher nicht in den Urlaub fahren, oder gar nichts zu essen haben, anstatt das Tier nicht zu behandeln, und es wurde in einem anderen Gespräch ausgeführt, dass der gegenständliche Hund der „Seelenhund“ sei – wie ich lernte, die Bezeichnung für eben jenen einen Hund unter den Hunden eines Hundebesitzers, mit dem eine besondere emotionale Beziehung besteht. Tatsächlich irritiert mich dieser Begriff immer noch. Aber auch da: soll halt jeder meinen, wie er meint – oder eben sie im beschriebenen Fall.

Mit den Hundebesitzerinnen in meinem Umfeld reflektierte ich dann die beobachteten Unterschiede. Dabei wurde ich auf einen spannenden Punkt aufmerksam gemacht: Für Hundebesitzer ist es normal, sich mit anderen Hundebesitzern auszutauschen, wenn man beim Spazierengehen, vielleicht sogar regelmäßig, aufeinander trifft. Diese soziale Erfahrung machen wir Katzenbesitzer schlicht nicht.

Als Lokis Verband an jenem Tag schließlich neu gemacht wurde, wurde ich dann doch sehr passiv-aggressiv darauf angesprochen, dass er eben 8 Wochen in der Box sein solle. Seitdem ist die Zeltmuschel zu, und der Kater sitzt da drin. Wasser, Futter, Klo und Körbchen sind in der Muschel, zunehmend oft holen wir ihn raus. Am Anfang aber nicht. Sollten wir nicht. Und er schrie, und schrie, und schrie, und schrie. Jämmerlich. Das Schlimmste ist ja: du kannst dem Tier nichts erklären. Sonst wäre es ja keine Katze, kein Hund, kein Kaninchen.

Für die Recklinghäuser Tierklinik sind wir Asis

Beim nachfolgenden Verbandswechsel thematisierte dann meine Frau, dass wir das hygienisch mitunter schwierig finden, und dass wir uns auch Sorgen um Muskelatrophie machten, und tatsächlich auch die Angst haben, dass der Kater da am Rad dreht. Die Transportbox in die Hand nehmend wies der Arzt das alles zurück, und belächelte meine Frau, um ihr dann, nach dem Verbandswechsel, mitzuteilen, wie es denn sein könne, dass Loki Urin am Verband habe. Meine Frau benannte, dass genau das ja gemeint war: der Kater falle wohl schlicht mit dem Verband hin, und dieser dann in den Urin. Das gehe ja gar nicht. Und wir sollten vielleicht das Klo sauber machen. Ich war nicht dabei, aber ich glaube meiner Frau, dass eine Mischung aus Unglauben und Wut sich in ihr ausbreitete und sie überrumpelt benannte, dass wir mindestens einmal am Tag das Klo sauber machten. Das nahm der Arzt ihr nicht ab, und gab ihr den Hinweis, dass wir dann Klumpstreu nutzten sollten. Meine Frau wies darauf hin, dass wir das taten, und bekam zur Antwort, dass wir dann vielleicht nicht das Billigste nutzen sollten. Und am besten strikte Boxenruhe, und auf die Frage wie das mit der Muskelatrophie sei, der süffisante Hinweis, dass der Kater sich bisher ja auch hätte gut bewegen dürfen. Wir werden nie wieder einen Fuß in diese große Tierklinik in Recklinghausen setzen.

Stattdessen fanden wir hier in Herne in Dr. Kanti einen wirklich tollen Tierarzt. Ich habe eines gelernt: Die Meinungen über Tierärzte gehen so weit auseinander, wie die Meinungen über Fußballvereine. Das Ganze hat parareligiöse Züge. Aber tatsächlich sind alle, mit denen ich persönlich über Kanti gesprochen habe, von diesem angetan. Das Beste: Du kommst dann dran, wenn du den Termin hast, und alles wird dir in Ruhe erklärt, bis du es verstanden hast. Wir waren zweimal da, bevor er dann in Sommerurlaub ging, und Loki bekam sowohl zweimal einen neuen Verband als auch neue Röntgenbilder. Und mir wurde zugestanden, dass ich natürlich den Kater rausnehmen solle, um ihn zu kuscheln und zu streicheln. Ich weiß gar nicht, wem das mehr bedeutete: mir oder dem Kater.

Aber, wie es eben so ist: wieder an einem Wochenende strampelte sich Loki den nächsten Verband ab. Tierärzte haben am Wochenende entweder zu, sind auf Fortbildung, gerade nicht in der Praxis oder bekommen keinen Patienten mehr dazwischen geschoben. Ich hatte tatsächlich keine Ahnung von dieser Mangelsituation, die mir seither viele Tierbesitzer – eigentlich alle, mit denen ich gesprochen habe – bestätigten. Auch hier bin ich ins Nachdenken gekommen. Ja, ich finde, dass der Markt regelt, aber irgendwas läuft da schief. Ich verstehe es marktwirtschaftlich nicht, wieso ein Tierarzt, der locker das Doppelte an Patienten behandeln könnte, nicht einen weiteren Tierarzt einstellt, wodurch dann ja der Umsatz und damit hoffentlich auch der Gewinn der Praxis gesteigert würde. Beim Googeln habe ich herausgefunden, dass es zu wenig Tierärzte gibt und dass Tierärzte ein um den Faktor 5 erhöhtes Selbstmordrisiko haben. Ich weiß immer noch nicht, was ich daraus mache.

Hoffentlich dann bald wieder bei mir am Arbeitsplatz

In jedem Fall fuhren Loki, mein Ältester und ich diesmal zu der Klinik in Essen. Wieder warten. Aber nur eine Stunde. Eine super Sprechstundenhilfe. Ein Arzt mit niederländischem Akzent. Er schaute sich lange die aktuellen Röntgenbilder an. Ich habe die jetzt immer auf dem Handy dabei. Vor 6 Wochen noch hätte ich mich selbst hart dafür ausgelacht, aber nun zeige ich sie jedem, egal ob er sie sehen will oder nicht. Schließlich empfahl der Arzt den Verband ganz ab zu lassen – ich spare mir die medizinischen Ausführungen, sie klangen logisch. Das Pfötchen war abgemagert und die Farbe ausgeblichen.

Seitdem hockt Loki nun weiterhin in seinem Zelt, aber, so interpretiere ich vermenschlichend seine Körpersprache, wieder agiler und zufriedener. Er streckt sich öfter und kann die Pfote wieder putzen – das wiederum ist ein der Katze wichtiges Verhalten. Wir holen ihn jetzt auch täglich raus, und lassen ihn ein wenig durch die Gegend gehen, immer mehr, und immer darauf bedacht, dass er auf gar keinen Fall springt. In drei Wochen gibt es neue Röntgenbilder und dann wird sich zeigen, ob alles wieder gut ist, oder ob nicht doch operiert werden muss. Es ist klar, was wir uns wünschen.

Vielleicht machen Tiere erst den Menschen

Vielleicht wünscht sich der ein oder andere Leser jetzt so etwas wie ein Fazit oder einen Ausblick. Ich weiß nicht, ob ich damit dienen kann. Vielleicht ist die Erkenntnis die: Es ist komplex mit Tieren, weil wir Menschen komplex sind, aber auch, weil Tiere komplexer sind, als man es mithin annimmt.

Ich würde so weit gehen, zu behaupten, dass Tierhaltung zum Menschsein gehört. Wie wohl kaum eine andere Spezies haben wir Freude daran, für eine andere Spezies zu sorgen. Vielleicht aus dem Gefühl heraus, da ein völlig abhängiges Wesen vor sich zu haben, das dem nie entwachsen wird, und in dessen Handeln wir Dankbarkeit interpretieren. Vielleicht geht es darum, dass wir spüren, zu wieviel Empathie und Zuneigung wir in der Lage sind, und das über die Grenzen unserer Spezies hinaus; und vielleicht fällt es gar umso leichter, wenn wir von unserer eigenen Spezies enttäuscht sind. Schopenhauer und so. Wobei ich gerade gesehen habe, dass das Zitat ihm fälschlich zugeschrieben wird.

Und vielleicht erklärt sich der Hass einiger auf Haustiere genau durch das Umgekehrte: dass sie merken, dass sie nicht einmal gegenüber einer anderen Spezies in der Lage sind, Liebe zu empfinden und zu schenken. Ich habe viele Tiere – irgendwie auch viele Hunde, oder? – kennengelernt. Und Menschen, denen diese Tiere gehörten. Und dadurch viel über diese Tiere, ihre Menschen, und letztlich auch über mich gelernt.

Das letzte Kind hat Fell. Nein, es sind keine Kinder. Aber manchmal macht das weniger Unterschied, als man denkt.

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Bartoschek-Plutecki
Bartoschek-Plutecki
6 Monate zuvor

Ich habe zuerst Angst gehabt, ob ich Zeit finde, den langen Artkel zu lesen. Nachdem ich angefangen habe, zu lesen, habe ich einfach die Zeit vergessen. Der Artikel hat mir sehr gefallen. Ich wurde in die alten Zeiten versetzt. Die Sprache war schön und manchmal aber ironisch , so wie ich das aus den familiären Gesprächen kenne. So sehr vermisse ich diese Gespräche. Ich war einfach neugerig darauf, was noch kommt. Ich habe manche Sätze meinem Mann laut vorgelesen. Manchmal lachten wir über diese. Abschließend kann ich sagen, mir hat das Lesen dieses Artikels viel Spaß gemacht.

Beate
Beate
6 Monate zuvor

Köstlich, ein Vergnügen diese Sicht des einzigartigen Verhältnisses zwischen Fell- und Nichtfellträger*innen (und innerhalb der Zuletzgenannten). Habe an einigen Stellen laut losgelacht. Halbschatten, Balkon, Hinterhof und dann dieser Artikel. War ein wunderbares Lesevergnügen, zumal ich Fellchen auch sehr liebe. Danke dafür. Hat viele Erinnerungen an das Ruhrgebiet und die Familie geweckt. Dein Schreibstil sehr bildhaft und humorvoll, genau wie ich es mag. Bin auf die nächsten Artikel gespannt. 👍

Kornelia Altmann
Kornelia Altmann
6 Monate zuvor

Du bist in meine timeline gespült worde. Ich hab den Artikel mit Interesse und Gewinn gelesen. Ich kenne vor allem Menschen die ein enges Verhältnis zu Tieren haben. So war deine Geschichte besonders interssant für mich. Vielen Dank dafür.

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[…] Doch verlieren wir uns nicht in Nebengeschichten. Katzen sind, und wir hatten das schon hier im Blog, eben Katzen. Die kleine grau-weiße Katze mit schwarzen Streifen ist da keine Ausnahme. Sie ist […]

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