Im Gestrüpp verfangen

Foto: Rottstr5Theater
Foto: Rottstr5Theater

Mit seinem Regiedebut „Fight Club“ nach dem gleichnamigen „Kult“-Film bescherte Oliver Paolo Thomas dem Rottstr5Theater in Bochum einen Dauerbrenner, der auch nach Jahren nur selten nicht ausverkauft und selbst schon wieder Kult ist. Als zweite Inszenierung versuchte der Jungregisseur sich an Jean Paul Sartres „Geschlossene Gesellschaft“. Eine eher uninspirierte Arbeit, die aber dank hervorragender Schauspieler und Dauerpräsenz des Stückes auf den Abiturplänen ebenfalls immer noch läuft. Dann kam „Hagens Klage“ im Rahmen des vielbeachteten Nibelungen-Zyklus. Eine Wagner-Metal-Paraphrase, die jedoch nur auf den ersten Blick einen gewissen Sensationsgehalt hatte, bei näherem Hinsehen arg oberflächlich und effekthascherisch war. Nun hatte am 23.5. „Das Bildnis des Dorian Gray“ nach zweijähriger Planungsphase im Rottstr5Theater Premiere. Von Honke Rambow

 

Viel Selbstvertrauen spricht schon daraus, dass das Programmheft verkündet „Das Bildnis des Dorian Gray von Oliver Paolo Thomas nach dem Roman von Oscar Wilde“. Nicht eine Textfassung für die Bühne – also eine dramaturgische Arbeit –, sondern offensichtlich gleich ein ganz eigenes Stück will der Regisseur, der sich hier auch als Autor geriert, verfasst haben. Das schraubt die Erwartungen an den Abend noch etwas höher. Und falsch wäre es nicht, denn Oscar Wildes einziger Roman – und damit auch unzweifelhaft berühmtester, wie das Theater im Vorfeld verlauten ließ – ist kein einfacher Stoff. Um ihn auf die Bühne zu bringen, braucht es klare Entscheidungen, welche Themen in dem weitverzweigten Geflecht des Prosaoriginals in knapp zwei Stunden untergebracht werden sollen. Wilde breitet darin eine große Debatte über die Beziehung von Kunst und Realität aus, beschäftigt sich eingehend mit Moral und deren Auflösung, feiert die Dekadenz und kritisiert sie zugleich und fragt nicht zuletzt nach dem Sinn und Unsinn unseres Strebens nach ewiger Jugend. Ein engverflochtener Kosmos gewichtiger Themen, die in dem Roman ein grandioses Zusammenspiel entfalten, in der Verknappung auf der Bühne aber zwangsläufig zuviel werden. Hier ist eine klare Fokussierung auf einen Ideenstrang unbedingt geboten. Eine kluge Textfassung ist da unumgänglich.

Im nachtblauen Gewölbe des Rottstr5Theaters dominiert eine große schräg zwischen Wand und Decke hängende Leinwand den Raum, auf die im Weiteren das titelgebende Bildnis projiziert werden wird. Aus Fugen und Rissen in den Wänden wuchert blattloses Gestrüpp in den Bühnenraum. Ein Dornröschenschloss, in dem der ewig junge und schöne Dorian schläft? Bis hierher überzeugt das Bühnenbild, das ebenfalls Oliver Paolo Thomas besorgte, atmosphärisch. Dass dann aber doch auch noch eine Salon-Situation durch zwei schwarze Kunstleder-Cocktailsessel und einen Paravent angedeutet wird, ist nicht nur ein störender Einbruch von Realismus, sondern erzählt vor allem auf unangenehme Art und Weise von den begrenzten Mitteln des freien Theaters. Ebenso das mit schwarzem Pannesamt überdeckte Tischchen, auf dem Gläser und Karaffen Platz finden, das arg an Schultheater gemahnt. Die vielgerühmte einzigartige Atmosphäre des Raumes wird hier durch den Versuch, mit mangelhaften finanziellen Mitteln ein großbürgerliches Interieur des ausgehenden 19. Jahrhunderts nachzuahmen, konterkariert.

Der Abend beginnt äußerst eindrucksvoll. Zu brachialer Musik kriecht aus dem schlammbedeckten Bühnenhintergrund eine weißgeschminkte und blutverschmierte Gestalt. Es ist Dorian Gray, der brüllend einen Stein in die Bühnenmitte schiebt. Ein Sysiphos, der im Tartarus für seine auf der Erde begangenen Sünden büßen muss. Ein überaus starkes Bild, das Dorian Grays Ende vorweg nimmt, dem Abend eine brecht‘sche Epik gibt und zudem Oscar Wildes Stoff mit einer klaren moralischen Stoßrichtung versieht. Wir werden also einen Menschen auf einem Irrweg begleiten, der zuletzt in seiner gerechten Strafe endet.

Dann geht es in die Geschichte. Im Atelier von Basil Hallward liefern sich der Maler und sein Freund Henry Wotton einen brillianten Schlagabtausch, in dem nahezu alle Themen des Romans angelegt werden. Anlass ist das Bild, das Hallward von Dorian Gray gemalt hat und dessen Person. In diesem Gespräch wird auch bereits klar, warum Wildes Roman zu den großen schwulen Werken der Weltliteratur zählt. Männer feiern hier die männliche Schönheit und Wotton lässt keinen Zweifel daran, dass Frauen in der Welt nicht mehr als Dekoration sind. Max Strestik spielt den Basil sehr geerdet und heutig. Seine Verehrung für Grays äußere und innere Schönheit ist schlicht und unmittelbar nachvollziehbar. Der Henry Wotton von Alexander Ritter dagegen kommt als mephistophelischer Zyniker daher, der Stil, Pose und geschliffene Sprache über alles setzt. Auch Ritters Kostüm gibt ihm eine Sonderstellung. Als einziger ist er relativ deutlich in der Zeit Oscar Wildes verortet. Spätestens mit dem Auftritt Dorians wird das zum Problem. Nicht nur weil Ritter im Vergleich zu Manuel Rittich, der den Dorian Gray spielt, zu jung ist und von seiner körperlichen Statur her viel besser in dessen Rolle passen würde als der breitschultrige, Dreitage-Bart-tragende Rittich. Auch weil er der deutlich bessere Schauspieler ist. Rittich kann an diesem Abend niemals die Eleganz und Faszination entwickeln, die es bräuchte, um nachvollziehbar werden zu lassen, warum sich ganz London um diese Person dreht. Ritters Wotton ist von Anfang an die – nicht nur heimliche – Hauptperson des Abends, auch wenn zahllose Pointen und Apercus in den meist zu schnell hinperlenden Dialogen untergehen. Und er bleibt Fremdkörper in der Inszenierung. Durchaus ist Wotton auch im Roman ein mindestens gleichwertiger Gegenpart zu Dorian. Schwierig wird es aber, wenn im Mittelteil des Abends über weite Strecken doch Dorian Gray im Mittelpunkt steht und sich immer mehr zeigt, dass Rittich die Geschichte nicht tragen kann.

In der kurzen Affaire Dorians mit der Schauspielerin Sibyl Vane übernimmt Darstellerin Ana Purwa – ein schauspielerischer Glücksfall – die Führung. Die Liebesgeschichte nimmt ein Drittel des Abends ein. Verständlich ist das, weil sie Handlung bietet, während der Text sonst überwiegend aus seinen ausufernden Dialogen lebt. Allerdings ist sie damit auch überbewertet, denn letztlich bleibt sie für Dorian nur eine kurze Episode, die ihr Gewicht lediglich aus den Folgen bezieht. Interessanterweise zeigt sich ja gerade in der Beziehung Dorian-Sybil die gesamte homosexuelle Ausrichtung des Romans. Die angebliche Liebe Dorians ist nicht nur Prätention, nicht nur Verehrung der Schauspielerin in ihren Rollen und damit der Kunst, sondern eben auch deutlich der Versuch sich den gesellschaftlichen Zwängen zu beugen, indem Dorian eine heterosexuelle Beziehung versucht. Nach ihrem Ende ist sie emotional für Dorian Gray von keinerlei Bedeutung mehr – sie war nur eine kurze Pose. Dennoch gibt sie Oliver Paolo Thomas Anlass für die stärkste szenische Erfindung: Wenn Dorian vom Theaterzuschauer zum Romeo auf der Bühne wird, umkreist er Sybil mit einem roten Scheinwerfer. Ein wirklich starkes Bild. Ob die daran anschließende Referenz an David Böschs gerade in Wien wieder aufgelegte bochumer „Romeo und Julia“-Inszenierung wirklich nötig ist, bleibt dahingestellt. Auch bei Bösch selbst ist die überschwengliche Verliebtheit jugendlicher Paare ja längst zum Klischee verkommen.

Christian Freund als Sybils Bruder wirkt in seiner großen Szene mit Purwa mehr als allein gelassen. Mit grimmiger Miene starrt er ins Publikum, während er sich doch eigentlich ernsthaft Sorgen um seine Schwester macht.

Nach der Vane-Episode, die mit deren Selbstmord endet, rauscht das Stück rasant dem Ende entgegen. In einer Szene werden Grays jahrelange Ausschweifungen illustriert. Sie bezieht sich auf die Orgie aus Kubricks „Eyes Wide Shut“, reicht aber nicht annähernd an deren bedrückende Atmosphäre heran. Nebenbei werden Sybils Bruder und Basil ermordet. Derweil altert das Bildnis auf der Leinwand dekorativ, Alexander Ritter altert ebenfalls durch die eine oder andere Schicht aus Schminke – das wäre vielleicht überzeugend, wären da nicht die bereits erwähnten schiefen Altersverhältnisse zwischen Ritter und Rittich, die durch das Make-Up nur noch stärker zu Tage treten. Zuletzt hat aber Ritters Wotton noch den einzigen wirklich anrührenden Augenblick des Abends, wenn er in einem Monolog seinen Neid auf Dorian Grays Jugend ausbreitet. Eine großartige schauspielerische Miniatur, die wieder einmal zeigt, dass Alexander Ritter über ein enormes Potenzial verfügt.

Nach knapp zwei Stunden ist der Abend vorbei. Und es bleibt ein schales Gefühl zurück. Vieles ist sehr laienhaft geraten. Die Szenenwechsel sind oft holperig – das kann sich vielleicht noch einschleifen – neben Ana Porwa, Max Strestik und Alex Ritter wirkt das Spiel von Manuel Rittich oft sehr laienhaft. Bilder wie das Zerpflücken einer weißen Rosenblüte, wenn über die Vergänglichkeit geredet wird, sind kaum erträglicher Theaterkitsch. Der ständige Einsatz von Musik gemahnt an das heute in Hollywoodfilmen übliche Hintergrundgedudel, das in seiner Beliebigkeit nichts zur Atmosphäre beiträgt. Genauso wie dem Bühnenbild mangelt es der Inszenierung an einer klaren Richtung. Zuletzt scheiterte Oliver Parker in seiner Verfilmung 2009 daran, den Wilde‘schen Roman einfach als Schauermärchen erzählen zu wollen. Ergebnis war eine unerträglich langweilige Effekt-Schmonzette.

Vorab erklärte Oliver Paolo Thomas, ihn interessiere an dem Stoff unser heutiger Jugendwahn und der Verlust der Sinnlichkeit in der naturwissenschaftliche geprägten Welt. Ersteres ist in Bezug auf Oscar Wildes Roman trivial. Interessant ist die zweite These. Natürlich weiß jemand, der nur bei Primark oder H&M kauft nicht, was für ein sinnliches Erlebnis ein perfekt geschnittenes Jackett darstellt, wie sich ein erstklassiger Stoff auf der Haut anfühlt. Und jemand der nur Marlboro-Zigaretten raucht, hat keine Ahnung, wie eine Zigarette aus reinen Orienttabaken schmecken kann. Aber ist deshalb gleich alle Sinnlichkeit aus unserer heutigen Welt verschwunden? Gewiss nicht. Und wenn, dann hat das wenig mit der naturwissenschaftlichen Prägung unseres Denkens zu tun. Viel schwerer wiegt aber, dass Oliver Paolo Thomas in seiner Inszenierung zwar die Geschichte des Romans nachbuchstabiert – wer bisher nichts über Dorian Gray wusste, wird hier einen Einstieg in das Thema finden und im Nachgang vielleicht das Original zur Hand nehmen –, aber keinerlei Haltung zu den Themen bezieht. Es wird nicht ersichtlich, warum er gerade diese Geschichte erzählt. Das war in seiner „Fight Club“-Inszenierung noch anders. Vielleicht liegt es auch daran, dass es sich dabei um einen amerikanischen Stoff handelte, der in seinem gedanklichen Hintergrund wesentlich schlichter und hart an der Küchenphilosophie ist. Oscar Wildes Roman ist da ein ganz anderes Kaliber zumal es dann auch noch eine historische Distanz zu überwinden gilt. In der geistreichen Brillianz des Iren ist die Gefahr, sich zu verirren, groß. Oliver Paolo Thomas hat sich offensichtlich von dieser Brillianz blenden lassen und vergessen, dass es für einen guten Theaterabend mehr braucht, als grandiose Dialoge.

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