
Die Energiewende ist für viele Stadtwerke ein Hochleistungssprint. Um das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen, sind Milliardensummen nötig. Doch das Geld ist nicht da.
Bielefeld gehört trotz zuletzt gestiegener Arbeitslosigkeit zu den eher wohlhabenden Städten Nordrhein-Westfalens: Der Lebensmittelkonzern Dr. Oetker, Maschinenbauunternehmen und die Universität sorgen für gut bezahlte Jobs, Ostwestfalen ist eines der industriellen Zentren Deutschlands. Im April 2024 beschloss der Rat der Stadt „die Bielefelder Klimaziele deutlich zu verschärfen“. Die Stadt selbst will bis 2030 ihre Gebäude klimaneutral entwickeln. Auch die Stadtwerke beschlossen vor zwei Jahren ein ambitioniertes Ziel: Bis 2040 wollte man Strom und Wärme klimaneutral anbieten und auch den Nahverkehr und die Schwimmbäder CO₂-frei machen. „Die vergangenen zwei, drei Jahre waren, auch was das Wirtschaftswachstum angeht, sehr herausfordernd. Die Rahmenbedingungen sind schwierig und wir halten das Jahr 2040 als Ziel für die Klimaneutralität nicht mehr für realistisch“, sagte Martin Uekmann, seit 2014 Geschäftsführer der Stadtwerke Bielefeld, der Welt am Sonntag. Die Stadtwerke haben wirtschaftliche Probleme. Nicht nur die Klimaziele werden verschoben, bis 2030 will das Unternehmen auch 290 von 2.900 Stellen abbauen, wie im öffentlichen Sektor üblich ohne betriebsbedingte Kündigungen. „Wir brauchen rund zwei Milliarden Euro, um für Bielefeld eine Klimaneutralität, diese zahlreichen Wenden, Verkehrswende, Energiewende, zu stemmen. Und um die bestehende Infrastruktur instand zu halten, brauchen wir noch einmal eine Summe in ähnlicher Größenordnung.“ Denn wie in allen Städten sind auch in Bielefeld die Gas- und Stromleitungen in die Jahre gekommen. Ein großer Teil stammt auch aus der Nachkriegszeit, wurden während des Wirtschaftswunders bis in die 70er Jahre hinein gebaut. Ihre Zeit läuft ab, sie müssen erneuert werden. Zusätzlich kommen die Kosten für die Energiewende: Vier Milliarden Euro, das ist eine Menge Geld für ein Unternehmen mit einer Bilanzsumme von gut 1,1 Milliarden Euro im Jahr 2024. „Wir brauchen Engagement des Eigentümers in Form von Eigenkapital. Wenn die Stadt in Infrastruktur investiere, investiere sie in Zeiträume von bis zu 40 Jahren. „Das kostet erst einmal Geld, aber es refinanziert sich über die Einnahmen, die zum Beispiel ein Fernwärmenetz bringt.“ Allein stemmen könne das weder Bielefeld noch andere Städte: „Was wir fordern: ein verlässlicher Finanzrahmen, für den die Städte nicht allein aufkommen können. Hier sind Bund und Land gefragt.“ Doch auch bei denen herrscht Ebbe in der Kasse.
Am Ziel der Klimaneutralität mag Uekmann nicht rütteln. Es ist für ihn gleichermaßen eine Frage der wirtschaftlichen Zukunft und ein moralisches Gebot. Doch das energiewirtschaftliche Zieldreieck setze sich aus den drei Punkten Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit zusammen. Deshalb sei er sehr vorsichtig, wenn es darum geht, eine neue Jahreszahl zu nennen. „Wir müssen immer versuchen, das Maximale zu geben. Wir dürfen das System aber nicht vor die Wand fahren und wir dürfen auch die Menschen nicht verlieren.“ Und auch der Wirtschaftsstandort dürfe nicht infrage gestellt werden.
In der Millionenstadt Köln wird die Energiewende noch teurer als in Bielefeld. Stadtwerke-Chef Andreas Feicht geht von vier Milliarden Euro aus. An die Klimawende mag auch Feicht nicht rütteln und verweist gegenüber der Welt am Sonntag auf durchaus spektakuläre Vorhaben der Stadtwerke. In wenigen Wochen beginne man mit dem Bau der größten Flusswasser-Wärmepumpe Europas, um Fernwärme zu erzeugen. „Vieles von dem, was wir selbst beeinflussen können, sehen wir als erreichbar an. Wenn Teile der Ziele zu wesentlich geringeren Kosten am Ende wenige Jahre später erreicht werden, so ist das aus unserer Sicht vertretbar und vernünftig.“
Kölns Ziel, bis 2035 klimaneutral zu werden, ist für Feicht also nicht in Stein gemeißelt. Dass Deutschland bis 2045 klimaneutral wird und NRW 2030 aus der Kohle aussteigen kann, glaubte der Christdemokrat schon vor zwei Jahren nicht.
Köln habe ein hohes Potenzial für eine gleichzeitig sichere und nachhaltige Energie- und Wärmeversorgung. „Wichtig ist, dabei die Frage der Bezahlbarkeit von Energie im Blick zu behalten.“ Förderung sei da nützlich, sagt Feicht fast wortgleich wie sein Bielefelder Kollege, wo der Staat nachhaltige Investitionen möglich mache, die lange in die Zukunft hinein wirken.
Auf der Internetseite der Stadtwerke Bochum findet sich bis heute eine grüne Zukunftsvision für das Jahr 2030, in der nicht nur mit Strom betriebene Flugtaxis durch die Lüfte gleiten, sondern auch Windräder mit überflüssigem Strom Wasserstoff herstellen, der als Kraftstoff für Brennstoffzellenbusse und -Lkw genutzt wird, sodass diese statt schädlichen Abgasen nur Wasserdampf ausstoßen. Die Wirklichkeit ist prosaischer. Auf Anfrage der Welt am Sonntag teilen die Stadtwerke mit, dass für den Wasserstoffhochlauf unverändert gelte, dass die Stadtwerke als Netzbetreiber Wasserstoff dort bereitstellen werden, wo er, zu vertretbaren Netzkosten, gebraucht werde. „Wann und wo dies der Fall sein wird, entscheidet der Markt.“ Die klimaneutrale Wärmeversorgung der Bürger sei, wie gesetzlich vorgesehen, für das Jahr 2045 geplant. Was das alles kostet, mögen die Stadtwerke nicht sagen, klar ist nur, dass es teuer wird: Bis 2030 wollen sie eine Milliarde Euro in die Klimaneutralität und den Glasfaserausbau investieren.
Die Zeit der grünen Euphorie ist bei den Stadtwerken offenbar vorbei. An ihren Klimaplänen halten sie fest, doch die Frage der Finanzierung gewinnt an Bedeutung und die Visionen rücken in den Hintergrund.