McDonalds in Russland: Zurück in den trüben, sowjetischen Alltag

McDonalds in in Sankt Petersburg Foto: Dirk Ingo Franke Lizenz: CC BY-SA 1.0


Man kann zu McDonalds stehen wie man will. Ich esse da ja auch nur, wenn ich verreise, und eigentlich bestehen auch dann eher die Kinder darauf. Aber für Russland hat die jetzige Schließung von McDonalds eine historische Dimension. Von einem Freund dieses Blogs.

McDonalds öffnete sein erstes Restaurant noch in der ausgehenden Sowjetunion. Es war nicht nur ein weiteres Moment der Öffnung des Landes im Zuge der Perestroika, es war auch ein Moment, an dem die Sehnsucht nach dem Westen, nach Freiheit, nach Ausweg aus dem trüben sowjetischen Alltag plötzlich zu einer viel unmittelbareren Sinneserfahrung wurde, als schlecht überspielte Aufnahmen westlicher Rockstars. Es bedeutete für viele Menschen in der Sowjetunion, dass man nun wenigstens ein bisschen an der zivilisierten Welt teilhat, und wenn es auch nur ein Hackfleischpatty zwischen zwei Brötchenhälften und ein Tütchen übersalzene frittierte Kartoffelstreifen ist.

Als sich die erste Filiale öffnete, bildete sich eine riesige Schlange.
Seitdem ist natürlich viel Zeit vergangen, Russland hat sich an McDonalds genauso gewöhnt wie der Westen. Sie sind vielleicht nicht an jeder Ecke (sie sind mit der Konkurrenz auch in Deutschland seltener geworden), aber alltäglich genug, nicht einer besonderen Erwähnung wert. Schließlich hat Russland in den letzten 32 Jahren an fast allen „Segen“ der freien Welt teilgenommen, an iPhones, Social Media, Ikea und billige Flugreisen nach London oder Paris. Nur die Freiheit, die ist nur flüchtig geblieben, und russische Menschen haben zugeschaut, wie sie unter dem Gerede von 1945 Wiederholen, von den Knien Aufstehen und dem Westen gegenüber Stärke Zeigen nach und nach zu Sklaven eines genozidalen Systems wurde, das Soldaten ausdrücklich anweist, auf fliehende Familien zu schießen und ganze Städte in der Ukraine dem Erdboden gleichmacht, wie das schon in Syrien gemacht wurde und wo sonst noch…

Ikea hat sich schon vergangene Woche vom russischen Markt verabschiedet, zum Abschied hat man Menschenmengen an den Kassen gesehen, die man hierzulande zuletzt auf den Anti-Putin-Demos sah. Apple ist ebenfalls ersteinmal weg, wie auch Louis Vitton, Prada, Gucci – die Läden im ZUM, dem Moskauer KaDeWe-Pendant, sind verwaist. Das Flugangebot ist ausgedünnt, nach London oder Paris kommt man höchstens mit Umstieg in Istanbul oder Dubai, und das könnten sich inzwischen fast nur Leute leisten, die unter Sanktionen stehen und eh an der Grenze abgewiesen wären. Die Social Media hat die russische Zensurbehörde selbst abgeschaltet, auf dass sich die Leute ja nicht informieren, wie in ihrem Namen die russischsprachigen Mariupol, Charkiw und Kherson vernichtet werden.

Heute hat sich nun auch McDonalds vorläufig vom russischen Markt verabschiedet. Es bleibt die traurige Feststellung, dass die Geschichte des Landes auch seine Zukunft ist, und dass all diese „Segen“ der freien Welt die Unfreiheit in den Menschen selbst nicht zu ändern vermögen. Es bleibt – eine letzte Schlange vor der McDonalds-Filiale und danach wieder der trübe sowjetische Alltag.

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Jupp Schmitz
Jupp Schmitz
10 Monate zuvor

MC Donalds am Moskowskij Prospekt!
In der Nähe ist aber auch ein georgisches Restaurant mit leckerem Schaschlik.
Und die Miniaturwelt der russischen Föderation.

Walther Röhling
Walther Röhling
10 Monate zuvor

Bic Macs als Ausdruck einer "zivilisierten" Welt. Hier auf Ruhrbarone liest man nur noch Hackfleisch …

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