#Olympia2020: Das Lob von DOSB-Boss Hörmann für die eigene Mannschaft wirkt weltfremd

Springreiten ist seit Jahren schon nicht unumstritten. Quelle: Wikipedia, Foto: Caygill, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Es gibt Nachrichten, die mag man bei der morgendlichen Medienlektüre zunächst gar nicht so recht glauben. Das uneingeschränkte Lob des DOSB-Chefs Alfons Hörmann in Richtung der Deutschen Olympiamannschaft gehört dazu.

Wenn da von „großartigen sportlichen Botschaftern“ die Rede ist, die in der Vertretung ihres Landes ihrer besonderen Verantwortung gerecht geworden“ seien, dann zieht man als sportinteressierter Leser zumindest die Augenbrauen direkt heftig nach oben.

Hat Hörmann da etwas andere Spiele erlebt als die deutsche Öffentlichkeit?

Denn was kommt einem hier in Deutschland zuerst in den Sinn, wenn man an die vergangenen zwei Wochen in Tokio denkt? Aus deutscher Sicht sind das zweifelsohne der völlig eskalierte Radtrainer, der seinen Schützling beim Rennen damit anzustacheln versuchte, dass er die Konkurrenz als ‚Kameltreiber‘ titulierte, und seit Freitag eben auch die unerträglichen Szenen und verbalen Ausrutscher vom Modernen Fünfkampf.

Erster negativer Höhepunkt der deutschen Vertreter bei diesen Spielen war der Rassismus-Skandal rund um Patrick Moster. Der Sportdirektor wurde 24 Stunden nach seinen verbalen Entgleisungen an der Strecke aus Tokio vorzeitig nach Hause geschickt. Moster bleibt im Amt, erhält jedoch eine Abmahnung. Moster hatte im Zeitfahren Niklas Arndt mit den Worten angefeuert: „Hol’ die Kameltreiber, hol’ die Kameltreiber, komm“, um die vor ihm fahrenden Algerier Azzedine Lagab und Amanuel Ghebreigzabhier einzuholen.

Jetzt kam auch noch der Skandal beim Modernen Fünfkampf hinzu. Inzwischen ist auch die hier zuständige Bundestrainerin Kim Raisner für ihr Verhalten beim Frauen-Wettkampf durch den Weltverband von den Olympischen Spielen in Tokio frühzeitig offiziell ausgeschlossen worden. Raisner habe das Pferd von Annika Schleu anscheinend mit der Faust geschlagen, begründete der Weltverband seine Entscheidung.

Die schrecklichen Eindrücke, die dieser Wettkampf minutenlang in alle Welt gesendet hat, waren ein fatales Signal für den Pferdesport und auch für Deutschland!  Da kann es auch nicht als Entschuldigung angeführt werden, dass der Gewinn der Goldmedaille für die Reiterin Annika Schleu in Tokio greifbar nah gewesen ist, der Schaden an ihrem Nervenkostüm in Anbetracht des großen sportlichen Erfolges vielleicht noch irgendwie nachvollziehbar und entschuldbar erscheinen könnte.

Nachdem Schleu in Anbetracht ihres sportlichen Scheiterns komplett die Fassung verlor, als das ihr zugeloste Leih-Pferd Saint Boy mehrfach die von ihm abverlangten Sprünge verweigerte, war der dadurch angerichtete Schaden an ihrem und am Image ihrer Sportart gigantisch groß. Die danach folgende heftige Kritik an der Sportlerin und an Raisner nur logisch.

„Hau mal richtig drauf! Hau drauf!“, hatte die Trainerin der Sportlerin im Fernsehen deutlich hörbar laut zugerufen. Eine Entgleisung, die wohl ungewollt tief in eine eh schon seit Jahren umstrittene Sportart blicken lässt.

Die sichtlich überforderte Athletin hatte im Wettkampf verzweifelt mit der Gerte auf das inzwischen völlig verunsicherte und verängstigte Pferd eingeschlagen. War das die ‚großartige Botschaft‘, von der Hörmann sprach? Wohl auch nicht!

Sportliche Gegner in der Situation des Wettkampfes als ‚Kameltreiber‘ zu betiteln, auf Pferde, über deren Beteiligung beim Sport ohnehin schon kräftig zu diskutieren ist, ‚kräftig draufhauen‘, das sind Aktionen, die den sportlich ohnehin nicht gerade glänzenden Spielen von Tokio im negativen Sinn endgültig die Krone aufsetzen.

Wo der DOSB-Boss da die Gründe zur kommunizierten großen Zufriedenheit mit seinen Vertretern in Japan sieht, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Viele Beobachter fanden das Ganze eher peinlich für Deutschland und für den Sport schädlich und ärgerlich!

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5 Kommentare

  1. #1 | Jürgens sagt am 7. August 2021 um 13:18 Uhr

    Quatsch, da kommen mir erstmal andere Dinge in den Sinn.
    Was Frau Schleu angeht, da haben in der Anspannung nicht nur Frau Schleu und ihre Trainerin die Fassung verloren, da haben Schiedsrichter und Tierarzt vorab versagt, denn das Pferd hatte ja schon vorab gezeigt, dass es nicht kann und will. Und keiner hatte den Arsch in der Hose zu sagen: Das Pferd geht nicht mehr an den Start, und, nein, das Pferd reite ich nicht, lieber verzichte ich auf eine Medaille.

  2. #2 | Angelika, die usw. sagt am 7. August 2021 um 16:12 Uhr

    #1
    "…da haben Schiedsrichter und Tierarzt vorab versagt,…"

    So ist es!
    Erst die Genannten, dann die Sportlerin und die Trainerin.

    Aber davor (!) – davor diejenigen, die beim Erstellen der Regeln meinten, es sei überhaupt gut, Pferde zu reiten, die man nicht kennt.

  3. #3 | Manni sagt am 7. August 2021 um 18:43 Uhr

    "Hat Hörmann da etwas andere Spiele erlebt als die deutsche Öffentlichkeit?"

    Ach, woher denn. "Wenn da von “großartigen sportlichen Botschaftern“ die Rede ist" … dann meint Hörmann:
    "Das sind die großartigen sportlichen Botschafter und ich bin ihr Chef, der großartigste von allen“.
    Mit dieser Einstellung offenbart sich der DOSB-Chef als würdiger Vertreter einer Politik, deren gewählte Volksvertreter seit Jahren alles nur Erdenkliche tun, um bei den Bürgern unseres Landes als gewissenlos, selbstverliebt und nur auf den eigenen Vorteil bedacht dazustehen.

  4. #4 | DAVBUB sagt am 7. August 2021 um 20:51 Uhr

    @ Autor."…waren ein fatales Signal für den Pferdesport …"
    Moderner Fünfkampf hat mit Reitsport nichts zu tun. Für diese "Sportler" scheint das Pferd ein Sportgerät wie der Säbel oder die Pistole zu sein. Das betroffene Tier hätte gar nicht erst starten dürfen: Nach einem verweigerten Sprung nimmt ein vernünftiger Reiter das Tier zurück, sucht sich ein leichtes und niedriges Hindernis und macht einen Gehorsamssprung (Dummes Wort, aber so wird dem Tier die Angst vor dem Hindernis genommen) und bricht dann den Wettkampf ab. Schön zu beobachten im Stechen der Mannschaften im Springen , als gleich mehrere Reiter dies vorführten. Das wurde von der Reiterin vor Schleu unterlassen. Daß Schleu dann glaubt, mit einem solchen Tier einen Wettkampf antreten zu müssen, zeugt von entweder Unkenntnis in Sachen Reitsport, Überheblichkeit oder der Gier nach Gold, da bin ich ganz bei Ihnen. Ich habe mir die Aufzeichnung mehrfach angesehen. Das sah aus wie ein mittlerer Nervenzusammenbruch im Sattel. Hier wäre es Aufgabe der Teamleitung, der Trainerin oder andere Verantwortlicher gewesen, Schleu umgehend aus dem Wettbewerb zu nehmen, und nicht, die Situation noch zu eskalieren. Das Verhalten der Trainerin spricht für sich. Ich will damit die Sportlerin nicht in Schutz nehmen, aber es ist doch für jeden Betrachter offensichtlich, daß sie mit der Situation vollkommen überfordert war und sichtlich Hilfe benötigte.
    Ich kann allerdings nicht nachvollziehen, wie Sie die Anstrengungen hunderter Sportler und Trainer, Betreuer etc. auf diese beiden Vorfälle reduzieren können. Die meisten Sportler erhalten weder großzügige Unterstützung des Staates noch Sponsorenverträge. Sie opfern unendlich viel Lebenszeit, Geld und nicht selten ihr soziales Leben. Bis auf die genannten sind sie weder durch unsportliches oder sonstwie anstößiges Verhalten aufgefallen. M.M. nach tun sie diesen mit Ihrem Artikel Unrecht.

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