Jungs, ich sachs euch: Das ist keine britische Notruf-Telefonzelle – der Herr vom Bühnenbedarf hat euch – äh – beschissen !
Eine Hommage an Dr.
Roxy Music
Roxy Music, Mittwoch, 1. September, 18.30 Uhr, Museumsplatz, Bonn
Der Ruhrpilot
Loveparade: Veranstalter Schaller stellt Videos online…RP Online
Loveparade II: Demo für OB Sauerland…Der Westen
NRW: CDU beschließt Mitgliederbefragung zu Rüttgers-Nachfolge…RP Online
NRW II: Streit um Schulpolitik…RP Online
Ruhrgebiet: Zeche is nich…Pottblog
Dortmund: …wehrt sich mit Musik gegen Nazi-Demo…Der Westen
Dortmund II: Landesamt untersucht Fische im Hafen auf PCB…Ruhr Nachrichten
Bochum: Ralph Köhnen über die 168-stündige Dauerlesung im Museum…Ruhr Nachrichten
Oberhausen: Abschied von Schlingensief…Der Westen
Essen: Mit Franken verspekuliert…Der Westen
Debatte: Biedermann und die Brandstifter…Frontmotor
Debatte II: Rassismus bleibt Rassismus – eine Replik…F!XMBR
Debatte III: Sarrazins Todeszäune…Hometown Glory
Debatte IV: Sarrazin für Erwachsene…Die Achse des Guten
Grüne: Die “Fast-alles-ist-möglich-Partei”…Zoom
Nahostkonflikt erreicht Berliner Villenviertel
Seit mehr als vier Wochen kämpft der Palästinenser Firas Maraghy vor der israelischen Botschaft im noblen Berliner Stadtteil Schmargendorf für Papiere, um mit seiner Tochter nach Ost-Jerusalem reisen zu können. Die Geschichte eines Hungerstreiks.
Firas Maraghy ist erschöpft. Die Wangen des 39-jährigen Palästinensers sind eingefallen, mehr als 15 Kilogramm hat der ohnehin schon schmächtige Mann in den letzten vier Wochen abgenommen. Weil seine Finger vor Hunger zittern, dauert es mehrere Minuten, bis es ihm gelingt, eine Zigarette zu drehen und endlich anzuzünden. Wie in Zeitlupe öffnen und schließen sich seine müden Augen. Nur wenn Maraghy über den Grund seines Hungerstreiks spricht, kehren für einen kurzen Moment Kraft und Entschlossenheit in sein Gesicht zurück. »Ich verlange lediglich das, was mir zusteht – nicht mehr, aber auch nicht weniger«, sagt Maraghy bestimmt und fügt nach kurzem Zögern hinzu: »Für dieses Recht bin ich bereit zu sterben.«
Schon seit Jahrzehnten fühlt sich der in Ost-Jerusalem geborene Mann von den israelischen Behörden ungerecht behandelt. Denn obwohl auch seine Familie seit mehreren Generationen in der Heiligen Stadt lebt, gilt er als staatenlos und besitzt lediglich eine Aufenthaltskarte für das von Israel im Zuge des Sechstagekrieges 1967 eroberte Gebiet. Als die israelische Botschaft ihm dann im April dieses Jahres auch noch die Reisedokumente für seine sieben Monate alte und in Deutschland geborene Tochter Zaynab verweigerte, habe er nicht länger tatenlos bleiben können: »Wie würden Sie reagieren, wenn man Ihnen verbieten würde, mit Ihrer Familie in die Heimat zurückzukehren?«, fragt Maraghy aufgebracht.
Hinzu komme noch ein weiteres Problem, sagt der Friedensaktivist Reuven Moskovitz, der den Palästinenser bei seinem Hungerstreik unterstützt. Wenn Maraghy nicht bis Mai 2011 für mindestens anderthalb Jahre nach Ost-Jerusalem reise, werde er sein Rückkehrrecht verlieren. Deshalb müsse er sich entscheiden, ob er die Frist verstreichen lassen oder ohne Frau und Kind für 18 Monate in Ost-Jerusalem leben will. »Weil beide Entscheidungen schlimme Folgen für ihn hätten und er keinen Ausweg mehr weiß, hat mein Freund aufgehört zu essen«, sagt der Israeli. Die Botschaft in Berlin sowie die Regierung in Jerusalem, so Moskovitz‘ Überzeugung, messe mit zweierlei Maß.
In einer Stellungnahme der Botschaft heißt es, dass Maraghy sich mit seinem Anliegen an die falsche Behörde gewandt habe. Ausschließlich das Innenministerium in Jerusalem könne die Tochter als Einwohnerin Israels registrieren. Und das auch nur dann, wenn er nach Israel zurückkehren würde. Doch das kommt für Maraghy nicht in Frage: »In Israel würde der Fall wie bei so vielen meiner Bekannten jahrelang bei den Behörden liegen.« Es geht ihm nicht zuletzt auch ums Prinzip. »Warum gilt Artikel 13 der Erklärung der Menschenrechte nicht auch für mich und meine Familie?«, fragt er erneut. Ebendiesen Artikel hat seine Frau, die Islamwissenschaftlerin Wiebke Diehl, auf ein Plakat gemalt, das neben Maraghys Liegestuhl steht: »Jeder hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren.«
Unterdessen erfährt Maraghy immer mehr Unterstützung. So forderte zum Beispiel Fanny-Michaela Reisin von der Internationalen Liga für Menschenrechte am Freitag ein offizielles Signal der deutschen Politik. Nachdem bei Kundgebungen bereits Vertreter der Linkspartei anwesend waren und sich für Maraghy einsetzten, will nun am Montag Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) den Palästinenser in Schmargendorf aufsuchen.
Warmer Tee Selbst der israelische Botschafter in Deutschland, Yoram Ben-Zeev, habe sich kürzlich ausgesprochen höflich mit ihm unterhalten, sagt Maraghy. »Er hat mich vergeblich darum gebeten, wieder etwas zu essen und mich mit meiner Forderung an das israelische Innenministerium zu wenden.« Auch die Anwohner des noblen Villenviertels seien alle sehr nett zu ihm, versichert er. Besonders morgens und abends kommen viele und bringen warmen Tee.
Dieser Text erschien zuerst in dieser Zeitung.
Journalist in Resistance I: Der Kältegrad der Blackbox
![R3](http://www.ruhrbarone.de/wp-content/uploads/2010/08/Geske1-300x204.jpg)
Vom 25. bis zum 29. August wohnte ich im Rottstr.5Theater, um exklusiv für die Homepage der Off-Bühne über den Probeprozess zur neuen Angry-Young-Man-Reihe zu bloggen. Noch bevor in Bochum der Upload erfolgt, hier schon mal der erste Teil für die Buddies.
Mittwoch, 25. August: Vom Gehen über Eis. Viel über Werner Herzog nachgedacht: „Mein liebster Feind“ und so, die ganzen Tage schon, die Sehnsucht nach dem Absoluten. So kam das Angebot von Arne Nobel nicht ungelegen, ein paar Tage in das Rottstr.5Theater zu ziehen, um den Probeprozess zu der neuen Angry-Young-Man-Serie zu beobachten, samt Premieren versteht sich. Einfach vor der Bühne mit dem Schlafsack auf die Couch hauen, ein ständig nachgefüllter Kühlschrank mit Pilsner Urquell und tagsüber mitschreiben. Backstagebedingungen quasi. Ich war mir anfangs nicht sicher, ob ich das wirklich wollte. Andererseits war mein Privatleben so nerventötend geworden, dass ich mir dieses kleine Abenteuer durchaus vorstellen konnte. Was sollte ich denn noch zuhause? Wenn man nur Liebe im Angebot hat, dann ist es ein scheiß Deal. Ich hatte das ja alles nunmehr seit Wochen beobachten müssen, wie das Unterbewusstsein der Gegenseite immer wieder triumphierte und dabei keineswegs mich meinte. Das schlaucht. Zigaretten helfen dagegen. Und natürlich konkrete Aktionen. So sagte ich zu.
Um 19 Uhr ziehe ich samt Gitarre und Schlafsack in die kleine exquisite Off-Bühne an der Rottstraße. „Willkommen im Fight Club“, begrüßt mich der Arne als ich das abgefuckte Tonnengewölbe betrete. „Ist es deine erste Nacht, musst du kämpfen.“ Aha, Nobel ist also schon ganz in seiner Tylor-Durden-Rolle aufgegangen. Wunderbar. Er sagt ja immer: „Du musst den Nullpunkt erreichen und weiter schreiben, Pfeffer. Ich kenne so Typen wie dich. Jetzt hast du einmal Erfolg in deinem beschissenen Leben und würdest am liebsten einen Monat Urlaub machen. So läuft das aber nicht.“ Nobel fordert halt immer das Absolute, kann er haben. Ich mag ihn irgendwie, besonders diesen rauen Kapitänssohn-Habitus. Diese Otto-Sander-Stimme, das ganze Kaputte in seinem Blick und dieser vulgäre Kneipenkörper, durchaus durchtrainiert, aber mit 36 bereits hochgradig verbraucht. Ein Sondermodel, geschaffen für die Oper, gestrandet in Bochum, auf einem Hinterhof, einem Parkplatz zwischen Asia-Daily und Peepshow. In der Blickachse des Theaters die eingeworfenen Scheiben des vollständig verrotteten Hotel Eden, etwas weiter der Industrieruinen-Sektor, so groß wie eine ganze Stadt. Auf dieser Höhe beginnt der Rotlichtbezirk. Hier zeigt der Ruhrpott sein hässlichstes Gesicht: der Hass, das Verfall, die Seuche. All das gilt es zu transformieren. So lebt und arbeitet der junge Intendant, als würde er zu See fahren. So als würde er täglich Moby Dick jagen. Damit ist er durchaus erfolgreich. Erst neulich erfuhr das kleine Theater in der Kritikerumfrage 2010 der Deutschen Bühne zwei Nennungen als bestes Off-Theater und somit die einzige Erwähnung eines Ruhrgebiets-Theaters überhaupt. Was nicht schlecht ist, wenn man bedenkt, dass die Bühne aufgrund der Haushaltsperre noch keinen Cent städtischer Unterstützung gesehen hat. Woher kommt bloß dieser Erfolg? Sicherlich hat es mit der Regiearbeit des Leitungstriumvirats Arne Nobel, Hans Dreher und Oliver Paolo Thomas zu tun. Auch das großartige Engagement von Gunnar Leyendecker und Honke Rambow sei an dieser Stelle erwähnt. Doch der wahre Grund für diesen großen Erfolg ist mystischer Natur. Es ist die post-apokalyptische Sendung dieser kalten Steinfußboden-Bühne, von der die Kraft drei galoppierender Pferde ausgeht, die sich jedem bemächtigt, der sie betritt. Wer diese Bühne betritt, wird automatisch zum Terminator. Ich weiß, wovon ich spreche. Erst vor ein paar Tagen habe ich hier zusammen mit Tommy Debone und Malte von Griesgram einen Gig gespielt, den Chantal Stauder für die Ruhrbarone so wundervoll beschrieben hat:
[…] Carsten Marc Pfeffer betritt die Bühne und murmelt dabei selbstvergessen und nervengebündelt vor sich hin. Aufwendig bindet er seine Krawatte, stimmt minutenlang seine Gitarre und tritt dann ans Mikro, um sich in epischer Breite über Hannes Wader und Konstantin Wecker auszukotzen, die gleichzeitig im Bochumer Ruhrkongress ein Konzert spielen. Dass er seine Tiraden im feinsten Cockney-Englisch hält, macht die Situation noch befremdlicher. Er beginnt eine spinnerte Beck-Version von „I was made for loving you“, die er lachend abbricht. Die Irritation im Publikum könnte nicht größer sein. Das macht dem Liedermacher ersichtlich großen Spaß. Er schnippt sich ein Bier auf, zündet sich eine Zigarette an. Dann erst geht es richtig los. Sofort der erste Song zielt direkt ins Herz. […] Die Bochumer sind begeistert und fast ein bisschen verliebt, weil sich da einer so sehr verschenkt. Schweißüberströmt und von der Stimmung des Abends ergriffen, zerlegt Pfeffer dann kurzerhand die Bühne der Rottstr5. Requisiten fliegen ins Publikum, eine Frau schreit auf, die Diskokugel klatscht gegen die Theaterwand: Bier, Wahnsinn, Scherben. Verdammt viel Stil hat es aber auch, als sich der Intendant der Rottstr5. von diesem Radau anstecken lässt und die erste Bierflasche höchstpersönlich auf die Bühne wirft. Fight Club: Arne Nobel als Pfeffers Tyler Durden – einfach geil. […]
Und jetzt versuchen wir einmal, das zu leben: der absolute Wahnsinn, permanente Testosteron-Stöße, Angry-Young-Man I&II. Schön was auf die Fresse, Jungs. Unterm Nullpunkt liegt das Eis. Und Eis ist natürlich super, weil die Liebe, barfuß wie sie ist, darauf nicht folgen kann. Ich darf jetzt nur nicht zu poetisch werden. Das wäre unfair, besonders dem Freibier gegenüber.
Deliver me from Swedish furniture
Nein, das wird kein scheiß Happening. Das hier bedeutet Arbeit, vor allem an mir selbst. Sind ja stinklangweilig so Theaterproben. Immer das Gleiche, nur leicht variiert durch die Eitelkeiten der Beteiligten. Schauspieler! Ich könnte jetzt schon kotzen. Nein, eine Probebühne ist der ungeeignetste Ort für einen erwachsenen Menschen. Und dann auch noch Shakespeare! Ich hatte von Anfang an den Eindruck, der Nobel inszeniert das alles hier nur, um mich zu quälen. Gut, dass man dabei rauchen darf. Aber worum geht es überhaupt? Ich selbst verfasste den heutigen Ankündigungstext in der Tageszeitung:
„Der Schlachtenlärm eines Menschen“, so bezeichnet Intendant Arne Nobel die Essenz der Doppelpremiere am kommenden Wochenende in der Rottstr.5. Mit der neuen Angry-Young-Man-Serie beschreitet die Off-Bühne wohlvertrautes Terrain. War die Fight-Club-Adaption nach Chuck Palahniuk ein großer Erfolg, so wird nun kräftig nachgetreten. Das Publikum erwartet „ein bunter Mix aus harten Kerlen“, so Nobel. Egal ob Parzival, Rambo oder Terminator – die Versatzstücke werden gnadenlos durchgerockt. So ist am Freitag, den 27. August um 19.30 Uhr die Premiere von R3 frei nach Shakespeares Richard III. (Regie: Arne Nobel) zu erleben und am Samstag, den 28. August startet ebenfalls um 19.30 mit Furios Angels (Regie: Hans Dreher) ein Stück, das neben dem australischen Schauspieler Mathew Walsh viele Überraschungen bereit halten dürfte. Der Clou: beide Premieren zeugen von einer ausufernden „Englischsprachiglastigkeit“, so Dreher. Dabei darf es ruhig puristisch zugehen: zwei Monologe, zweimal die Reduktion auf Text und Körper. Die Bühne werde frei von „Firlefanz“ sein, verspricht der Intendant. „Konsequenz“ heißt das Zauberwort, mit dem die Off-Szene seit nunmehr einem Jahr reüssiert. Nobels Körper ist übersät von Blutergüssen. „Fight Club?“ Nobel schüttelt den Kopf: „Nein, Werther.“ – Na, das kann ja heiter werden. Überhaupt transportiert hier jedes Detail den Reiz einer kleinen Sensation. So etwa die SMS-Dramaturgie von Thomas Thieme zu R3, oder die Rückkehr des Schauspielers Björn Geske, der nachdem er in Hollywood „Nazis und Zombies“, so Nobel, darstellen musste, sich freut, wieder ans Theater zurückkehren zu können. Der Intendant verspricht für den Freitag einen Monolog im Sprachrausch. Es werde „ein harter und brutaler Abend“, wenn das Propagandastück des Tudorregimes im neuen Gewand auf die Bühne kommt. „Wir dürfen Richard III. nicht nur negativ verstehen“, so Nobel. Die historischen Quellen sprechen zuweilen eine andere Sprache. Verweise auf Rambo und Terminator könnten da weiterhelfen.
Mit der Uraufführung von Furious Angels von David Burton ist für den Regisseur Hans Dreher der langjährige Traum in Erfüllung gegangen, einmal auf Englisch zu inszenieren. Für Dreher, der in den USA aufgewachsen ist, ein besonderes Privileg. Das Stück spielt in einer Psychiatrie in den 30er Jahren in Australien. So wie in der Regieanweisung vorgesehen, wird Mathew Walsh alle fünf Rollen selber spielen. Klingt ein bisschen schizophren, aber Dreher gibt sich zuversichtlich. Walsh sei ein unglaublich professioneller Schauspieler. „Ich werde allerdings erst am Samstagabend die Chance haben, zu wissen, ob irgendjemand das Stück verstehen kann. Ob das Stück Wahnsinn aufgegangen ist“, so Dreher. Um die Anspannung perfekt zu machen, einigte man sich auf eine möglichst kurze Probezeit. „Mehr als zwei Wochen ist feige“, erklärt Dreher. Es gehe darum, den „Rohdiamanten“ freizulegen. Bei so einer Arbeitsweise kann es natürlich ganz nützlich sein, wenn gleichzeitig die Nerven blank liegen. So darf der Auftakt der Angry-Young-Man-Serie mit Spannung erwartet werden.
Das Rottstr5Theater ist auf den ersten Blick ein ganz unmöglicher Raum. Das runtergekommene Tonnengewölbe befindet sich unterhalb der Bahntrasse der Nokia-Bahn, respektive der Glück-Auf-Bahn, die diesen albernen Namen erst trägt, nachdem der Mobil-Riese Nokia Richtung Ungarn die Stadt verlies und die sensiblen Stadtphilosophen ein Zeichen setzen wollten. Alle zwanzig Minuten donnert der Zug mit einem gewaltigen Getöse über den Theaterraum hinweg, auch während den Vorstellungen. Mittlerweile ist es Kult geworden, diesen Lärm spontan in die Performance einzubauen. Gibt immer wieder Lacher, ist immer wieder geil. Da applaudiert sogar der Kulturdezernent. Einfach wunderbar. Im Grad der Runtergerocktheit am ehesten an den Bremer Schlachthof erinnernd, bietet das Interieur der Off-Bühne ein Sammelsurium an Geschmacklosigkeiten. Die Bestuhlung liefert über Kinosessel, Ledercouch und Küchenstuhl ein enervierendes Areal an Sitzmöglichkeiten. Am schlimmsten aber ist die Bühne. Erst vor einem Jahr blau gestrichen, ist schon viel Farbe wieder abgesplittert. Nun sieht es so aus, als hätte jemand die Bühne mit ein paar Maschinengewehrsalven gestrichen. Hinzu kommt, dass die Bühne bei den Inszenierungen systematisch zerstört wird. Der schicke Paravent, der an der rechten Bühnenseite das Tonnengewölbe so schön begradigte, wurde erst neulich mit einer schweren Axt kurz und klein geschlagen. Warum? Shakespeare. Aha. Gegenwärtig wird hier mit Brennpaste experimentiert. Beunruhigend. Aber Nobel ist begeistert: „Einfach die ganze Bühne abfackeln und dann fluten mit Schweineblut. Genial!“
Nothing is static, everything is appaling, everything is falling apart. (Tyler Durden)
Das Rottstr.5Theater dürfte es eigentlich gar nicht geben. Die Grenzziehung zwischen Kunst und Leben wird hier so sehr in Frage gestellt, dass Gefahr für Leib und Leben besteht. Es besteht ein permanenter Imperativ an den Körper. Im Grunde spielt Nobel Goethes Werther immer über den Selbstmord hinaus, nur um am Ende zu resümieren: „Ich hab überhaupt keinen Bock mehr, der Werther zu sein. Ich fahr jetzt einfach zur See.“ Da steckt schon diese Fight-Club-Logik drin. Unter der Regie von Oliver Paolo Thomas ist das Stück ja in den letzten Wochen zum absoluten Kassenknüller geworden, bis jetzt war jede Vorstellung restlos ausverkauft. Da war die Idee mit den zornigen, jungen Männern nicht weit. Eigentlich strebte hier ein Jahr Theaterarbeit zwangläufig auf das Angry-Young-Man-Wochenende hin. Die meisten Inszenierungen waren ein Knaller. Dazu immer das beste Licht, der beste Sound. So etwas schätzt man in Bochum: Ehrlichkeit, und ja… – Qualität eben.
Hit me as hard as you can
Im Theater riecht es wie in einer Kneipe in den frühen Morgenstunden, die Eingewöhnungszeit dürfte nicht allzu lange dauern. Ein bisschen schäme ich mich ja schon für diesen Schlafsack, den Tommyboy mir geliehen hat. „Pippi, AA, Sperma?“, hatte ich ihn gefragt. „Von allem ein bisschen“, hatte Tommyboy geantwortet. Tja, und jetzt trage ich diese Seuchenschleuder eben ins Theater. Dieser widerliche Schlafsack! Aber was soll ich machen? Es muss doch irgendwie weitergehen. Direkt nach dem Einzug steht auch schon die erste Probe von R3 an. Björn Geske ist schon aus der Garderobe raus: speckige rote Lederhose, den Oberkörper mit Theaterblut beschmiert. „Hi, Carsten, ich bin der Björn“, begrüßt er mich. Super entspannt. Schnell noch ein Fotoshooting, Blitze zucken durch die Dunkelheit, dann wird geprobt. Coole Sache: Richard der III. Shakespeare, aber nicht in so einer ausgelutschten Schultheater-Schlegel-Variante, sondern in der Bearbeitung von Lanoyes und Percevals: „Dirty Rich Modderfocker the Third“. Gangster-Rap trifft Reclam. Die Figur behält ihre monströse Brutalität, sucht aber nach Gründen dafür. Im Rosenkrieg-Zyklus der flämischen Theatermacher sehen wir einen Richard, der unter seiner Entstelltheit leidet; der nicht nur Wut, sondern auch Trauer empfindet aufgrund seiner Gesellschaftsunfähigkeit. Durch pure Brutalität kämpft sich dieser weit weniger listige Richard auf den Thron, aus Rache für seine Ächtung. Thomas Thieme wurde mit diesem Richard Schauspieler der Jahres 2000. Seine SMS-Dramaturgie mit Arne Nobel kaprizierte sich nicht auf das verhasste Twitter-Format. Nein, ganze Romane smste Thieme aus Weimar. Besonders das Grußwort im Programmheft ist ihm ganz wundervoll gelungen und soll aufgrund der stilistischen Spannkraft an dieser Stelle vollständig zitiert werden:
![R3](http://www.ruhrbarone.de/wp-content/uploads/2010/08/Geske21-300x200.jpg)
„1998 drückte mir der damalige Intendant des Schauspielhauses zu Hamburg und Schauspielintendant der Salzburger Festspiele, Frank Baumbauer, einen Leitz-Ordner in die Hand: Shakespeare, Lanoye, Perceval – Schlachten (Ten Oorlog). Dem Regisseur Perceval war ein Hauptdarsteller abhanden gekommen und so hatte ich das künstlerische Lebensglück, Dirty Rich Modderfokker der Dritte zu spielen. So einen Text hatte und habe ich nie gesehen und werde ich wohl auch nie wieder sehen. Mit einmaligen Mut, mit Kraft und genialer Leichtfertigkeit haben die Autoren (außer den genannten noch die Bearbeiter Reichert und Kersten) eine Komposition hingeschmissen, die seither nicht ihresgleichen hat. Als hätten sie die unfassbar dumme und spießige Diskussion über Regietheater antizipiert, erfanden sie Shakespeare einfach neu, ohne ihm im geringsten zu nahe zu treten. Sie machten einfach das, wovon die Theaterheinis alle träumten: sie waren kreativ (damals konnte man das Wort noch aussprechen, ohne ausgelacht zu werden). Der Bucklige im letzten Teil kauderwelscht sich durch sein Königreich, das ihn erst nicht will, bringt seine Widersacher um und ist am Ende König der Sprache als Gewalt und als schreckliches Leid. Alles was in einem Menschen sich sammeln kann an Hass, Schmerz, Liebe, Angst bricht aus ihm heraus. Es gibt keine Sprachoper, die den letzten 10 Seiten dieses Textes gleicht. Nobel und Geske, der eine einst mein Assistent in Bochum, der andere mein Schüler in Weimar sind aus dem Holz geschnitzt für diese Wörter. Beide sind sie nicht gefällige Weicheier der neuen Langeweile am Theater geworden, trotz ihrer Umfelder. Beide sind sie raue Burschen, sehr körperlich, männlich. Sie haben das Stadttheater verlassen, weil es ihnen zu ordentlich zuging: längst hat ja der jämmerliche Begriff Werktreue (ganz sinnentleert von Werk und treu) die Bühnen heimgesucht und in geriatrische Einrichtungen oder Waldorf-Spielkreise verwandelt. Da passen die 2 nicht hin. Ob sie den Mördertext schaffen, ihn so rausschreien, dass er wehtut, das weiß ich nicht. Dass sie alles dransetzen werden, dass es so wird, das kann ich garantieren.“ (Thomas Thieme, Weimar, 3. August 2010)
Die Axt hat immer Recht
Die Regie-Assistentin Charlene Markow macht heute die Souffleuse. Ich hatte die Markow anfangs gar nicht wahrgenommen, doch nachdem sie zum ersten Mal rumgemault hatte, umso deutlicher. Vor ein paar Monaten hatte sie hier als Praktikantin begonnen und sofort ein strenges Regiment aufgezogen. Mittlerweile genießt sie den Status einer geheimen Chefdramaturgin. Ihre Urteile sind bei den Herren Nobel und Dreher gefürchtet, denn nicht selten fallen sie vernichtend aus. Vielleicht sollte ich ihr meine Texte zum Redigieren geben, bei einer wie der Markow hätte ich keine Bauchschmerzen dabei. Wir werden sehen…
So, die Tür wird jetzt abgeschlossen, das Saallicht verstummt. Da ist auch schon die Musik und die Probe beginnt. Wie ein Ungeziefer schabt sich Geske auf die dunkle Bühne, jetzt schon sehr präsent. Nobel kommentiert jeden zweiten Satz:
„Ein Königreich für ein Pferd.“
„Gut.“
„In unserem Haar klebt Glitter und Konfetti.“
„Cool.“
„Und Bruder Eddy, der Schlachtengott, wird fett and smiles like Buddha…“
„Toll.“
„But I, nicht zum Herumhurn geil geschaffen, falsch ausgerüstet…“
„Sehr gut, Björn. Geiler Anfang.“
„I plan to entertain it as the bad guy. Aus gossip, lies und Alkoholvisionen. Aus List und Laster webte ich ein Netz nach my black magic voodoo Horoskop!“
Björn legt sich in die Badewanne, öffnet eine Bierbüchse und zitiert aus Rambo: „Als ich aus dem Krieg in diese Welt zurückkam, sah ich am Flughafen all die Hippies gegen mich demonstrieren. Sie bespuckten mich und nannten mich einen Babykiller.“ Dann Cut und jetzt wütender (Herzog/Kinski):
„Die Erde, über die ich gehe, sieht mich und bebt.“
“Super cool, Björn, genauso ist es, in den Text greifen…”
„Wer gegen mich ist, wird in 198 Teile zerstückelt.“
„Nicht zu bequem werden, nimm die Worte.“
Geske zieht weiter an. Wird immer bedrohlicher. Über die Boxen jetzt das Terminator-Sample: schwere Bombardements der Sinusflöten breiten ihre Flächen aus, Fanfaren der Nike voller Ressentiments ob der Hinfälligkeit der Stärke, Fatum und auch wieder nicht. Dann der zweite Akt. Nobels Regienotiz: Terminator 2: Musik auslaufen LW, Licht: (Kniefall vor Tonne IIA dazu).
Der Geske so: „Annas Reiz allein…“
Der Nobel so: „An einen fetten Arsch denken, eine fette Möse.“
„Annas Reiz…“
„Denk weiter an die Möse!“
„Clean penetration. No shattered bone…“
„Hab da mehr Spaß daran!“
„Wurd je eine Kuh mit so much fun gemolken? I killed her husband, Dad und Schwiegerpa und krieg sie ran, die Gift und Galle spuckt!“
Dann das Sample rich_war_lang: „Waaaar!“ Wutausbruch, Hassbeat auf der Feuertrommel. Rawumms, das Teil in die Ecke getreten. Plötzlich stille Einkehr, Geske nimmt seinen schwarzen Mantel wie ein kleines Kind in seinen Arm. Der 4. Akt beginnt, die blaue Szene: „Der T-1000 wird definitiv versuchen sich dort Deiner zu bemächtigen.“ Spooky. Dann gewinnt das Ganze wieder an Fahrt.
„Oh cruel world! Kein Mensch, kein Tier that loves me! Who`ll cry form me, wenn ich mal selbst krepier?“
„Geil, Björn, genau so weh tut das. Coole Scheiße, Geske.“
„Yo, Modder! Fok me, fok you, fok us all… I’ll be back!“
Jetzt spricht die Axt (eine Leihgabe des Schauspielhauses Bochum). Wirklich geile Regie-Idee. Die Markow hatte ja vor der Probe mit Kreide die Namen derer auf den Bühnenboden geschrieben, die Richard töten ließ oder selbst umbrachte: „Edward, Anna, et cetera“. Auf diese Namen schlägt Geske jetzt mit der Streitaxt ein. Funken fliegen als der Stahl auf den Betonboden kracht. Zauberhafter Effekt. Schade nur, dass die Brennpaste auf dem kalten Beton zu schnell eintrocknet und sich durch keinen überspringenden Funken mehr entzünden lässt, sonst hätten wir jetzt ein irrsinniges Schlachtengemälde. Aber auch so gut. Dann über die Anlage nochmal das Sampel: „War!“
„Mach mal den stummen Schrei, will ich sehen.“
Geske so: Waaaaar!!!
Zum Schluss die Einspielung „richi piano“: verträumtes Kinder-Stakkato, an den Soundtrack von Amelie gemahnend, aber alles noch viel reduzierter, richtig debil sogar. So stürzt Richard der III. jetzt in die zweite Zinnwanne rechts, schaufelt sich quasi über die Schulter in diese Wanne rein und reißt sie damit um. Blut ergießt sich über den Steinboden der Bühne. Exakt die Menge Blut, die ausreicht um den gesamten Bühnenboden zu fluten. Großes Bild. Arne auch sofort freudig erregt: „Siehste, Pfeffer.“ Klar, sehe ich, Arne. Genial.
Geske ist nach der Probe voll fertig, so als wäre er gesundheitlich leicht angeschlagen. Auch Arne klagt über Fieber und Grippesymptome als wir uns nach der Probe auf dem Weg zum Intershop befinden. Es regnet ja nunmehr seit Wochen, der ganze August voll im Arsch. „Ein, zwei Bier, Pfeffer, mehr geht heute nicht.“ Ja, ist klar, bin auch voll im Arsch.
Not your grande latte
Schon von weitem empfängt uns das Neonlicht des Intershops. Zum Sprung bereit liegt der Dinosaurier der 80er-Kneipenkultur in unserem Blick. Sanft umarmt uns die unterkühlte Endzeit-Atmosphäre. Leichtes Frösteln, dazu das rote Licht und die vergessenden Körper. Zwei Bier sind schnell bestellt. Arne und ich quatschen uns einen Wolf über potentielle Angry-Young-Woman-Monologe. Jeanne d’Arc und so, aber richtig mit gib ihm, viel Faustkampf zum Stroboskop und so. Gegen wen? Ist natürlich bei einem Solo-Stück ne wichtige Frage. Die Jeanne haut sich am besten selbst mächtig auf die Fresse, dann kann man dabei gleich diese ganzen Klinikdiskurse verwursten, hehe. Einige Biere werden getrunken. Um Mitternacht gibt sich eine Geburtstagsgesellschaft zu erkennen, auch wir gratulieren und die Schnäpse fließen. Vornehmlich Sambuca. Was in zweifacher Weise verwerflich ist. Denn zum einen habe ich mit Glen Fiddich gestartet, zum anderen trinkt Arne keinen Schnaps und schiebt mir jetzt immer seine Gläser rüber. So trinke ich doppelt so viel. Aber egal, loslabern, einfach geil. Dann kommt auch noch Tommyboy reingetorkelt und macht den Abend perfekt. Mächtig drollig wieder. Kommt in den letzten Wochen immer besser aus sich raus. Einfach wunderbar. Nur manchmal muss ich an etwas denken, und dann spüre ich, wie sehr die Kälte bereits von mir Besitz genommen hat. Wie sich da in mir eine Wut auf etwas aufbäumt und mich immer wieder in Momente tiefster Verzweiflung stürzt und danach, als wäre es ein Segen, die absolute Anspannung generiert. Die Muskeln zucken und meine Gesichtszüge verhärten sich. Die stringentesten Strategien verfolgt ja das Unterbewusstsein, ungetrübt von den Defiziten des Verstandes. Ich könnte jetzt den Tisch einschlagen. Mit ner Wumme hier ganz fürchterlich rumnerven. Aber wozu? Wegen ihr? Lächerlich.
Der alte Spruch, dass man immer das tötet, was man liebt, der stimmt in beide Richtungen. Und er funktioniert in beide Richtungen. (Tyler Durden)
![R3](http://www.ruhrbarone.de/wp-content/uploads/2010/08/Geske3-199x300.jpg)
So schwanke ich entlang der Viktoriastraße zu meinem neuen Domizil. Vor dem Apartment45 muss ich mich kurz aber heftig übergeben. Kotze mir sogar auf die Hose, was besonders clever ist, da ich nichts zum Wechseln mitgenommen habe. Herrje. Das Theater wirkt trostlos in dieser Nacht. Ein kalter kaputter Raum, eine Baustelle. Eine Kerze hilft gegen die Dunkelheit. So habe ich mir immer den Proberaum der Einstürzenden Neubauten vorgestellt. Direkt vor der Bühne befindet sich so eine muschelförmige Couch, auf die werf ich mich jetzt. Dieser widerliche Schlafsack! Jesus, ist der durchgerockt. Und dieser Geruch! Fürchterlich. So liege ich unter dem Tonnengewölbe und die Züge donnern über mich hinweg, bevor sie am Ende der Welt in das weitaufgerissene Maul des grünen Drachens stürzen. Der Kopf rast weiter. Noch vor einer Woche wollte ich eine Familie gründen und aufs Land ziehen und so ein Quatsch. Da fahre ich nochmals hoch. Ein Blick aufs Blackberry: kein Anruf, keine SMS von ihr. Nein, sie wird mich niemals lieben. Lost in Larmoyanz, aber egal jetzt. Heute Nacht schlafe ich im Fight Club. Es ist meine erste Nacht, deshalb muss ich kämpfen. Gegen mich selbst. Gegen diese ekelhafte Liebe in mir. Noch ist sie die Stärkere. Doch weiß sie noch nicht, was für ein Arschloch ich sein kann. Ein richtig krankes Schwein sogar. Yo, Modder: fok me, fok you, fok us all… I’ll be back!
Zwischennutzungen und Kreativquartiere Ruhr
Wer hat an der Uhr gedreht? Warum laufen plötzlich alle in die gleiche Richtung? Kreativwirtschaft und Zwischennutzungen sind DER Trend aktueller Stadtentwicklungspolitik. Und dies von oben wie von unten. Unserer Gastautorin Svenja Noltemeyer ist eine der Sprecherinnen der Initiative für ein Unabhängiges Zentrum in Dortmund und sitzt für die Grünen im dortigen Rat.
Unter den Stichworten europäische, offene, soziale und kreative Stadtentwicklung findet man das Thema Zwischennutzungen in vielen Städten der Republik. Die Wächterhauser aus Leipzig, die Hamburger Gängeviertelinitiative und die Zwischenzeitzentrale in Bremen sind gute Beispiele wie Stadtplanung heute gemanaged werden kann. Nämlich in aktiver Einbeziehung der Arbeits- und Kreativkraft der Bürger und ausgelegt auf Besinnung und Belebung stadtbaukulturell interessanter und identitätsbehafteter Leerstandsimmobilien, die für den konventionellen Vermarktungsprozess nicht mehr attraktiv sind. Auch Freiflächen, die aus Gründen des demografisch bedingten Schrumpfungsprozesses durch Rückbau nicht mehr benötigter Industrie-, Gewerbe und Wohngebäuden entstehen, sind Potenzial für Zwischennutzungen.
Im Ruhrgebiet hat durch die Aktivitäten, Netzwerke und Themenfelder, die durch die Kulturhauptstadt Ruhr.2010 entstanden sind, die kreative Raumaneignung städtischer Möglichkeitsräume begonnen. Neben den Planungen der großen Kreativquartiere wie beispielsweise das Dortmunder U, die Zeche Zollverein in Essen und die Zeche Lohberg in Dinslaken durch ECCE, die Wirtschaftsförderungen, Kultur- und Stadtplanungsämter, gibt es Bürgerinitiativen, die diese Idee für sich interpretieren.
Das t.a.i.b. und die Marienkirche in Bochum beispielsweise sind Orte im bestehenden Kreativquartier Viktoria rund um das Bermudadreieck, die von Kreativen selbst genutzt und organisiert werden. Durch eine temporäre architektonische Intervention auf der Freifläche beim ehemaligen Güterbahnhof, dem t.a.i.b., hat sich bereits beim Aufbau eine Gruppe gebildet, die Raum für kulturelle Projekte sucht. Die konstante Bespielung des Areals sowie die regelmäßigen Gruppenplenar zu langfristigen Nutzungsmöglichkeiten der interessanten Fläche (viel Freiraum in innerstädtischer Lage), die auch von Akteuren der Stadtverwaltung und ECCE begleitet wurden, führten zu neuen Kommunikations- und Planungsstrukturen im Kreativquartier Viktoria. Dem Ziel der Stadt „Belebung ungenutzten Raums“ steht nun eine kreative Nutzergruppe als Ansprech- und Umsetzungspartner zur Verfügung, die Raum und Kultur/Kunst/Kreativität zusammenführt. Wenn die Stadtverwaltung nun intensiv nach kreativen Lösungen sucht, solche (Zwischen)nutzungen formal möglich zu machen (Brandschutz, Sicherheitsaspekte etc.), werden weitere Projekte zukünftig umgesetzt werden können und damit eine kreative, offene und soziale Stadtentwicklung sichtbar.
In Nachbarschaft zum t.a.i.b. steht die Marienkirche, für die auch im Rahmen der Kulturhauptstadtaktivitäten lange Zeit mögliche Nachnutzungen gesucht wurden. Sie ist heute offener Proberaum für Urbanatix. Dort konnte die showproduzierende Streetartszene begünstigt durch das Kulturhauptstadtsiegel Kontakt zum Probst aufnehmen, der den Sportambitionen und sozialen Bestrebungen der Gruppe aufgeschlossen war. Durch die zwei Projekte gewinnt das Kreativquartier Viktoria, auch ohne Konzerthaus, enorm an Fahrt.
Nebenan in Dortmund zeichnet sich rund um den U-Turm, speziell im Stadtumbaugebiet Rheinische Straße eine ähnliche Entwicklung kreativer Stadtplanung ab. Mittelpunkt und Anlaufstelle für Kreative und junge Gründer ist hier der Union Gewerbehof an der Huckarder Straße. Früher durch Besetzung vorm Abriss gerettet, gilt der Gewerbehof heute als gewachsenes Kreativquartier, das seit Jahrzehnten viele kreativwirtschaftlich tätige Kleinstunternehmer beherbergt und auch Austragungsort der Kreativen Klasse in Dortmund ist. Das Quartier Rheinische Straße hat großes Entwicklungspotenzial (viel Altbau, viele Freiflächen, viel Leerstand, bunte Bewohnerschaft) und in den letzten Jahren gute Kommunikationsstrukturen geschaffen, um als Anziehungs- und Vermittlungspunkt für Kreative zu funktionieren. Die Unternehmensberatung FunDo kümmert sich beispielsweise um Raum Suchende und entwickelt mit dem Blauen Haus e.V. ein Zwischennutzungsprojekt gegenüber dem ehemaligen Lokal Donnerschlag, langjähriger Treffpunkt der Dortmunder Nazis an der Rheinischen Straße. Hier wird, durch private Mittel des Eigentümers ermöglicht, im Rahmen von Beschäftigungs- und Fortbildungsmaßnahmen der ARGE durch Arbeitslose ein stark sanierungsbedürftiges Haus wiederbelebt und für kreative Nutzungen geöffnet.
Im Konsultationskreis Rheinische Straße kommen seit Beginn des Stadtumbaus regelmäßig Politiker und Bürger aus dem Bezirk Innenstadt-West zusammen und besprechen direkt mit der Verwaltung, wo es im Quartier noch hapert und geben Ideen weiter, wie das Wohnumfeld konkret verbessert werden kann. Aus diesem Kreis hat sich gleich zu Beginn aus engagierten Anwohnern der Rheinische Straße e.V. gegründet, der in enger Zusammenarbeit mit dem Quartiersmanagement eine regelmäßig erscheinende Quartierszeitung erstellt und in thematischen Arbeitsgemeinschaften (Kultur, Westpark etc.) konkrete Projekte initiiert.
Neben den vielen neuen Gründern, die es auch in Eigeninitiative in den attraktiven Stadtteil (günstig, zentral, gute Infrastruktur) gelockt hat und diesen nun beleben, wie zum Beispiel dem Künstlerkollektiv Salon Atelier, gibt es weitere Entwicklungspläne der Kreativen selbst. Das sogenannte Amt für neue Ordnung soll hier entstehen, ein Coworking Space, in dem Kreative ihren einsamen Heimschreibtisch günstig gegen einen Platz in einem bunt besetzen Grossraumbüro tauschen können. In der Umnutzung des ehemaligen Ordnungsamts (daher der Name..) können in der Kaffeepause oder im Hausflur Kontakte zu potenziellen Auftragspartnern aufgebaut und verschiedene Raumangebote (beispielsweise einen Besprechungsraum, in dem man mit Auftraggebern verhandeln kann) genutzt werden.
Neben diesen Aktivitäten von unten gibt es auch Pläne von oben in Dortmund. So soll demnächst ein Kreativwirtschaftszentrum den Park der Ideen unter dem U-Turm bereichern und als attraktiver Standort für die Kreativwirtschaft dienen. In wie fern dieser eigentlich sinnvoll und nötig ist, müssen Verwaltung und Politik entscheiden. Hauptsache bleibt, dass die Initiativen und Projekte von den Bewohnern selbst ebenso, wenn nicht sogar stärker, gewertschätzt und unterstützt werden wie die großen Pläne von oben. Da jedoch die Bedeutung von Zwischennutzungen und kreativen Entwicklungen erkannt wurde (siehe Kreativquartierstypologie von ECCE) und sich aktuell die Dortmunder Verwaltung und Politik ins Zeug legt, den aktuellen Forderungen der Kreativszene nach einem unabhängigen Zentrum (UZ Dortmund) nachzukommen, ist zu erwarten, dass sich dieses Denken fortsetzt. Vielleicht auch eine Antwort auf die schwierige Haushaltssituation. Aber wenn dies auf die verstärkte Umsetzung des Rechts auf Stadt der Bürger hinausführt und die aktive Bürgerschaft Ihre Stadtentwicklungsziele und Projekte tatsächlich durch breite Unterstützung umsetzen kann, umso besser.
Mehr zum Thema Zwischennutzung:
Zwischenraum: Atelierfläche in Bochum sucht Nutzer…Klick
Zwischenraum: Speicher in Dortmund…Klick
Zwischenraum: Ausstellungsfläche in Bochum…Klick
Zwischenraum: Traumimmobilie im Dortmunder Kreuzviertel…Klick
Vom Sinn und Unsinn der Zwischennutzung…Klick
Aufruf: Wir suchen leerstehende Häuser…Klick
Fallout Reinigungscreme für den Bunker: Stoppt Tierversuche, nehmt Models!
Diese amerikanische TV-Werbung zeigt, wie ein Model mit radioaktivem Staub („schmutzige Bombe“) eingeschmiert und dann mit dem Geigerzähler abgetastet wird, um die Wirksamkeit einer kosmetischen Reinigungscreme zu demonstrieren… =:-O
Mick Thomas & Michael Barclay
Mick Thomas & Michael Barclay, Dienstag, 31. August, 20.00 Uhr, Subrosa, Dortmund
Der Ruhrpilot
Loveparade: Das Planungs-Desaster…Der Westen
Loveparade II: Bildausfall während der Katastrophe…Welt
NRW: CDU fragt Mitglieder Ende Oktober…RP-Online
Dortmund: 14. Schwul-lesbisches Straßenfest…Ruhr Nachrichten
Dortmund II: Schlechtes Wetter setzte Micro!Festival zu…Ruhr Nachrichten
Witten: Nazi-Plage…Bo-Alternativ
Essen: Friedensangebot am Hauptbahnhof…Der Westen
Fußball: Fans planen Demo für ihre Rechte…Der Westen
Wirtschaft: Borletti hält sich für den besseren Karstadt-Retter…Welt
Freizeit: Mein erster geloggter Cache…Zoom
Pop: Eine Egotronic-Geschichte…Zeitrafferin
Technik: Warum ich kein HD+ empfangen will…Pottblog
Im Verborgenen
Samir betet. Samir betet fünf Mal am Tag. Nach dem Pokern breitet er den Gebetsteppich aus. Samir ist Iraker aus Essen, mitten im Ruhrgebiet. Auf seinem Schreibtisch steht ein Koran. Daneben liegen eine leere Bierflasche und ein voller Aschenbescher. Bei Samir stimmt etwas nicht.
Der U-Bahn-Übergang „Berliner Straße“ in Essen. Zugbremse, Handymusik, Babygeschrei. Es riecht nach Döner. Eine Oma geht an mir vorbei. Ihr Gesicht sehe ich nicht. Mein Blickt verharrt auf einem Mann mit kurzen dunklen Haaren mitten im Menschenstrom. Seine Haut ist dunkel. Das ist Samir: breite Jacke mit Kapuze, Jeans, Sportschuhe. Er zieht die Kopfhörer aus seinen Ohren heraus, reicht mir die Hand. Er wird mir von der verborgenen Seite seines Lebens erzählen. Er will nicht, dass sein richtiger Name genannt wird. Denn es geht nicht nur um ihn, sondern um die Ehre seiner Familie. Und das ist seinen Eltern am allerwichtigsten.
Samirs Geschichte begann an dem Tag, als ein unbekannter Mann zu ihm nach Hause kam. „Ich war damals zwölf“, sagt der heute 22-Jährige. Er schüttelt vorsichtig eine Prise Tabak auf ein schneeweißes Papierstück, dreht mit seinen Fingern eine Zigarette. Der Mann wurde seiner Schwester vorgestellt. Nach einigen Wochen heirateten sie. Die Schwester zog aus. „Wenn unsere Verwandten nach ihr fragten, sagten die Eltern immer, bei ihr ist alles in Ordnung“.
Samir ging in die Schule. Er hatte viele Freunde. Aber er besuchte sie nicht. Samir durfte nur unter dem Balkon spielen – damit ihn die Mutter im Blick behalten konnte. Klassenfahrten waren verboten. Die Eltern wollten, dass sich möglichst wenige Leute in die Erziehung ihrer Kinder einmischen. Samir beschwerte sich nicht. Als er Liebeskummer und Stress bei seinen Abi-Vorbereitungen hatte, schwieg er. Verliebt sein und Probleme haben – diese Themen waren in der Familie tabu. Er redete nicht mit seinen Eltern. Und seit einiger Zeit nicht mehr mit Gott.
Vor drei Jahren wollte Samir nichts mehr mit seiner verstellten Realität zu tun haben: „Ich habe angefangen Drogen zu nehmen. Es fing an mit Kiffen, dann ging es mit Koks und Ecstasy weiter. Ich wollte einfach wieder mal glücklich sein.“ Doch das half nicht. Es war nur „Glück auf Zeit“. Danach ging es ihm noch schlechter. Einmal packte Samir seinen Koffer und haute von Zuhause ab. Einen Monat lang pendelte er zwischen den Wohnorten seiner Freunde. Immerhin erlangte er dadurch seine Freiheit: die Erlaubnis alleine zu wohnen. Kneipen, Pokern, Bier, Tabak. Diese Bestandteile seines unabhängigen Lebens muss er vor seinen Eltern verheimlichen. Der Kontakt mit berauschenden Mitteln jeglicher Art ist in der muslimischen Familie verboten. Vor einem Jahr erlaubten Samirs Eltern seiner Schwester sich von ihrem Mann scheiden zu lassen. „Ich werde ihnen nie verzeihen, dass sie es nicht früher gemacht haben“, sagt Samir.
Er schaut die Zigarette an, die in seiner Hand verglimmt. Sie wird immer kürzer, ihr Feuer berührt seine dunklen Finger. Einige Monate nach der Heirat erzählte die Schwester Samir, dass der Mann sie schlägt und demütigt. Einmal rief sie ihn an und erzählte heulend, dass er sie mit dem Messer bedrohte. Als der Mann bemerkte, dass sein kleiner Sohn sich hinter ihrem Rücken versteckte und zitterte, senkte er das Messer in der Hand mit den Worten: „Du wirst schon sehen, was ich heute Abend mit dir mache.“ Samirs Hand zittert, die Asche fällt auf den Boden: „An jenem Abend vergewaltigte er sie.“
Als Samir seinen Eltern von diesem Vorfall erzählte, erwiderte die Mutter nur: „Wie kann sie denn von ihm vergewaltigt werden? Sie sind doch verheiratet.“ Samir sagt mit leiser Stimme: „Das war der Punkt, an dem ich mit meinen Eltern gebrochen habe. Sie wollten nach Außen immer als eine Vorzeigefamilie gelten. Die Gesellschaft war ihnen wichtiger als eigene Tochter.“ Wenn Samir vom Inhalt des Spielfilms „Die Fremde“ hört, sagt er, die Story sei wie über seine Familie geschrieben. Zum Glück hat seine Geschichte im Unterschied zum Film kein tragisches Ende.
Samir besucht ab und zu seine Eltern. Seiner Schwester geht es gut. Samir nimmt keine Drogen mehr. Er glaubt wieder an Gott. „Es sind so viele gute Sachen in der letzten Zeit passiert. Ich kann nicht anders, als an Gott zu denken“, sagt Samir. Er schaut auf die Uhr. Er muss sich beeilen. Gleich besuchen ihn Freunde zum Pokern. Samir steckt seinen Tabak in die Hosentasche, setzt seine Kopfhörer auf und verschwindet im Menschenstrom der Essener U-Bahn.
Bild: Szene aus dem Film „Die Fremde“.