Pulp. Emo. Wut. Fiction.

Eine magersüchtig-flachbrüstige Buchhandelsauszubildende mit Kleopatranase und Glasbausteinbrille steht vor mir und grinst mich mit ihren schiefen Zähnen an. Von unserem Gastautor Daniel Kasselmann.

„Guten Tag, kann ich ihnen helfen?“ kräht die mickrige Buchhandelszombine mich mit schätzungsweise 200 Dezibel an.

Kann sie nicht. Es sei denn, sie hätte den Titel: „Suizid und Suizidhilfe“, „Freitod, die beste Lösung“ oder „Selbstmorderfolg – Ein ultimativer Ratgeber“ im Regal stehen. Hat sie aber nicht. Und buchmäßig ist mir derzeit ansonsten gar nicht zu helfen; ich stehe hier in der riesigen Mayerschen Buchhandlung an der Kö. Flagship-Store nennt man das auf Neudeutsch. 

„Stöbern Sie mit allen Sinnen auf 4.400 qm über 6 Ebenen verteilt. – Unsere rote (sic!) Rolltreppe begleitet Sie dabei durch unsere neue Buchhandlung. Abstecher in unsere Leselounges mit Kö-Blick inklusive sind unbedingt erwünscht. Lust auf Kaffeespezialitäten? World Coffee lädt hierzu herzlich ein. Neue Hörerlebnisse? Unsere Hörduschen erwarten Sie.“

Sprich, ich bin umgeben von schätzungsweise einer Million Büchern, von World Coffee und den Hörduschen mal ganz zu schweigen, und hunderten Leseratten, die sich alle saumäßig glücklich bücherlesend ins Hirn wichsen. Und die stöbern hier also stundenlang und sehen alle furchtbar kollektiv glücklich aus. Zugegebenermaßen ist das nicht der falscheste Ort, um nach Büchern zu stöbern, das Blöde ist nur, dass ich selbst zwar hier bin, aber eigentlich gar nicht nach Büchern stöbern will.  Und mit der Glasbausteintussi will ich schon gar nicht unter die Hördusche gehen, denn trotz der Chance, dass ich sie dort nicht sehen muss, weil das ja HÖRduschen sind, hat sie auch noch eine schreckliche  Krakeelstimme, die den Strafbestand der akustischen Vergewaltigung erfüllt.

Es ist reiner Masochismus, dass ich hier bin. Ich will mich nur mal wieder vergewissern, dass es viel zu viele Bücher gibt, die alle irgendwann mal von einem der unzähligen Autorinnen und Autoren geschrieben worden sind, deren Name auf dem Cover unter dem Titel steht, als dass ich mich jemals ernsthaft damit hätte herausreden können, keine Chance auf Erfolg als Autor zu haben. Denn das war es doch  mal, was ich werden wollte, als kleiner siebenjähriger Brillenträger. Und deswegen stehe ich hier heute, dreißig Jahre später, im Flagship Store der Mayerschen Buchhandlung in Düsseldorf – also der mit dem phänomenalen Kö-Blick, roter Rolltreppe, World-Coffee und HÖRduschen – und werde mir langsam darüber klar, dass da irgendetwas karrieretechnisch bei mir aber mal so was von gründlich schief gelaufen ist! Und natürlich bin ich nicht nur hier, um mich selbst zu geißeln, was die Myriaden an existierenden Autoren angeht und die nicht enden wollende Frage, warum ich keiner geworden bin.

Ich gehe in gezielter masochistischer Manier zuerst zu den Videofilmen, die neben roter Rolltreppe, den ultimativen HÖRduschen, glasbausteinbrillentragenden Buchhandelsazubinen und Büchern auch noch Teil des Sortiments  der Mayerschen Buchhandlung sind.

Ich stehe also vor diesen unzähligen Videofilmen und überlege, warum da keiner von mir steht.  Weil ich nie einen gedreht habe. So einfach ist das und andererseits wiederum nicht, weil ich in meinem Filmstudium so dermaßen viele Filme gesehen hatte, dass ich weiß, wie Kino funktioniert und genug Ideen hätte ich auch gehabt. Ich habe meine Drehbücher nur niemals umgesetzt. Warum? Keine Ahnung.

Weil die Filmabteilung mir die Laune versaut, gehe ich weiter in die Fachbuchabteilung für Film und Theater und sehe mich dort ein bisschen um. Und natürlich stoße ich nach gestoppten dreißig Sekunden auf das Werk, das mir bestens bekannt ist; „Syd Field: Das Drehbuch. Die Grundlagen des Drehbuchschreibens. Schritt für Schritt vom Konzept zum fertigen Drehbuch.“ Na großartig! Ich habe es gelesen, ungefähr hundertmal, ich habe dort nachgeschlagen und ich habe Drehbücher geschrieben. Aber ich habe sie nicht umgesetzt.

In genau diesem Moment ist die Buchhandelsauszubildende mit Kleopatranase und Glasbausteinbrille bei mir und krakeelt mir ins Ohr. Meine Laune ist soeben definitiv auf dem absoluten Tiefpunkt auf der nach unten hin offenen Depressionsskala angekommen und jetzt auch noch DIE! Sie schaut mich an und das Buch, das ich in Händen halte.

„Syd Field. Sie interessieren sich für Drehbuchschreiben?“ kräht sie in brillanter Erkenntnis meines bevorzugten Interessengebietes.

„Ich bin Autor für Pornofilme, da hapert es  noch mit den Dialogen.“

Sie greift ins Regal: „Ah, Fortbildung, verstehe. Da habe ich hier was; ‚Zündende Dialoge schreiben. Für Bühne, Film und Buchautoren’. Meinen sie so was?“

„Also eigentlich habe ich das Drehbuch auch ohne Dialog fertig, jetzt will ich nur wissen, wie ich den Pornofilm auch produziere.“

Sie greift wieder ins Regal und dort ein anderes Buch heraus.

„Also vom Set her ist das ja ganz einfach, sie ziehen ihre Schauspieler nackig aus, halten die Kamera drauf und sagen ihnen, sie sollen ordentlich drauflosrammeln. Alles Weitere finden sie hier.“

Ich krieg mich schon fast gar nicht mehr ein! Die magersüchtig-flachbrüstige Buchhandelsauszubildende mit Kleopatranase und Glasbausteinbrille ist echt ne harte Nuss, ich meine, die nervt penetrant, ich versuche sie abzuwimmeln, aber die bleibt dran. Ich fass es nicht!

Ich schaue mir den Titel an. „So machen sie ihren ersten Film. Und die nächsten.“ von Camille Landau und Tiare White. Ich lese das Inhaltsverzeichnis. Klingt gut. Sie steht da und wartet darauf, dass ich ihr eine kluge Frage zum Buch stelle. Das tue ich natürlich nicht.

„Würden sie die weibliche Hauptrolle in meinem nächsten Film übernehmen?“

AUA! Das ist ein Satz, der wehtut, er tut mir ja selbst weh, aber der ist mir einfach in meiner Wut so über die Zunge gehüpft, bevor ich mich rational dazu entschließen konnte, besser jetzt mal so richtig die Fresse zu halten. Ich bin in meiner Wut, sie loswerden zu wollen, zu weit gegangen, ich habe die kleine, mickrige magersüchtig-flachbrüstige Buchhandelsauszubildende jetzt schätzungsweise total verletzt und das tut mir im nächsten Moment leid. Ich erwarte, dass sie jetzt in Tränen ausbricht, den Filialleiter holt und ich  hier Hausverbot auf Lebenszeit bekomme. Doch das passiert nicht. Die kleine magersüchtig-flachbrüstige Buchhandelsauszubildende mit Kleopatranase und Glasbausteinbrille lässt mich vielmehr in ein Loch fallen, das so tief ist, dass man meinen Aufprall nicht mehr hört.

Sie gibt mir ihre Visitenkarte, schaut mir tief in die Augen und haucht: „Ruf mich an, wenn es soweit ist, Baby.“ Dann schubst sie mich mit dem Buch zur Kasse und ich bin so dermaßen konsterniert, dass ich es ohne weitere Gegenwehr kaufe. Ein Buch, dass mir mein eigenes totales Versagen so mir nichts dir nichts mitten in die Fresse schleudern wird, wenn ich es lese, ein Buch wie der ultimative Nagel durch meine Hauptschlagader am Marterpfahl meines komplett verpfuschten kreativen Lebens. Großartig! Und einzig und allein veranlasst durch die unerwartet coole Reaktion einer mickrigen magersüchtig-flachbrüstigen Buchhandelsauszubildenden mit Kleopatranase und Glasbausteinbrille. Der Tag kann ja noch heiter werden!
Ich bin raus. Raus aus der Mega-Flagship-Store-Buchhandlung mit seinem roten Rolltreppen, dem World Coffee, dem Kö-Blick, der HÖRduschen und der kleinen magersüchtig-flachbrüstigen Buchhandelsauszubildenden mit Kleopatranase und Glasbausteinbrille. Ich muss jetzt erst mal eine Zigarette rauchen. Ich schaue in meine Zigarettenschachtel und Panik überfällt mich. Es ist die LETZTE. Ich rauche. Ich überlege fieberhaft, wo ich jetzt im Umkreis von  500 Metern neue Zigaretten herbekomme. Angstschweiß bricht mir aus, ich bin nah an einer Panik-Attacke. Mein internes Navigationssystem meldet mir, das nächste Tabakfachgeschäft ist in der Einkaufspassage nur ein paar Minuten entfernt. Mein Puls sinkt wieder von 200 auf 150.

Ich bin in gestoppten einundachtzig Sekunden am Tabakladen. Vor mir keine Schlange, nur  eine dralle Blondine, die auch Zigaretten kauft.

„Eine Pall Mall Menthol bitte.“

Die Blondine kauft echt Menthol-Zigaretten ich werd nicht mehr! Der größte Beschiss seit der Entdeckung der Tabakpflanze! Rauche und inhaliere dabei MENTHOL, das ist GESUND! Rauchen macht bei Menthol-Zigaretten nämlich eigentlich total GESUND! Boah, muss die Alte hohl in der Birne sein, denke ich mir.

Der Verkäufer legt die Zigarettenschachtel auf die Ladentheke. Ich starre auf die giftgrüne Schachtel, die eine Metholpflanze ziert.

„Haben sie ein Problem?“

Ich registriere erst langsam, dass die dralle Blondine mich meint.

„Ähw?“

„Haben sie ein Problem? Mit Menthol-Zigaretten?“

„Nein. Ich überlege nur gerade, welchen gesundheitlichen Vorteile das bringen soll.“

„Gar keine. Ist nur besser beim Knutschen mit Nichtrauchern.“

„Ah so, ihr Mann ist also Nichtraucher… So was soll ja vorkommen. Das ist wie in der Pubertät heimlich rauchen auf dem Schulklo.“

Ich bin heute echt nicht in Form. Mir liegt die die kleine magersüchtig-flachbrüstige Buchhandelsauszubildende mit Kleopatranase und Glasbausteinbrille noch total in den Knochen und das Buch, das sie mir verkauft hat, sowieso. Ich sollte einfach die Fresse halten.

„Nein, ich bin nicht verheiratet und normalerweise treibe ich es mit jedem dahergelaufenen Spacken. Heute Abend schon was vor?“

Ich kann nicht wechseln. Ich kann zum Verrecken nicht wechseln und das regt mich jetzt gerade ganz enorm auf. Ich konzentriere mich auf meinen Einkauf: „Eine JPS Blue XL bitte!“

Der Verkäufer  legt die Packung auf die Ladentheke.  Die Blondine ist immer noch da. Sie schaut verächtlich auf die Zigarettenpackung.

„Nuttenstengel.“

„Bitte?“

„Sie rauchen Nuttenstengel.“

„Ja klar, mehr Krebs fürs Geld!“

„Es bleiben Nuttenstengel. Ich rede mit einem Kerl, der Nuttenstengel raucht! Ich glaube, sie haben heute Abend schon was vor!“

Ich versuche, sie zu ignorieren, schaue auf meine Packung und werfe sie dem Heini auf die Ladentheke zurück.

„Rauchen verursacht Impotenz? Was ist denn das für eine Scheiße, haben sie nicht irgendetwas Nettes mit Krebs?“

Der Cowboy aus dem Tobaccoland ist irritiert, glotzt, sucht und wird fündig. „Rauchen gefährdet ihr Kind in der Schwangerschaft.“ Das geht mich als Mann nichts an, damit kann ich generell leben. Besser als mit Impotenz und Krebs Das ist doch mal ein geiler Kundenservice, da kriegt man den Gesundheitsminister-Raucher-Spruch nach Wahl. Das ist echt nett.

„Super, vielen Dank!“ Ich zahle und spüre plötzlich den Blick der Blondine im Rücken.

„Ich habe ‚Rauchen lässt ihre Haut altern.’ Wie finden sie den?“

„Kommt drauf an, wie alt sie sind.“ Ich schaue sie lange prüfend an.

„Schätzen sie.“

„Ich schätze, das Leben im Allgemeinen lässt einen altern.“

„Oh, jetzt werden wir philosophisch. Ist das ihre Masche?“

„Ja klar, samt existentialistischem Rollkragenpullover und Intellektuellenbrille. Gerade hatte ich eine magersüchtig-flachbrüstige Buchhandelsauszubildende mit Kleopatranase und Glasbausteinbrille.“

„Der Macchiavelli des Sex?“

„Sozusagen. Meine Freunde nennen mich Jean-Paul.“

„War nett, dich kennenzulernen Jean-Paul. Aber mit uns… ich bin schließlich blond, sorry. Schönen Tag.“ Und weg ist sie.

Das ist heute echt nicht mein Tag, ich wurde gerade nacheinander von einer magersüchtig-flachbrüstigen Buchhandelsauszubildenden mit Kleopatranase und Glasbausteinbrille und direkt anschließend von einer mentholzigarettenrauchenden Blondine abgebürstet und dabei ist es noch früh. Wird Zeit, mir den Rest zu geben, ich fahre zur Arbeit.

Dir gefällt vielleicht auch:

2 Kommentare

  1. #1 | differentio sagt am 17. Januar 2012 um 10:00 Uhr

    Unterschied Mayersche vs. wohlsortierter Buchladen umme Ecke:
    Mayersche:
    Ich: Hallo, ich möchte ein Buch verschenken, was witziges, kann gerne auch ein bisschen anspruchsvoller sein. Also nix so vom Geschenktisch davorne. Vielleicht was in die Richtung Max Goldt.
    Mayersche: Max Goldt? Da kenn ich jetzt nix von. Aber wie wärs mit dem neuen Buch von Tommy Jaud?

    Buchhandlung umme Ecke:
    Ich: Hallo, ich möchte ein Buch verschenken, was witziges, kann gerne auch ein bisschen anspruchsvoller sein. Also nix so vom Geschenktisch davorne. Vielleicht was in die Richtung Max Goldt.
    BuE: Hmm von dem haben wir nichts neues da. Aber wir haben einen netten kleinen Band von F.K. Wächter wenn es auch was graphisches sein darf. Oder das letzte Buch von Wiglaf Droste, falls ihnen das was sagt.

    True Story!

  2. #2 | Lesestoff - DenkfabrikBlog.de sagt am 20. Januar 2012 um 15:43 Uhr

    […] Pulp. Emo. Wut. Fiction. Eine magersüchtig-flachbrüstige Buchhandelsauszubildende mit Kleopatranase und Glasbausteinbrille steht vor mir und grinst mich mit ihren schiefen Zähnen an. […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Werbung