Schaubude dreier Avantgardistinnen

Bählamms Fest Foto: Volker Beushausen/Ruhrtriennale Lizenz: Copyright

Hören und Sehen vergeht einem an diesem Abend in der Jahrhunderthalle Bochum, wo im Rahmen der Ruhrtriennale Olga Neuwirths Animation Opera „Bählamms Fest“ aufgeführt wird. Sie basiert auf dem Stück „The Feast oft he Lamb“ von Leonora Carrington aus dem Jahr 1940,  in dem die Muse der Surrealisten auf der Flucht aus dem von NS-Truppen eingenommenen Frankreich sich ihr Grauen von der Seele schrieb. Daraus wiederum zog Elfriede Jelinek ihr Libretto.  „Mein eigenes Haus Usher“ entdeckte die Avantgardistin Neuwirth in dieser Vorlage und schlägt so den Bogen zur Horror-Literatur des E.A. Poe ins 19. Jahrhundert, in dem das Grand Guignol sich wachsender Beliebtheit erfreute. Mit einer Revue der Schrecknisse und Greuel in 13 Bildern bekommen wir es zu tun, die vom irischen Regisseur-Duo Death Center furios in Szene gesetzt wird.

Ein Häuschen (das auch ein Schafstall sein könnte) irgendwo in der Einöde umwabern Nebelschleier und Gespenstergestalten. Beim Blick hinter seine Wände entpuppt es sich in bester Tarantino-Manier als Eingang zur Unterwelt, und ein wahres Höllenspektakel bricht los. Es gibt keine Grenzen mehr zwischen Realität und virtuellem Raum, Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Tier und Mensch, Wunschwillen und Verlangen. Einer weißen Welle gleich treffen uns Klänge und Bilder mit unerhörter Wucht. Erzeugen die fabelhaften Musikerinnen und Musiker des Ensemble Modern unter der Leitung von Silvain Cambreling mit ihren Instrumenten und Stimmen zunächst einen vielfältigen Naturkosmos und illusionieren mit elektronische Klängen Alltagsgeräusche, so umschließt der Gesamtsound die beeindruckenden Stimmen der Solisten.

Die ungeheuerlichen Geschehnisse im Haus sprengen es das als Symbol

eines individuellen Schutzraums. Wände fallen um, werden durchlässig und als Video- und Digital-Walls zu Projektionsflächen der Erzählung, deren Hauptfigur Theodora (Katrien Baerts) sich gefangen fühlt von ihrem gewalttätig-lüsternen Ehemann Philipp (Dietrich Henschel) und dessen kaltblütiger, herrschsüchtiger Mutter (Hilary Summers). Sie ersehnt ein anderen Leben mit dem Wolfsmenschen Jeremy (Andrew Watts), der sie liebt und deshalb verschmäht.  Verwandlungen geschehen und Frauenmorde stehen im Raum, Blaubart lässt grüßen, der Werwolf und Rotkäppchen auch.

Ist nicht im Jahr 2021 Unmenschlichkeit in andere Formen geschlüpft und deshalb auch nicht mit Schaubuden-Effekten und dem alten Horror-Personal auszutreiben?

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