Gebt der Meute, was sie braucht: Weniger als die Hinrichtung von Gil Ofarim ist doch gar nicht drin

Dschungelcamp: Hier findet der Mob seine Opfer. Grafik: DALL-E
Dschungelcamp: Hier findet der Mob seine Opfer. Grafik: DALL-E

Gil Ofarim hat Mist gebaut. Das muss man nicht weichzeichnen, nur weil man den reflexhaften, klischeebeladenen Lynchmob nicht mehr erträgt. Er hat 2021 einen Mitarbeiter des Leipziger Hotels The Westin öffentlich in Richtung Antisemitismus beschuldigt, damit eine Lawine ausgelöst und am Ende selbst eingeräumt, dass seine Darstellung nicht stimmte. Das war kein Kavaliersdelikt. Es war ein Angriff auf einen konkreten Menschen und nebenbei ein Bumerang für alle, die wirklich mit Antisemitismus leben müssen.

Und trotzdem ist der Fall juristisch vorbei. Genau dafür haben wir Gerichte. Im November 2023 hat Ofarim vor dem Landgericht Leipzig gestanden und sich beim Nebenkläger entschuldigt. Das Verfahren wurde gegen Auflagen eingestellt. Wer das nicht akzeptieren kann, der will keine Gerechtigkeit mehr. Der will Zerstörung. Und das ist der Punkt, an dem aus berechtigter Kritik etwas außerordentlich Hässliches wird.

Der Prozess ist juristisch abgeschlossen – Der Mob aber will die Vernichtung

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Fürsorgliche Belagerung

Hass gegen Juden und Israel auf der Straße. Foto: Thomas Hafke

Schlimmer als Trumps Einreisebann gegen zwei Vertreterinnen von „HateAid“ und einen EU-Kommissar ist die Tendenz des Staats, mit Hilfe regierungsnaher Organisationen und Meldestellen den Meinungskorridor kontrollieren zu wollen.

Eine alte Weisheit sagt: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Wer wäre nicht gegen Hass und Hetze – wenn es andere betrifft? Und wer hätte grundsätzlich etwas dagegen, dass der Staat Beleidigungen, Verleumdungen und dem Verbreiten von Unwahrheiten entgegen tritt? Das  Problem nur: Wer legt fest, was unzulässige Äußerungen sind? Wer kontrolliert es? Und welche Auswirkungen hat der inzwischen üppige Apparat zur Überwachung der Kommunikation im Internet auf ebendiese öffentliche Kommunikation?

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Online fallen die Masken – und es ist nicht schön, was wir zu sehen bekommen

Social Media holt aus den Menschen nicht unbedingt ihre besten Seiten heraus. Grafik: DALL-E
Social Media holt aus den Menschen nicht unbedingt ihre besten Seiten heraus. Grafik: DALL-E

Es gibt diesen alten Satz, halb spöttisch, halb resigniert: „Zivilisation ist nur eine dünne Schicht Firnis.“ Wer jemals die Kommentarspalten unter einem Online-Zeitungsartikel gelesen hat oder einen Shitstorm verfolgt, weiß: dünner, als wir dachten. Social Media hat uns nicht ehrlicher gemacht, es hat uns enthemmt.

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Adolescence: Wenn Kinder töten und Erwachsene wegsehen

Adolescence (Symbolbild: Sebastian Bartoschek/ Midjourney)

Er hat ein Mädchen brutal ermordet. Er hat geweint, als er hierhergebracht wurde. Er sitzt im Verhörzimmer. Darum geht es in Adolescence, einer vierteiligen Netflix-Miniserie. Ist es richtig, mit Tätern Anteil zu nehmen? Sind Eltern nicht ohnehin hilflos?
In einem Podcast diskutierte ich genau dies mit der Sozialpädagogin Ruth Habeland, gemeinsam mit der Familienrechtlerin Aline Strutz – und habe mir anschließend weitere Gedanken gemacht.

Spoiler: Im folgenden Artikel geht es um Kinder und Jugendliche. Wen schon der Spielplatz bei sich um die Ecke stört, sollte lieber nicht weiterlesen – es könnte seinen faktenfreien Kinderhass stören.

„Einsperren und den

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„Dem Hass im Netz etwas entgegensetzen“

Peter Ibe, Social-Media-Manager der CDU Duisburg und Ratsherr; Foto: Peter Ansmann
Peter Ibe, Social-Media-Manager der CDU Duisburg und Ratsherr; Foto: Peter Ansmann

Vor einem Jahr, nach dem rechtsextremistischen Terroranschlag in Hanau, zeigten Politiker aller demokratischer Parteien Handlungsbereitschaft: Und verabschiedeten 2020 im Bundestag ein Gesetz gegen Hass im Internet. In Kraft getreten ist dieses noch nicht. Neu ist das Phänomen der Hassbeiträge in den sozialen Medien nicht: In den Focus gerückt ist die Problematik nach dem Mord an Dr. Walter Lübcke – vorausgegangen war dem Anschlag eine Kampagne in den sozialen Medien und auf YouTube – an der sich auch Aktivisten der, vom Verfassungsschutz beobachteten, Alternative für Deutschland (AfD) beteiligten.

Die großen sozialen Netzwerke reagieren inzwischen, wenn auch mit großer Unschärfe, bei Kommentaren und Beiträgen. Verschärft hat sich der Ton nochmals mit dem Beginn der Coronakrise. Meldungen über COVID-19-Tote werden mit Lachemoticons kommentiert. Kommentare und Beiträge eskalieren im Ton.

Inzwischen geraten nicht mehr nur Bundespolitiker der demokratischen Parteien ins Visier von Neonazis, Coronaleugnern und Verschwörungstheoretikern. Auch die politische Basis in den Kommunen trifft der Hass der Extremisten.

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Pro und Contra: Trumps Twitter-Ban

Seit einigen Tagen ist Trumps Privataccount bei Twitter gesperrt. (Quelle: Screenshot des Twitteraccounts)

Pro von Sebastian Bartoschek:

Jetzt ist er weg. Twitter hat den Privataccount des Terrorhetzers Trump gesperrt. Wohlgemerkt, seinen Privataccount, sein dienstlicher Account @potus ist unangetastet. Nun gibt es viele, die sich darüber freuen, andere hingegen meckern. Sie rufen „Zensur“ oder „Beschneidung der Meinungsfreiheit“, so als wäre Twitter eine öffentlich-rechtliche Stelle, die allen Usern

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Und plötzlich beginnt eine Schlammschlacht um den Bürgermeisterposten in Waltrop

Amtsinhaberin Nicole Moenikes von der CDU Waltrop. Foto: Robin Patzwaldt

So kann das gehen. Eigentlich hielt ich das Thema ja schon für abgehakt. Nachdem klar wurde, dass SPD-Bürgermeisterkandidat Marcel Mittelbach mit rund 1.500 Stimmen Vorsprung auf Amtsinhaberin Nicole Moenikes (CDU) in die Stichwahl am kommenden Sonntag gehen würde, schien der Drops gelutscht.

Zu träge lief der bisherige Wahlkampf in der Hebewerksstadt um hier ernsthaft noch an eine Wende glauben zu können. Zumal die seit Jahren vor sich hin dümpelndeWaltroper Zeitung‘ sich in Wahlkampfzeiten ruhig wie nie zeigte, aus dem üblichen Trott der Veröffentlichungen von Nichtigkeiten und Pressemeldungen selbst im Wahlkampf zum ersten Mal nicht mehr wirklich herauszufinden schien.

Doch nun stellt sich die Lage in Waltrop (Kreis Recklinghausen) urplötzlich noch einmal ganz anders dar. Zwar sucht man inhaltliche, politische Diskussionen noch immer weitestgehend vergeblich, doch befindet sich der geneigte Beobachter urplötzlich inmitten einer Schlammschlacht. Grund genug das Thema auch hier im Blog noch einmal kurz aufzunehmen.

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Die Psychologie des Postfaktischen: Hintergründe zu Fake News und Co.

Eigentlich hatte ich dieses Buch als Geburtstagsgeschenk erworben: Für einen Freund. Der, via sozialen Medien, jeden Kettenbrief mit mir teilt und sich jedesmal über vermeintliche Gutscheine und vermeintliche Angebote freut. Eigentlich. Dieses Buch wird wohl, nachdem ich nur „kurz reinlesen wollte“, doch bei mir im Bücherregel seinen Platz finden: Das Buch sticht, aus den üblichen Berichten zu der Thematik hervor und geht in die Tiefe. Ohne dabei langweilig zu werden.

In diesem Buch, beim Springer-Verlag 2020 erschienen, beschäftigt sich Markus Appel, Professor für Kommunikationspsychologie und neue Medien an der Universität Würzburg, mit den Phänomenen Fake News, Lügenpresse, Clickbait und den Mechanismen dahinter. 

"Die Psychologie des Postfaktischen - über Fake News, Lügenpresse und Co."; Foto: Peter Ansmann
„Die Psychologie des Postfaktischen – über Fake News, Lügenpresse und Co.“; Foto: Peter Ansmann

Am Sonntag, Anne Will hatte zum Thema Wahl-Eklat in Thüringen geladen, konnte sich ein Gast in der Runde entspannt zurücklehnen und grinsen während die anderen Gäste (Sara Wagenknecht (Die Linke), Kevin Kühnert (SPD), Peter Altmaier (CDU), und Wolfgang Kubicki (FDP)) sich untereinander zerlegten. Ansonsten fiel Alice Weidel (AfD) während der Sendung durch verhaltensauffälliges Gegackere und Zwischenrufe (Unglaublich!) auf.

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Fußball-Bundesliga: Was wichtiger wäre als eine Fortbildung in Sachen Digitalisierung

Sebastian Kehl. Foto: Robin Patzwaldt

Der sehr geschätzte Kollege Pit Gottschalk kommentiert heute in seinem täglichen Fußballnewsletter ‚Fever Pit’ch‘ eine Reise von gut einem Dutzend Bundesliga-Manager in das Silicon Valley. In Nordkalifornien haben sich hochrangige Fußballfunktionäre aus diesem Lande fortgebildet.

Unter ihnen waren demnach u.a. Stefan Reuter (FC Augsburg), Fredi Bobic (Eintracht Frankfurt), Max Eberl (Gladbach), Simon Rolfes (Leverkusen), Sebastian Kehl (Borussia Dortmund) und auch Markus Krösche (RB Leipzig).

Die von Oliver Bierhoff organisierte Reise beschäftigte sich mit Fragen der Digitalisierung. Die Teilnehmer informierten sich, was ‚Vereine‘ in Nordamerika auf diesem Bereich den hiesigen Organisationen voraushaben, was die Klubs in diesem Bereich noch ‚lernen‘ können. Das war sicherlich eine ganze Menge. Zumindest bei einem Großteil der Klubs.

Gottschalk kommt in seinem Text zu dem Schluss, dass die Nichtteilnehmer (immerhin rund 2/3 der 36 in der DFL vertretenen Profivereine) einen großen Fehler gemacht hätten, da sie diesen seiner Meinung nach sehr wichtigen Bereich nicht als bedeutend genug erkannt hätten. Provokant fragt der ehemalige WAZ-Sportchef „Was kann wichtiger sein als Zukunftsfragen des eigenen Vereins?“

Grundsätzlich mag er damit recht haben. Und doch habe ich mich an dieser Stelle sofort zwei Dinge gefragt

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#abschiebechallenge – wenn deine Widerwärtigkeit scheitert

Deutschlands Rechtsradikale versuchten sich gestern an einer neuen „fantasievollen“ Idee. Also „fantasievoll“ in dem Sinne, wie beispielsweise ein Stück Brot versucht „fantasievoll“ zu schimmeln, oder ein Stück Kopfsteinpflaster versucht, besonders „fantasievoll“ da zuliegen. Eben jene kreative Durchschlagkraft hatte die der Hashtag #abschiebechallenge, in dem rechte „Spitzenfunktionäre“ dazu aufriefen, Ausländer zu benennen, die man am liebsten abgeschoben hätte. Mit „Spitzenfunktionär“ ist wiederum eben jene exponierte Stellung gemeint, die man im allgemeinen der zeugungsunfähigen Biene im Speziellen und Individuellen für das Überleben der Hundepopulation zuschreibt.

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