BVB-Boss Watzke offenbart öffentlich, dass er noch keinen Gesinnungswandel vollzogen hat

BVB-Boss Aki Watzke. Foto: Robin Patzwaldt

Die Fußball-Bundesliga strebt immer noch unverdrossen einer Wiederaufnahme des Spielbetriebs im Mai entgegen. Trotz der teils massiven öffentlichen Kritik an diesen Plänen.

Seitens der DFL hatte man zuletzt eine vorsichtige, eher demütige und vergleichsweise defensive Taktik gewählt. So fiel DFL-Chef Christian Seifert in den vergangenen Tagen und Wochen vermehrt durch leise Worte und extrem vorsichtige Formulierungen auf. Tenor: Wenn man uns die Chance dazu gibt Geisterspiele durchzuführen, dann wollen wir bereit sein!

Ganz anders tritt derzeit (wieder einmal) BVB-Boss Aki Watzke in der Öffentlichkeit auf. Der Sauerländer, der in der Vergangenheit schon häufiger mal auf jegliches diplomatisches Geschick verzichtet hatte, und dadurch in die Diskussion geriet, gab sich in einem Spiegel-Interview einmal mehr deutlich forscher.

Laut Watzke bliebe der Bundesliga gar keine andere Chance als schon im Mai wieder den Spielbetrieb aufzunehmen. Danach sei es schlicht zu spät. Doch dabei beließ es der 60-Jährige nicht.

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COVID-19: Desinformation, Propaganda und Hetze während der Corona-Pandemie – Teil 2

Format von zweifelhaftem Ruf: Auf der Facebook-Seite "Chemtrails erkennen, heilen und loslassen" sind die Ansichten von Dr. Wolfgang Wodarg beliebt; Screenshot Facebook
Format von zweifelhaftem Ruf: Auf der Facebook-Seite „Chemtrails erkennen, heilen und loslassen“ sind die Ansichten von Dr. Wolfgang Wodarg beliebt; Screenshot Facebook

Am 16. März 2020 haben die Ruhrbarone, hier im Blog, den Themenkomplex „Fake-News und Hoaxes zur Corona-Pandemie“ angeschnitten. 

Nicht grundlos: Das Thema ist aktuell. Die Thematik ist brandgefährlich.

Ich habe mich heute, nur wenige Tage nach dem letzten Beitrag zur Thematik, im Web umgeschaut und war entsetzt: Was aktuell ungeprüft geteilt, mit Likes versehen und positiv kommentiert wird, macht die aktuelle Lage mit Sicherheit nicht besser.

Eine wirklich erschreckende Safari zum Thema „Corona in Social-Media“.

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Klasse gegen Klasse

Entscheider mit Schlips und Anzug in ihrer natürlichen Umgebung - der 1. Klasse im ICE. Weit weg von Pöbel. (Foto: Simon Ilger)

Entscheider mit Schlips und Anzug in ihrer natürlichen Umgebung – der 1. Klasse im ICE. Weit weg vom Pöbel. (Foto: Simon Ilger)

Schon wieder schreibt ein SpOn-Redakteur einen knalltütigen Anti-Bahn-Artikel, schon wieder müssen die Ruhrbarone intervenieren. Dieses Mal ist die Intention wohl, dass das Zeilengeld bei Spiegel Online augenscheinlich nicht so üppig ausfällt, wie bei den Prinzessinnenreportern, den Ruhrbaronen oder gar der Jungle Wolrd (Danke Mossad!), anders lässt sich nicht erklären, dass bei SpOn der Klassenkampf ausgebrochen ist. Oder sollten die Leute dort tatsächlich unter die Kapitalismuskritiker gegangen sein. Es mutet etwas so an.

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Christoph Kramer und die offenbar sinkende Bedeutung von Verträgen im Profifußball

Das Stadion von Borussia Mönchengladbach. Quelle: Wikipedia, Foto: Marcel Meier, Lizenz: CC BY-SA 2.0
Das Stadion von Borussia Mönchengladbach. Quelle: Wikipedia, Foto: Marcel Meier, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Jüngste Äußerungen des 23-jährigen Fußball-Nationalspielers Christoph Kramer lassen einen mal wieder über Sinn bzw. Unsinn der aktuell üblichen Verhaltensweisen von Profikickern und Vereinen in diesem Lande in Sachen Vertragstreue und -wirksamkeit nachdenken.

Kramer, aktuell von Bayer 04 Leverkusen an den Konkurrenten Borussia Mönchengladbach ‚ausgeliehen‘, möchte nämlich seinen bei den Werkskickern unterschriebenen Vertrag, der aktuell noch bis 2017 läuft, dort wohl nicht (mehr) erfüllen. Dies legen zumindest jüngste Äußerungen des Spielers nahe.

Der gebürtige Solinger widerspricht in einem aktuellen Interview mit dem ‚Spiegel‘ Darstellungen, wonach er 2015 auf jeden Fall vereinbarungsgemäß wieder für Leverkusen spielen werde: „Wenn ich irgendwo nicht spielen möchte, spiele ich da nicht. Da kann ein Vertrag aussehen, wie er will.“

Und er legt nach: „Ganz generell“ fühle er sich im Fußballgeschäft „manchmal wie in einem modernen Menschenhandel. Doch am Ende entscheide immer noch ich“.

Das sitzt! Und die selten klaren Aussagen des Überraschungsweltmeisters fachen aktuell die Diskussionen in der Fußballlandschaft wieder neu an. Was ist von den in der Regel hochdatierten Verträgen im Fußball aktuell überhaupt noch zu halten?

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Gute Vorsätze

Ich weiß nicht: ist das tatsächlich so oder kommt mir das nur so vor? Ich meine: das ist doch an und für sich nichts Neues, dass am 31. Dezember ein Kalenderjahr aufhört und am 1. Januar ein neues beginnt. Und zwar ohne Pause, in der Silvesternacht, begleitet von einer Riesenknallerei. Um die bösen Geister zu vertreiben. Doch diese halten sich tapfer, verdammt tapfer. Neu ist auch nicht, dass die Menschen aus diesem Anlass, nämlich aus Anlass des Jahreswechsels, sich gute Vorsätze vorzunehmen pflegen, die sie im neuen Jahr – vermutlich wegen der bösen Geister – nicht umzusetzen vermögen.

Neu ist aber, doch vermutlich kommt mir das nur so vor, dass dieses Mal so eine Riesen Geschiss darum gemacht wird. Ja, um besagte gute Vorsätze. Der Spiegel hatte ihnen diese Woche Titelblatt und Titelstory gewidmet, aber auch alle möglichen Tageszeitungen haben dieses enorm spannende Thema für sich entdeckt. Im Fokus der Betrachtungen steht dabei die Fragestellung: wie kommt es bloß, dass aus den unheimlich guten Vorsätzen in aller Regel nichts wird. Außer beim Focus: „Ja, ich schaffe es!“ Optimismus pur, man merkt: Spiegel-Leser wissen mehr, Focus-Leser wollen mehr, doch das Leben ist und bleibt ein Jammertal – auch im neuen Jahr.

Denn der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach. Verdammt, wie kann das nur? Überhaupt: „gute Vorsätze“ – wenn ich das schon höre. Macht man sich eigentlich klar, was das überhaupt ist, ein Vorsatz? „In der Psychologie“, lesen wir bei Wikipedia, „ist ein Vorsatz eine Absicht, in einer bestimmten Situation ein bestimmtes Verhalten auszuführen.“ Ja toll – „in einer bestimmten Situation“, spätestens wenn es draußen knallt, ist sie da, die „bestimmte Situation“. Schöne Scheiße, dann muss man nämlich ran. Meine verehrten Herren, die Situation ist da, pflegte Adenauer zu sagen, und Kohl, sein selbsternannter Enkel griff dieses Zitat häufig und gern auf. Die Situation ist da, damit war nun wirklich nicht zu rechnen: ein neues Jahr.

„Im deutschen Strafrecht“, ebenfalls Wikipedia, „beschreibt Vorsatz (dolus) den wesentlichen Teil des inneren Tatbestandsmerkmals. Im Groben stellt er den Tatentschluss dar.“ Herr Richter, damit ist erwiesen: der Angeklagte hat ganz klar vorsätzlich gehandelt. Wobei es sich in diesem Fall naheliegenderweise nicht um einen sog. guten Vorsatz gehandelt haben dürfte. Womit wir bei der nächsten Frage wären: was – in Gottes Namen – ist eigentlich „gut“? Wohlbemerkt: es muss schon etwas sein, das nicht nur gut ist, sondern so gut, dass man nicht überstürzt damit anfängt, sondern das Vorhaben, äh: den Vorsatz seiner Realisierung erst zu einem genau datierten Zeitpunkt in Kraft treten lässt.

Morgen, morgen, nur nicht heute – sagen alle faulen Leute. Mit dieser Weisheit bin ich aufgewachsen, und soweit ich es übersehen kann, hat es mir nicht geschadet. Zum Beispiel auch deshalb, weil mir dieser Sinnspruch ein wenig dabei hilft, einem Wesensmerkmal der hier erörterten guten Vorsätze auf die Schliche zu kommen. Sagen wir mal: ihrem Doppelcharakter. Denn es scheint ziemlich klar zu sein, dass wenn man einen Vorsatz fasst, der sozusagen mit einer Zeitschaltuhr ausgelöst wird, muss er zwei Bedingungen erfüllen, die in sich nicht ganz widerspruchsfrei sind: einerseits gut, andererseits trotzdem scheiße. So weit die Theorie. In der empirischen Überprüfung halten sämtliche mir bekannten Neujahrsvorsätze diesen Definitionsbedingungen eisern stand.

Lesen Sie doch einfach mal, was die Leute sich so zum neuen Jahr alles vornehmen! Googeln Sie mit dem Begriff „Neujahrsvorsätze“! Immer wieder werden Sie finden, dass irgendwelche Leute mit dem Rauchen aufhören wollen. Kein Wunder, dass es um die, wie man heute sagt, Nachhaltigkeit dieser Vorsätze nicht besonders gut bestellt ist. In der Silvesternacht, Punkt 24 Uhr, also Neujahr Null Uhr, fange ich an zu Rauchen. In dem Moment, in dem die Anderen die Lunte des Böllers anzünden, stecke ich mir meine erste Zigarette an. Das wäre doch mal was! More Fun, Partytime – im neuen Jahr fängt mein Leben erst richtig an. Die blöden Böllerer lassen es krachen. So. Und ich jetzt endlich auch.

Ein Beispiel. Aber immerhin: damit ist das Rätsel, warum aus den angeblich so guten Vorsätzen meistens nichts wird, im Kern gelöst. Es liegt an den Vorsätzen. Und, wie sieht es aus? Haben Sie sich inzwischen einmal sachkundig gemacht, welche Neujahrsvorsätze so bei den Leuten kursieren? Okay, ich sage es Ihnen: eine Spaßbremse nach der anderen. Alle zusammengenommen: der perfekte Plan für ein absolut freudloses, möglicherweise zu allem Überfluss auch noch quälend langes Leben. Ich nehme an, dass die Leute sich genau deshalb in der Silvesternacht noch einmal, noch ein einziges Mal so richtig die Kante geben. Ein letztes Mal, bevor es mit dem richtig guten Leben verdammter Ernst wird.

Wie auch immer: der Fall ist klar. Entweder man verzichtet darauf, sich mit diesen angeblich guten Vorsätzen lächerlich zu machen. Wobei das Lächerliche darin besteht, dass man ihnen nicht gerecht wird, und nicht etwa darin, dass die Vorsätze für sich genommen schon lächerlich genug sind. Lächerlich! Oder – und das scheint mir die Antwort auf alle diesbezüglichen Fragen zu sein, sozusagen des Rätsels Lösung – man fasst Vorsätze, die erstens recht leicht umzusetzen sind, und zweitens – viel wichtiger – auf die man so richtig Bock hat. Seien Sie Sie selbst. Lassen Sie einfach mal so richtig die Sau raus! Das Leben ist kurz genug.

Ihnen wird schon etwas einfallen, wonach Ihnen schon immer mal der Sinn gestanden hat. Oder nicht? Ist es schon so schlimm? Ein paar Vorschläge gefällig? Also wohlbemerkt: nur Vorschläge. Gut zusammengestellte Neujahrsvorsätze wollen freilich individuell ausgerichtet sein. Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Also, wie sieht es aus? Rauchen Sie wenigstens? Finden Sie nicht auch, dass es an der Zeit wäre, endlich mal wieder fremdzugehen. So richtig saftiger Sex – wäre doch mal was. Oder, also und / oder: einfach mal das Konto überziehen, bis die Schwarte kracht. Und warum lassen Sie sich nicht mal häufiger eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen? Die Anderen machen es doch schließlich auch. Und, und, und …

Das Leben könnte so schön sein. Also: machen Sie etwas draus! Die Gelegenheit ist günstig. Ein neues Jahr beginnt. Sie leben nur einmal. Fangen Sie also endlich damit an!

Merkel geht die Düse

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird ihrem Übervater, Helmut Kohl, im Regierungsstil immer ähnlicher: kritische Entscheidungen werden ausgesessen, von Visionen keine Spur und parteiinterne Gegner werden wegbefördert. Nun holt sie zum nächsten Schlag aus: Sie will die Kontrolle über die Bundesversammlung.

Die Bundesversammlung, die traditionell den Bundespräsident wählt, ist von vielen schon mit einer herrenlose Kanone verglichen worden, die, aus der Verankerung gerissen, im Mittelalter für die hölzernen Kriegsschiffe eine ebenso große Gefahr darstellten wie die gegnerischen Geschosse. Unkontrolliert schwingt sich die Kanone von einem Ende des Schiffs zum anderen, haut Menschen und Material weg, was ihr in die Quere kommt. Das Ende kann desaströs sein. Genau so etwa fürchtet wohl nun auch Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Glaubt man der aktuellen Ausgabe der „Welt am Sonntag“, dann geht der Hosenanzug-Trägerin aus der Berliner Waschmaschine (so die Berliner über das Kanzleramt) gehörig die Muffen. Denn die Regierungschefin und Parteivorsitzende der CDU hat sich gehörig verspekuliert. Weil sie unbedingt der Parteitaktik bei der Benennung des nächsten Bundespräsident den Vortritt vor der Staatsräson gegeben hat, muss sie nun miterleben, wie sich nicht nur die Öffentlichkeit auf Joachim Gauck festlegt, sondern auch die Medienmacher. Ungewohnt offen votiert daher sogar die Springer-Presse gegen Angela Merkel – und damit gegen eine enge Vertraute der Verlegerwitwe von Axel Cäsar Springer. Dieser Schritt ist schon ungewöhnlich genug. Noch ungewöhnlicher ist aber, dass dies dieses Mal nicht im Alleingang geschieht: Auch der Spiegel hält Gauck für den besseren Kandidaten. Der Focus wird nachziehen. FAZ und SZ haben dies bereits gemacht.

Frau Merkel, zu deren Regierungsstile die Politik via SMS und Liebesentzug gehören, steht allein – auch weil sie mit Niedersachsens Ministerpräsident Wulff einen aus den Hut gezaubt hat, der ihr niemals gefährlich werden kann. Das öffentliche Votum für Gauck ist daher auch ein Votum gegen sie als Regierungschefin. Das Volk und die öffentliche Meinung in Gestalt der Medien pochen eindrucksvoll auf ein urdemokratisches Vorrecht: Die verfassungsmäßigen Checks und Ballances, die jeder pluralistischen Gesellschaft zu Eigen ist. Mit Gauck soll ein Gegenpart zu Merkel das Amt des Bundespräsidenten inne haben, um der Regierung auf die Finger zu schauen. Gauck wäre daher der falsche Kandidat – aus Sicht Merkels.

Merkel will daher ihren Kandidaten durchsetzen und kann in der Bundesversammlung auf 21 Stimmen mehr als die absolute Mehrheit zählen – soweit auf dem Papier. Nimmt man nur das rot-grüne Lager sind es sogar 163 Stimmen mehr, weil die Linke Gauck nicht wählen will. Die Nachfolge-Partei der SED und Auffangbecken von früheren Stasi-Mitgliedern will offenbar späte Rache an einem Mann nehmen, der den tiefen Sumpf der ethisch moralischen Verstrickungen von Parteimitgliedern offen gelegt hat. Hier zeigt sich einmal mehr, dass die frühere SED weiterhin nicht in der Bundesrepublik angekommen ist.
Merkel will in der Bundesversammlung aber trotz Vorsprung auf Nummer sicher gehen, denn es könnte ja die „loose cannon“ das unmögliche wahrwerden lässt: dass nämlich Wulff duchfällt und Gauck gewählt wird.

Die „loose cannons“ haben sogar einen Namen: die unabhängigen Delegierten. Seit der Gründung der Republik ist es usus, dass die Bundesversammlung das Spiegelbild der Gesellschaft darstellt. Also nicht nur Berufspolitiker oder Beamte und Juristen, sondern auch Schauspieler, normale Bürger, Studenten, Wirtschaftsführer. Das Problem an dieser Gruppe: Sie werden zwar von den Parteien vorgeschlagen. Doch ob sie auch richtig wählen, das kann niemand überprüfen. Und so kann es razfaz passieren, dass sie den falschen aus Sicht von Merkel wählen. Daher greift Merkel laut „Welt am Sonntag“ nun zum äußerten: Wulff soll als erster Bundespräsident nicht mehr von der ganzen Gesellschaft gewählt werden, sondern nur von Claceure gewählt werden, die namen- und charakterlos im Ortsverein Neuss-Norf aktiv sind und parteitreu sind. Merkel will nur Partei-Leute und „sicherer“ Wähler an die Wahlurne lassen. Damit wird ein weiterer Tiefpunkt in der politischen Kultur Deutschlands erreicht – und man kann nur hoffen, dass die Geschichte Recht behält: Ein Wechsel im Bundespräsidenten-Amt folgt später immer ein Wechsel im Kanzleramt. Eine geistig moralisch Wende täte gut.

Frank Patalong: „Wer ein Medium schätzt, sollte es unterstützen“

Als Frank Patalong Ende im März auf Spiegel-Online einen Artikel über die Werbeblocker veröffentlicht hatte, gab es Ärger. Ihm wurde in Blogs Qualitätsheulsusenismus vorgeworfen, in Mails wurde er beschimpft und auch im Forum von Spon gab es nur wenige Diskutanten, die sich ihm anschlossen. Dabei hatte sein Text eigentlich eine ganz einfache Botschaft: Auch Internet-Medien müssen Geld verdienen. Wir sprachen mit dem Spiegel-Mann über seine Thesen.

Herr Patalong, Ihr Artikel auf Spon über die Auswirkungen von Werbeblockern auf digitale Medien im März setzte eine heftige Diskussion in Gang. Haben Sie die zumeist negativen Reaktionen überrascht?
Nein, mich haben die Reaktionen nicht wirklich überrascht. Es war ja auch nicht der erste Artikel zum Thema Werbeblocker auf Spiegel-Online. Ich arbeite seit 16 Jahren Online und mir war klar, dass viele Leser mit der Kritik am Einsatz von Werbeblockern nicht einverstanden sein würden.

Gab es auch Zustimmung?
Ja, vor allem in persönlichen E-Mails, aber auch da waren die Unterstützer in der Minderzahl. Im Forum auf Spiegel-Online begann die Diskussion durchaus differenziert, kippte aber sehr schnell und wurde dann von den ablehnenden Kommentatoren bestimmt. Verständnis für meine These, dass der Einsatz von Werbelockern erstens gegenüber Online-Medien unsolidarisch ist und sich Nutzer mittelfristig selbst damit schaden, war selten.

Die Nutzer von Werbeblockern sind in der Minderheit. In ihrem Artikel schrieben Sie, dass zwischen 5 und 25 Prozent aller Leser Werbeblocker einsetzen. Die könnte man auch ignorieren.
Nein, das kann man nicht. Es ist doch ein offenes Geheimnis, dass die meisten professionellen Online-Medien in Deutschland rote Zahlen schreiben. Das trifft auf die Angebote von Magazinen und Zeitungen ebenso zu wie auf die großen Blogs. Wir alle versuchen, uns mit Werbung zu finanzieren. Die Margen sind im Vergleich zum traditionellen Geschäft aber sehr gering, auch bei Spiegel-Online. Dabei gehören wir ja zu den wenigen, die Geld verdienen. Brechen dann 10 Prozent der möglichen Einnahmen durch Werbeblocker weg, kann das den Unterschied ausmachen zwischen gerade noch im Plus oder schon deutlich im Minus. Kosten verursacht derweil auch der Traffic, der nicht mit Werbung unterfüttert ist.

Was mich an der Diskussion erschüttert hat, war die Häme, mit der zum Teil diskutiert wurde. Medien werden von Menschen gemacht, die davon leben. Es kostet nun einmal Zeit, eine gute Geschichte zu recherchieren, und derjenige, der das macht, muss seine Arbeit bezahlt bekommen, sonst kann er sie nicht leisten. Mein Artikel hatte eine ganz einfache Aussage: Wer ein Medium schätzt, sollte sich nicht daran beteiligen, seine wirtschaftlichen Grundlagen zu zerstören.

In vielen Kommentaren wurden penetrante Werbeformen wie Pop-Ups kritisiert.
Zu Recht. Es gibt Werbeformen, die sind eine Zumutung für die Leser und dazu gehören die leidigen Pop-Up-Kaskaden. Auf Spiegel-Online verzichten wir auf Pop-Ups, aber manche Medien haben gar keine Alternative und müssen jede Werbeform akzeptieren, die ihnen angeboten wird. Aufdringliche Werbeformen wünschen sich nicht die Medienmacher, sondern die Werbewirtschaft. Auch die muss lernen, dass sie sich mit solchen Formen selbst schadet. In dieser Hinsicht ist die in der Diskussion zum Artikel geäußerte Kritik höchst konstruktiv.

Es ist allerdings auch naiv, Werbung zu fordern, die nicht auffällt. Werbung muss auffallen und sich von dem redaktionellen Teil absetzen, sonst hat sie keine Wirkung.

In einigen Kommentaren wurde Google-Textwerbung als Beispiel für gute Werbung genannt. Nur Google-Werbung lohnt sich für die Anbieter von Inhalten kaum.
Google-Werbung nutzt vor allem Google. Damit bekommt man kein aufwendiges redaktionelles Angebot finanziert. Und es gibt einen großen Unterschied zwischen der Werbung auf einer Suchmaschine und auf einer redaktionellen Seite: Der Erfolg von Google-Werbung beruht auf der permanenten Beobachtung des Nutzerverhaltens. Würden wir das tun, gäbe es zu Recht heftigen Protest. Wir kommen an klassischer Werbung nicht vorbei: Wer ohne Werbung lesen will, wird mittelfristig zahlen müssen oder akzeptieren, dass „seine“ Medien irgendwann nicht mehr die gewohnte Qualität oder Quantität bieten.

Wie das Beispiel Ars-Technica gezeigt hat, ist es für Verlage kaum möglich, Leser mit Werbeblockern auszuschließen.
Ars Technica schlug eine regelrechte Hasswelle entgegen. Aber es widerspricht auch der Denke eines Medienmachers, Leser auszuschließen: Wir wollen möglichst viele erreichen, mit einem möglichst guten Produkt. Das unabhängig und werbefinanziert hinzubekommen, ist das Ideal. Auch Paid-Content wird für die meisten existenzgefährdend werden. Wir werden das sehen: Wenn Rupert Murdoch im Juni The Times zu einem Paid-Content Angebot umbaut, wird der Preis dafür ein massiver Reichweitenverlust sein.

Wenn die Onlineausgabe von The Times dann rentierlich wäre, hätte er sein Ziel erreicht. Ein kleines, teures Magazin wie Mare macht auch Gewinn. Im Gegensatz zu vielen Tageszeitungen, die viel höhere Auflage haben.
Man kann aber ein Special-Interest Magazin wie Mare nicht mit einer Tageszeitung oder einem Nachrichtenmagazin vergleichen. Das geht weder im Print noch online. Nachrichtenmedien gewinnen ihre Bedeutung durch ihre Reichweite. Sie müssen rentierlich sein, aber gleichzeitig viele Menschen erreichen und eine möglichst hohe Qualität haben.

Qualität erreicht man auch im Medienbereich durch viele und gute Mitarbeiter.

Viele Verlage haben in den vergangenen Jahren Personal abgebaut und ganze Redaktionen geschlossen. Das hat der Qualität geschadet. Man kann dann natürlich leicht sagen „So ist der Markt, es gab eben nicht genug Leser, die Geld für diese Zeitungen oder Magazine ausgeben wollten.“ Aber das ist zynisch, denn in einer Zeit, in der man jede Information, fast jeden Artikel, Film oder jedes Musikstück auch umsonst bekommen kann, gibt es keinen Markt im klassischen Sinne mehr.

Dazu kommt, dass in den vergangenen Jahren die Anzeigenumsätze nicht nur zurückgegangen sind. Sie sind kollabiert. Das hat nicht in erster Linie diejenigen getroffen, die einfach nur Pressemitteilungen kopieren und billig arbeiten, sondern vor allem die Qualitätsmedien, die einen hohen Aufwand treiben. Die einst einflussreiche Frankfurter Rundschau ist auf dem Weg zu einer Regionalzeitung und schon vom Format her geschrumpft. Die Süddeutsche Zeitung ächzt unter dem Kostendruck, und das obwohl sie am Markt erfolgreich ist und hervorragende Leserzahlen hat.

Wir leben in einer Umbruchphase mit einer fatalen Ungleichzeitigkeit: Während der Anzeigenmarkt im Printbereich zusammenbricht, wachsen die Umsätze online in viel zu geringem Maße. Aber es ist trotzdem falsch, von einer Kannibalisierung der Zeitungen durch das Internet zu reden. Bei allen Problemen haben auch Magazine und Zeitungen von der Entwicklung des Internets profitiert.

Wie das denn?
Durch neue journalistische Formen. Bis vor gar nicht so langer Zeit waren Zeitungen und Medien sehr trocken, sehr nachrichtenlastig und mit wenig Mut zur Meinung. Das hat sich geändert. Der meinungsfreudige, beschreibende Journalismus aus den Online-Redaktionen hat sich positiv auf alle Medien ausgewirkt.

Aber den gab es doch schon lange vor der Popularisierung des Internets: Angefangen bei Hunter S. Thompson und Tom Wolfe seit den 60er Jahren in den USA über Stadtmagazine, Tempo oder die Spex hatte sich diese Öffnung schon lange vollzogen.
Ja, die Wurzeln dieser Art zu schreiben sind alt, aber die großen Redaktionen hat diese Veränderung erst über das Internet erreicht. So manche konservative, staubtrockene Zeitung hat sich erst über die Erfahrungen, die sie Online gemacht hat, deutlich verjüngt. Denken Sie mal an die „Welt“ vor zehn Jahren und heute. In den Szenemagazinen gab es das alles viel früher.

Es gibt ja viele Ideen jenseits von Werbung und Paid-Content im Web: Apps, eine Kulturflatrate, Spenden…
Bei den Apps, also dem Paid Content jenseits des Webs auf Produkten wie dem iPad, wird in den kommenden Monaten viel passieren. Die ganze Branche arbeitet an adäquaten Produkten mit einem Mehrwert, der so überzeugend sein soll, dass Leser bereit sind zu zahlen. Ob solche Produkte sich durchsetzen werden, bleibt abzuwarten. Vor einer Kulturflatrate graust es mir: Würde es da dann, wie bei den öffentlich-rechtlichen Sendern, paritätisch oder nach Proporz besetzte Kommissionen geben, die über Verteilschlüssel entscheiden? Und vielleicht käme auch jemand auf die Idee, verschiedene Medien auszuschließen. Zum Beispiel Gamer-Magazine, die über indizierte Computerspiele schreiben? Ich bin kein Neoliberaler, aber hier sind mir die Entscheidungen des Marktes lieber als die von Kommissionen. Wir brauchen keine staatlich kontrollierten oder steuerähnlich finanzierten Medien, sondern unabhängige, die sich ohne Existenzangst auch mal Unbeliebt machen können.

Bleibt das Sponsoring.
John Perry Barlow forderte ja schon in den 90ern, dass Medien in Zukunft von Mäzenen finanziert werden. In der Renaissance, so sein Argument, hätte das ja mit der Kunst auch geklappt.

Das letzte Abendmahl von da Vinci kann sich sehen lassen.
Ja, das ist gelungen. Aber ich möchte trotzdem keine Nachrichtenmagazine von Parteien und keine Computermagazine von Sony, Apple oder Nintendo. Unabhängiger Journalismus ist ein hohes Gut. Ich bleibe dabei: Jeder sollte die Medien, die er schätzt, unterstützen. Er sollte sie als Magazine oder Zeitungen kaufen, wenn er will, und sie online zumindest nicht daran hindern, Geld zu verdienen.

Foto: C. Patalong

Sir Lord ist tot

Ralf Dahrendorf ist tot. Sir Lord, Deutsch-Engländer, Freigeist, Clever & Smart der deutschen Gesellschaftswissenschaft. Zuletzt Ratgeber der NRW-Landesregierung in einer Zukunftskommission. Die Nachricht von Dahrendorfs Tod fällt nun ausgerechnet auf den 80. Geburtstag von Jürgen Habermas. Auch er Jahrgang 1929, auch er rang und ringt noch mit Deutschland nach Auschwitz, Naziwahn, Militanz, Sonderweg, Rückständigkeit der Zivilgesellschaft. 1965 schrieb Habermas über Dahrendorf sehr klug im Spiegel. Ich finde die Zeilen von damals passen zu diesem Tag – so bitter-sweet!

Foto: nrw.de