„Wir werden nicht den Weg der Schallplattenhändler gehen“

buecherwand

Als im Dezember bekannt wurde, dass die Buchhandlung Stern-Verlag in Düsseldorf Ende März schließt, waren viele Leser in der Landeshauptstadt erschüttert. Der Stern-Verlag war eine Institution. Doch ist sein Ende beispielhaft für die Situation des Buchhandels in Nordrhein-Westfalen?

„Nein“, sagt die freundliche Dame am Telefon, „Herr Janssen steht für Interviews nicht zur Verfügung.“ Klaus Janssen ist der Geschäftsführer und alleinige Inhaber des Buchhaus-Stern Verlag in Düsseldorf. Der Stern-Verlag war in Düsseldorf eine Instanz, Ende März wurde das Geschäft geschlossen.  Das Traditionshaus wurde 1900 gegründet. Auf gut 5000 Quadratmetern gibt es Ratgeber zur Autoreparatur über Romane bis zu den Klassikern der griechischen Philosophie alles, was an gedrucktem Papier zwischen zwei Buchdeckel gepresst werden kann. Janssen sagte der Rheinischen Post im Dezember, eine Buchhandlung dieser Größe sei wirtschaftlich nicht mehr zu führen.

Der Buchhandel musste sich als erste Branche mit der Digitalisierung auseinandersetzen. Schon 1995, dem Jahr, in dem das Internet in Deutschland sein Nischendasein beendete und der Zugang zum World Wide Web zwar noch immer langsam, aber immerhin preiswert wurden, startete mit telebuch.de der Online-Buchhändler in Deutschland sein Geschäft. Auf einmal war es möglich, von zu Hause aus bequem jedes lieferbare Buch zu bestellen. 1998 übernahm Amazon Telebuch. Heute ist Deutschland längst der wichtigste Auslandsmarkt von Amazon und aus dem Buch-Versender wurde ein Online-Kaufhaus, in dem es von Saugroboter bis Autoreifen nahezu alles gibt. Zwar machen die 2,2 Milliarden Euro Umsatz, die Amazon mit Büchern macht, nur noch gut zehn Prozent des Gesamtumsatzes des Konzerns aus, aber das reichte vollkommen aus, um den deutschen Buchhandel radikal zu verändern. Amazon ist mit großem Abstand der größte Buchhändler des Landes und liefert seinen „Prime-Kunden“ die Ware längst kostenlos ins Haus. „Amazon hat alles verändert“, sagt der Berliner Stadtplaner Arnold Voss. „Ein Angebot wie Amazon es bietet, findet sich höchstens in Metropolen wie Köln, Berlin oder Hamburg. In Bielefeld, Bochum oder Aachen kann der gesamte Einzelhandel nicht mit Amazon mithalten. Aber weil es bequem ist, wechseln auch in den Metropolen immer mehr Kunden zu Online-Anbietern.“ Bis 2025 rechnet die Gesellschaft für Konsumforschung (GFK) mit einer Verdoppelung der Umsätze im Online-Handel auf dann 15 Prozent. Im Non-Food Bereich werden Amazon, Zalando und Co dann sogar 25 Prozent des Umsatzes auf sich vereinen.

Bei den großen Investoren in Einzelhandelsimmobilien wie dem zum Otto-Konzern gehörenden Shoppingcenter-Betreiber ECE ist die Botschaft längst angekommen: Von Plänen für neue Center an eher schwachen Standorten wie Bochum oder Velbert hat sich ECE längst verabschiedet. Auch der Versandhändler Otto investiert massiv in den Ausbau des Online-Handels. Erwartet den Buchhandel also ein ungebremster Niedergang? Ist das Ende des Stern-Verlages erst der Anfang? Gabriele Schink, Regionaldirektorin des Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Düsseldorf, sieht das nicht so: „Die Situation ist stabil. Die Buchhandlungen, die schließen, und vor allem geschieht dies aus Altergründen, werden durch Übernahmen und Neugründungen zu fast 100 Prozent ersetzt.“ 500 Buchhandlungen hätte es 2015 es in NRW, nur sieben weniger als im Jahr zuvor. Bei den kleinen und mittelgroße Buchhandlungen mit Verkaufsflächen zwischen 80 und 500 Quadratmetern bestünde wenig Grund sich Sorgen zu machen. Kritischer sähe es bei Buchhandlungen mit über 1000 Quadratmetern Fläche aus. Viele der großen Buchhändler wie Thalia oder die Mayersche würden große Standorte aufgeben.

 

Eine andere Variante ist der Wandel vom Buchhändler zum Gemischtwarenladen: Stofftiere, Backformen, Taschen, Tassen und Basecaps – bei vielen der einstigen Großbuchhandlungen scheinen die Bücher längst zu Nebensache verkommen zu sein. Sie gleichen eher übergroßen Geschenkeshops.

 

Diesen Weg ist Nils Janssen nicht gegangen. Er betreibt auf 200 Quadratmetern die Buchhandlung Janssen Mitten in Bochums Kneipenviertel Bermudadreieck. Bei ihm gibt es Bücher, gute Beratung und Lesungen. „Die Lage“, sagt Janssen, „hat sich stabilisiert, aber vor 20 Jahren war es deutlich lukrativer eine Buchhandlung zu betreiben als heute.“ Janssen hat über die Jahre Personal abgebaut und ist stolz darauf, noch keinen Mitarbeiter gekündigt zu haben. Auch in den Online-Handel ist Janssen mit Erfolg eingestiegen, die Umsätze wachsen. Für ihn ist Amazon ein wichtiger Konkurrent, aber nicht der alleinige Grund für den Umsatzrückgang der vergangenen Jahrzehnte: „Die Innenstädte haben an Attraktivität verloren, das spürt der gesamte Einzelhandel. Und was die Buchhandlungen betrifft macht sich auch der Rückgang an institutionellen Käufern bemerkbar.“ Stadtbüchereien und die Universität und die Hochschulen kaufen deutlich weniger als früher. Anwälte setzen heute fast vollständig auf Datenbanken und kaufen ebenfalls weniger Fachliteratur ein. „Jeder Buchhändler, der heute einen institutionellen Kunden verliert weiß, dass der nicht durch einen anderen ersetzt wird.“

Ein Problem, das für die Buchhandlungen in Zukunft immer größer werden wird: Nach wie vor streichen fast alle Städte ihre Etats für Stadtbüchereien oder schließen die Filialen in den Stadtteilen. Universitäten schließen direkte Verträge mit Verlagen ab und erhalten dafür einen Online-Zugriff auf Bücher und Fachzeitschriften. Auch der Handel mit Schulbüchern geht zurück. Gabriele Schink vom Börsenverein blickt trotz aller Probleme optimistisch in die Zukunft: „Die Buchhändler sind was den Umbruch durch den Online-Handel betrifft weiter als andere Einzelhändler. Viele gehen neue Wege, liefern Bücher aus, kooperieren mit anderen Händlern und setzen auf Veranstaltungen. Wir werden nicht den Weg der Schallplattenläden gehen.“

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8 Kommentare

  1. #1 | B sagt am 3. April 2016 um 13:11 Uhr

    Den Schallplattenladenspruch verstehe ich nicht… Sind die nicht grade ziemlich am wachsen? Gut, wenn man das nicht will, würde wahrscheinlich Arbeit bedeuten…

  2. #2 | Walter Stach sagt am 3. April 2016 um 13:14 Uhr

    Stefan,
    für die Buchhandlungen hier im kleinen Waltrop -noch zwei, die dritte hat zugemacht- gilt was für den gesamten Einzelhandel gilt. Die Händler selbst können Einiges tun, damit ihre Buchläden überleben werden. Entscheidend ist aber, was wir Kunden tun. Und da kann eben jeder "Bücherfreund" hier in Waltrop mithelfen, daß die Buchhandlungen überleben können.

    Leider muß ich mir immer wieder anhören, daß sich Bekannter Bücher direkt online besorgen oder diese in größeren Buchhandlungen z.B. in DO kaufen, daß das aber dieselben sind, die sich zugleich darüber beklagen, daß im Stadtkern schon eine der drei Buchläden "dichtgemacht" hat und vermutlich die beiden noch verbliebenen finanziell auch nicht auf Rosen gebettet sind. Das gilt im übrigen nicht nur für den Bestand bzw. für das weitere Verschwinden kleiner Buchläden, sondern für den gesamten Bestand an kleinen/mittleren Verkaufsgeschäften.

    Es mag auch so sein, daß ich als alter Mensch das Kaufen von Büchern -oder deren Bestellung- in den kleineren Buchläden vor Ort vorziehe, weil das zu den festen und zu den liebgewordenen Bestandteilen meines Lebens zählen -Nostalgie! Das kann ich von jüngeren Menschen so nicht erwarten, folglich……………..

  3. #3 | Philip sagt am 3. April 2016 um 13:17 Uhr

    Schräg gegenüber des Sternverlags hat eine Mayersche eröffnet, das Online-Geschäft buchsv.de ist jetzt "Mayersche B2B", Herr Janssen hatte wohl schon länger einen Nachfolger gesucht und keinen gefunden, ob das Verschwinden der Straßenbahn wirklich so einen großen Einfluss hat, weiß ich nicht, evtl war es einfach ein guter Anlass und so muss er es nicht mehr herausfinden.

    Hennig, ein großer Laden für Bürobedarf am Jan-Wellem-Platz hat schon vor Jahren große Teile seiner Verkaufsfläche lieber vermietet als selbst betrieben. Je nach Lage lohnt sich das mehr.

  4. #4 | kE sagt am 3. April 2016 um 16:58 Uhr

    Zeitschriften, Bücher, Zeitungen
    Wenn möglich, dann nur noch digital.
    Wie viele Bäume habe ich dadurch schon gerettet?
    Meine Regale sind leerer. Die Flatrates erlauben die Nutzung von Medien ohne Ende.

    Ja, wenn ich im Buch-, Zeitschriftenhandel bin, kann ich mich meistens nicht zurückhalten und kaufe. Die Ware übt eine Faszination aus. Auch wenn das Ergebnis dann verrottet, weil die Zeit fehlt, es zu lesen. Die Einkäufe erledige ich aber meistens Online. Ich war zu oft in letzter Zeit auf der großen Suche in Geschäften, habe dann aber nichts gefunden. Da ist Online schneller und zielgerichteter.

    Wenn alle Städte nur noch dasselbe Angebot in den Malls haben, die Sportartikel-Hersteller jetzt selber vermarkten wollen, dann kann ich auch Online einkaufen.

  5. #5 | Danios sagt am 4. April 2016 um 16:41 Uhr

    Meiner Meinung nach müssten insbesondere die kleinen Buchläden ihren Bestellservice besser vermarkten. Ich habe den Luxus, eine kleine Buchhandlung um die Ecke zu haben, ich bestelle meine Bücher über ein Webformular dort und am nächsten Tag liegt das Buch bereit. Bequemer und schneller gehts auch bei Amazon nicht. Der Inhalt des Buchladens ist für mich so öde und uninteressant wie die meisten Buchläden, Krimis ohne Ende, Esoratgeberschrott, viel Kinderkram und die üblichen Romane, von Jojo Moyes bis zu irgendwas pseudolustigem wie Eckhard von Hirschhausen, aber durch die Bestellmöglichkeit und die zügige Lieferung, muss mich das mäßige Programm auch nicht stören. Schade, dass diese Funktion oft nur schlecht oder gar nicht beworben wird.

  6. #6 | Walter Stach sagt am 4. April 2016 um 17:34 Uhr

    Danios,
    als Bücher-Fan freue ich mich jedes mal, wenn ich in einer kleinen Buchhandlung auf eine Verkäuferin, einen Verkäufer stoße, mit dem ich mich , wenn auch immer nur sehr kurz, über den Inhalt der einen oder der anderen Neuerscheinung unterhalten kann. Das trägt, jedenfalls bei mir, ganz wesentlich dazu bei, entweder direkt im Buchladen ein Buch zu kaufen oder es dort zu bestellen ;in der Regel verbunden mit der Zusage : "Kann morgen abgeholt werden".
    Dieser Service in Form einer Gesprächsmöglichkeit wird allerdings aus Kostengründen nicht in jeder kleinen Buchhandlung möglich sein, sollte aber "nach Möglichkeit" gerade in den kleinen Buchhandlungen als "besonderes Markenzeichen" gehegt und gepflegt werden.

    Im übrigen hat die Bürgergesellschaft vor Ort, wenn sie denn ein Interesse daran hat, die kleinen Buchhandlungen vor Ort zu erhalten, vielfältige Möglichkeiten etwas für diese zu tun -über das Bücherkaufen hinaus-, indem sie z.B. bei allen möglichen Gelegenheiten den Buchhandlungen anbietet, sich und ihre jeweils einschlägigen Bücher vorzutellen/zu verkaufen -die Partei X,wenn dort über……gesprochen wird; die Kirche Y, wenn dort über….gesprochen wird; der Sportverein Z, wenn dort über…gesprochen wird , der Chor A, wenn der Lieder singt über….oder von……. usw.

    Man kann das Alles durchaus als kleinen Beitrag ansehen zur Pflege der "Kultur in der Gemeinde, im Stadtquartier"; ich meine, das wäre ein lohnender Beitrag.

  7. #7 | Robin Patzwaldt sagt am 4. April 2016 um 17:37 Uhr

    @Walter: Ich mische mich da mal ganz kurz ein: Ich weiss aus persönlichen Gesprächen, dass Angestellte in Buchhandlungen, auch hier bei uns am Ort, teilweise ganz miserabel bezahlt werden. Und da beisst sich dann etwas. Man kann eben für einen Mindestlohn nicht maximales Fachwissen erwarten und in der Regel eben wohl auch nicht bekommen. Teufelskreis!

  8. #8 | Walter Stach sagt am 4. April 2016 um 17:39 Uhr

    -7-
    Robin, so ist es- leider-.

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