Mistral gibt den KI-Wettlauf auf: Europas letzter großer KI-Traum platzt

Rechenzentrum: Grafik: ChatGPT/Chatti


Mistral? Klingelt da was? Vibe, bis vor kurzem unter dem Namen Le Chat bekannt, ist der KI-Assistent des 2023 gegründeten französischen KI-Unternehmens Mistral und war in den vergangenen Jahren der einzige europäische Konkurrent zu den großen US-Angeboten ChatGPT, Claude und Gemini sowie den chinesischen Open-Weight-Modellen. Luminous, das KI-Modell von Aleph Alpha, hat das Feld bereits vor zwei Jahren aufgegeben.

Mistral hatte nie ein Spitzenmodell im Angebot, schaffte es aber immerhin in die Top 50, wenn auch auf einen der hinteren Plätze. Nun ändert das Unternehmen seine Strategie. Zwar will Mistral weiterhin eigene Modelle entwickeln, doch zugleich baut es massiv seine Serverkapazitäten aus und öffnet seine Infrastruktur für Modelle anderer Anbieter. Den Anfang macht ausgerechnet das Open-Weight-Modell GLM-5.2 des chinesischen KI-Labors Z.ai. Die eigenen Modelle rücken, wie t3n feststellt, in die zweite Reihe.

Für Mistral kann diese Entscheidung wirtschaftlich vernünftig sein. Zwar wurde das Unternehmen von Frankreich stark subventioniert, aber es hatte nie das Kapital, das den großen Playern aus den USA und China zur Verfügung steht. Der europäische Kapitalmarkt konnte und die EU wollte nie das Geld bereitstellen, das nötig gewesen wäre, um in der ersten oder wenigstens in der zweiten KI-Liga mitzuspielen.

Die von der Politik in Europa verkündeten Ambitionen werden allerdings durch den von Mistral nun eingeschlagenen Weg durchkreuzt. Noch immer kann man auf der Seite der EU-Kommission den vollmundigen Satz lesen: „Die EU ist bestrebt, ihre globale Führungsposition im Bereich KI zu behaupten.“ Natürlich hatte die EU nie eine globale Führungsposition im Bereich KI, die sie behaupten könnte. Im Gegenteil: Der Abstand zu den beiden großen KI-Mächten USA und China wird mit jedem Tag größer. Ja, man redet sich ein, bei Industrie-KI noch eine große Nummer werden zu können, aber in der Praxis geschieht kaum etwas. Europa reguliert, andere entwickeln. Die Zukunft wird nicht auf dem Kontinent erfunden, der über keinen leistungsfähigen Kapitalmarkt verfügt und auf dem überbezahlte EU-Regulierer und Ursula von der Leyen vom Green Deal träumen  und nicht merken, dass sie immer weniger haben, mit dem man „dealen“ kann.

Und exklusiv ist die Datenbasis ohnehin nicht. Wer Industrie hat, hat Industriedaten. Deutschland liegt nach Zahlen der  Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung (UNIDO) auf einem durchaus respektablen vierten Platz, und auch Italien und Frankreich schaffen es in die Top 10.  Deutschland ist mit 4,6 Prozent der globalen industriellen Wertschöpfung tatsächlich noch eine industrielle Großmacht. Gleichzeitig liegen die Nettoinvestitionen in produktive Anlagen nach Berechnungen des McKinsey Global Institute bei gerade einmal 0,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Europa besitzt noch immer die industrielle Basis, um bei industrieller KI eine bedeutende Rolle zu spielen. Aber diese Position ist ein Erbe, kein Versprechen für die Zukunft. Wer aus diesem Bestand keinen technologischen Vorsprung macht, kann ihn verlieren.

Und im Gegensatz zu den drei EU-Staaten müssen sich die Wettbewerber nicht mit Bürokratiemonstern wie dem AI Act oder der Datenschutz-Grundverordnung herumschlagen. Der Traum, Europa und Deutschland könnten mit ihren Industriedaten global reüssieren, könnte ebenso platzen wie der Mistrals, ein konkurrenzfähiges Large Language Model zu schaffen.

 

Autorenseite: Stefan Laurin
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