Europa mangelt es an allem, um in einer Welt mit transformativer KI wettbewerbsfähig zu sein.

Spatenstich für die Microsoft Rechenzentren im Rheinischen Revier im März Foto: Land NRW / Marius Becker

Keine Technologie wird die Welt so verändern wie Künstliche Intelligenz. Namhafte Experten warnen davor, dass Europa abgehängt wird und machen Gegenvorschläge. Nicht alle sind realistisch, die Mentalität Europas wird als Problem nicht erkannt.

Die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer, Ifo-Chef Clemens Fuest und Aleksander Mądry (MIT) gehören zum Expertenrat. Ben Bucknall von der Universität Oxford und Conor McGlynn von der Harvard Kennedy School gehören zu den Forschungsleitern. Dazu kommen weitere hochrangige Experten und niemand aus dem Umfeld von Rackets wie der Mercator Stiftung oder AlgorithmWatch. In der veröffentlichten „Transformative AI Strategy für Europe“ steckt viel Wissen. Die Autoren machen klar, dass Europa im globalen KI-Wettbewerb weitgehend abgehängt ist, und setzen damit einen klaren Gegenpunkt zu der Schönfärberei von Politikern wie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Sie stellen fest, dass Europa strukturell unzureichend auf die bevorstehende Einführung transformativer KI vorbereitet ist und eine dauerhafte Marginalisierung riskiert: „Europa mangelt es an Unternehmen, Rechenkapazität, Modellen und Investitionen, um in einer Welt mit transformativer KI wettbewerbsfähig zu sein.“

Die Folgen seien verheerend: Europa würde wirtschaftlich abgehängt, geostrategisch hilflos, einem Wegbrechen von Arbeitsplätzen stünden keine Einnahmen aus einer florierenden KI-Industrie entgegen und man werde keine Chance haben, sich gegen Cyberangriffe zu wehren. Das zurzeit intensiv diskutierte Thema der KI-Risiken wird nur gestreift. Europa kann es ohnehin nur von der Zuschauertribüne verfolgen. „Doch selbst wenn es der Welt gelingt, diese Bedrohungen einzudämmen und KI überwiegend positive Ergebnisse liefert“, so die Autoren, „werden sich der Reichtum und die strategische Macht, die leistungsstarke KI generiert, zwangsläufig außerhalb Europas konzentrieren. Keines dieser Szenarien muss Europas Schicksal sein. Doch das Zeitfenster zum Handeln schließt sich mit jedem Monat weiter. Wenn Europa nicht endlich handelt, riskiert es, keinerlei Einfluss darauf zu haben, wie die folgenreichste Technologie aller Zeiten die Europäer beeinflussen wird.“ Bei einem sind sich die Autoren sicher KI-Systeme werden „die grundlegenden Strukturen der Gesellschaft, einschließlich Wirtschaft, Wissenschaft und Geopolitik, wesentlich schneller verändern als jede andere Technologie in der Geschichte.“

Dass Europa noch aus eigener Kraft zu den Frontier-KI-Modellen von OpenAI, Anthropic oder Moonshot AI aufschließt, halten sie zumindest für so unwahrscheinlich und teuer, dass sie darauf keine europäische Strategie aufbauen wollen. Die USA und China seien in diesem Bereich nicht mehr einzuholen. Nun müsse darauf gesetzt werden, sich Zugriffsrechte zu sichern, zum Beispiel im Gegenzug zur Genehmigung von Rechenzentren. Denn auch der Zugriff auf die aktuellen KI-Modelle ist nicht mehr gesichert. In Europa sollen bis 2030 15 Prozent der weltweiten KI-Rechenkapazität zur Verfügung stehen, heute sind es gerade einmal ungefähr fünf Prozent: „Bis Ende 2026 wird ein einzelnes Rechenzentrum in Malaysia etwa ein Drittel der KI-Rechenkapazität Europas, einschließlich Großbritannien und Norwegen, erreichen. Zwei Rechenzentren in den USA werden zusammen die Gesamtkapazität Europas übertreffen.“

Die Strategie fordert, institutionelles Kapital für Scale-ups zu mobilisieren, die Kapitalmarktunion voranzutreiben, Mitarbeiterbeteiligungen attraktiver zu machen, Visa für hochqualifizierte Leute zu beschleunigen und die Wissenschaft stärker auf KI auszurichten.

Europa hat Unternehmen, die die Hardware für den KI-Boom produzieren: ADSL, Zeiss, und Trumpf. Über Exportpolitik soll Druck gemacht werden.  Europa soll so verhindern, dass seine Interessen ignoriert werden. Doch so etwas könnte Gegenschläge provozieren, denn über die gesamte Breite hat ein Green Deal-Europa schlicht an wirtschaftlichem Gewicht verloren.

Die Haltung zur Regulierung ist differenziert: Die Autoren sind keineswegs gegen Regulierung. Bei systemischen Risiken wollen sie sogar ziemlich starke Sicherheitsvorkehrungen. Aber gleichzeitig soll Regulierung gezielt, verhältnismäßig und fachlich begründet sein. Und Behörden sollen selbst moderne KI einsetzen. Das Papier schlägt sogar vor, KI-Leute nach San Francisco und Peking zu schicken, damit europäische Institutionen überhaupt verstehen, was an der technologischen Spitze passiert. Das KI-Büro der EU soll „zu einem unverzichtbaren Kompetenzzentrum für KI ausgebaut werden. Es sollen direkte Kommunikationswege zwischen hochrangigen Kommissionsbeamten und den KI-Experten des KI-Büros eingerichtet werden, wobei die internen Experten die Entscheidungsträger durch Briefings und Workshops informieren sollen.“ Die Einstellungspraxis will man reformieren, um Zugang zu erstklassigem KI-Fachwissen zu erhalten. Zudem sollen den Mitarbeitern ausreichend Rechenkapazitäten zur Verfügung gestellt werden, damit sie modernste KI-Modelle und -Systeme für ihre Arbeit nutzen können.

Die Autoren sehen gerade in Ländern wie Deutschland, Polen und Rumänien mit ihren umnutzbaren alten Industrieflächen gute Standorte für neue KI-Rechenzentren. Das mag auf Polen oder Rumänien zutreffen, ist in Deutschland aber schwieriger: Hier fehlt wegen der Energiewende nicht nur ausreichend Strom, es dauert zum Teil auch Jahrzehnte, Rechenzentren ans Netz anzuschließen. „Es ist schon irritierend“, zitiert der WDR aktuell Agnes Heftberger, CEO Microsoft Deutschland & Österreich, „wenn man in einem Land unterwegs ist, das Industrieland ist, das an der Spitze mitspielen möchte, aber wo dann in Aussicht gestellt wird, Netzanschluss gibt es vielleicht in zwanzig Jahren, 2040 plus x. Das ist schön, dass es erste Schritte in die richtige Richtung gibt (…), das allein wird es nicht stemmen, wir werden noch schneller und mehr bauen müssen.“ Doch schneller und mehr zu bauen, ist in Deutschland nicht so einfach: Klagefreudige NGOs und zum Teil mit Steuergeldern der EU und der Bundesregierung gepäppelte Initiativen machen seit Monaten mobil gegen neue Rechenzentren und auch der Bau neuer Leitungen stößt vor Ort auf Widerstand.

Das Thema Energie wird in der Strategie unterschätzt.

Was auch auffällt, ist der fast religiöse Glaube an die Bedeutung der EU, staatlicher Institutionen und ausgeklügelter Regelwerke. Die EU überschätzt die Macht von Regeln in einer Welt, in der technologische und wirtschaftliche Macht wieder stärker über Verhandlungsmacht entscheidet.

Was vollkommen übersehen wird, ist, dass Europa für viele KI-Experten nicht attraktiv ist. Und das liegt nicht nur an den Gehältern: Es ist spannender, in San Francisco an Frontier-KI-Modellen zu arbeiten und die Technologie von morgen zu entwickeln, als in einem KI-Büro der Europäischen Union zu sitzen und die Wochenangebote der Kantine auswendig zu lernen.

Das von den Autoren beschriebene Problem, dass „bei der Rekrutierung häufig andere Faktoren als Qualifikation oder Eignung für die jeweilige Position berücksichtigt werden“, ist strukturell und faktisch in einer von Politik und politischen Beamten dominierten Organisation kaum zu lösen.

Was die Autoren vollkommen unterschätzen, ist das Fehlen einer digitalen Kultur in weiten Teilen Europas. Sie zu schaffen oder sie zumindest durch Regelwahn und Bürokratie nicht immer wieder schon in Ansätzen zu vernichten, ist eine zentrale Aufgabe. In Kalifornien ist ein digitales Biotop entstanden, das Talente aus aller Welt anzieht. Verrückte, die mit anderen Verrückten die Welt neu erfinden wollen, als Angestellte, aber oft auch schon mit einer eigenen Geschäftsidee und meist mit der Hoffnung auf Reichtum. Dort gibt es, was Europa fremd ist: eine gesellschaftliche Risikobereitschaft, Kapitalgeber, die bereit sind, Verluste zu akzeptieren. Hochschulen müssen auch in Europa Ausgründungen feiern, statt sie argwöhnisch zu betrachten. Gute Leute müssen auch hier lieber ein Unternehmen gründen wollen, als einen sicheren Konzernjob anzunehmen. Ein gescheitertes Start-up darf kein Makel sein. Vermögen durch Unternehmensgründungen darf gesellschaftlich nicht automatisch als verdächtig gelten. Und Politik muss akzeptieren, dass Innovation zwangsläufig Dinge hervorbringt, die sie vorher nicht geregelt hat.

Eine solche Kultur gab es während der industriellen Gründerzeit. Geblieben ist von ihr fast nichts. Kein KI-Büro der EU wird daran etwas ändern. Europa muss nicht nur seine KI-Politik ändern. Europa muss wieder ein Ort werden, an dem Menschen unbedingt etwas Neues schaffen wollen. Und zwar sehr, sehr schnell.

Mehr zu dem Thema:

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2031: Das Jahr, in dem Europa untergeht

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Autorenseite: Stefan Laurin
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