
Hans-Thomas Tillschneider möchte beim Gedenken an den Anschlag von Halle Respekt für sein Amt. In seinem eigenen Bericht nennt er den antisemitischen Terror einen „Amoklauf“ und spricht von einer „Gruppe fanatisierter Studenten“. Über die Menschenkette kann man streiten. Über diese Wortwahl muss man sprechen.

Am 9. Oktober 2026 verhinderten Mitglieder der Jüdischen Studierendenunion Deutschland mit einer Menschenkette, dass der AfD-Politiker das Gelände der Synagoge in Halle betrat. Der neu gewählte Landtagsvizepräsident wollte nach eigener Darstellung den Landtagspräsidenten Tobias Rausch vertreten. Über den Vorfall berichtete unter anderem das ZDF.
Tillschneider lieferte anschließend selbst das Dokument, an dem sich sein Verständnis des Gedenkens prüfen lässt. In seinem X-Beitrag vom 9. Oktober 2026 steht „schrecklichen Amoklauf von Halle“. Über die Menschen vor dem Eingang schreibt er: „Eine Gruppe fanatisierter Studenten“.
Für die Studierenden hat er ein Adjektiv
Das Wort „schrecklich“ benennt Entsetzen. Es erklärt nicht, warum ein bewaffneter Rechtsextremist am 9. Oktober 2019 ausgerechnet eine Synagoge angriff. Der Täter wollte dort an Jom Kippur Juden ermorden. Als er nicht hineingelangte, erschoss er Jana Lange und Kevin Schwarze. Das Oberlandesgericht Naumburg verurteilte ihn am 21. Dezember 2020 unter anderem wegen zweifachen Mordes und vielfachen Mordversuchs zu lebenslanger Haft und ordnete anschließende Sicherungsverwahrung an. Die damalige Gerichtsberichterstattung lässt am rechtsterroristischen Charakter des Anschlags keinen Zweifel.
In Tillschneiders eigenem Beitragstext fehlen die Begriffe antisemitisch und rechtsextrem.
Für die Studierenden findet er dagegen sofort eine politische und moralische Abwertung. Ausgerechnet in seinem Bericht über ein Gedenken an ermordete Menschen wird vor allem sein eigener Anspruch auf Zutritt deutlich.
Die Pressemitteilung der AfD-Landtagsfraktion vom selben Tag übernimmt diese Blickrichtung. Auch sie nennt die Tat einen „Amoklauf“. Die Protestierenden erscheinen als „linke Studenten“. Tillschneider bestreitet dort, sich gegen jüdisches Leben ausgesprochen zu haben, und verweist auf seinen Respekt vor einer jüdisch-deutschen Kultur. Außerdem lädt er den Gemeindevorsitzenden zu einem Gespräch im Landtag ein.
Jüdische Kultur zu würdigen fällt offenbar leichter, als den Widerspruch lebender jüdischer Studierender auszuhalten. Wer Solidarität beansprucht, muss sich auch daran messen lassen, wie er mit denen spricht, deren Solidarität er gerade nicht bekommt.
Die Gemeinde ist keine Kulisse
Dabei wäre es falsch, die Menschenkette kurzerhand zur Position der gesamten jüdischen Gemeinde zu erklären. In ihrer Stellungnahme vom 11. Oktober 2026 bezeichnet die Gemeinde die Motivation der Studierenden als nachvollziehbar, lehnt Blockaden und vergleichbare Aktionsformen aber grundsätzlich ab. Sie will die Erinnerung an die Ermordeten und die Anteilnahme an den Betroffenen im Mittelpunkt halten. Du bist Halle dokumentiert die Erklärung.
Diese Unterscheidung gehört in die Debatte. Niemand muss die Aktionsform gutheißen, um Tillschneiders Wortwahl kritisieren zu können. Umgekehrt macht die Ablehnung einer Blockade seine Darstellung des Anschlags nicht angemessener.
Ein Amt ersetzt keine Haltung
Tillschneider tritt mit seinem neuen Amt nicht ohne politische Vorgeschichte auf. Die Ruhrbarone haben den Landesverband und seine Akteure bereits ausführlich untersucht (
AfD Sachsen-Anhalt: Der rechtsextreme Rand sitzt längst in der Mitte).
Auch sein Umgang mit kritischen Nachfragen war hier Thema: Bei einem Interview wurde eine Tasse mit der Aufschrift „Armee Russlands“ zum Gegenstand der Auseinandersetzung (
Unwichtig, aber bitte nicht zeigen: AfD-Vize Tillschneider und seine russische Armeetasse).
In Halle geht es um mehr als eine peinliche Requisite. Ein Gedenken an antisemitischen Terror verlangt, dessen Opfer, Ziel und Ideologie ernst zu nehmen. Ein Landtagsamt kann einen Vertreter zu einem Termin schicken. Glaubwürdigkeit liefert es nicht mit.
Wer Respekt für die Würde seines Amtes verlangt, sollte beim Respekt vor der Geschichte der Opfer anfangen.
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