Die Konzertbranche spielt sich um Kopf und Kragen

Joe Jackson und Band am 26. Juni 2019 in Essen. Foto: Robin Patzwaldt

Schon im vergangenen Jahr habe ich mich an dieser Stelle über die immer weiter steigenden Konzertpreise ausgelassen. Geändert hat sich seitdem wenig. Eher im Gegenteil. Obwohl ich nie zu den Menschen gehörte, die jedes Wochenende vor irgendeiner Bühne stehen müssen, waren einige Konzertbesuche für mich über Jahrzehnte hinweg selbstverständlich. Das Geld spielte dabei eine eher untergeordnete Rolle. Hauptsache, die Musik stimmte.

2026 sieht das anders aus. Wenn nichts Unvorhergesehenes passiert, werde ich erstmals seit der Corona-Krise nur zwei Konzerte besuchen: Van Morrison im Juni in Bremen und Joe Jackson im November in Essen. Zwei durchaus renommierte Musiker, aber keine absoluten Superstars. Beide spielen beziehungsweise spielten in Sälen mit rund 1000 bis 1500 Besuchern. Ausverkauft waren beziehungsweise sind beide Veranstaltungen. Der Eintrittspreis lag jeweils knapp unter oder über 100 Euro pro Karte.

Hundert Euro für einen Abend

Natürlich kann man einwenden, dass solche Künstler ihren Preis haben. Trotzdem finde ich diese Entwicklung bemerkenswert. Beide Musiker habe ich vor einigen Jahren noch für ungefähr die Hälfte des Geldes in größeren Hallen erleben können. Und bei den Ticketkosten hört die Rechnung bekanntlich nicht auf. Anreise, Parkgebühren, Getränke oder etwas zu essen kommen schnell hinzu. Ein Konzertabend wird damit zum kostspieligen Vergnügen.

Ich hatte für dieses Jahr durchaus noch weitere Veranstaltungen im Blick. Doch irgendwann stellt sich die Frage, ob einem das Ganze den Aufwand tatsächlich noch wert ist. Bei aller Liebe zur Musik: Ich muss mein Geld nicht mit Gewalt loswerden. Und ich dürfte mit dieser Haltung längst nicht allein sein.

Die Kleinen bleiben auf der Strecke

Wie gefährlich das für die Konzertszene werden kann, zeigen Beispiele aus Dortmund. Die Crucchi Gang um Francesco Wilking musste ihren Auftritt im Junkyard wegen schleppender Ticketverkäufe laut der Ruhrnachrichten zuletzt absagen. Auch die Dortmunder Band Walking On Rivers strich mehrere Termine ihrer geplanten Clubtour. Die Musiker berichten, dass sich kleine Clubs inzwischen teilweise erst bei voller Auslastung rechnen.

Natürlich sind die Produktionskosten seit der Pandemie explodiert. Wenn sie laut Branchenverband um rund 50 Prozent gestiegen sind, während die Ticketpreise im Schnitt lediglich um etwa 30 Prozent zulegten, erklärt das einen Teil des Dilemmas. Doch es löst es nicht. Höhere Preise schrecken weitere Besucher ab, ausbleibende Einnahmen gefährden Veranstaltungen, und am Ende verschwinden ausgerechnet jene Bühnen, auf denen neue Künstler überhaupt erst ihr Publikum finden können.

Ein Teufelskreis mit Ansage

Gleichzeitig fließen enorme Summen in die Shows der ganz Großen. Wer für Taylor Swift oder Oasis tief in die Tasche greift, überlegt sich womöglich zweimal, ob im selben Monat noch drei kleinere Konzerte drin sind. Das ist verständlich, aber für die Vielfalt der Musiklandschaft fatal. Die Branche droht sich tatsächlich selbst aufzufressen.

Mein Eindruck ist jedenfalls: Wenn Konzertbesuche zunehmend zum Luxus werden, verliert die Live-Musik langfristig mehr als nur ein paar verkaufte Eintrittskarten. Sie verliert ihr Publikum von morgen. Und wenn irgendwann nur noch die großen Namen mit riesigen Budgets übrig bleiben, werden wir uns vielleicht wundern, warum die musikalische Landschaft so eintönig geworden ist. Dann allerdings dürfte es für manche längst zu spät sein.

Autorenseite: Robin Patzwaldt
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1 Kommentar
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Alf
Gast
Alf
45 Minuten vor

Sehr zu empfehlen, für relativ kleines Geld.

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