Die Traumwelten der Niki de Saint Phalle

Foto: C. Jochum

Bunt, üppig und verspielt – die „Nanas“ sind so etwas wie ein Markenzeichen der Künstlerin Niki de Saint Phalle geworden. Sie sind jedoch nur ein Teil ihres breit angelegten Werkes, dem der Düsseldorfer Kunstpalast eine sehenswerte Ausstellung widmet.

Niki de Saint Phalle? Das ist doch die mit den „Nanas“, diesen großen, bunten Figuren aus Polyester, die so verspielt, geradezu kindlich, wirken. Tatsächlich ist die Assoziation verständlich, sind doch die „Nanas“ im Bewusstsein vieler Menschen präsent, da sie auch außerhalb der Museen im öffentlichen Raum zu finden sind. So zum Beispiel der Brunnen „Life Saver“ in der Duisburger Innenstadt, der seit 1993 ein bunter Blickfang in der Fußgängerzone ist.

Wer Niki de Saint Phalle und ihr Werk nicht kennt, sieht sich im Kunstpalast einem deutlich weiter gefächerten Œvre gegenüber. Skulpturen, Filme, Theaterstücke und nicht zuletzt die Tirs, die „Schießbilder“ gehören zu ihren vielfältigen künstlerischen Ausdrucksformen.

Wie alles began

Niki de Saint Phalle, Jahrgang 1930, wuchs in Frankreich und den USA auf. Beide Länder, aber auch Spanien, Italien und andere europäische Länder prägen ihre künstlerische Entwicklung. Sie malt, nimmt Schauspielunterricht, schafft Assemblagen, immer im Austausch mit Künstlerkollegen ihrer Zeit, u.a. Daniel Spoerri und ihrem zweiten Ehemann, Jean Tinguely. Von Anfang an ist ihr Schaffen getrieben von dem gesellschaftspolitischen Anliegen, das weibliche Element in die Kunstlandschaft zu bringen. Normen, die mit der Erwartung an Weiblichkeit verknüpft und männlich dominiert waren, hat Niki de Saint Phalle nicht nur in Frage gestellt, sondern mit den Tirs geradezu zerstört

„Sie schießt sich ihren Weg frei“

Dieser Satz ist wörtlich gemeint, denn mit den Tirs, den „Schießbildern“, verarbeitete Niki de Saint Phalle das Trauma ihrer Kindheit, den sexuellen Missbrauch durch ihren Vater, aber auch die Wut über männlich dominiertes Alltagsleben. Sie gestaltete Reliefs, indem sie verschiedene Gegenstände und Farbbeutel mit Gips übergoss und anschließend darauf schoss, so dass sich die Farbe auf der weißen Gipsfläche verteilte. Eruption, Aggression, der Schuss sozusagen als Pinselersatz, künstlerischer Ausdruck als Ventil für unverarbeitete Emotionen wird in diesen Werken sichtbar. 

„1961, da schoss ich gegen Daddy, gegen alle Männer, kleine, große, dicke Männer, meinen Bruder, die Gesellschaft“, wird Niki de Saint Phalle zur Serie der Tirs zitiert. Dieser Befreiungsschlag war einerseits eine Katharsis, markierte andererseits einen neuen Abschnitt ihres künstlerischen Weges. Nach wie vor dominiert die Rolle der Frau in der Gesellschaft, der Blick auf das Weibliche, Niki de Saint Phalles Werk, aber das Düstere, Verstörende der früheren Phase ist gewichen.

Niki de Saint Phalle, Foto: C. Jochum

Welche Rolle spielt die schwarze Spinne?

Mal klein und beinahe zu übersehen, mal dominant und überlebensgroß taucht sie auf, die schwarze Spinne. Teilweise ist sie in die Assemblagen eingearbeitet, die als Ziel für die Tirs dienten, wir sehen sie aber auch als singuläres Objekt, dargestellt wie ein Hund an der Leine. Niki de Saint Phalle verarbeitet mit dieser Figur der schwarzen Spinne als alles Verschlingende ihr eigenes gespaltenes Verhältnis zur Mütterlichkeit. Die Rolle der Mutter als übermächtige Person, die als Bedrohung wahrgenommen wird, findet in der Symbolik der „Schwarzen Witwe“ ihren Ausdruck.

La Promenade du dimanche (Sonntagsspaziergang), Foto: C. Jochum

Die „Nanas“ als Zäsur

Das Aufbegehren gegen gesellschaftliche Normen, die das Aussehen von Frauen, ihr Verhalten in der Gesellschaft durch den männlichen Blick prägen, zieht sich wie ein roter Faden durch Saint Phalles Werk. Inspiriert durch die Schwangerschaft ihrer Freundin Clarice Rivers, schuf sie die bunten, glattglänzenden „Nanas“, die in ihrer ausladenden, körperbetonten Figürlichkeit pure Lebensfreude ausstrahlen. Weiblichkeit als Statement und Kontrast zur medialen Präsenz schlanker, um nicht zu sagen, dünner, Frauen, die als Vorbilder die Gesellschaft prägten. Gleichzeitig dienten die „Nanas“ als Träger ihrer persönlichen Erfahrungen, die sie in der Grafik-Serie „LES NANAS AU POUVOIR – NANA POWER – NANAS AN DIE MACHT“ bildhaft verarbeitete.

Nana Maison II, Foto: C. Jochum

Raum für Träume

Wie im Titel der Ausstellung schon anklingt, schuf Niki de Saint Phalle ihre ganz persönlichen Traumwelten. Erfahrungen aus Kindheit und Jugend, dazu gehörte auch das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter, fanden ihren Ausdruck in den vielfältigen Kunstwerken. 

Neben den „Nanas“ ist als wahr gewordener Traum der Skulpturengarten in der Toskana ein Meilenstein ihres künstlerischen Erbes. Bereits in den 1950er Jahren, inspiriert durch den Park Güell in Barcelona, entwickelte Niki de Saint Phalle die Idee, einen weitläufigen Garten mit eigenen Skulpturen zu schaffen. 1978 war es soweit, auf einem geschenkten Grundstück errichtete Niki de Saint Phalle mit Hilfe zahlreicher helfender Hände 22 überlebensgroße Skulpturen. Die Modelle dieses „Tarot-Gartens“ sind in der Ausstellung zu sehen und lassen viel Raum für eigene Gedanken und Interpretationen zu den Kunstwerken.

Foto: C. Jochum

Kunst als gemeinsames Schaffen

Besonders im „Tarot-Garten“, der ohne Hilfe gar nicht hätte entstehen können, aber auch in anderen Projekten zeigt sich ein wesentlicher Aspekt in Niki de Saint Phalles künstlerischer Arbeit. Der Prozess, den ein Kunstwerk bis zur Vollendung durchlief, war für sie immer ein Gemeinschaftsprojekt. Bereits die Tirs waren eine Art Performance, zu denen Niki de Saint Phalle regelmäßig andere Künstler und Besucher einlud, ebenso war das Verkleiden ihrer Skulpturen mit Mosaikplättchen oft eine Gemeinschaftsaktion.

Diese Idee greift das Ausstellungskonzept der „Dream Machine“ auf. Die Besucher sollen sich ermutigt fühlen, selbst kreativ zu werden und eigene Mosaiken an einer extra eingerichteten Wand im „Studio Niki“ anzubringen, so dass sich das dadurch entstehende Bild ständig verändert.

Ganz im Sinne Niki de Saint Phalles.

 

Die Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast ist noch bis zum 7. Februar 2027 zu sehen.

Alle Informationen rund um die Ausstellung und das Begleitprogramm gibt es hier

 

Autorenseite: Christiane Jochum
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