„Das Modell ‚Islamische Republik‘ hat seine Anziehungskraft verloren“

Straßénszene in Suleymaniah, Irakisch-Kurdistan, Bild: Thomas v. der Osten-Sacken


Im Irak verfügt der Iran zwar über enormen Einfluss, das Land kontrolliert er nicht und die Massenproteste gegen das Regime in Teheran haben auch Auswirkungen auf das Nachbarland. Dritter Teil einer Reihe von Interviews, die Global Review mit Thomas von der Osten-Sacken geführt hat.

Global Review: Wie sieht die aktuelle Situation im Irak aus, nachdem nun Mukatadr El- Sadr bei der Bildung einer Regierung scheiterte und sich momentan mehr von dem Turbanflippen der Iraner bedroht sieht, der such Volkssport bei der irakischen Jugend werden könnte? Muqtadr el- Sadr hat ja bisher eine nationalistisch-islamistische Option, die ihre Legitimation aus seinem Ajatollahvater und Großajatollah Sistani, der im Gegensatz zu Khomeni ein Quietist ist und keine Theokratie will, bezogen und sich gegen Einflussnahme des Irans im Irak gestellt, sowie sich für die Auflösung der proiranischen Milizen und Abzug der iranischen Hilfskräfte gestellt.

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„Memme, zeige es dem Spinner“

Heinrich Peuckmann Foto: Stefanie Silber/PEM


In der Nacht von Donnerstag auf Freitag ist Heinrich Peuckmann verstorben. Ich erlaube mir, ihn hier Heinrich zu nennen, weil er mich auch immer Memme nennen durfte. Ich durfte Heinrich als Lehrer kennenlernen, weil ich sein Schüler war. Ich durfte Heinrich als Schriftsteller kennenlernen, weil ich seine Bücher gelesen habe. Am besten gefiel Heinrich mir aber als Mensch, der Lebensfreude, Witz und viel Menschlichkeit ausstrahlte. Von unserem Gastautor Magnus Memmeler.

Über Heinrichs Verdienste als Literaturschaffender werden Schriftstellerkolleginnen und -Kollegen besser berichten können, als ich dazu in der Lage bin. Ich fand seine Bücher einfach nur gut, weil sie unserer Region stets gerecht geworden sind. Und meine Mutter hat seine Hörspiele auf WDR 5 geliebt. Auch dafür herzlichen Dank Heinrich, denn sie hat sie gehört, als es meinem Vater nicht gut ging und sie ihn bis zu seinem Tot

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Iran: Die unten wollen nicht mehr, die oben können noch

Deutliche Botschaft, Symbolfoto: Thomas von der Osten-Sacken


Im Iran herrscht insofern eine revolutionäre Situation, als die Mehrheit der Bevölkerung ein Ende des Regimes will. Das ist aber noch nicht am Ende. Von Thomas von der Osten-Sacken.

Global Review bat mich um ein Update Stand zur aktuellen Situation der iranischen Massenproteste und wollte wissen, ob die Chance besteht, dass in absehbarer Zeit das Regime stürzen könnte. Im Folgenden meine Antwort:

Der Iran befindet sich in einer so tiefen Krise, wie seit den Protesten 2009 nicht mehr, ja vermutlich in der schlimmsten seit Ausrufung der Islamischen Republik im Jahr 1979. In einer Umfrage, die jüngst von einem in Holland ansässigen Institut durchgeführt wurden lehnten über 80% aller Iranerinnen und Iraner das Regime ab und befürworteten einen grundlegenden Wandel. Damit wären wir auch schon beim Kern der jüngsten Protestbewegung: Ihr geht es ganz

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Betty Boop oder eine andere Art der “Cultural Appropriation”

Betty Boop Bild: liftarn – Diese Datei wurde von diesem Werk abgeleitet: Helen Kane and Betty Boop – Photoplay, April 1932.jpg Lizenz: CC0

Nachdem ich zuvor einige Jahre alles Mögliche gesammelt hatte, fing ich ungefähr vor fünfzehn Jahren damit an, mich auf amerikanische Jazzmusik der Zwanziger und der frühen Dreissiger Jahre und 78rpm auf Originalschallplatten aus dieser Zeit zu fokussieren. Seit mehr als zehn Jahren betreibe ich auf YouTube ein Channel, wo Videos zu sehen sind, die ich mit professionellen Aufnahmen meiner Platten untermale, die ich zuvor mit modernster Technologie restauriere. Mittlerweile hat mein Channel «Atticus Jazz» über 11’000 Abonnenten und über 6 Millionen Views. Natürlich blieb meine Begeisterung für diese Zeit nicht nur bei der Musik. Ich bekam durch meine Dauerbeschäftigung mit dieser Zeit auch eine tiefere Sicht in andere Bereiche der Unterhaltungsbranche und auf die Kultur sowie auf die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der damaligen Zeit in den Vereinigten Staaten. Von unserem Gastautor Emrah Erken.

Selbstverständlich kannte ich die Zeichentrickfigur Betty Boop wie so viele bereits schon als Kind. Bis ich damit anfing, mich mit dem Jazz Age zu beschäftigen, hatte ich allerdings keine Ahnung über ihre Entstehung. Betty Boop ist ein Comic-Charakter, der vom amerikanischen Cartoonisten Max Fleischer erfunden wurde. Zum ersten Mal wurde sie im Jahr 1930 gezeigt. Bei Betty Boop handelt es sich um eine «Jazz Age Flapper». Unter dem Begriff

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Nach dem Erdbeben: Hilfe für Syrien – Hilfe für Assad?

Erdbeben in der Türkei und Syrien Bild (Ausschnitt): United States Geological Survey Lizenz: Gemeinfrei


Geld, das an den Syrischen Roten Halbmond gespendet wird fließt, so verschiedene Berichte, entweder in die Taschen des Regimes oder wird als Waffe gegen unliebsame Bevölkerungsteile eingesetzt. Von unserem Gastautor Thomas von der Osten-Sacken.

Die verheerenden Erdbeben der letzten Tagen haben nicht nur die Türkei getroffen, sondern auch Nordsyrien und dort sowohl Gebiete, die vom Regime kontrolliert werden wie solche, die unter Kontrolle der kurdischen PYD stehen als auch Idlib, wo syrische Oppositionsgruppen und die Türkei das Sagen haben.

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PKK-Funktionär: „Türkei wollte, dass wir gegen Assad kämpfen“

PKK-Kämpferinnen im Einsatz (2014) Foto: Kurdishstruggle Lizenz: CC BY 2.0

Ein Funktionär der Kurdischen Arbeiterpartei machte in einem Interview deutlich, dass die PKK zu Beginn des syrischen Bürgerkriegs kein Interesse am Sturz Assads hatte. Von unserem Gastautor Thomas von der Osten-Sacken.

In einem längeren Interview bestätigte der hochrangige PKK-Funktionär Murat Karayilan, was syrische Oppositionelle der kurdischen Arbeiterpartei und ihrer syrischen Dependance, der Partei der Demokratischen Union (PYD), seit Jahren vorwerfen, nämlich sich vor zehn Jahren de facto an der Seite von Baschar al-Assad positioniert zu haben. Damals, in den Jahren 2012 und 2013, gab es auch in den syrisch-kurdischen Gebieten Massenproteste gegen das Regime in Damaskus und die meisten kurdischen Parteien stellten sich aufseiten der Opposition.

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„Idee es gäbe „die Kurden“ wird der Vielfalt in keinster Weise gerecht“

Thomas von der Osten-Sacken Foto: Privat


Ein Gespräch mit Thomas von der Osten-Sacken über die aktuelle Lage in Kurdistan, warum kurdische Parteien sich zum Teil bekämpfen und weshalb heute, anders als vor noch zwanzig Jahren, kurdische Selbstverwaltung aus der Region kaum noch wegzudenken ist.

 

Global Review: Herr Osten- Sacken, die kurdischen Iraner scheinen ja bei den iranischen Protesten eine sehr aktive Rolle, die YPG gilt als Helfer der USA und des Westens im Kampf gegen den IS und auch im Nordirak scheinen sie ein für Nahostverhältnisse relativ stabiles Gemeinwesen hinbekommen zu haben nach dem Sturz Saddam Husseins durch den Irakkrieg 2003. Kurden haben das Image säkular, demokratisch und frauenfreundlich zu sein, jedenfalls genießen sie im Westen ein recht positives Image. Nun scheint es aber außer der PKK keine kurdische Partei zu geben, die ein Großkurdistan will, wenngleich es schon mal ein Referendum im Nordirak unter Barzanis KDP gab, die ein Kleinkurdistan wollte, dann aber nach Drohungen der irakischen Zentralregierung und der Türkei davon Abstand nahm. Könnten Sie uns einen Überblick geben über die wichtigsten kurdischen Gruppen, ihre Ziele und Anführer geben und wie sie untereinander zueinander stehen: PKK HDP, YPG, PUK, KDP, iranische Kurdenparteien und islamistische Kurdenparteien?

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Ausgerechnet Tauben!

Die erste war Tobi. Vor zweieinhalb Jahren stolperte er durch meinen Hinterhof und wir beide hatten eines gemeinsam: Wir waren hilflos. Er, eine zu früh aus dem Nest gefallene Stadttaube; ich, ein unwissender und ratloser Stadtmensch. Eine kurze Googlerecherche und ein paar Facebook-Messenger-Nachrichten später, stand ich gemeinsam mit einer jungen Frau im Hof, die beherzt zupackte und Tobi mitnahm. Damit hätte die Geschichte schon zu Ende sein können. Für mich fing sie gerade erst an.

Als gebürtige Essenerin gehörten Tauben zum meinem Bild von einer Stadt dazu. Wie bei vielen meiner Generation hielt auch mein Opa Brieftauben im Schlag hinter seinem Zechenhäuschen im Essener Norden. Und doch musste ich erst ins knapp 400 Kilometer entfernte Erfurt ziehen, um mir über das Phänomen Stadttaube bewusst zu werden. Ich musste Tobi treffen und für uns beide Hilfe suchen. Heute bin ich Mitglied im Vorstand des Erfurter Tauben e.V. Ein Leben ohne diese Tiere ist für mich nicht mehr vorstellbar. Von unserer Gastautorin Birte Schwarz.

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Dortmund, die Erlebnisstadt im Ruhrgebiet

Das Dortmunder U – Foto: Ulrike Märkel

Es kann und darf nicht wahr sein. Es war auch nicht der 1. April. Dortmund will sich als Erlebnisraum vermarkten. Von unserem Gastautor Klaus R. Kunzmann.

Das jedenfalls berichten die Ruhrnachrichten von einem Neujahrgespräch in der obersten Pralinen -Etage des Dortmunder U’s am Ende des Westenhellwegs. Die jahrzehntelangen Marketing-Bemühungen des Regionalverbands Ruhr (RVR) aus der Region eine Metropole haben bislang nicht viel bewirkt. Die Region ist immer noch dabei, den strukturellen Wandel zu bewältigen um internationale Aufmerksamkeit unter Investoren, Gründern und hochqualifizierten Arbeitskräften zu finden, die dann die Transformation von einer Kohle- und Stahlregion in eine smarte digitale Dienstleistungsregion in die Hände nehmen. Wenn nicht smarter Stadteil der Metropole, dann wenigstens Erlebnisraum.

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„Der Schmerz über ein unvollendetes Leben…“

Aslı Erdoğan Foto (Ausschnitt): Carole Parodi Lizenz: CC BY-SA 4.0


Aslı Erdoğans literarische Spurensuche. Von unserem Gastautor Roland Kaufhold.

„Gut, fangen wir an. Sofort. Wir wollen über das Leben reden, da haben wir nicht viel Zeit.“ Dies ist der literarische Ton, in dem die 1967 in Istanbul geborene türkische Schriftstellerin und Publizistin Aslı Erdoğan dem Leser entgegen tritt. Seit 2017 ist sie ganz offiziell eine Exilantin: Mit Unterstützung des bundesdeutschen PEN vermochte sie, in die Bundesrepublik zu gelangen. Zuvor wurde sie mehrfach, so 2016, wegen ihrer Texte und ihres Engagements für die Menschenrechte mit dem

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