Judenhass metaphorisch: Ist A. Dirk Moses der neue Achille Mbembe?

Gerichtspalast des Heiligen Offiziums der Heiligen Inquisition, Mexico by GAED 2012 CC 3.0

Eine Attacke reiten ist das eine, eine Metapher reiten ein anderes: Anthony Dirk Moses, Professor für Global Human Rights History in North Carolina/USA, steht im Zentrum eines neu-alten Historikerstreits. Seine Attacke, jüngst auf Geschichte der Gegenwart erschienen, zielt auf die Einsicht, dass der Holocaust ein singuläres Verbrechen gewesen ist und kein koloniales, ein antisemitisches und kein rassistisches. Moses Metapher dafür: Die Singularität des Holocaust sei nur ein frommer „Glaubenssatz“, der im „Katechismus der Deutschen“ stehe, um „Vergebung zu erlangen“. Ein solcher Jargon irritiert, Moses reitet die Metapher ungerührt zu Tode  –  und erweckt eine antijüdische Figur zum Leben, es ist die des Gottesmörders. Vielleicht ist Moses nicht der neue Mbembe, zum neuen Mel Gibson reicht es hin.

In der Genozidforschung zählt A. Dirk Moses zu den Großen, den Holocaust bezeichnet der Australier  –  die These ist originell  –  als „subalternen Genozid“, nämlich als „the destruction of the colonizer by the colonized“. Aus Sicht der Nazis, so Moses, müsse man den Holocaust als einen „‘anti-colonial‘ genocide“ verstehen.

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Vor aller Augen. Antisemitismus-Bericht NRW 2020

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Anitsemitismus-Beauftragte NRW | (c) Land NRW 2018

Die einen rechnen Antisemitismus klein, andere berichten. Die einen nennen es „Initiative Weltoffenheit“ oder „Jerusalemer Erklärung“, die anderen „Jahresbericht“. Den hat jetzt, es ist ihr zweiter, die Antisemitismus-Beauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen vorgelegt, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP). Sie berichtet von klein gerechneten Zahlen und was sie bedeuten.

Fazit ihres Berichts: „Leider ist auch im Jahr 2020 der Antisemitismus unverändert und deutlich öffentlich präsent.“ Zwar seien die Zahlen für NRW im Vergleich zum Vorjahr um 12 Prozent zurückgegangen, bundesweit aber deutlich angestiegen. Entweder hat das bevölkerungsreichste Bundesland diesen Trend entschieden abgebremst oder  –  das die Erklärung von Leutheusser-Schnarrenberger, eine Düsseldorfer Erklärung sozusagen  –  oder aber

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Antisemitismus neu definiert? „Jerusalemer Erklärung“ ist BDS im Wissenschaftskostüm

Pro-Israel-Demo in Berlin 2009 by Dana Bondarenko and Sergey Gavrilov CC 3.0

 

„Ungeeignet, unklar, diffus“. Die Doktorarbeit von Franziska Giffey? Die „Jerusalemer Erklärung“, angerichtet von 200 „internationalen Wissenschaftler:innen mit Schwerpunkten in der Antisemitismusforschung und verwandten Bereichen“. Im März hatten die 200 kund getan, sie hätten Antisemitismus „neu definiert“ und, sieh an, ein neues Ergebnis gefunden: BDS, die anti-israelische Hetzkampagne, sei „per se“  –  aus sich heraus  –  „nicht antisemitisch“. Lars Rensmann, in der Antisemitismusforschung eine Adresse, hat sich die „Jerusalemer Erklärung“ näher besehen, es sind keine Blumen, die er ihr überreicht: Die 200 hätten sich „keinen Gefallen getan“ damit, ihre „erstaunliche Unkenntnis der Antisemitismus- und Rassismusforschung der letzten Jahrzehnte“ zu beweisen. Was sie zuwege gebracht hätten, sei „schlichtweg falsch und analytisch unbrauchbar“. Die Amadeu Antonio-Stiftung hat Rensmanns Expertise jetzt auf Belltower News gestellt, es lädt dazu ein, die „Jerusalemer Erklärung“ noch einmal zu lesen. Um zu verstehen, wie das geht, dass Antisemitismus aus der Welt hinaus gewissenschaftet wird.

Lars Rensmann, in Bochum geboren, Professor für Politik in Groningen, ist Mitglied des Editorial Boards des Journal for the Study of Antisemitism, es ist die in der internationalen Antisemitismusforschung maßgebliche Fachzeitschrift. Von den 28 Wissenschaftlern des Boards tragen gerade einmal zwei die „Jerusalem Declaration“ mit.

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Ruhrtriennale: „Bruchlinien und Konstruktionen“, das neue Programm

Barbara Frey, Intendantin Ruhrtriennale, vor Turbinenhalle Bochum | (c) Daniel Sadrowski

 

Es war zuletzt reichlich zerdellt, das Festival der Künste: erst Antisemitismus, dann Antisemitismus, dann Corona. Jetzt besteht die Kunst darin, aus dem Zerdellten Kunst zu machen: Heute haben die neue Intendantin der Ruhrtriennale, Barbara Frey und ihr Team, das Programm für die erste ihrer drei Spielzeiten vorgestellt. Ein flüchtiger Blick zeigt, was fehlt: die Welterklärattitüde. Dass sie fehlt macht neugierig, er lohnt sich, der Blick auf ruhrtriennale.de.  

Vertraut die Spartenvielfalt, das Potpourri aus „Schauspiel“ und „MaschinenHausMusik“, „Musiktheater“ und „Literatur“, aus „Pop“ und „Tanz“ und „Dialog“ . Vertraut auch, dass es verschiedene Spielorte sind, durchs Ruhrgebiet gewürfelt,

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BDS ist durch. Was wäre passiert, wenn nicht? Über Terror & Kultur

BDS auf der Pro-Hamas-Demo in Bochum 15. Mai 2021

„Follow @BDSNATIONALCOMMITTEE“. Aufruf auf der Facebook-Seite von BDS Deutschland. In der internationalen Hasskampagne gegen Israel fungiert das „National Committee“ als Lenkungsausschuss. Oben am Tisch sitzt Hamas, die Terror-Organisation lenkt den „gewaltfreien Protest“ so gezielt wie ihre Raketen  –  am 12. Mai, dem Tag, an dem der Follow-Befehl in Deutschland erschien, unter anderem auf einen Atommeiler, keine 50 km von Gaza entfernt. Wer alles gestorben wäre. BDS ist durch. Zeit, darüber nachzudenken, was passiert wäre, wenn BDS sich eingenistet hätte. Wenn sich tatsächlich  –  wie von der „Initiative GG 5.3 Weltoffenheit“ und zuletzt in der „Jerusalemer Erklärung“ gefordert   –  eine Haltung durchgesetzt hätte, die  BDS sowohl ablehnt wie einlädt. Wenn es Hochkultur geworden wäre, Terror sowohl zu verschmähen wie zu vergüten. Eva-Maria Ziege hat den antisemitischen Diskurs in der Weimarer Republik analysiert, sein Merkmal ist die Uneindeutigkeit, es gibt zu denken. 

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„Denkmäler reden lange und laut“: Jahn in der Stadt

Stadtbahn unterm Rathaus Bochum: Carl Arnold Kortum by Heinz Schroeteler 1984 | Foto Clic CC 4.0

Im Stadtwappen ein Buch, im Stadtpark ein Buchverbrenner: Was anstellen mit einem Denkmal, das den verehrt, der das Bücherverbrennen ins politische Repertoire gehoben hat. Ein Fall fürs Marketing? Letzter Teil der Frage mit ein paar Antworten aus Bochum.

Seit 1381, es gab noch keinen Buchdruck, führt Bochum ein Buch im Wappen, warum, weiß niemand zu sagen, vermutlich ein Hörfehler. Ein halbes Jahrtausend später wird ein Stadtpark angelegt und, es ist das Jahr 1883, ein Denkmal darin errichtet. Laut artibeau ist es „das älteste erhaltene Denkmal für eine berühmte Persönlichkeit in Bochum“, es erinnert an Friedrich Ludwig Jahn, den Buchverbrenner. Als würde Berlin, den Bären im Wappen, vorm Bärentöter knien.

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Israel und die „Weltoffenheit“: Ein Vorschlag

Tel Aviv Pride Parade 2019 by Ted Eytan from Washington, DC, USA CC 2.0 in Format 3:2

Oma hat Juden versteckt, Opa war kein Nazi, die Enkel setzen sich die Kippa auf und demonstrieren gegen Judenhass. Andere heften sich den Gelben Stern an und demonstrieren für irgendwas, wieder andere protegieren BDS und erklären, die Boykottbewegung sei frei von Gewalt, alle sind sie solidarisch. Jetzt, wo Hamas  –  die Terror-Firma sitzt im BDS-Lenkungsausschuss, BDS-Trommler wie Judith Butler halten sie für eine Emanzipationsinitiative  –   jetzt, wo diese Hamas Tausende Raketen auf Kindergärten jagt, in denen jüdische Kinder spielen, könnten sie tatsächlich einmal solidarisch sein, es herrscht Schweigen. Ein Vorschlag. 

Vor ein paar Jahren brachen einige Leute zu Forschungsreisen auf, sie setzten sich eine Kippa auf den Kopf und spazierten durch Berlin oder durch Berlin oder durch Berlin oder mal durch Frankfurt hinein ins Herz einer zivilen Gesellschaft, alle kamen heil zurück. Jetzt das Ganze mit einer Israelfahne.

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Bücherverbrennen 1933: „Jahn-Geist ist Hitler-Geist“

Jahn-Denkmal in Berlin Neukölln by Neuköllner CC 4.0

 

Überall Jahn-Straßen und Jahn-Plätze, der „Turnvater“ steht fürs Bücherverbrennen, die Nazis haben ihn verehrt: „Jahngeist ist Hitlergeist“, schrieb die Deutsche Turnzeitung 1933 und im Jahr darauf, Hitler habe vollendet, „was Jahn als Seher kündete“. Lässt sich  –  Teil (II) der Frage  –   ein Denkmal stürzen, indem man es stehen lässt?

1856 Straßen in Deutschland sind nach Friedrich Ludwig Jahn benannt, im Frühjahr 1933 werden in rund 50 Städten Scheiterhaufen errichtet für Bücher: „Die Flammen, die zuerst über den Bücherhaufen prasselten, verschlangen später im Feuersturm unsere Städte.“

Schreibt Peter Suhrkamp 1947. Ähnlich Erich Kästner, der am 10. Mai 1933 zusammen mit wohl 70 000 anderen am Berliner Opernplatz steht und seine eigenen Bücher verbrennen sieht, zwanzig Jahre erklärt er: „Es begann mit Fackelzügen und endete mit Feuerbestattung.“

Die Metapher passt, solange mit ihr gemeint ist, dass es die Deutschen selber waren, die ihre Städte in Schutt und Asche gelegt haben. Das Problem mit solchen Vorhersagen im Nachhinein ist, dass sie die Sache selber als eine rein symbolische verstehen lassen, es führt in die Irre: Als hätte sich hier die Kulturfeindlichkeit der Nazis gezeigt. Nein, hat sie nicht, gezeigt hat sich, was gezeigt wurde.

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Juden verachten, Bücher verbrennen: Warum wird Friedrich Jahn verehrt?

Friedrich Ludwig Jahn (1778 – 1852), seit 1883 als Denkmal im Stadtpark Bochum | thw

 

Für Nazis haben die Festspieljahre des Erinnerns begonnen: Was 1933 geschah, jährt sich zum 88. Mal, die 8 steht ihnen für den achten Buchstaben, die Doppelacht für „Heil H“. Zehn Jahre noch bis Stalingrad, am 10. Mai, heute, werden erst mal Bücher verbrannt: Es gibt Bücher genug, die von Henkershand samt ihren Verfassern verbrannt zu werden verdienen“, hatte schon Friedrich Ludwig Jahn erklärt, der „Turnvater“. Überall im Land sind ihm, dem Bücher schreibenden Buchverbrenner, Denkmäler gesetzt. Lassen sie sich stürzen, indem man sie stehen lässt? Teil (I) der Frage. 

Kolumbus geköpft, Jefferson gestürzt, Churchill eingehaust. So war es im letzten Sommer, in Bristol wurde die Statue eines Sklavenhändlers, Edward Colston, im Hafen versenkt, in Gent die Statue von Leopold II  –  der belgische König war einer der brutalsten Kolonialisten aller Zeiten  –  erstickt.

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Schüsse auf Synagoge in Bochum: Ein Nachtgebet und eine Frage

„Jüdische Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen“: Schriftzug bei Nacht by thw

 

Am Montag ist auf die Synagoge geschossen worden in Bochum. Auf ein Fenster, neben dem Bilder für Kinder hängen. Man hat diese Nachricht entgeistert gelesen und wusste im selben Moment, dass sie einen nicht überrascht und fragt sich seitdem, was es eigentlich ist, das einen entgeistert: die Tat selber oder dass man sie erwartet hat. Im Politikersprech würde es jetzt heißen, die Schüsse galten „uns allen“, was zweifellos stimmt, während „uns allen“ klar ist, dass es nicht stimmt, es sind nicht „wir“, die im Fadenkreuz stehen. 

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