„Biarritz“ und die „Protokolle der Weisen von Zion“: Das Schnittmuster für Judenmord ist ein Schundroman

Schnittmusterbogen um 1900 | Public Domain

Ein Postsekretär, der Schundromane schreibt. Ein Kapitel, das zum Flugblatt wird, das Flugblatt zum Protokoll, das Protokoll zum Schnittmuster fürs Pogrom. „Biarritz“ heißt der Roman, im März 1868 erschienen. „Biarritz“ heißt auch der jüngste Roman von Andrea Sawatzki. Himmelweit verschieden, aber Anlass, auch das erste „Biarritz“ zu lesen. Aus dem sind die „Protokolle der Weisen von Zion“ erwachsen, der Musterbogen für Verschwörungslust. Und Judenhass. Eine Fälschung, diese „Protokolle“, aber mehr als das: eine soziale Skulptur. Schon mal von Hermann Gödsche gehört?

Er ließ sich „Sir John Retcliffe“ rufen, Gödsches Hermann aus Trachenberg, dem heutigen Żmigród. Ein preußischer Postbeamter, 1835 für drei Jahre zuerst nach Bocholt, dann Düsseldorf versetzt, dann Redakteur der reaktionären Kreuzzeitung in Berlin. Ein Scharfmacher, Spitzel und Fälscher, der pseudohistorische Schinken schrieb, die pendeln zwischen Porno und Politik, zwischen Bett und Kabinett. Immense Auflagen bis in die letzten Jahre der Nazis hinein.

So auch für „Biarritz“, seine vielbändige Romanfolge, das vierte Kapitel im ersten Band ist mit „Auf dem Judenkirchhof in Prag“ betitelt. Und ist das Kapitel, das zum Bestseller wurde für Generationen weltweit, zu einer sozialen Skulptur, die Modell gestanden hat für Hitlers „Mein Kampf“, für Blockbuster in der arabischen Welt und Rap-Hits in der westlichen … und die dennoch völlig vergessen ist.

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25 Jahre nach 9/11: Terror ächten!

Turm der Christuskirche Bochum by thw

Heute vor 25 Jahren geschah etwas, das nie zuvor geschehen ist: Für einen Moment war die Menschheit in Mitgefühl vereint, war Terror weltweit geächtet.

Die Glocken der Christuskirche Bochum läuten nur einmal im Jahr  –  immer am 11. September von 14:46 h bis 15:03 h. Sie erinnern an die Opfer des Terrors und daran, dass kein Gott ist, der Menschenopfer verlangt: In den Trümmern des World Trade Centers starben Menschen aus 90 Nationen  –  Christen, Juden, Muslime und Bürger, die sich nicht religiös gebunden hatten. Der Anschlag auf New York war ein Verbrechen gegen die Menschheit. Die darauf reagiert hat auf eine Weise, wie sie es zuvor nie gegeben hat: Für einen Moment war die Menschheit in Mitgefühl vereint. In diesem einen Moment war Terror weltweit geächtet.

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Hakenkreuz = Davidstern: Keine Hetze, sagt das OLG Zweibrücken. Und weiß nicht, gegen wen nicht gehetzt werde: Israel? Israelis? Israeliten? Oder doch die Juden?

Schlossplatz Zweibrücken, Oberlandesgericht by Immanuel Giel cc 4.0

Ein Hakenkreuz, „untrennbar verknüpft“ mit dem Davidstern und „inhaltlich mit diesem gleichgesetzt“? Die NS-Tyrannei mit der israelischen Demokratie? Das sei eine „kritische Verwendung“ des NS-Symbols, hat das OLG Zweibrücken kürzlich entschieden, es falle unter die Meinungsfreiheit, schließlich hetze es nicht. Gegen wen nicht? Das wissen die Oberlandesrichter nicht so genau.

Manchmal ist es ein Buchstabe, der entscheidet. Darüber, ob man, auch wenn man kein Jurist ist, ein Urteil versteht, das ein Oberlandesgericht gesprochen hat. In diesem Fall das Pfälzische in Zweibrücken, der Fall:

Drei Wochen nach 10/7, dem größten Massaker an Juden seit dem Ende der NS-Barbarei, hatte eine Frau einen Post auf Social Media abgesetzt, in dem, so die Beschreibung des OLG, „Handlungen des Staates Israel mit den Handlungen der Nationalsozialisten in tabellarischer Ansicht gegenübergestellt werden“. Hashtag „FREEPALESTINE“, oben drüber „eine halbe Hakenkreuzfahne in Kombination mit der halben Fahne Israels“. Der „inhaltliche“ Vergleich: hier „’Nazis’“, dort „’Israel’“, hier „’arische’“, dort „’jüdische Überlegenheit’“, hier ‚“millionenfache Vertreibung’“, dort ebenfalls, hier „’Ghettos & Camps’“, dort „’Ghettos & Camps’“, hier „’Gas Chambers’“, dort „’Carpet Bombing’“. Im Januar 2024 der nächste Post der Dame, ein „Bildbeitrag“, Gaza eingemauert und von „mutmaßlichen Soldaten“ beschossen, auf der Mauer ein Davidstern, in dessen Mitte ein Hakenkreuz. Die Frau war im Mai 2025 wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen zu einer Geldstraße verurteilt worden, sie hatte Revision eingelegt. Und?

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Kitsch und Tod und Danger Dan

Danger Dan 2023 in der Roten Flora by Michael Vogel cc 4.0

Als alle schwiegen, hat die Antilopen-Gang  –  einer von dreien Danger Dan  –  ein Statement gesetzt: für Israel, gegen Hamas-Hudelei. Mit Keine Angst setzt Danger Dan jetzt auf beides, er hofiert Terror und Demokratie. Falls es die AntiFa ist, die den Terror verübt, die Kinder der Kunden. Ein Aufruf zur Gewalt? Das ZDF hat Danger Dan ausgeladen, ein Skandal ist das nicht. Aber dass er ästhetische Module abruft, die dem genügen, was er bekämpft, das irritiert. Auf dem Song liegt der Widerschein des Nazismus, den er verdammt. Ein Essay über Keine Angst mit Kitsch und Tod in der Hand, der wegweisenden Arbeit von Saul Friedländer.

Abstract: Im ersten Teil geht es um eine Gruppe der AntiFa-Ost, die Nazis auf äußerst brutale Weise bekämpft, die Hammer-Bande. Wer verfolgt hat, wie sie verfolgen und wie verfolgt werden, kann diesen Teil einfach überspringen. Im zweiten Teil werden Keine Angst, Danger Dans Song, und Kitsch und Tod, das wegweisende Werk von Saul Friedländer, übereinandergelegt. Ergebnis: Nazi-Ästhetik schimmert durch. Das ist kein juristischer Befund, sondern ein pop-ästhetischer. Und ein kulturpolitischer, im dritten Teil ein paar Gedanken dazu. Solidarität wird nicht geschrammt, liebe Grüße an Igor Levit und Danger Dan.

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Judenhass ist was mit Ödipus, dagegen hilft Die Linke. Über „Psychoanalyse und Antisemitismus“ von Ilka Quindeau

Antisemitisches Weltbild, Rückseite: Documenta 15 by C. Suthorn cc by sa 4.0

Von „konstitutioneller Bisexualität“ zum „verirrten Begehren“ und weiter zum Judenhass im deutschen Kulturbetrieb: Ilka Quindeau setzt Antisemitismus auf psycho-sexuellen Grund, ruft dafür Adorno an  –  und allen Ernstes dazu auf, Die Linke zu wählen. Was stimmt nicht mit einer Theorie, die sich kritisch wähnt, dann aber konform geht mit einer Partei, die sich für Juden unwählbar macht?

„Antisemitisch sind immer die anderen.“ Der Satz hat Karriere gemacht, er stammt von Ilka Quindeau, Professorin für Klinische Psychologie und Psychoanalyse in Frankfurt, gemeint ist: Wer anderen vorwerfe, antisemitisch zu agieren, lenke vom eigenen Antisemitismus ab. Wenn von Judenhass gesprochen werde, gehe es nie um „die anderen“, sondern immer um „das Andere“ im eigenen Selbst, also um Selbstkritik. Die sie unaufhörlich einfordert bei „den anderen“, selber aber vermissen lässt.

Anfang Juli 2023 hatte Quindeau die Adorno-Vorlesungen am Frankfurter Institut für Sozialforschung gehalten, einst Denkort der Kritischen Theorie. Ihre Denkbewegung jetzt: von einem psychodynamischen Konflikt, der universell sei, hinein in den politischen Alltag der Bundesrepublik. Zur Bundestagswahl im Februar 2025 erklärte die Wissenschaftlerin, „Wissenschaft wählt Die Linke“, die trete dafür ein, dass Auschwitz sich nicht wiederhole. Kurz darauf erschienen ihre Vorlesungen bei Suhrkamp, abermals viel beachtet und freundlich besprochen, darin nun auch

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Eurovision Song Contest: 12 Punkte gehen an? BDS

Noam Bettan auf der Bühne des ESC Mai 2026 by Quejaytee WikiPortraits cc 4.0

Der israelische Beitrag zum Eurovision Song Contest –  Noam Bettans Song „Michelle“  –  habe „die Zukunft des ESC“ aufs Spiel gesetzt. Warum? Weil erfolgreich. Und weil erfolgreich, sei völlig normal, wenn Demokratien Demokratie boykottieren. Dies die Logik des BDS, der Boykottkampagne gegen den jüdischen Staat. Und jetzt auch die von Leitmedien in Deutschland.  

„Bangaranga“ hat gewonnen, der bulgarische Beitrag zum europäischen Pop-Wettbewerb. Musikalisch mag dies sein, wie es ist, politisch ist es sinnlos, und das tut dem Pop gut. Auch Dara selber, die „Bangaranga“-Interpretin, hatte sich gegen den Boykott Israels gewandt. Das hatte die Jüdische Allgemeine berichtet.

Anders fünf Demokratien  –  Spanien, Slowenien, Irland, Island und die Niederlande – , deren Rundfunkanstalten blieben dem diesjährigen ESC fern, was weithin als Boykott verstanden wurde, Boykott von Israel. Einer Demokratie wie die, in der sie selber senden. Veranstaltet wird der ESC von der European Broadcasting Union (EBU), zu deren 68 Mitgliedern etwa Ägypten rechnet, auf Demokratie-Indizes durchweg als „autoritäres Regime“ gelistet. Zu den assoziierten Mitgliedern der EBU zählt der Staatsfunk des Iran.

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3 Israelis am 9. Mai: Sharon Mansur Trio

Sharon Mansur by (c) ACT

Israel ist ein Wunderland der Musik. Heute: die Pianistin Sharon Mansur, der Bassist David Michaeli und der Schlagzeuger Aviv Cohen. Ihre Musik: eine Fusion aus Jazz und Rock, aus Elektronik und arabischen Sounds, hoch-emotional. Wie auch der heutige Tag, an dem sie in der Christuskirche Bochum spielen, er erinnert daran, dass sich Israel niemals von Terror erpressen lässt. Von BDS schon gar nicht.

Zuerst war da die arabische Musik, dann der „König der Löwen“, er hat das Herz der kleinen Sharon für klassische Musik geöffnet, da war sie fünf Jahre alt. Später studierte sie klassisches Klavier, arbeitete sich in den Progressive Rock hinein, lernte Metal lieben und dann den Jazz, den Blues, die Improvisation. Mit ihr, dem Spiel der Freiheit, kehrt sie  –  noch keine 30 –  in die Musik ihrer Kindheit zurück, die arabische Musik, ihr Vater stammt aus dem Irak. In Israel ist solche Fusion alltäglich, zwei von drei Israelis stammen aus dem arabisch-nordafrikanischen Raum.

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„Danke, Wolfram Weimer“: Über den Kulturbetrieb, der Israelhass beschweigt. Und liebäugelt mit AfD

Gegen AfD by conceptphoto.info cc 2.0

Die Kunst ist frei, die Kunstfreiheit heilig? Leider ja, schrieb Alfred Döblin vor knapp 100 Jahren, es bedeute „nichts weiter als: der Künstler ist ein Idiot, man lasse ihn ruhig reden.“ Und wie sie reden, die Künstler und Kunstfunktionäre im staatsfinanzierten Betrieb, sie schweigen den Judenhass tot. Eine Strategie? Für den Tag, an dem die AfD den Laden übernimmt?

Als Abdallah Alkhatib fertig war mit seinen hasserfüllten Tiraden, sagte Desiree Nosbusch „Congratulations“ und knetete hilflos ihre Hände. Allein gelassen auf der Bühne, war es ein Zuschauer, der ihr, der Moderatorin, zurief, was Tricia Tuttle hätte sagen müssen, die Berlinale-Chefin: „Free Gaza? From Hamas!“ Tuttle schwieg, also knetete sich Nosbusch, offenbar nicht vorbereitet auf eine Situation, die längstens zu erwarten war, selber etwas zusammen derart, dass die Meinung der vielen Künstler „nicht notwendigerweise in jedem Fall“ auch die der Berlinale sei: „Okay, this is really hard“. Was genau? Dass Kunst so frei sei, dass sie Israelhass beschweigt?

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„Gesetzmäßig notwendiger Judenhass“: Die real existierende Linke

„Theorie, die sich wissenschaftlich denkt“: Marx-Engels-Werke by Emmenn cc 1.0

Die niedersächsische „Linke“ hat ihren Judenhass nicht nur beschlossen, sondern zu ihrem historischen Gesetz erwählt.

„Ablehnung des Zionismus“ hieß der Antrag, den der niedersächsische Landesverband der „Die Linke“ am vergangenen Wochenende beraten hat, darin alles, was es braucht, eine Mördergrube zu graben: „imperialistische Interessen“, „Hunger als Kriegswaffe“, „Apartheid“, „Genozid“. Nach „intensiver Diskussion“ sei der Beschlusstext „angepasst“ worden, ließ die Partei im Nachgang verlauten, man lehne keinen „abstrakt definierten Zionismus“ ab, sondern „den heute real existierenden Zionismus“.  Und da merkt auf, wer sich ein auskennt im linkem Jargon: Real existierend ist mehr als ein Dummwort wie runder Kreis oder tote Leiche, sondern  –  die 157 Delegierten werden es wissen  –  Fachbegriff einer Theorie, die sich wissenschaftlich denkt, der marxistisch-leninistischen.

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Hoffnung ist Widerstand

Für Würde und Widerstand: Demo am 24. Februar 2025 in Bochum | Foto by thw

Der Terror-Krieg, den Russland gegen die Ukraine führt, dauert seit vier Jahren an. „Vier Jahre voller Schmerz, Verlust und Dunkelheit“, sagt Viktorya Moskovych, die den Tag mit vielen anderen zusammen organisiert: „Vier Jahre voller Würde und Widerstand.“ Im Ruhrgebiet leben Tausende Ukrainer, dem Terrorkrieg entkommen. Jetzt, am Sonntag der Woche, in der sich Putins Terror zum vierten Mal jährt, versammeln sie sich in der Christuskirche Bochum. Familien und Freunde, Kinder und Chöre, Veteranen und Verbündete, wir.

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