Synagoge Bochum 1929 – Bochumer_Anzeiger vom 8 Mai 1929 (Digitalsat)
„Ihr seid nicht für das verantwortlich, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.“ Thomas Eiskirch, Bochums OB, zitierte Max Mannheimer da, wo vor 85 Jahren eine Synagoge stand. Noch nie in diesen Jahren hat sich die Gegenwart in dem, was geschah, so passgenau erkannt.
El male rachamim, gebetet von Andrés Bruckner, dem Rabbi der Jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen. Das Gebet ist so alt, wie es Pogrome in Europa sind, seit den Kreuzzügen wird es gesprochen für die Opfer des Hasses, der Juden gilt. Eine historische Linie aus dem 11. Jahrhundert ins Heute. „Heute“, sagte Bochums OB Thomas Eiskirch (SPD) auf der Gedenkveranstaltung, die das
25th anniversary of Hamas celebrated in Gaza 11 by Hadi Mohammad cc 4.0
Weltweit wird Hamas verständnisvoll gedeutet. Der World Day of Prayer, internationale Frauen-NGO, zeigt sich unschlüssig. Dessen Deutsches Komitee reagiert eindeutig, es hat das BDS-Maskottchen offline gestellt und den Vertrieb des Titelbildes „vorerst gestoppt“. Das Bild betet Blut und Boden an, es sollte Hamas in Hirne pflanzen. Und ist nun in einer Welt, in der es auf Vorbilder trifft. Was sagen die Kirchen zum großen „Ja, aber“? Wir haben nachgefragt.
1969 verstarb im sauerländischen Meschede eine Künstlerin, die – emanzipiert, selbstbewusst, erfolgreich – Vorbild war für Millionen Frauen: Josefa Berens-Totenohl, ein Popstar der Nazi-Kultur. In ihren Romanen und Vorträgen hat sie das „Volkstum“ bedichtet, das „aus einer gemeinsamen Wurzel entstanden“ sei, hat die „Kräfte des Blutes, der Erde“ besungen und in ihnen „die Lebensgesetze eines Volkes“ beraunt, die „unendlich wirken in Zeit und Raum“. Mit ihrer „bluthaft deutschen Kunst“ hat Berens Massenauflagen erzielt, auch nach dem Zusammenbruch der Nazi-Tyrannei wurden ihre Bücher gedruckt und gelesen, sie selber wurde als „minder belastet“ durchgewunken und schließlich als „Mitläuferin“ eingestuft. 1956 erhielt sie den Westfälischen Literaturpreis, vor wenigen Jahren noch waren sauerländische Straßen nach Berens-Totenohl benannt. So zäh haben sich Blut und Boden in Herz und Hirnen verklebt. So tief sind sie im ästhetischen Bewusstsein vergraben, als „minder belastet“ gilt solches Denken bis heute: als arglos, urwüchsig und naturnah, irgendwie feminin. Anders ist nicht zu erklären, wie ein Bild, das Blut und Boden bebetet, zum Titelbild des World Day of Prayer 2024 werden konnte.
Turm der Christuskirche, ein paar Schlote: Bochum 1945 (c) Stadtarchiv Bochum
Hunderte Leichen, auf Rasenflächen aufgereiht, unkenntlich verstümmelt. Sperrholzsärge roh gezimmert, „Soldaten ließen die Särge herunter. Vorher hatte man SA-Leute dafür eingesetzt“, so ein Zeitzeuge, „aber seit sich einmal laute Wut Luft verschafft hatte, wagte man das nicht mehr.“ Vor 79 Jahren, am Abend des 4. November 1944, waren zehntausende Bomben auf Bochums Innenstadt gesegelt. Und? Hat jemand die „Konfliktparteien“ zur „Verständigung“ aufgerufen?
Über 700 britische Bomber, mehr als 10 000 Sprengbomben, mehr als 130 000 Brandbomben. Und 1300 tote Bochumer an diesem einen Abend, 107 Bomben pro Kopf. „Am frühen Morgen des 5. Novembers“, so erinnerte sich Erich Brühmann, Pfarrer in Altenbochum, „kam Frau W. mit zwei Kindern zu uns. Ihr Haus war am Vorabend in Flammen aufgegangen. Während des Vormittags wurde die Sorge um den Vater immer bedrückender. Er hatte Nachtdienst auf dem Bochumer Verein gehabt, wo viele Bomben niedergegangen waren. Darum ging sie zum Hauptfriedhof und suchte unter den Leichen, die dort auf den großen Rasenflächen zusammengetragen waren, nach ihrem Mann. Erst am dritten Tag fand sie ihn, sie erkannte den verstümmelten Körper an einem Manschettenknopf.“
Brutale Szene. Der Bochumer Verein war einer der großen Rüstungsbetriebe im Nazi-Reich, um das Stahlwerk zu bedienen, hatte er immer wieder Arbeitskräfte aus dem KZ Buchenwald angefordert: Im November 1944, als der Luftangriff lief, war das „Außenlager Bochumer Verein“ mit 1704 Häftlingen aus Buchenwald, Auschwitz und Neuengamme belegt, auch auf sie, die meisten von ihnen Juden, gingen die britischen Bomben nieder. Während ihnen Luftschutzbunker versperrt blieben: Bochum hielt – wie heute die Hamas – streng auf Ordnung auch bei Bombenalarm.
Koolulam ist eine israelische Musik- und Friedensinitiative, weltweit haben sich ihr Hunderttausende angeschlossen. Ihr akutes Projekt: dass Menschen weltweit – gemeinsam mit den Familien der Geiseln, die Hamas verschleppt hat – „Like a Prayer“ singen, den Welthit von Madonna. Morgen, am 4. November um 15 Uhr auch vor dem Rathaus Bochum. Die Aufnahmen, die aus vielen Städten und Ländern kommen, werden zusammengeschnitten und über social media verbreitet.
Es ist eine Geste, eingeladen sind alle, die ein Herz haben und eine Stimme: Die israelische Initiative Koolulamruft dazu auf, gemeinsam mit den Familien der Geiseln, die Hamas verschleppt hat, ein Lied zu singen, als sei es ein Gebet. Am Samstag ab 15 Uhr auch in Bochum, die Initiatoren schreiben: „Wir laden alle ein, bei der Bochumer Aufnahme von ‚Like a Prayer“ mitzuwirken. Es kommt darauf, ein Zeichen der Solidarität zu setzen, bringt also Familie und Freunde mit, ob sie singen können oder nicht. Wir werden uns am Samstag, den 04.11.2023 um 15.00 am Bochumer Rathaus (van der Glocke – bei Regen im Durchgang zum Innenhof) treffen, kurz üben und dann zwei Aufnahmen machen:
„Widerstand und Blutvergießen“: Mohnblume (c) by Brunhilde Raiser, WGT (Ausschnitt)
Schon wahr, Barbarei entsteht in keinem Vakuum, sie blüht in ihrem Resonanzraum auf, es geht zu wie beim Pingpong: Terror wird „aufs Schärfste“ verurteilt, der nächste Satz beginnt mit „gerade jetzt“, dann alle zurück auf Start. Die Intendanten-Initiative namens „Weltoffenheit“ führt dies routiniert vor, der christliche „Weltgebetstag der Frauen“ betet die Glaubensformel nach: Touch Turn Terror.
Kurzer Rückblick: Im vergangenen Jahr ertrank die Documenta im eigenen Judenhass. Als es nicht mehr anders ging, erklärte die „Initiative Weltoffenheit“, das milliardenschwere Bündnis deutscher Kulturfürsten: antisemitische Werke auszustellen, sei ein „inakzeptabler Vorgang“. Nächster Satz: Die Documenta gebe dennoch „entscheidende Impulse für den globalen Dialog“. Und dann: „Gerade angesichts des Schadens“ sei die „Intensivierung dieses Dialogs zwingend notwendig“. Und das ist schon die ganze Logik: Je mehr Judenhass in Deutschland, umso mehr Judenhasser mit Honorarvertrag. Alkoholiker argumentieren ähnlich: Auf jeden Kater ein frisches Bier. Rückwärts gelesen ergibt es Sinn.
„Olivenbaum an der Mauer“, die keine ist: Pressebild des WGT by (c) Kathrin Schwarze
Der Weltgebetstag der Frauen, eine global-christliche NGO, verbreite „christlichen Antisemitismus schlimmster Art“. Das hat jetzt der Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (DKR) erklärt. Im März 2024 soll „Palästina“ Thema weltweiter Gottesdienste sein, „wir fordern die Organisatorinnen des Weltgebetstages auf, das bisherige Material für März 2024 zurückzuziehen“, so der DKR, in dem sich mehr als 80 christlich-jüdische Gesellschaften zusammengeschlossen haben. Die Stellungnahme des DKR hier im Wortlaut:
Parade of Muhammad Rasulollah Corps of Greater Tehran in 2022 by Hadi Hirbodvash cc 4.0
Weltweit sollen „Frauen, Männer, Kinder und Jugendliche“ das Blut bebeten, „das in Kämpfen für Land und Freiheit floss“, sollen „Widerstand und Blutvergießen“verklären und die „Rückkehr“ in jenes Land befeuern, in das Hamas kürzlich zurückgekehrt ist. Der Weltgebetstag der Frauen, eine christliche soft power mit langer und verlässlicher Tradition, kommt demnächst „aus Palästina“. Serviert wird eine Blut-und Boden-Theologie, die sich barbarischem Terror anschmiegt. Über den verlieren die Frauen kein Wort, ihre Kinder sollen lieber eine Handala-Figur ausmalen, das Maskottchen aller Massaker, die an Israelis verübt werden. Dieser Weltgebetstag ist rettungslos verloren.
„Die evangelische Kirche steht an Eurer Seite!“rief Annette Kurschus, Ratsvorsitzende der Evangelische Kirche in Deutschland, vergangenen Sonntag auf der Israel-Soli-Demo in Berlin, sie addressierte alle Juden und alle Israelis: „Zugleich sage ich kleinlaut: Antisemitismus keimt in unserer Mitte. Antisemiten sind auch unter unseren Kirchenmitgliedern.“ Kurschus folgerte daraus: „Antisemitismus ist Gotteslästerung! Jeder Versuch, das Massaker vom 7. Oktober zu relativieren, ist Antisemitismus. Jedes ‚Ja, aber‘ verharmlost.“ Damit hat Kurschus, Präses der westfälischen Landeskirche, ein Bekenntnis formuliert. Es zu sprechen oder zu verweigern, markiert den Riss, der sich durch die Kirche wie die gesamte Gesellschaft frisst. Die Israelfrage ist die Judenfrage wie ehedem, akut wird sie mit dem, was der Weltgebetstag der Frauen (WGT) – eine echte NGO, die sich von keiner Regierung und keiner Kirchenleitung je hat gängeln lassen – für den kommenden März plant:
Einfach zwei, drei liebevolle Sätze schreiben, ein wenig Mitgefühl zeigen, dem Hass widersprechen: DIE WELT hat eine Reihe Promis gefragt, die gerne ihr „Gesicht zeigen“, wenn es gegen rechts geht. Die Islamo-Faschisten der Hamas werden offenbar eher „links“ verortet, es regnete Absagen. Sie kamen von Großmäulern wie Jan Böhmermann und Kleinformaten wie Rezo, von Leisetretern wie Enissa Amani und Lautsprechern wie Kraftclub und K.I.Z., von Gefühlsverdusselten wie Lars Eidinger und Multimillionären wie Marius Müller-Westernhagen. Gesicht zeigen? Gegen Judenhass? Das wagen 4 von 25.
Bis Freitag dachte ich, es sei der staatsfinanzierte Kultursektor, der seine Fahnen nach dem Wind hängt. Die Pride-Fahne, die sowieso durchs Dorf getragen wird oder die der Ukraine, mit denen man den Mut, den andere beweisen, bei sich selber einbuchen kann. Jetzt werden die Kultureinrichtungen dieses Landes von ihrem Dachverband, dem Deutschen Kulturrat aufgefordert, „ihre Solidarität mit Israel deutlich zu zeigen“; die Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) erlässt den Appell, „wir wollen als Gesellschaft Zeichen setzen, Zeichen der Solidarität mit Israel“ und erklärt, „nie wieder ist jetzt!“ – jetzt also riskieren die Kulturbetriebe politisch rein gar nichts wie immer. Und ducken sich weg. Jetzt ist schon wieder,der Kultursektor ist still wie ein Grab in den Lüften. Ähnlich aber auch, und das trifft ins Mark der freien Welt, ein weiter Teil der frei finanzierten Kultur und hier ausgerechnet jener, der sich sonst als politisch hoch engagiert aufplustert.
Pro-Israel-Demo in Bochum am 18. Oktober (Foto: Roland W. Waniek)
„Schauspielhaus? Symphoniker? Kunstmuseum? Der Bahnhof Langendreer? Prinz-Regent? Thealozzi? Das Planetarium? Das Figurentheater? Der Kulturrat? Die Ko-Fabrik? Das Atelier Automatique? Die Volkshochschule? Der RuhrCongress? Die Jahrhunderthalle? Undsoweiter, reihum angestrengtes Schweigen, Stillhalten, Abwarten. Antisemitismus ist divers. Und BDS ist die Kulturabteilung der Hamas.“Rede auf der Soli-Kundgebung in Bochum, eine ungehaltene.
Nachtrag vorweg: Es waren einige mehr, die sich für Israel eingefunden haben, als in vergangenen Jahren. Die Angst hat das den Juden nicht genommen, wie auch. Alle wollen was tun, keiner weiß was. „Zeichen setzen“ geht immer. Viele Sätze, die mit „Jetzt muss“ beginnen. Viel Weltpolitik, Bochum taucht weg. Eine Stadt, in der Judenhass blüht. Wie das bloß kommt. Alle deuteln herum, keine Namen. Nirgends Verantwortlichkeiten. Wer eh nicht da war: die Kultur-Szene der Stadt. Kaum dass es um Juden geht, taucht sie ab. Hier meine Rede, die nicht gehalten werden konnte, weil … warum auch immer. Es ist ein Elend in dieser Stadt. Es ist wie überall. Die Rede:
Kölner Filmhaus Foto: Raimond Spekking Lizenz: CC BY-SA 4.0
Wenn die Hamas erfolgreich wäre, wie sähe „Palästina“ aus? Seit Jahren malt Halima Aziz idyllische Bilder aus einer Welt, in der es kein Israel gibt und keine Juden. Ende Oktober sollte eine Ausstellung ihrer Werke im Filmhaus Köln eröffnen. Die Ausstellung, hat das NRW- Kulturministerium diesem Blog heute mitgeteilt, sei „nicht erwünscht“.
Am dritten Tag der Massaker, die Hamas in Israel verübt hat, postet die in Nordrhein Westfalen geborenen Halima Aziz: „I stand with Palestine“. Ihr Bekenntnis zum Massenmorden hat sie inzwischen gelöscht, es gibt Screenshots. Einen Tag darauf – die Massaker dauerten an – erklärt Aziz, „Palestinians“ hätten das „Recht auf Widerstand“. Eine im Filmhaus Köln geplante Ausstellung ihrer Werke im Rahmen der „Palästina Filmtage“ wurde jetzt „verschoben“, wie das Filmhaus Köln heute – die Ruhrbarone hatten am Freitag berichtet – mitteilt. Zuvor hatte ein Sprecher des NRW-Ministeriums für Kultur und Wissenschaft erklärt, das Ministerium, Fördermittelgeber des Filmhauses, stehe „uneingeschränkt an der Seite Israels“, man habe „noch am Wochenende“ deutlich gemacht, „dass eine Ausstellung in den Räumen des Filmhauses nicht erwünscht ist.“
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