Das Ende der Brezelzellen

Ein Wochenende mit Keksen, Brezeln und Bratwurst: Theater in Bochum, Weihnachtsmarkt in Hattingen

Am Freitag war ich in den Kammerspielen und habe mir „die Komödie der Irrungen“ angesehen. Das war jetzt keine vollständige Katastrophe, aber ich hätte auch 2 Stunden zu Hause bleiben, meine Beine ausstrecken und Laurel und Hardy auf Youtube gucken können. Alleine die James Last-Platte hätte mir gefehlt, aber man kann ja nicht alles haben. Es ist begrüßenswert, dass der Abschlussjahrgang der Bochumer Schauspielschüler sich in einer Inszenierung in den Kammerspielen präsentieren darf, aber leider werden immer Komödien ausgesucht, die sonst nicht gespielt werden, und das aus guten Grund. Verwechslungsgeschichten können lustig sein, sind aber meistens nur verwirrend, und wenn man mal verstanden hat, wer wer ist, wundert man sich über den hanebüchenen und banalen Plot. Eine Verwechslung, viele Schlägereien, ein Kekse fressender Diener als Running Gag, ein klein wenig Liebe und sehr viel James Last. Hier passt nichts wirklich zusammen, die Schauspieler, die eifrig dabei sind und sicher auch viel Potential haben, wenn man sie richtig führt. Eine Inszenierung, die sich zu sehr auf Standard-Gags verlässt und ein Stück, das zwar von Shakespeare, aber trotzdem jenseits von Gut und Böse ist.

Samstag war ich dann wieder im Theater, diesmal im Theater unter Tage, wo Connecting People – ein Nokia Projekt uraufgeführt wurde. Der Untertitel „Ein Nokia-Projekt“ lässt Schlimmes befürchten, ist nicht alles, was man nicht richtig benennen kann und was weder Fisch noch Fleisch ist ein „Projekt“? Dirk Schneider hat Interviews geführt mit „Gewinnern und Verlierern“ der Standortschließung in Bochum. Der Regisseur Frank Abt hat mit 3 jungen Schauspielern in Kristo Sagors Neuer Heimat-Küche eine tolle, runde, berührende Inszenierung aus diesem Material gemacht.

Hier wird nicht rumgehampelt wie am Freitag in den Kammerspielen, hier werden Geschichten erzählt, hörenswerte Geschichten, von Angestellten in den Brezelzellen, die sich mit ihrer Firma identifiziert haben und von dieser dann im Stich gelassen worden sind, aber auch die Geschichte des Vice President von Nokia, der seine unternehmerischen Überlegungen darlegt. Zwischendurch werden Bochumer Passanten gezeigt, die in der Fußgängerstraße gefragt wurden, ob sie vom Nokia-Aus betroffen sind und ob sie sich jetzt noch ein Nokia-Handy kaufen würden. Fast jeder kennt jemanden, der irgendwie damit zu tun, fast jeder sagt, nein, er würde sich kein Nokia-Handy mehr kaufen, der befragte 16jährige ist dann aber wenigstens so ehrlich hinterher zu schieben, dass er die einfach nicht so gut findet. Das Video von der Taufe der „Glück-auf-Bahn“ zeigt schließlich die Absurdität, welche die Nokia-Schließung teilweise nach sich gezogen hat.

Frank Abt, Dirk Schneider und die drei Schauspieler zeigen, dass Theater toll und wichtig ist, wenn es die richtigen Themen anpackt. Verwechselte Zwillinge in Operettenlandschaften gehören nicht dazu.

Sonntag gab’s keine Premiere, deswegen bin ich schön mit der 308 nach Hattingen gefahren, was von Bochumer Hauptbahnhof immerhin 30 Minuten Theater vom Feinsten sind, und habe mich am Weihnachtsmarkt in der historischen Altstadt erfreut. Der Glühwein wird in Keramik-Stiefeln ausgeschenkt, die Bratwurst hat Bio-Qualität und in den Fachwerkgassen kann man prima verstecken spielen.

Das Fazit: Komödie der Irrungen sein lassen, Connecting People ansehen, zumindest in der Premiere gab es auch Brezeln und Bier für die Zuschauer, und der Weihnachtsmarkt in Hattingen ist zwar wie jeder andere auch, hat aber die schönste Kulisse.

Jenseits vom Eden

Hotel Eden

Heute ist Totensonntag, der Weihnachtsmarkt ist geschlossen und so sitze ich in meiner Kammer und denke über den Tod nach. Ich denke nach über den schleichenden Tod des Hotels Eden am Ring in Bochum, das jetzt nach jahrelangem Leerstand abgerissen werden soll.

Obschon nur 5 Minuten vom Hauptbahnhof entfernt, habe ich dieses Kleinod, diesen Sehnsuchtsort, erst viel zu spät entdeckt. Das 1956 erbaute Haus hat eine wahnsinnig sympathisch einfallslose und hässliche zeittypische Architektur, das Gebäude ist das, was man guten Gewissens mit "Schuppen" oder "Klotz" bezeichnen kann. Dann jedoch sieht man das Schild mit dem größenwahnsinnigen Namen Eden. War dies das Paradies? Es wird für niemanden das Paradies gewesen sein, weder für die Reisenden, die in den 50er Jahren hier abgestiegen sind, noch für die Damen des horizontalen Gewerbes, denen die Zimmer auch stundenweise überlassen wurden. Eher schon für ihre Freier, man weiß es nicht. Bis 1995 diente dann das Eden als Asylantenheim. Seitdem stand es leer. Und verfiel. Und erreichte seinen traurigen Charme einer alternden Diva.

2001 planten Studierende der FH Dortmund die Kunstausstellung "2 Wochen Eden". Unterstützt wurde das Projekt vom Kulturbüro der Stadt Dortmund, doch nach wenigen Tagen schloss das Bauordnungsamt das ehemalige Hotel aufgrund von Sicherheitsmängeln. Die Ausstellung wurde schließlich doch wieder geöffnet, aber nach den zwei Wochen gab es kein offizielles Leben mehr im Eden.

Vom geheimen Leben im Eden zeugen Gerüchte von wilden Raverparties und von innen gesprühte Graffiti an den Fenstern. Wenn man nachts auf der anderen Straßenseite steht und durch ein  geöffnetes Fenster sieht, wie sich die vergilbte Gardine bewegt, glaubt man Geister zu sehen, die Geister der Reisenden, der Nutten, der Asylbewerber, der Künstler.

Für viele war diese Ecke ein Schandfleck, sie sind jetzt froh, dass das Hotel, das tragender Wände beraubt wurde und als Eden somit keine Chance mehr gehabt hätte, abgerissen wird. Einen Steinwurf entfernt von Bochums neuen Prestige-Objekt, dem Viktoria-Quartier, will nun ein Investor einen Glückspielbetrieb, vulgo Spielhölle, errichten. Bis die Bagger kommen, werde ich noch oft auf der anderen Straßenseite stehen und die Gardine beobachten.

Wir bauen uns ein Konzerthäuschen ? und keiner kriegt es mit

Heute Abend findet im Bochumer Bermuda-Dreieck um 20.00 Uhr das traditionelle Open-Air-Konzert der Bochumer Symphoniker statt.

Bochum im Regen. Foto:Ruhrbarone/Görges

Das ist immer unten am KAP, immer gut besucht und lässt bei gutem Wetter ein wenig Last-Night-Of-The-Proms -Stimmung aufkommen. Bei schlechtem Wetter lassen sich gruppendynamische Regenschirm-Phänomene beobachten und Erdkundelehrer, die ihre XXL-Parapluies aufklappen, damit die gute Jack-Wolfskin-Jacke nicht nass wird. Sicher, das Repertoire ist einfallslos, viel Filmmusik, viel Dreivierteltakt, die Akustik lausig und die quietschenden Züge stören. Aber es ist „umsonst und draußen“, und das zieht.
Seitdem in Bochum ein Konzerthaus als feste Spielstätte für die Symphoniker gebaut werden soll, ist das Konzert als Werbemaßnahme wichtiger denn je. Umso unverständlicher ist es, dass das Konzert nicht sichtbar – ich will nicht sagen nirgendwo, aber auf jeden Fall nicht an Bahnhof, Uni, in der Fußgängerzone oder im Bermudadreieck selbst – beworben wurde. Letztes Jahr hing immerhin 2 Tage vorher ein Banner über der Bühne am KAP…
Wenn man schon das ehrgeizige Ziel verfolgt, „10.000 Spender in 10 Wochen “ für das Projekt gewinnen zu wollen, darf man das Open-Air-Konzert nicht so stiefmütterlich bewerben. Die Ruhrbarone empfehlen hiermit das Konzert, die Musiker auf der Bühne und die Wirte am KAP werden sich freuen, und wen der Regen und die lauten Züge stören, kann ja für das neue Haus spenden.

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Der Preis ist heiß

Foto: Flickr/ doergn

 

Heute Abend ist es wieder soweit: zum vierten Mal werden in der Bochumer Jahrhunderthalle die Steiger Awards verliehen. Steiger Awards? Was ist das? Ein Orden für verdiente Bergleute? Nein, der „Preis, entstanden aus Privatinitiative und dem Wunsch der kulturellen, sozialen und gesellschaftlichen Förderung der Rhein-Ruhr-Region, wird alljährlich an Persönlichkeiten verliehen, die sich besonders in den Bereichen Toleranz, Charity, Musik, Film, Medien, Sport, Umwelt und das Zusammenwachsen der europäischen Staatengemeinschaften verdient gemacht haben.“ Also ein Preis für ALLES, Mufuprix, Multifunktionspreis. Es fehlt lediglich die Kategorie Kochen, in heutigen Tagen ein gehöriger Lapsus, da jeder kocht, dies am liebsten vor der Kamera und die Fernsehnation hingerissen zuschaut.

Der potthässliche Staubfänger, der von Design her an schwiegermütterliche Weihnachtsgeschenke angelehnt ist, wird in einer Gala-Veranstaltung verliehen. Gala-Veranstaltung bedeutet, dass es eine Moderatorin gibt, Andrea Ballschuh, welche 1991 das Gymnasium Alexander von Humboldt mit dem Abitur abgeschlossen hat und seitdem eine steile Karriere hingelegt hat: „Mein Zittau hat 3 Ecken“, „Ein Tag rund um den Verzicht“ und „quickie – das schnelle Quiz“ stellen die Highlights ihres (MDR)-Fernsehschaffens dar. Damit Fräulein Ballschuh sich nicht einen Wolf moderiert oder die Gala-Veranstaltung nicht zum Quickie verkommt, engagierte Chef Sascha Hellen unter anderem das Ensemble des Musicals Mamma Mia als Show-Einlage. Abba ist gut, Musical ist gut, nur schade, dass es im Ruhrgebiet kein Fernsehballett gibt, das hätte sich bestimmt auch prima bei dieser Veranstaltung gemacht.

Für nur € 175,00 inklusive der sehr kruden Mischung bestehend aus einem Drei-Gänge-Menü (man muss ja was im Magen haben, wenn man 13 Preisträger samt Laudatoren durchstehen soll), Begrüßungscocktail (Club Las Piranjas?), Galabuch (Abi-Zeitung vom Gymnasium Alexander von Humboldt? Starschnitte der Preisträger, die man sich mit güldenem Edding unterschreiben lassen kann) und aller Gebühren (Gebühren? Vergnügungssteuer? Zwangsspende für die „Charity“?). Immerhin haben alle Preisträger ihr persönliches Kommen zugesagt, da gibt man doch gerne mal € 175,00 inkl. aller Gebühren aus, um Persönlichkeiten wie: Edmund Stoiber (Kategorie Europa), Hape Kerkeling (Kategorie Entertainment) Jens Lehmann und Egidius Braun (Kategorie Sport) und Udo Jürgens (Kategorie Musik) zu sehen. Der Untergang des Abendlandes manifestiert sich in den Kategorien Charity und Nachwuchs: Claudia Cardinale sowie Jimi Blue und Wilson Gonzalez Ochsenknecht. Zweimal Idole ihrer Zeit, hier Hauptdarstellerin von Spiel mir das Lied von Tod, dort die hauptamtlichen Söhne von Uwe Ochsenknecht und Darsteller der wilden Kerle. Jimi Blue sagte in einem Interview mit dem SZ-Magazin, dass er mit der Schule aufgehört habe: „ich habe zwar noch einen Privatlehrer, wegen der Bildung, aber sonst ist Schule einfach nichts für mich.“ Na dann. Wenn Jimi Blue nur ein Fitzelchen Bildung aus den Gesprächen mit den Preisträgern oder Laudatoren mitnimmt, hat sich der Abend ja wenigstens für einen gelohnt.

Die Häschenschule ? Einer flog über das Kuckucksnest II

Foto: Flickr/Lexnger

Löffelalarm! Hasen sind hip, keine Frage. Ostern steht vor der Tür und Til Schweiger hat uns vorgemacht, dass Ohren nicht unbedingt notwendig sind, Keinohrhasen tun es auch. Jorinde Dröses Bochumer Psychiatrie-Patienten fühlen sich wie Hasen und setzten sich große Plüschhasenköpfe auf. Mit sehr großen Ohren, welche traurig nach unten hängen, wenn die Patienten gemeinsam bei der Gruppensitzung auf ihren durchsichtigen Hüpf- – pardon – Sitzbällen hocken.

Eine Woche nach der Premiere am Theater Oberhausen hat jetzt auch das Schauspielhaus Bochum seine Version von Dale Wassermanns Drama auf die große Bühne gebracht. Zweimal hintereinander das gleiche Stück zu sehen verheißt Langeweile, indes gelingt Jorinde Dröse in Bochum eine zauberhafte Inszenierung, die unbedingt sehenswert ist.

Während das Oberhausener Regieteam die Geschichte um eine Flüchtlingsthematik erweitert, bleibt die Bochumer Regisseurin näher am Text, was diesem gut tut, das Stück ist klarer und besser verständlich, da weniger Text gestrichen wurde. Von Anfang an ist hier klar, dass Häuptling Bromden nicht wirklich taubstumm ist. Mittels Videotechnik erzählt er seine Geschichte. In graubraun gestreiften Pyjamas putzen seine Kollegen von der Station die Bühne mithilfe von aus Pappe und Papier gefertigten Wischmopps, Bohnermaschinen und Sprühflaschen. Zusammen mit den Bällen und den Hasenköpfen ergibt sich eine Ästhetik der Unwirklichkeit, die perfekt die Situation der Patienten verdeutlicht: der großen Schwester Ratched unterlegen, kindlich verspielt und eben ein bisschen verrückt. In diese Spielwelt platzt McMurphy. Alexander Maria Schmidt spielt ihn laut und großmäulig, ist aber weniger cool als Martin Müller in Oberhausen.

Jorinde Dröse schickt ihr Ensemble auf einen Angelausflug, welcher den Höhepunkt der Inszenierung darstellt. Mittels Video sieht der Zuschauer die Patienten der Station mit ihrem Arzt Spivey in kindergartenbuntem Ölzeug in ein Pappauto steigen, um auf einem Pappschiff nach Pappfischen zu angeln. Über den Umweg Video wird hier virtuos mit dem Medium Theater gespielt: alles ist aus Pappe, also sehr artifiziell und im Hintergrund sieht man noch die Bühnentechniker das Schiff bewegen. Ganz entspannt besinnt sich das Theater auf seine Qualitäten und liefert eine wundervolle Szene, die das Premierenpublikum mit Szenenapplaus belohnte.

Die Bochumer Inszenierung ist nicht perfekt aber überaus charmant, weswegen Einer flog über das Kuckucksnest zur Kultinszenierung avancieren könnte.

Einer flog über das Kuckucksnest I: Theater Oberhausen

FM Einheit. Foto: FH Einheit

33 Jahre nach Miloš Formans fünffach Oscar-prämierter Verfilmung mit Jack Nicholson in der Hauptrolle wird das Kuckucksnest direkt von zwei Theatern im Revier überflogen: Oberhausen startete am 22. Februar, Bochum wird eine Woche später nachziehen.

Die Dramatisierung von Dale Wassermann wurde 1963 uraufgeführt, 1977 war sie erstmals in Deutschland zu sehen. Laut dem deutschen Verlag Rowohlt hat das Stück einen festen Platz im Repertoire, indes kann ich mich an keine Inszenierung während der letzten zehn Jahre erinnern.

Um einer Gefängnisstrafe zu entkommen, lässt sich der Kleinkriminelle Randle McMurphy in die Psychiatrie einweisen. Dort trifft er auf eine Reihe von Patienten, die unter der Fuchtel von Oberschwester Ratched stehen. Zwischen dem aufmüpfigen McMurphy und Ratched entspinnt sich ein Machtkampf.

Der Regisseur Stefan Maurer arbeitet auch in dieser Inszenierung mit FM Einheit zusammen, der die Musik für das Stück komponiert hat. Schon vor Beginn der Vorstellung kann sich der Zuschauer in den Wahnsinn der Psychiatrie hineindenken, wenn er auf seinem harten Sessel des kleinen Theaters Platz genommen hat und immer den gleichen verzerrten Loop hört. Zwei Patienten – in Oberhausen ist die Dramatis personae zusammengestrichen, hier sind acht Personen auf der Bühne, während es in Bochum vierzehn sein werden – sind schon auf der Bühne: Dale Harding und Häuptling Bromden. Dieser hat von Regisseur Maurer eine Flüchtlingsbiographie angedichtet bekommen, und so ist er kein indianischer Ureinwohner wie in der Romanvorlage, sondern Flüchtling aus dem Irak, welcher an der Willkür der Einwanderungsbehörde verzweifelt und dem Wahnsinn anheim fällt. So fegt er beständig die Bühne, während die anderen Patienten bizarre Gruppensitzungen unter Schwester Ratcheds Leitung absolvieren, in denen sich weitere Flüchtlingsschicksale offenbaren.

Stefan Maurer und seiner Dramaturgin liegt dieser Aspekt sehr am Herzen, neben der Weiterdichtung des Textes sind in der Pause im Foyer des Theaters Videointerviews mit Flüchtlingen zu sehen, Infomaterial liegt aus. Der Fokus auf die Problematik wirkt etwas angestrengt und lenkt leider von der eindrucksvollen Schilderung der Missstände in dieser Psychiatrie ab: die Patienten werden von einer zwei Meter großen Tablette sediert, Sinn und Nutzen von Elektroschocks werden vorgestellt, Dr. Spivey, der Arzt, hat nur Floskeln zu sagen, welche das Ensemble als Chor herunterbetet und überhaupt ist der Herrscher der Station Schwester Ratched, welche selbst in ihrer Abwesenheit von der Szene per Lautssprecher mit ihren Untergebenen zu kommunizieren vermag.

McMurphy torpediert Ratcheds Diktatur und wettet, dass er es schafft, die Schwester zu zermürben. Höhepunkt seiner Revolution stellt eine wilde Party dar. Ratched sitzt indes am längeren Hebel: McMurphy, von dem man kolportiert, er sei geflüchtet, wird im Krankenhausnachthemd auf einer Sackkarre auf die Bühne gefahren – man hat bei ihm eine Lobotomie („Das ist eine Kastration fürs Hirn“) durchgeführt.

Stefan Maurer ist eine gute Inszenierung eines sehr guten Stücks gelungen. Der Abend bietet sehr komische, melancholische und auch schreckliche Momente, wegen derer sich eine Reise in die „Theater-Provinz“ unbedingt lohnt.

Oberhausen hat die Latte für das Kuckucksnest sehr hoch gelegt. Bis zur Bochumer Premiere am 29. Februar empfehle ich zum Zeitvertreib die Anstalt der misshandelten Kuscheltiere.

Gute Psychopathen, schlechte Psychopathen

Hmmm…

Motortown muss ein wichtiges Stück sein. Im Foyer ist es brechend voll, der Zuschauerraum ebenfalls. Schräg vor mir sitzt der Kulturdezernent Michael Townsend, er wird vom Intendanten Elmar Goerden per Handschlag begrüßt. Nach der Vorstellung blockiert Townsend den Ausgang, als er dem WDR-Mann ein Statement zur Premiere gibt. Die Mannschaft des Bochumer Schauspielhauses hat gespielt, trainiert wurde sie von Regisseur Dieter Giesing, und Beckenbauer aka Townsend diktiert warme Worte ins Mikro. Dann habe ich die blaue Schaumstoffkugel vor der Nase und meine Worte sind frostig. Das Stück und die Inszenierung sind kurzweilig, aber es steckt wieder wenig dahinter. Wieder ein neues Stück, das zu kurz und zu oberflächlich ist.

Ein britischer Soldat, der im Irak stationiert war, kehrt zurück in die englische Provinz und verhält sich wie ein Psychopath. Aha. Der Taxi Driver ist wieder da, nur dass er im Irak war und nicht im Vietnam und Brite statt Amerikaner. Autor Simon Stephens behandelt ein bekanntes Thema, das aber leider zeitgemäß in kleinen, zu leicht verdaulichen Häppchen serviert wird. Blackouts und laute „Umbau“-Musik (gebaut wird da gar nichts, die Schauspieler stellen sich auf ihre Position auf der Bühne) trennen die einzelnen Szenen.

Danny kommt aus Basra zurück und erfährt von seinem autistischen Bruder, dass ihn seine Ex-Freundin Marley nicht mehr sehen will. Manchmal lohnt es sich, ein Programmheft zu kaufen, denn Alexander Maria Schmidt spielt den Bruder debil, aber keineswegs autistisch, was er laut Stephens‘ Inhaltsangabe im Programm sein soll. Verantwortlich für Marleys abweisendes Verhalten sind Dannys Briefe, die er ihr aus Basra geschrieben hat, Briefe, die so schrecklich sind, dass sie wieder und wieder im Stück erwähnt werden. Diese Briefe bleiben indes ein Mysterium, der Zuschauer erfährt nicht genauer, was Danny schreckliches erlebt hat, er darf nur miterleben, was Danny schreckliches tun wird. Er kauft sich eine Waffe, lässt sie auf scharfe Munition umrüsten und richtet anschließend die 14jährige Lolita-Freundin des Waffen-Tuners hin. Nachdem er sie erschossen ist, wird die Bühne wieder dunkel und aus den Lautsprechern ertönt Suzi Quatros Stumblin’ In.

Ohne Popmusik wäre das deutsche Regietheater sicherlich um ein paar sichere Pointen ärmer. In der nächsten Szene sehen wir Helen, die Medienschlampe in der durchsichten Bluse und ihren Mann, den Vertrauenslehrer Justin. Martin Horn gibt einen prächtigen Vertrauenslehrer ab, dem man allerdings das Interesse an frivolen Dreierspielchen nicht abkauft. Ausgerechnet Danny suchen sie sich dafür aus, doch er geht nicht mit aufs Hotelzimmer, sondern zurück zu seinem Bruder.

Einmal kurz nicht aufgepasst – und schon hat man den Schluss nicht verstanden. Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht, und wer falsch steht, schaut einfach noch mal ins Programmheft rein, da steht die Auflösung drin. Nach nur 70 Minuten spendet das Publikum begeisterten Applaus, der für das Ensemble, allen voran Sascha Nathan als Danny wohl verdient ist, sie können ja nichts dafür, was Stephens geschrieben hat, beziehungsweise, was er leider alles weggelassen hat.

Motortown wurde in der Kritikerumfrage von Theater Heute 2006 zum »Ausländischen Stück des Jahres« gewählt, was schön ist für den Autor und die Bühnen, die es aufführen und sich somit über eine Menge Zweifel erhaben glauben, aber schlecht für das Theater an sich. Wenn das die beste verfügbare Gegenwartsdramatik ist, muss sich das Medium Theater der Frage nach seiner Daseinsberechtigung stellen. Stephens und Giesing liefern schöne Bilder, aber das reicht nicht. Bunte Bilder, laute Musik und brutale Morde bekommt der Film besser hin.

Mach dir ein paar schöne Stunden, geh ins Kino, die haben einfach die besseren Psychopathen.

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(Un)-Logik des Herzens

Am 10.01. hatte im TuT des Schauspielhauses Bochum ein kleiner Monolog von Mark Ravenhill Premiere: Das Produkt. Die Theaterleitung sowie Regisseur Hans Dreher scheinen der Werbung von Ravenhills deutschem Verlag Rowohlt erlegen zu sein, denn Das Produkt ist neben Pool (Kein Wasser) bereits die zweite Inszenierung Drehers eines Ravenhill-Stückes in Bochum innerhalb kurzer Zeit.

In Das Produkt versucht Filmproduzent James die Schauspielerin Olivia für seinen neuen Film zu gewinnen. Olivia soll Amy spielen, deren Freund bei den Anschlägen am 11. September umkam. Amy verliebt sich in Mustafa, einen Al-Qaida-Kämpfer, was zu absurden Verwicklungen führt, wie der Verlag schreibt. Wer „absurde Verwicklungen“ sucht, geht in Bochum in die Comödie (oder alternativ in das gleichnamige Haus in Duisburg oder ins Theater im Rathaus nach Essen, der Boulevard ist im Pott ganz gut aufgestellt).

Die Amour Fou beginnt – wie passend – im Flugzeug. Mustafa, der „Dunkelhäutige“ im Kaftan, verstaut seinen Gebetsteppich neben Amys Gucci-Handtasche. Amy erkennt schnell, dass es sich nicht um eine Yoga-Matte handelt und richtet ihren Schmerz ob des umgekommenen Freundes in einem hysterischen inneren Monolog gegen den Fremden. Anschaulich spielt Produzent James (Christoph Pütthoff) Olivia vor, wie er sich die Szene denkt.

Als das Flugzeug landet, beginnt die „Logik des Herzens“, wie der Filmemacher ankündigt, und die Boulevardmaschine läuft an. Es gibt nur ein Taxi, das Amy und Mustafa wundersamerweise in ihr Loft bringt. Amy entjungfert Mustafa, welcher „fremd ist in unserer Welt ist und fremd in der Welt der animalischen Sexualität“ und hat dabei den besten Orgasmus ihres Lebens. Darauf verliebt sie sich unsterblich in ihn und toleriert die Bildung einer Terrorzelle in ihrem Loft. Eines Tages steht Osama – von Pütthoff als eine Art Darth Vader interpretiert – persönlich vor der Tür: der große Tag ist gekommen, Mustafa soll sich in Disneyland Paris in die Luft sprengen. Auf der Bühne geschieht das Unglaubliche und Osama erlaubt Amy, Mustafa zu begleiten.

Nach einem Streit, weil Amy zwar mit ihm sterben, aber keine Kinder mit in den Tod reißen möchte, zündet sich Mustafa an. Amy stürzt in seine Arme und beide fallen…

Das Stück endet hier noch nicht, denn sie stürzen in einen Pool (im Gegensatz zum anderen Stück mit Wasser). Mustafa wird jetzt doch mal verhaftet und landet in Guantanamo. Amy absolviert eine Ausbildung à la Beatrix Kiddo, um ihn zu befreien, was ihr gelingt.

Christoph Pütthoff zeigt eine großartige Leistung in diesem Einpersonenstück ohne Bühnenbild und Requisiten. Der Text indes überzeugt nicht. Amys und Mustafas Geschichte ist überzogen, es ist nicht nachvollziehbar, warum Amy diesem Mann verfällt, seine Gefühle bleiben sogar ganz außen vor. Ravenhill hätte die Thematik besser in ein Zweipersonen-Stück packen sollen. Der Monolog eines Produzenten lässt sich allenfalls als Satire auf das Filmbusiness sehen, diese wird jedoch von der Nine-Eleven-Thematik zu sehr überlagert. „Das Produkt“ ist weder Fisch noch Fleisch, zwar solide Theaterunterhaltung, aber kein großer Wurf.

Wanderer, kommst Du nach Bochum?

Bochum bekommt ein Jugendgästehaus. Wie schön. Jugendgästehäuser zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht so sehr in der Pampa liegen wie Jugendherbergen, dafür aber nicht so hip sind wie Backpacker Hostels.

Gerne erinnere ich mich an Erlangen zurück. Ich wusste nichts Wissenswertes über Erlangen, also quartierte ich mich ein im dortigen Jugendgästehaus, um meine Einschreibungswoche („Warum stehen Sie hier und nicht in der anderen Schlange?“ – „Ich hab ein außerbayerisches Abiturzeugnis“ – „Ah. Da muss ich den Chef holen.“). Ähnlich freundlich war meine Unterkunft, Kiefernmöbel, Karovorhänge und ein winziges Einzelzimmer. Das Frühstücksbüffet war ebenso übersichtlich wie die pulsierende City der fränkischen Metropole. Immerhin konnte man zwischen Pfefferminz- und Hagebuttentee wählen, ein Vorzug gegenüber den Jugendherbergen meiner „Jugend“, welchen sich das Jugendgästehaus ebenso wie das luxuriöse Einzelzimmer auch entsprechend bezahlen ließ.

Jahre später – mein Erlangen-Gastspiel dauerte genau eine Woche – lese ich jetzt also, dass Bochum eine Jugendherberge im Bermudadreieck bekommen soll. Diese im Vorbeigehen aufgeschnappte Schlagzeile stellte sich als ungenau heraus, handelt es sich doch erstens um ein Jugendgästehaus und liegt es zweitens nur am Bermudadreieck. Das ist ein bedauernswerter Unterschied, denn ein DJH-Etablissement beispielsweise in der Kortumstraße hätte immensen Charme gehabt. Astra statt Hagebuttentee, Hooters-Girls statt Herbergsmuttis, das wäre es gewesen.

Da das Haus aber in der Humboldtstraße entstehen soll, haben die Gäste mehr Gelegenheit, sich auf die Attraktionen zu stürzen, die Joachim Barbonus, Chef des Jugendherbergs-Landesverbandes, den Bochum-Besuchern schmackhaft machen will: „Starlight, Symphoniker, Theater: da gibt es interessante Verknüpfungen wie auch zu VfL, Bogestra und Planetarium. All diese Dinge wollen wir Gruppen als Programm anbieten.“. Ob dies reicht, die Massen anzulocken wird sich zeigen, falls nicht, bleibt ja noch das gute alte Bermudadreieck. Und die Hooters-Girls sind bis zum Sommer hoffentlich auch eingezogen.