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Datteln 4: Von den Widersprüchlichkeiten rund um ein fast schon vergessenes Thema

Blick auf Datteln 4 im Januar 2020. Foto: Franz-Christian Müller

Es ist schon ein echter Irrsinn, was da gerade rund um das Steinkohlekraftwerk ‚Datteln 4‘ abläuft. Auch ein paar Tage nach dem offiziellen Bekanntwerden der Pläne, das Kraftwerk, trotz beschlossenem Kohleausstieg bis 2038, noch im Sommer 2020 ans Netz zu bringen, ist der Grad der Verwirrung nicht geringer geworden. Zumindest nicht bei mir, der die Vorgänge in Sichtweite der eigenen Wohnung seit inzwischen zehn Jahren intensiv verfolgt.

Vieles deutet tatsächlich darauf hin, dass das Thema jetzt, wo es offiziell schon zu spät zu sein erscheint, erst so richtig hochkochen könnte. Und zwar aus Gründen, die nur sehr schwer bis gar nicht nachzuvollziehen sind.

Das Ruhrgebiet ist traditionell eine Region, die von Schwerindustrie geprägt war und teilweise natürlich noch heute ist. Rauchende Schlote und Industrielärm gehören für mich, der ich in den 1970er-Jahren in der Region aufwuchs, wie selbstverständlich mit zu meinen frühen Kindheitserinnerungen, wenn ich an den Kern des Ruhrgebiets denke.

Auch in Datteln haben rauchende Schlote eine lange Tradition. Wer nach Datteln zog oder sich freiwillig dafür entschied dort zu leben, der wünschte sich zwar vielleicht klammheimlich eine grüne Oase, war aber daran gewöhnt, dass Datteln eher eine hässliche, von viel Industrie geprägte Stadt ist.

Dementsprechend lebte man dort auch über Jahre hinweg mit Kraftwerksdreck und sonstigen unangenehmen Dingen, ohne sich groß darüber aufzuregen. Diese Dinge gehörten in der Region schlicht zum Alltag. Nicht, dass es das nicht schrittweise zu verbessern gegeben hätte. Aber es war halt einfach erst einmal so.

Die inzwischen stillgelegten Kraftwerksblöcke ‚Datteln 1-3‘ lagen direkt an einer großen Hauptstraße, die durch Datteln führt (B235). Viele Menschen sind in unmittelbarer Kraftwerksnähe aufgewachsen, spielten früher am Kraftwerksgelände. Ich persönlich kenne einige davon. Keiner von denen wäre ernsthaft auf die Idee gekommen sich dagegen zu wehren.

Dementsprechend war auch das Empörungspotenzial erst einmal sehr gering, als vor gut zehn Jahren die Pläne für ‚Datteln 4‘ bekanntwurden. Nur vereinzelten Anwohnern war überhaupt aufgefallen, dass das neue Kraftwerk an einem Standort errichtet werden sollte, den es so wohl niemals hätte geben dürfen.  Sie begannen unmittelbar ihren Kampf gegen die Pläne, die damals noch von Bauherr ‚E.On‘ bewusst auf eigenes Risiko vorangetrieben wurde.

Nur wenige hundert Meter Abstand zu einer Wohnsiedlung und zu einer Kinderklinik. Das konnte aus der Sicht etlicher betroffener Anwohner nicht angehen. Mit Hilfe des BUND gingen sie gerichtlich dagegen vor und gewannen. Im Jahre 2009 war das.

Mit dem Tage dieses Urteils erreichte das Thema dann auch eine größere Öffentlichkeit. Der WDR berichtete groß über diesen juristischen Erfolg, der das Kraftwerk offiziell zum ‚Schwarzbau‘ machte.

Diese Tatsache verschaffte den Kraftwerkskritikern von Datteln viele neue Unterstützer. Auch ich begann damals mich erstmals so richtig für die Geschehnisse in meiner Nachbarschaft zu interessieren.

Spannend wurde es, als die Politik versuchte die Mängel am Kraftwerksbau nachträglich zu ‚heilen‘, indem die Rahmenbedingungen im Nachhinein verändert werden sollten. Der daraus resultierende juristische Kampf läuft hinter den Kulissen übrigens noch heute und ist längst nicht entschieden, wie es scheint.

Ein grundsätzlicher Kampf gegen ‚Kohle‘ als Energiequelle war in der Öffentlichkeit hingegen nie wirklich ein Thema, das die Leute in nennenswertem Maße zu mobilisieren vermochte. Einfach weil die Leute es hier gewohnt sind mit Kohlekraftwerken vor ihrer Tür zu leben.

Ein gutes Beispiel um dies zu veranschaulichen ist das nur wenige Kilometer weiter gelegene Trianel Kraftwerk in Lünen. Obwohl der BUND auch hier juristisch in Aktion trat, und nebenbei bemerkt sogar beachtliche Erfolge verbuchen konnte und bis heute kann, ist Trianel Lünen in der Bevölkerung gar kein Thema. Nie gab es meiner Erinnerung nach auch nur eine einzige Demo gegen dieses Kraftwerk, noch wird es von Bürgern ‚bekämpft‘. Warum eigentlich nicht?

Wenn sich jetzt in den kommenden Wochen der Kampf der Anti-Kohle-Lobby, nach etlichen Jahren des Schweigens zum Thema ‚Datteln 4‘, urplötzlich vom Rheinland unmittelbar vor die Tore des Kraftwerks nach Datteln verlagert, dann wird es zudem bei den Protesten gar nicht um den Standort gehen. Es geht den neuen Widerständlern schlicht um die grundsätzliche Ablehnung der ‚Kohle‘. Erwartungen, die bei einigen Anwohnern Unwohlsein erzeugen, wie man heute in der WAZ lesen konnte.

Viele der dann vermutlich anzutreffenden Teilnehmer der Proteste kennen die Geschichte des Meilers im Kreis Recklinghausen vermutlich gar nicht. Im Gegensatz zu vielen Anwohnern interessiert sie die Situation vor Ort nicht. Es geht ihnen nur um das Symbol ‚Datteln 4‘, das urplötzlich anscheinend aus dem Nichts zum symbolträchtigen Dinosaurier einer aussterbenden und extrem klimaschädlichen Industriesparte geworden ist.

Wäre der Bau allerdings, wie ursprünglich geplant, schon 2011 in Betrieb gegangen, ‚Fridays for Future‘ und ‚Ende Gelände‘ hätten sich in Datteln wahrscheinlich nicht blicken lassen. Man hätte das Kraftwerk vermutlich still und leise in Betrieb gehen lassen, so wie einst Trianel Lünen.

Wahrlich verrückte Zeiten!

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9 Kommentare zu “Datteln 4: Von den Widersprüchlichkeiten rund um ein fast schon vergessenes Thema

  • #1
    ke

    Die aktuelle Umweltbewegung hat ihre Symbole.
    Das kann ein kleiner Wald sein, es wird eine Plantage in Brandenburg sein, auf der E-Autos gebaut werden sollen, es war Eisenbahntechnik in Australien.
    Das ganze hat wenig mit effektiven Umwelt-/Klimaschutz zu tun. Dies gilt auch für Datteln 4.

    Wir brauchen Strom. Kernkraft wollen wir nicht Die Betreiber rechnen mit 20 Prozent mehr Stromnachfrage für die nächsten Jahre.

    Da ist es einfach nur dumm, ein modernes Kraftwerk als Symbol abzuschalten, während alte Kraftwerke weiterhin Energie ineffizient produzieren. Ein Ausbau der erneuerbaren Energien mit Gelddruck-Garantie für die Betreiber ist für mich auch ein soziales Problem, dass Strom unnötig verteuert.

    Ich selber sehe es wie viele Menschen. Nutze bald Ökostrom. Der natürlich überwiegend aus Wasserkraftwerken kommt, die seit Jahrzehnten stehen. Dann bin ich Öko, habe aber nahezu nichts für den Umweltschutz/Klimaschutz getan.

    Es ist alles Symbolpolitik, und es kommt aufs Verkaufen an. Selbst Treibstoffe werden ja je nach Anwendungsfall unterschiedlich besteuert.

    Widersprüche? Ich entdecke nahezu nirgendwo eine Logik. Das gilt ja auch für die Mehrwertsteuersätze und für den Soli.

  • #2
    Michael Merkel

    Warum empfinden Sie es als Ausdruck einer verückten Zeit, daß die Inbetriebnahme von Datteln IV jetzt plötzlich eine so große symbolische Bedeutung bekommt.
    Gerade als Journalist sollten sie wissen, daß in fast allen Fragen Timing und Momentum die entscheidenden trigger in der Aufmerksamkeitsökonomie sind.

  • #3
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    @Michael Merkel: Ganz so einfach ist es leider dann doch nicht. Wenn ich zum Beispiel Dr. Thomas Krämerkämper vom BUND in dieser Woche im WDR sehe, wie er bei den Kollegen im Interview sagt, jetzt liefen gerade die Bemühungen zur Vernetzung der Kraftwerkskritiker, dann frage ich mich doch: Warum denn bitteschön erst jetzt????

  • #4
  • #5
    Michael Finke

    Hallo Herr Patzwald,
    mit der eigenen Erinnerung ist das so eine Sache. Sie kann trügerisch sein.
    Sie behaupten im Artikel folgendes: „Nie gab es meiner Erinnerung nach auch nur eine einzige Demo gegen dieses Kraftwerk (Trianel in Lünen), noch wird es von Bürgern ‚bekämpft‘.“
    Dies ist nachweislich falsch. Schauen Sie bitte hier: https://www.waz.de/staedte/vest/mit-fackeln-gegen-die-kohlekraft-id830602.html
    Aber wie kann man den Trugschlüssen der eigenen Erinnerung entgehen? Mit Recherche, so nennt man das im Journalismus.
    Nichts zu danken!
    Michael Finke

  • #6
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    Die angestrebte Vernetzung mit überregionalen Kohle-Gegnern war schon Anfang 2014 angekündigt worden, ke. Schon damals schilderte ich hier im Blog die deutlich zu beobachtende Verschiebung der Schwerpunkte bei den Kraftwerkskritikern von Datteln und habe sie kritisch hinterfragt:

    https://www.ruhrbarone.de/was-ist-von-den-kritikern-des-kraftwerks-datteln-4-zukuenftig-noch-zu-erwarten/74496

    Warum das mit der Vernetzung damals nicht zum gewünschten Erfolg geführt hat, ist eine spannende Frage, die sich sechs Jahre später offenkundig nicht mehr klären lässt, da die Betroffenen sich sicherlich schwer damit tun werden das öffentlich werden zu lassen.

    Ich weiss aus unzähligen Gesprächen zum Thema jedoch, dass sich viele Kraftwerkskritiker von einst damals rasch enttäuscht von der Sache abgewendet haben, da sie sich nicht generell als Kohle-Kritiker verstanden haben, sondern eben das konkrete Kraftwerk in Datteln mit seinem Standort ihr Missfallen fand. Das Thema ist ja in den vergangenen Jahren nicht umsonst weitestgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden gewesen.

    Man darf gespannt sein, ob die angedachte Vernetzung mit F4F und Ende Gelände im Jahre 2020 zu mehr Erfolg führt, als das damals mit den aktiven Gruppen der Fall war.

  • #7
    Gurke, Werner

    Hätten sich nicht blicken lassen… Diese Aussage impliziert, dass es all diese Aktivisten damals schon gegeben hätte. Mir ist aber nicht bekannt, dass es vor des for future oder Ende Gelände schon 2011 gegeben hätte.
    Was soll also diese Einwurf und inwiefern hätten wir verrückte Zeiten, weil es voll SV future nicht schon vorher gegeben hat?
    Irgendwann kommt immer jemand, der andere Leute auf einen Missstand aufmerksam macht.

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