Eine historische Hinrunde in der Bundesliga – und ein häufig ignoriertes Problem

Foto: Robin Patzwaldt

Die Hinrunde der Bundesliga-Saison 2025/26 ist für die meisten Teams beendet, und was auf den ersten Blick wie sportliche Exzellenz aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als strukturelles Armutszeugnis. Bayern München steht nach 17 Spieltagen ungeschlagen an der Spitze, 47 Punkte, ein weiterer Eintrag ins eigene Geschichtsbuch. Borussia Dortmund folgt auf Platz zwei – allerdings mit bereits elf Punkten Rückstand. Elf Punkte zur Halbzeit. In einer Liga, die sich selbst gern als „Topliga Europas“ bezeichnet.

Was vielerorts als Machtdemonstration gefeiert wird, ist in Wahrheit ein Warnsignal. Und zwar ein lautes.

Medienjubel statt Realitätscheck

Die Reaktion großer Teile der Sportmedien ist dabei bezeichnend. Bayern wird gefeiert, analysiert, glorifiziert. Von „historisch“, „dominant“ und „reif“ ist die Rede. Was hingegen auffällig fehlt, ist der kritische Blick auf das große Ganze. Denn eine Liga, in der der Meistertitel faktisch schon im Januar entschieden ist, darf sich diese Selbstzufriedenheit schlicht nicht leisten.

Statt die offensichtliche Schieflage offen zu thematisieren, wird sie relativiert oder ignoriert. Der Fokus verschiebt sich bequem auf den Kampf um Europa oder den Abstieg – als wäre das ein gleichwertiger Ersatz für ein offenes Meisterrennen. Es ist, als hätte man sich kollektiv damit abgefunden, dass die Bundesliga oben eben so ist, wie sie ist: vorhersehbar, monoton, unerquicklich.

Bayern München: Überragend – aber nicht das eigentliche Problem

Dabei muss man eines klarstellen: Bayern München trifft sportlich keine Schuld. Der Rekordmeister arbeitet professionell, strategisch und kompromisslos. Kaderbreite, individuelle Qualität, finanzielle Möglichkeiten – all das greift ineinander wie Zahnräder in einer perfekt geölten Maschine. Verletzungen werden abgefedert, Formdellen existieren kaum, selbst internationale Belastungen hinterlassen kaum Spuren.

Genau hier liegt aber das Dilemma. Bayern ist nicht einfach besser als die Konkurrenz – Bayern ist in einer eigenen Realität angekommen. Und diese Realität ist für den Wettbewerb Bundesliga verheerend. Wenn ein Klub dauerhaft in einer anderen finanziellen und sportlichen Dimension operiert, während die Verfolger strukturell limitiert bleiben, ist echte Konkurrenz kaum mehr möglich.

Borussia Dortmund: Der ewige Rivale ohne Biss

Borussia Dortmund steht sinnbildlich für dieses Problem. Platz zwei klingt respektabel, doch der Rückstand ist entlarvend. Der BVB ist erneut „ganz ordentlich“, erneut „im Soll“, endlich auch wieder „erster Verfolger“. Aber eben wieder kein Titelkandidat. Zu viele halbherzige Auftritte, zu wenig Konstanz, zu wenig Siegermentalität in den entscheidenden Momenten.

Dortmund bleibt damit das, was es seit Jahren ist: eine Mannschaft, die theoretisch das Potenzial hat, Bayern zu fordern, praktisch aber regelmäßig daran scheitert. Und solange der selbst ernannte Herausforderer diese Rolle nicht ausfüllt, bleibt die Liga an der Spitze ein Einbahnstraßenrennen.

Spannung unten ersetzt keinen Wettbewerb oben

Natürlich wird nun gern argumentiert, dass die Bundesliga ja trotzdem spannend sei – schließlich geht es im Mittelfeld und im Tabellenkeller eng zu. Doch diese Argumentation greift zu kurz. Eine Liga definiert sich über ihr höchstes Ziel. Wenn die Meisterschaft zur Formsache verkommt, verliert der Wettbewerb an emotionaler Relevanz.

Der „Kampf um die Plätze für die Verlierer“, wie es zynisch formuliert werden könnte, ist kein tragfähiges Alleinstellungsmerkmal. Er ist Beiprogramm, nicht Hauptattraktion. Wer glaubt, damit dauerhaft Fans, Sponsoren und internationale Aufmerksamkeit binden zu können, verkennt die Realität des modernen Fußballs.

Die gefährliche Normalisierung der Langeweile

Das vielleicht größte Problem ist die Gewöhnung. Die Bundesliga hat sich daran gewöhnt, dass Bayern enteilt. Die Medien haben sich daran gewöhnt. Viele Fans leider auch. Eine Hinrunde wie diese sorgt nicht mehr für Empörung, sondern für Schulterzucken. Genau das macht sie so gefährlich.

Denn Gleichgültigkeit ist der Anfang vom Bedeutungsverlust. Wenn das Meisterrennen schon im Winter kein Gesprächsthema mehr ist, wenn die entscheidende Frage nicht mehr lautet „Wer wird Meister?“, sondern nur noch „Wann wird Bayern Meister?“, dann läuft etwas grundlegend falsch.

Fazit: Diese Hinrunde ist kein Grund zum Feiern

Die Hinrunde 2025/26 mag aus Münchner Sicht ein Triumph sein. Für die Fußball-Bundesliga insgesamt ist sie jedoch ein weiteres Kapitel einer schleichenden Erosion. Wer diese Entwicklung weiterhin schönredet oder ausblendet, handelt fahrlässig gegenüber dem Wettbewerb.

Die Bundesliga braucht kein weiteres Bayern-Loblied. Sie braucht endlich eine ehrliche Debatte darüber, wie viel Vorhersehbarkeit sie sich noch leisten kann – und wie lange sie ihr zentrales Versprechen von Spannung und Wettbewerb noch glaubwürdig vertreten will. Denn eines ist klar: So beeindruckend 47 Punkte auch sind – sie machen diese Liga nicht besser.

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