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“Favre wurstelt in Dortmund weiter, daher ändert sich beim BVB auch so schnell nichts!”

Das Stadion in Dortmund Foto: Ulrike Märkel

Schon wieder ist eine Woche vergangen. Der nächste Bundesligaspieltag steht an diesem Wochenende ins Haus. Die Ruhrbarone-Autoren Peter Hesse und Robin Patzwaldt haben es sich auch diesmal nicht nehmen lassen die Lage in der Szene zu besprechen. In dieser Woche ging es neben dem FC Schalke 04 und Borussia Dortmund unter anderem auch um das Berliner Derby zwischen Union und Hertha BSC, die Jobgarantie für Bundestrainer Joachim Löw für das nächste Jahr und den Aufschwung des VfL Bochum in Liga 2. Aber lest selbst:

Peter Hesse: Hallo Robin, nicht glänzend, aber mit einem spielerisch angemessenen Unentschieden ging am Mittwoch in der Champions League die Partie von Borussia Dortmund gegen Lazio Rom mit 1:1 aus. Ziemlich bitter ist aber, dass der schwarzgelbe Stürmerstar Erling Haaland wegen eines Muskelfaserrisses vermutlich bis Anfang Januar nicht spielen wird. Für das kommende Bundesligaspiel muss Lucien Favre die Startelf neu formieren und Julian Brandt, Marco Reus und Thorgan Hazard stehen als mögliche Alternativen in der Sturmspitze bereit. Würdest du in der Offensive auch verstärkt auf Youssoufa Moukoko setzen?

Robin Patzwaldt: Hallo Peter! Diese Abhängigkeit von ihrem Top-Stürmer, die gibt es bei der Borussia ja schon lange. Zu lange, wenn du mich fragst. Egal ob Lewandowski, Aubameyang oder auch Alcacer, wenn der Startstürmer verletzt war, wurde es direkt mau. Das rächt sich jetzt. Klar, da kommt der Jungspund ins Spiel. Vielleicht macht er auch das eine oder andere Tor, aber ein BVB ohne Haaland ist deutlich schwächer. Das wird hart, fürchte ich. Wie siehst du das? Wer kann ihn am besten ersetzen?

Peter Hesse: Ich muss ein bisschen ans Jahr 1995 denken. Als die BVB-Stürmer Stephane Chapuisat, Flemming Povlsen und Karlheinz Riedle gleichzeitig verletzt waren, zauberte Trainer Otmar Hitzfeld damals mit Lars Ricken und Ibrahim Tanko den sogenannten „Babysturm“ aus dem Zylinder. Diese zwei Nachwuchsspieler sorgten dann zusammen mit den älteren Mitspielern für ein bewegendes Finale. Weil der BVB am vorletzten Spieltag nach 0:2-Rückstand beim MSV Duisburg in einen 3:2-Triumph umwandeln konnte, entschied das Saisonfinale über die Meisterschaft. Borussia gewann dieses an der Strobelallee gegen den HSV mit 2:0 – und setzte Maßstäbe. Das (eine ungewöhnlich mutige Entscheidung) ist aber nicht die Handschrift von Lucien Favre, der kann nur lavieren, rumeiern und keine innovative Kaderplanung treffen. Ich würde auf jeden Fall auf Moukoko setzen – und ich denke, Otmar Hitzfeld (wäre er heute BVB-Trainer) würde das auch tun. Von Favre wird es sicher eine Lösung mit Julian Brandt als Sturmersatz geben – und wir werden sehen, dass es nicht funktioniert. Ich bin immer noch wütend über den unnötigen Punkteverlust gegen Köln, diese drei Punkte werden am Ende der Saison fehlen – und das wird mich dann nochmal sauer machen. Du hast die Niederlage besser verkraftet, oder?

Robin Patzwaldt: Ich verdränge das aktuell etwas. Bei mir hat der Fußball seit Corona erheblich an Stellenwert verloren. Ich freue mich zwar immer noch auf die Bundesligaspiele am Wochenende, aber längst nicht mehr so sehr wie früher. Das mit Köln am vergangenen Wochenende hat mich nicht überrascht. Der BVB der Gegenwart stürzt ja schon länger regelmäßig nach CL-Spielen sportlich ab. Und solange sich da nichts ändert, wird auch der sportliche Erfolg nicht der sein, der mit diesem Kader möglich wäre. Aber auf mich hört da ja keiner 😉 Favre wurstelt in Dortmund weiter, daher ändert sich beim BVB auch so schnell nichts. Natürlich sind die Vergleiche mit Klopp bei den BVB-Trainern danach immer unfair, aber Favre ist der Coach, den ich am unpassendsten in Dortmund empfinde in den vergangenen fünf Jahren. Vor diesem Hintergrund versuche ich mich nicht mehr so viel über Rückschläge zu ärgern, wie ich das als Jugendlicher tat, als ich nach BVB-Niederlagen nicht mehr ausgegangen bin. Das war echt schlimm bei mir. Eine Niederlage konnte mir damals das ganze Wochenende verhageln. Und in den 80ern waren Niederlagen ja noch deutlich häufiger als aktuell. 😉 Lass uns mal den Blick nach Gelsenkirchen richten. Packt schalke an diesem Wochenende gegen Leverkusen endlich den ersten Saisonsieg und den zweiten in der Liga in diesem Kalenderjahr?

Peter Hesse: Mit aktuell nur drei Punkten aus neun Spielen steht der FC Schalke 04 am Tabellenende. Seit 25 Ligaspielen haben die Gelsenkirchener nicht mehr gewonnen – es ist klar, dass sich ganz Schalke einem Sieg sehnt. Aber machen wir uns nichts vor: der S04 steckt ganz tief im Schlamassel fest und schlittert in Richtung Bundesliga-Abstieg. Diese Talfahrt kann eigentlich nur mit einem Wunder beendet werden. Sollte der Club aus Gelsenkirchen tatsächlich absteigen, wird das eine große Zäsur werden, denn insgesamt 13 Lizenz-Spieler haben auf Schalke keinen Vertrag für die 2. Liga. Im Team gibt es nur wenige Spieler, die hier und da mal ihre Klasse zeigen. Einer von denen ist Mark Uth. Vor der Saison galt der ehemalige Offensiv-Spieler von Köln und Hoffenheim noch als Kandidat mit Wechselabsichten. Mittlerweile ist er als fest gesetzter Mittelfeldakteur aus dem Team des FC Schalke 04 nicht mehr wegzudenken. Sollte der 29-Jährige einmal ausfallen, dürften sich die königsblauen Sorgen in tiefschwarz verfärben. Ganz anders ist gerade die Lage in Bochum – nach dem 5:0-Kantersieg gegen Düsseldorf ist der VfL klammheimlich auf den zweiten Tabellenplatz geklettert und hat sogar den HSV verdrängt. Die graue Maus der (mittlerweile) zweiten Liga schielt leise, aber bestimmt mit einem Auge in Richtung erste Liga. Das wäre wohl ein großes Fußballwunder, oder?

Robin Patzwaldt: Wobei ich das 5:0 gegen Düsseldorf nicht überbewerten würde, schließlich war der VfL 85 Minuten in Überzahl und die Fortuna hat die Begegnung spätestens nach dem zweiten Bochumer Treffer abgeschenkt. Mir war es nach dem Spiel viel zu euphorisch im Bochumer Umfeld. Ich sehe den VfL auch nicht als einen Aufstiegskandidaten an, er ist eher im Mittelfeld der 2. Liga anzusiedeln. aber in diesen verrückten Zeiten weiß man ja nie, wie die Saison endet. Ich würde Bochum den Wiederaufstieg in jedem Falle wünschen. zum einen bräuchte das der Klub wirtschaftlich, zum anderen hätten wir auch wieder ein Revierderby mehr, sofern Schalke nicht im Austausch absteigt 😉 Was machen wir derzeit aus den Bayern? Die jammern ja immer über Belastung und Verletzungen, dominieren aber trotzdem Liga und Champions League. Das nennt man wohl jammern auf hohem Niveau. Siehst du die zunehmende Dominanz der Münchener auch so kritisch wie ich? Selbst mit ihrer B-Elf haben sie ja gegen Atl. Madrid in Spanien nicht verloren. Ich meide die Begegnungen der Bayern in letzter Zeit immer häufiger. Ist mir schlicht zu öde, wenn ich schon vorher weiß, dass sie nicht verlieren werden 😉

Peter Hesse: Karlheinz Rummenigge erachtet den aktuellen Kader der FC Bayern als voll konkurrenzfähig und lässt damit mal wieder seine bekannte „Uhrensohn“-Arroganz durch die Sport-Medien fliegen. Der FCB musste ja nur die beiden Leihspieler Philippe Coutinho (zurück zum FC Barcelona) und Ivan Perisic (wieder zurück zu Inter Mailand) abgeben, das ist für den Königskader aus München kein tatsächlicher Verlust. Mit Leroy Sané wurde ein sehr wichtiger Spieler an die Isar gelotst – der zusammen mit Douglas Costa ein tolles Spiel an den Flügeln zelebriert. Beide sind sehr reaktionsschnell, sie können toll dribbeln und aus dem Nichts eine brandgefährliche Torchance zaubern. Mit diesem offensiv stark besetzten Kader machst du objektiv nichts verkehrt, subjektiv gesehen nervt mich das unkaputtbare Spiel der Bayern natürlich. Es gibt doch nichts nervigeres, als wenn schon am fünften Spieltag fest steht, dass der FCB zum gefühlt 1000. Male wieder deutscher Meister wird. Was mich außerdem in dieser Woche genervt hat, ist wie der DFB am Trainer Jogi Löw festhält. Vermutlich tun sie das, weil es keine wirkliche freie Alternative auf dem Trainermarkt gibt. Wen hättest du gern als Löw-Nachfolger gesehen?

Robin Patzwaldt: Ja, das altbekannte Thema Löw. Gefühlt tut sich da ja schon ewig nichts. Ein Wechsel hätte spätestens nach der WM 2018 angestanden. Seither wurde da massig Zeit verschwendet beim DFB. Auch über die Personalie Bierhoff sollte man beim DFB mal intensiv nachdenken. Weniger Kommerz, eine Mannschaft, mit der sich die Fans wieder stärker identifizieren können? Sehe ich nicht. Als Trainer könnte ich mir bis zur EM, so sie denn im Sommer überhaupt stattfinden kann, Rangnick vorstellen. Der hat Persönlichkeit und ist frei. Ab Sommer könnte man sich dann neu aufstellen, falls Rangnick nicht sogar längerfristig in Frage kommen würde. Aber mit Löw wird das nichts mehr, ich denke, da sind wir uns einig. Wenn ich dessen Auftreten in den PKs und Interviews schon sehe. Unglaublich, dass er an diesen Posten überhaupt rangekommen ist damals. Aber ähnlich wie schon damals bei Rudi Völler war er wohl schlicht da und dann sollte er es als Klinsis Stellvertreter nach dessen Rückzug wohl auch gleich machen. Das ist keine Glanzleistung des DFB gewesen, auch wenn er damals den WM-Titel geholt hat mit der DFB-Auswahl. Aber abgesehen davon lieferte er in den vergangenen Jahren mehr Ärgernisse als erkennbare Fortschritte und Freude. Du merkst, ich mag ihn nicht. Klopp wäre natürlich die Idealbesetzung. Aber der wäre ja verrückt, wenn er sich das antun würde.

Peter Hesse: Wenn man sich anschaut wie beschädigt Erich Ribbeck, Jupp Derwall, Berti Vogts oder Jürgen Klinsmann als Nationaltrainer aus dem Amt „gegangen“ worden sind – da wird sich auch ein Jürgen Klopp fragen: muss ich mir das wirklich antun? Nach der EM 2000 stellte Christoph Siemes in der Wochenzeitung ›Die Zeit‹ die Frage: „Ist das Land so rückständig wie es kickt?“ Der Vizeweltmeister von 1982 wurde gehasst und der Vizeweltmeister von 2002 wurde von Australien bis Grönland belächelt. Dann drehte sich plötzlich die globale Wahrnehmung: der WM-Dritte von 2010 wurde international bewundert und der Weltmeister von 2014 wurde überall über den grünen Klee gelobt. Das Team, was Brasilien mit 7:1 im eigenen Land schwindelig spielte, zauberte plötzlich mit Fußball – wie von einem anderen Stern. Ab 2014 galt nicht mehr das am Stammtisch viel zitierte Klischee, dass die Nationalelf zwar eine gute Turniermannschaft sei, aber nur mit dem hemdsärmeligen Kampf von Spielern, wie Hans-Peter Briegel, Wolfgang Dremmler oder Dieter Eilts „irgendwie“ nach vorne komme. Aber das Team mit dem Bundesadler spielte keinen ästhetisch schönen Fußball – im Sinne von Maradona oder Zidane. Die Spieler-Generation von Mesut Özil, Mario Götze, Toni Kroos und Ilkay Gündogan agierte und zauberte dann plötzlich viel mehr wie ein südamerikanisches Team. Und diesen Bonus hat Löw verspielt, weil er es nicht schaffte den Umbruch mit einer neuen Spieler-Generation weiter zu führen. Aber schwenken wir noch einmal zurück zur Bundesliga. Am Freitag beginnt der Spieltag mit dem Hauptstadt-Duell Hertha gegen Union. Ich hoffe, dass Union mit drei Punkten zurück zur ‚Alten Försterei‘ fährt, du auch?

Robin Patzwaldt: Ich mag Union sehr. Schon seit Jahren. Und durch Herthas ‘Big City Club’-Gelaber haben die sich in meinem Ansehen nicht gerade gesteigert. Logisch, dass ich für Union bin, wenn sich die beiden Berliner Erstligisten duellieren. Aber auch wenn Union am Freitag nicht punkten sollen, die spielen bisher erneut eine sehr gute Saison. Von deren Auftreten kann Schalke bisher nur träumen. 😉

 

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4 Kommentare zu ““Favre wurstelt in Dortmund weiter, daher ändert sich beim BVB auch so schnell nichts!”

  • #1
    Walter Stach

    "Marco Reus war und ist als Mannschafts-an-führer (als Kapitän) absolut ungeeignet.
    Marco Reus derzeit gezeigten Leistungen "aufm Platz" verbieten es, ihn der "ersten Wahl" bei der
    Aufstellung der Mannschaft zuzurechnen -"bestenfalls Auswechselkandidat auf der Bank".

    Ich bin zumindest verwundert, daß weder hier noch in den lokalen Medien in DO ein "Reus-Problem" gesehen, geschweige denn dessen Lösung eingefordert wird, z.B. wie von mir einleitend angedeutet. "Man" traut sich nicht? Ist es möglicherweise weniger problematisch, wenn "man" sich über Favre "hermacht" und nicht über den augenscheinlich immer noch "Publikumsliebling" Reus?

    Robin und Peter Hesse,
    das war nur ein "kleiner Einwurf" meinerseits zu Eurer Diskussion. Den habe ich gemacht, weil ich mich regelmäßig ärgere, wenn Reus nach zum Teil unzumutbaren Darbietungen von "ortsansässigen" Redaktionen immer wieder mit zumindest 3, 5 benotet wird, obwohl die Note 5 (oder gar 6) fällig wäre und "seine Fans" an ihrem Liebling festhalten.

    Ansonsten:
    Derzeit sind für mich der Fußball im allgemeinen und speziell der BVB Themen, die mich bestenfalls ganz am Rande meines Alltagslebens beschäftigen. Und das, so scheint mir, geht sehr vielen Fußball-/BVB-Fans ähnlich. Aber es ist vermutlich gut so, daß diese Themen ein der wenigen Möglichkeit bieten, auch ‘mal über Anderes nachzudenken und zu reden als über die Corona-Pandemie, die USA und, und, und……
    Das bezieht meine Hoffnung mit ein, daß morgen in Frankfurt von Anfang an Moukoko spielt -Sturmspitze anstelle von Harland-. Aber darauf mit Blick auf Favre zu bauen, ist wohl völlig daneben.

    Zu Eurer Diskussion den DFB im allgemeinen, Bierhoff und Löw im besonderen und "unseren Nachbarn" S04 betreffend "sage ich ‘mal lieber nix", ansonsten…….

  • #2
    Robin Patzwaldt

    @Walter: Ich habe hier im Blog im September zum Saisonstart einmal darüber geschrieben, warum ich mir von Reus beim BVB für die Zukunft nicht mehr allzuviel erwarte:

    https://www.ruhrbarone.de/was-kann-der-bvb-von-marco-reus-in-zukunft-noch-erwarten/189858

  • #3
    Walter Stach

    Robin,
    bei FAZ net findest Du heute 2 Kommentare von Michael Horeni unter den Übeschriften:
    1.
    "Unter Geiern" -betrifft den "Führungskader" des DFB
    und
    2.
    " Die Nationalelf im tiefen Fall",

    Der Inhalt beider Kommentare bestätigt mich in meinem Bemühen um absolute Gleichgültigkeit , wenn es um den DFB im allgemeinen und die DFB-Auswahl im besonderen geht.

    Anmerkung zu Reus:
    Was Du im September geschrieben hast ,wird derzeit von Reus "nachdrücklich" bestätigt. Wenn er heute -als Kapitän!!- die Mannschaft des BVB gegen Frankfurt "auf’s Feld führt", schwant mir Unheil.
    Im übringen bleibe ich bei meiner Meinung, daß unsere übereinstimmend kritische Haltung gegenüber Reus von vielen BVBern -vor allem von den in den örtlichen Medien agierenden-nicht geteilt wird. Im Gegenteil. Seine "Nichtleistungen" werden dort regelmäßig relativiert und zu erklären/zu entschuldigen versucht..

    Aber immerhin kann ich mich über Reus noch ärgern und um den BVB bangen bzw. mich über ihn bzw, mit ihm- freuen. Im Gegensatz zur DFB-Auswahl und ihren Stars; die sind mir egal.

  • Pingback: Der BVB belügt sich schon seit Jahren selbst! | Ruhrbarone

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