Hochwasser: „Wir sind Mittelständler. Wir geben nicht auf.“

Will nicht aufgeben: Timo Fichtel Foto: Laurin

Auch viele Unternehmen wurden Opfer der Hochwasserkatastrophe. In den Betrieben wird nun aufgeräumt statt produziert. Arbeitsplätze sind gefährdet und gerissene Lieferketten können für die deutsche Industrie fatale Folgen haben.

Nils Kjerrumgaard stapft den Hang hinauf und zeigt auf einen kleinen Graben, der hinab ins Tal führt, wo seine Schreinerei liegt: „Hier haben wir im Regen gestanden und mit unseren Händen diese Rinne gegraben, damit das Wasser in eine andere Richtung abfließt.“ Der Schreinermeister und seine Mitarbeiter haben es geschafft. Zumindest ein Teil der Wassermassen konnten so an seinem Betrieb vorbeigeführt werden. Schlimm erwischt hat es die Schreinerei in Hagen trotzdem: Der Hof, die Maschinenhalle und das Lager der Tischlerei standen unter Wasser. Schlamm drückte gegen eine Hallenwand und drohte, sie zum Einsturz zu bringen. Einige Maschinen wurden zerstört, andere können noch repariert werden. An Produktion ist in den kommenden Wochen nicht zu denken.

„Wir arbeiten rund um die Uhr daran, den Betrieb zu retten“, sagt Kjerrumgaard. Der Schlamm ist aus den Hallen raus. Wandverkleidungen wurden herausgerissen. Maschinen werden gereinigt. Kjerrumgaard hofft, dass seine Tischlerei die Krise übersteht. Er ist gut versichert, auch gegen den Betriebsaufall und hofft nun, dass sich die hohen Prämien, die er jahrelang überwiesen hat, auszahlen. Und er ist dankbar: „Befreundete Unternehmen helfen, den Schlamm wegzubaggern und andere Schreiner übernehmen Aufträge von uns, damit wir unsere Kunden weiter beliefern können.“ Corona, die explodierenden Holzpreise und nun die Flut. Die letzten Jahre waren nicht leicht für den Unternehmer und seine zehn Mitarbeiter. Aber er will weitermachen.

Südwestfalen gehört zu den stärksten Industrieregionen Deutschlands. Fast jeder zweite hier arbeitet im produzierenden Gewerbe. In den Tälern siedelten sich zum Teil schon vor Jahrhunderten metallverarbeitende Betriebe an. Sie nutzten die Kraft des Wassers, um Stahl zu verarbeiten. Beim Hochwasser war es diese Nähe zu den Flüssen und Bächen, die viele von ihnen in Not brachte. „Wir rechnen bisher bei den unmittelbar betroffenen Unternehmen mit Schäden von insgesamt 1,4 Milliarden Euro“, sagt Dr. Ralf Geruschkat, der Hauptgeschäftsführer der Südwestfälische Industrie- und Handelskammer in Hagen. Seine Mitarbeiter ziehen seit Wochen durch die betroffenen Regionen, sprechen mit Unternehmern und werten Luftbilder aus. Mal wurden Maschinen zerstört, dann die EDV oder eine Brücke, welche die einzige Verbindung eines Unternehmens zur Außenwelt war.

Die Hochwasserkatastrophe in Südwestfalen sei allerdings kein regionales Problem: „Wenn die Unternehmen aus der Region nicht bald wieder liefern können, drohen bei großen Herstellern bald Bänder still zu stehen.“
Der SIHK-Hauptgeschäftsführer sagt, nun müssten Straßen, Brücken und Schienenwege wiederhergestellt werden. Hier sei der Staat gefragt und das nicht nur finanziell: „Das muss schnell gehen. Wir brauchen beschleunigte Verfahren wie es sie nach der Wiedervereinigung und den Hochwassern an der Elbe gab.“
Sorge macht ihm, dass in der nun beginnenden Debatte über die Konsequenzen aus der Katastrophe die Forderungen aufkommen könnte, die Unternehmen sollten die Flächen an den Wasserläufen räumen: „Südwestfalen ist gebirgig. Es gibt keine Alternativen zu den Tälern.“ Müssten die Unternehmen abziehen, würden Wirtschaftskraft und Arbeitsplätze verloren gehen. „Wir müssen“, sagt Geruschkat, „über den Schutz vor Hochwasser reden. Über die Schwammstadt, Flächen, auf die bei Hochwasser geflutet werden können und mehr Schutz Tore.“

Bund und Land haben die Lage der Unternehmen erkannt: Unternehmen konnten bis zu 5.000 Euro aus der von beiden finanzierten Soforthilfe beantragen. Noch vor der Wahl soll ein Wiederaufbaufonds in Milliardenhöhe aufgelegt werden. Auch die Insolvenzantragspflicht für Firmen soll, wie bei Corona, ausgesetzt werden. Doch viele Unternehmen brauchen nicht nur Geld. Sie haben Probleme bei Beschaffung von Maschinen und Ersatzteilen. Timo Fichtel ist der Finanz-Chef der Hagener Feinstahl GmbH. Die Volme fließt normalerweise ein paar Meter neben dem Werksgelände. Am Dienstag vergangener Woche trat sie über den Deich und flutete das Lager und die Fabrik.

Der Draht aus Hagen ist ein HighTech-Produkt, rostfrei und robust. Er wird in Autoschlössern, Smartphones und Tablets verbaut und ist darüber hinaus Grundstoff der Schraubenherstellung. Der Draht wird nun in vielen Unternehmen fehlen und das auf unbestimmte Zeit: „Unsere Maschinen sind alle durch die Flut beschädigt worden. Die Elektronik ist kaputt. Wir müssen Teile austauschen, aber die Lieferzeiten sind zum Teil lang“, sagt Fichtel. Im ersten Augenblick, als er am Donnerstag das Gelände unter Schlamm und Wasser begraben sah war sein erster Gedanke „Jetzt wurden über 90 Jahre Unternehmensgeschichte über Nacht ausgelöscht.“ Aber dann haben sie alle mit angepackt. Die Mitarbeiter, aber auch Freiwillige aus der Nachbarschaft, andere Unternehmer. Der Traktor eines Bauern, der half, den Dreck wegzuräumen, steht immer noch neben der Halle.

„Wir sind Mittelständler. Wir sind ein Familienunternehmen mit vier Standorten, wir geben nicht auf, wir wollen nichts geschenkt, aber wir brauchen jetzt Hilfe“ sagt der Feinstahl-Manager. Wenn die Lieferketten nicht reißen, wenn nicht bald Fabriken in ganz Deutschland stillstehen sollen, die mit Zulieferern aus Südwestfalen zusammenarbeiten, müssen nun die großen Unternehmen und die Politik mit Konzernen wie Siemens sprechen, damit die Bauteile schnell geliefert werden, die sie hier brauchen, um bald wieder mit der Produktion beginnen zu können. Bis zum Jahresende können sie bei Hagener Feinstahl wieder 80 Prozent schaffen. Wenn alles gut geht. Wenn sich Deutschland daran erinnert, dass es von seiner Industrie lebt und der Mittelstand ihr Rückgrat ist.

Der Artikel erschien bereits in einer ähnlichen Version in der Welt am Sonntag 

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