Mein Besuch bei Opel in Bochum – irgendwo in Krisenland

Irgendwie habe ich erst so richtig begriffen, wie hart es wird in der Wirtschaft, als ich in Bochum bei Opel war. Es geht nicht um ein Werk. Es geht um alle Autobauer – überall. Überall in Europe sieht es so ähnlich aus, wie hier an Tor 4 auf der Wittener Straße in Bochum-Altenbochum.

Foto: Flickr / The Learned Monkey & the Lazy King

Ein Arbeiter streicht in der Herbstsonne den Eingang zu einem Pförtnerhäuschen grau. Mit sorgfältigen Pinselstrichen ist fast ganz unten angekommen. Manchmal richtet er sich auf und schiebt sich seine runde Brille zurück auf die Nase. „Man weiß ja nicht was kommt“, sagt er. „Vielleicht macht General Motors in den USA ja pleite.“ Dann überlegt er wieder „Oder auch nicht.“ General Motors ist das Mutterunternehmen von Opel in Deutschland.

Eine Existenzbedrohende Krise stellt man sich anders vor. Doch statt Panik herrscht am Freitag im Bochumer Opelwerk eine gemütliche Sonntagsstimmung. Arbeiter erledigen die Arbeiten, die sie sowieso immer mal erledigen sollten. Im verwaisten Foyer der Zentrale plätschert ein Springbrunnen verlassen vor sich hin. Allein ein kleiner LKW zieht einen Anhänger hinter sich her, in dem Auspuffrohre übereinander gestapelt sind, wie Weinflaschen im Holzregal. Alles hier scheint so ruhig zu sein, wie der Arbeiter mit seinem Pinsel an Tor 4.

Dabei gibt es eigentlich Grund zur Sorge. Normalerweise holen bis zu 100 Laster am Tag die neuen Opel-Limousinen ab. Jetzt kommen gerade mal 4 Transporter, um Wagen aufzuladen. Im Bochumer Werk stehen derzeit alle Bänder still. Weil die Nachfrage ausbleibt, wie die Geschäftsleitung mitteilt. Zunächst wurden die planmäßigen Werksferien im Herbst außerplanmäßig um eine Woche verlängert. Nun sollen am Montag die Arbeiter zurück ins Werk kommen, um schon eine Woche später wieder für gut 14 Tage nach Hause geschickt zu werden. Der Direktor des Bochumer Opelwerkes Uwe Fechtner sagt: „Es hat keinen Sinn Lagerwagen zu bauen, ohne Kundenaufträge zu haben.“ Keine Nachfrage, keine Autos, keine Arbeit. Bochum wird ab dem 20.Oktober wieder stillstehen.

Dabei ist Opel nicht selbst für die Krise verantwortlich. Im Zuge der US-Finanzkrise gerät der Gesamtkonzern General Motors ins Schlingern und mit ihm die gesamte Autoindustrie. „Allein in Spanien ist der Markt im August um 40 Prozent eingebrochen“, sagt Fechtner. Das Vertrauen ist weg. Überall in Europa. „Die Leute wissen nicht was kommt. Sie halten ihr Geld zusammen. Und verschieben deshalb den Kauf ihres nächsten Autos.“

Wenn aber niemand Autos bestellt, werden keine gebaut. Das ist bei VW so, bei Mercedes, bei Ford. Überall. BMW in Leipzig beispielsweise stellt Ende Oktober für vier Tage die Bänder still, und bei Daimler in Sindelfingen werden die Weihnachtsferien früher beginnen als sonst. Bei Renault und PSA sieht es nicht anders aus. „Es ist unser generelles Ziel, die Fahrzeugbestände auf möglichst niedrigem Niveau zu halten“, sagt ein Daimler-Sprecher.

Der überraschend schnelle Stillstand der Autofabriken ist eine Folge des Prinzip der Punktgenauen Produktion. Bestellt heute ein Kunde ein Auto, kann er sich den Wagen am Computer samt Extras und ausgefallenen Farbwünschen zusammenstellen. Damit geht sein Auftrag ans Band und wird innerhalb von rund drei Monaten abgearbeitet. Wenn nun keine frischen Aufträge reinkommen, lohnt es sich nicht für 50 Bestellungen eine Fabrik wie in Bochum anzuschmeißen. „Das ist so, als sei der Abfluss verstopft. Da können sie oben nichts mehr nachschütten“, sagt Direktor Fechtner. Im Flur zu seinem Büro hängt eine Tafel. Darin werden die sieben Arten der Verschwendung beschrieben. Ganz am Anfang steht die Überproduktion.

In den USA haben die Börsen mittlerweile das Vertrauen in die Autoriesen verloren. Die Aktie von GM sank im Verlauf der letzten Woche auf ein historisches Tief. Die Papiere von Ford fielen genauso rasant. Nach Analysten-Schätzung "verbrennen" GM und Ford jeden Monat jeweils eine Milliarde Dollar. Die Folge: Die Riesen kriegen kaum frisches Geld von Banken um ihre Produktion vorzufinanzieren.

Die Folgen sind in Europa zu spüren. Opel Bochum ist nicht das einzige GM-Werk, das runter gefahren wird. Im Brüsseler Werk in Antwerpen wird darüber diskutiert, die Fabrik ganz zu schließen. In Spanien, England und Schweden werden ganze Schichten gestrichen. Statt rund um die Uhr werden nur noch 16 Stunden am Tag Autos gebaut. Und für nahezu alle Fabriken gilt: Ab dem 20. Oktober wird so gut wie nichts mehr produziert. General Motors geht in Europa in eine Art zweiwöchigen Winterschlaf.

Vor dem Tor 2 in Bochum stehen normalerweise die LKW der Zulieferer Schlange. Just in Time kommen hier die Bleche für die neuen Limousinen. Heute ist der Platz nahezu leer. Ein Hänger steht hier. Nebenan auf dem Parkplatz wartet ein knappes duzend andere darauf entladen zu werden. Ein Arbeiter flüstert, er habe gehört, die Verträge mit den Zulieferern seien auf Eis gelegt worden. Später bestätigt das ein Konzernsprecher: für die Zeit der verordneten Werksferien wird es keine Anlieferung geben.

Doch trotz dieser Nachrichten ist es ruhig vor dem Werk. Keine Demo, keine Mahnwache, keine aufgebrachten Arbeiter. Warum das so ist, erklärt Rainer Einenkel in seinem Büro im Betriebsrat. „Natürlich haben wir hier Sorge um die Zukunft. Aber Opel ist nicht isoliert zu betrachten. Die Krise liegt nicht an uns. Da schwappt was aus den USA zu uns rüber.“ Einenkel trägt ein Firmenhemd, auf dem sein Name über der Brust eingestickt ist. Er hat den großen Arbeitskampf geleitet, damals vor fast vier Jahren, als Opel in Bochum dicht gemacht werden sollte. Er hat mit seinen Leuten vor dem Werk gestanden und gekämpft. „Jetzt können wir ja nichts machen“, sagt Einenkel. „Die Kaufkraft wird weltweit vernichtet. Da kann man nicht gegen demonstrieren.“ Statt also Kampflust zu schüren, konzentriert sich der Betriebsrat darauf realistisch zu bleiben. In seinem Werk hat er vor wenigen Tagen einen Zukunftsvertrag mit der Geschäftsleitung unterschrieben. Bis 2016 darf keinem Kollegen betriebsbedingt gekündigt werden. Zudem soll schon im übernächsten Jahr in Bochum die Produktion der neuen Modelle anlaufen. Das bedeutet: Jobs für weitere Jahre. Gleichzeitig hat Einenkel flexible Arbeitszeiten durchgesetzt. Die Leute im Werk haben Zeitkonten. Steht das Werk still, kriegen sie nicht weniger Lohn, sondern müssen unbezahlte Überstunden machen, wenn die Konjunktur wieder anspringt. Niemand muss sich also Sorgen, sagt Einenkel. Das beruhigt. Und überhaupt: „Morgen wollen die Menschen wieder Autos kaufen. Die Krise kann ein wenig dauern, aber es wird weitergehen.“

Vor dem Tor 4 ist der Arbeiter immer noch nicht mit seiner Tür fertig geworden. Ganz unten muss noch mehr graue Farbe drauf. Aber er hat keine Lust mehr, sich zu bücken. Er richtet sich auf und schiebt seine Brille hoch. „Am Ende stehen alle Versprechen nur auf dem Papier“, sagt er. Kann man da was drauf geben?

 

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3 Kommentare

  1. #1 | Martin Murphy sagt am 12. Oktober 2008 um 18:37 Uhr

    Klasse Geschichte. Wie sich die Lage derzeit gestaltet, werden wir wohl blad mehr solcher Geschichten sehen.

  2. #2 | zuliefereropel sagt am 10. November 2008 um 11:32 Uhr

    Der Bericht hat es auf den Punkt gebracht. Es ist wie es ist, kauft keiner AUTOS brauchen sie auch nicht gebaut zu werden. Zitat „Autos kaufen keine Autos“ Henry Ford . Ende!!!

  3. #3 | lana sagt am 4. Dezember 2009 um 14:17 Uhr

    hi vervollständigen!

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