Neue Grimme Chefin: „Rückkehr zu alten Zeiten des Auskungelns“

Grimme Institut in Marl Foto: Grimme Institut
Grimme Institut in Marl Foto: Grimme Institut

Im kommenden Jahr wechselt die Leitung des Marker Grimme-Instituts. Zur neuen Direktorin  soll Frauke Gerlach benannt werden.

Das Grimme-Institut in Marl, das unter anderem mit dem Grimme-Preis einen der renommiertesten Fernsehpreise Deutschland vergibt, sucht einen neuen Chef. Grimme-Direktor Uwe Kammann geht im kommenden Frühjahr in Pension. Als Nachfolgerin gilt Frauke Gerlach, die parteilose Noch-Justitiarin der Grünen Landtagsfraktion, als gesetzt.

Obwohl sie im Gegensatz zu ihren Vorgängern an der Spitze des Instituts nie im Medienbereich tätig war, ist Gerlachs Qualifikation unbestritten. Sie hat 2010 eine Doktorarbeit zum Thema „Moderne Staatlichkeit in Zeiten des Internets“ geschrieben und kennt die Szene Mediengremien in NRW wie kaum eine Zweite – in fast jedem ist sie seit Jahren vertreten: Gerlach ist Vorsitzende des Aufsichtsrats des Grimme-Instituts Marl, Vorsitzende des Aufsichtsrates der Filmstiftung und ist Vorsitzende der Medienkommission der Landesanstalt für Medien (LfM).

Dass es Gerlach nicht genügte, in Kommissionen und Gremien zu sitzen, ist schon länger klar: 2010 bemühte sie sich um den Chefposten der Landesanstalt für Medien, konnte sich aber damals nicht gegen den heutigen Direktor Jürgen Brautmeier durchsetzen.

Der Volkshochschulverband, der wichtigste Gesellschafter des Instituts, hat sie als Kandidatin um die Kammann-Nachfolger vorgeschlagen. Selbst beworben hat sie sich, im Gegensatz zu ihren wohl aussichtslosen Mitbewerbern, um die ausgeschriebene Stelle  nicht.

Hinter den Kulissen, heißt es im Umfeld der Landesregierung, soll NRW-Medienstaatsekretär Marc Jan Eumann (SPD) Druck gemacht haben. „Eumann wollte unbedingt Gerlach. Sie soll dafür sorgen, dass das Grimme-Institut künftig Projekte organisiert und finanziert, für die er selbst nicht das Geld hat.“ Die Landesregierung hat immer wieder betont, das Aus und Weiterbildung sowie die Vermittlung von Medienkompetent zu ihren wichtigsten medienpolitischen Zielen dient – dabei könnte das Grimme Institut hilfreich sein. Auf Anfrage bestreitet Eumann jedoch jede Einflussnahme auf Gerlachs Nominierung: „Nein. Die Findungskommission des Grimme-Instituts hat sich aus der Menge der Bewerber einstimmig auf einen kleineren Kreis in Frage kommender Kandidatinnen und Kandidaten verständigt, die zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden. Die Gespräche finden Ende November statt, eine Entscheidung soll bis spätestens Ende des Jahres getroffen werden.“ Auch Gerlach will sich zu dem noch offen Verfahren nicht äußern. Dass die Findungskommission unabhängig über die Kandidatur von Gerlach entscheiden kann, die nicht nur Aufsichtsratsvorsitzende des Grimme Instituts ist, sondern auch noch in den Aufsichtsgremien zweier Grimme-Gesellschafter,  der LfM und Filmstiftung sitzt,  ist allerdings schwer vorstellbar. Frauke Gerlach ist ein Angebot, dass die Findungskommission nur schwer ablehnen kann – sie würde damit ihre eigenen Gesellschafter und die Institutsspitze  gleichzeitig brüskieren.

Aus den Reihen der Opposition gibt es Kritik an der Art und Weise, wie Gerlachs Hut in den Bewerbungsring  geworfen wurde. Thomas Nückel, der medienpolitischer Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, sagt: „Nach Abschluss des Bewerbungsverfahrens wird nun aus den Reihen der Gesellschafter die Aufsichtsratsvorsitzende des Grimme-Instituts Gerlach als Kandidatin offenbar aus dem Hut gezaubert. Dies ist eine Brüskierung der Bewerber.“ Bei Nückel kommen unangenehme Erinnerungen an die Ära sozialdemokratischer Allmacht im Land hoch: „Der Personalvorschlag erscheint wie die Rückkehr zu alten Zeiten des Auskungelns wichtiger Positionen durch die Staatskanzlei. Ein offenes und transparentes Verfahren sieht anders aus.“

Der Artikel erschien in ähnlicher Form bereits in der Welt am Sonntag.

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discipulussenecae
discipulussenecae
10 Jahre zuvor

Mich wundert nur, daß Frau Gerlach noch relativ jung zu scheint – ihre Doktorarbeit ist von 2010 – und kein SPD-Mitglied ist. Denn bisher galten in der „Ära sozialdemokratischer Allmacht im Land“ stets folgende Kriterien für die Besetzung solcher und ähnlicher Posten: 1. verdienter Genosse, der 2. einen halbwegs lukrativen Job braucht, auf dem er 3. nicht viel kaputt machen kann.

Nun soll es also eine junge Frau werden – obwohl das ja inzwischen auch ein positives Kriterium der SPD ist -, die parteilos ist und von der Sache einiges zu verstehen scheint. Trotzdem bleibt das Geschmäckle „des Auskungelns wichtiger Positionen durch die Staatskanzlei“; ein transparenteres Procedere der Besetzung wäre auch für sie von Vorteil.

Aber: Ist es südlich des Mains auch nur ansatzweise besser? Dort hat das relevante Parteibuch nur eine andere Farbe.

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