Offener Brief an den NDR: Darum lehnten die Menschen Naidoo ab

Einer von den Dreien ist ein "Rassist, aber ohne Ansehen der Hautfarbe".
Einer von den Dreien ist ein „Rassist, aber ohne Ansehen der Hautfarbe“.

Lieber Jan Feddersen.

Mein Name ist Sebastian Flyte und wir kennen uns leider nicht persönlich. Aber offenbar ist Ihr Name vielen Menschen bei der Ruhrbaronen und ihrem Umfeld ein Begriff – im ungefiltert positivem Sinne. Mit Ihrer Person wurden sehr viele positive Attribute verbunden und gerade deshalb bin ich ob Ihres Kommentars überrascht – oder soll ich besser sagen: der Verteidigungsphalanx gegenüber des Ex-Kandidaten und ihres aktuellen Arbeitgebers. Nein, wenn ich es jetzt noch mal überlege, ich würde es härter formulieren: ich bin entsetzt.

Entsetzt, weil Sie den Fehler, der mit der Auswahl, mit der Kür und der 60 Stunden dauernden Verteidigung verbunden ist, bei einem Großteil der Bevölkerung abladen, die das gemacht hat, was Ihre Kommentatoren in den Tagesthemen oder in irgendwelchen Brennpunkten ständig anmahnen: nämlich bürgerschaftliches Engagement und vor allem Rückgrat. Diese Menschen haben allein bei unserer Petition bald 30.000 (sic!) mal „Nein“ gesagt zu einer Entscheidung, die sie nicht mittragen wollen, weil diese Entscheidung das falsche Bild von Deutschland in die Welt sendet. Ein Bild, dass, hätte der NDR an seiner Personalie festgehalten, durch NACHGEWIESENE und SELBST getätigte Aussagen von Herrn Naidoo in die falsche Richtung gegangen wäre.

Sie kübeln mit jeder Zeile Ihres Kommentars verbalen Schutt auf diejenigen ab, die – zurecht – auf die Aussagen, Auftritte und Songtexte eines Sängers hingewiesen haben, die unstrittig eine Gesinnungshaltung ( oder eine sehr widerwärtige PR-Strategie folgt) widerspiegeln, die auch für eine gebührenfinanzierte Anstalt indiskutabel sind. Wäre Herr Naidoo etwa Mitarbeiter bei einem bestimmten Berliner Verlag gewesen, hätte er spätestens nach dem Auftritt bei den Reichsbürgern die Kündigung erhalten, weil er gegen die ethischen Grundsätze des Hauses verstößt. Und Sie tun das alles als „dumme Jungenstreiche“ von Herrn Naidoo ab? Wollen Sie mich veräppeln?

Sie versuchen allen ernstes, seine umstrittenen Aussagen gegen Schwule mit einem nicht verarbeiteten Kindheitstrauma zu rechtfertigen? Ich frage mich, wie sie dann die verbalen Entgleisungen gegen die jüdischen Banker vernebeln wollen? Mit der falschen Stellung der Gestirne bei seiner Geburt?

Lieber Herr Feddersen.
Ich fühle mich von Ihnen und vom NDR nicht ernst genommen. Und so wie mir geht es Hunderttausenden anderen Menschen auch, die in den letzten Tagen ihre Stimme erhoben und gesagt haben: „Nein, nicht in meinem Namen!“
Sie und Ihr Sender haben in den letzten 60 Stunden alles aufgefahren, um die Kritik im Keime zu ersticken. Sie haben durch Prominente die gebührenzahlenden Menschen, die Kritik übten und auf Naidoos Aussagen/Auftritte hingewiesen haben, aufs derbste beschimpfen lassen. Til Schweiger, mit Gebührengeld und Gelder aus der Filmförderung erst bekannt geworden, bezichtigte die Menschen als „Hetzterroristen“, ein Satiriker und ein Musiker des Privatfunks bezeichneten die Menschen und ihre Kommentare als kollektiv fehl geleitet und kurz vor der Grenzdebilität. Ergo haben wir, die breite Masse, also alles falsch gemacht und die weise Entscheidung, die an irgendeinem schmucklosen NDR-Bürotisch gefällt wurde, einfach nicht verstanden?

Nein, Herr Feddersen. Wir wollen einfach nicht von einem Sänger vertreten werden, der das alles entweder als billigen PR-Gag macht/äußert oder der ein wirkliches Problem mit Schwulen, Juden und Demokraten hat. Allein dass die Menschen nicht wissen, was an den Aussagen des Herrn Naidoo echt oder gespielt ist, ihm das aber alles zutrauen, muss die Person als Kandidaten für den ESC disqualifizieren. Genau deshalb sind die Menschen auf die virtuellen Barrikaden gegangen. Und genau deshalb habe sie sich von Ihnen und Ihren verbalen Scharfschützen beschimpfen lassen. Auch wir hier bei den Ruhrbaronen!

Ich bin mir sicher, dass, wenn der NDR über Naidoo als ESC-Vertreter hätte abstimmen lassen, die virtuelle Wut geringer gewesen wäre. Hätte sich Naidoo sogar in einer Vorauswahl gegen andere durchgesetzt, wäre die Kritik wohl gänzlich ausgefallen. Das wissen Sie auch. Warum schreiben Sie es denn nicht?

Und dann Ihre großes Finale, dass mich an Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ erinnert: Nach Naidoo würde sich die geballte Musik-Prominenz vom ESC abwenden und Deutschland würde über Jahre aus dem Tal der Null-Punkte nicht mehr herauskommen.

Herr Feddersen, mal ehrlich, wie lange begleiten Sie jetzt das Thema ESC? Dann beantworten Sie doch mal eine ganz einfache Frage: Wie oft haben Musik-Prominente des ESC gewonnen? Oder noch besser: Wie bekannt war denn Lena, bevor sie zum ESC fuhr? Wie viele goldene Schallplatten hatte Nicole vor „Ein bisschen Frieden“? Oder was war noch mal Herr Horn, bevor er den Glamrock auf die ESC-Bühne brachte?

Deutschland hat die besten Erfolge mit Musikern erzielt, die jung und hungrig waren, die Lust auf den ESC hatten und nicht mit hohen GeldSummen geködert werden mussten. Bei diesen vielen Musikern mit unbekannten Gesichtern, mit unbekannten Songs – aber mit glühenden Herzen – dort lebt der ESC. Und die Aufgabe des NDR ist es, diese unbekannten Musiker und Talente zu finden. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Das hätte der NDR aber auch schon vor Naidoo wissen können.

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13 Kommentare

  1. #1 | Stefan Laurin sagt am 22. November 2015 um 09:43 Uhr

    Zu den Menschen aus dem Umfeld der Ruhrbarone die Jan Feddersen schätzen und mögen gehöre ich ja auch. Nachvollziehen konnte ich seine Kommentare zu Naidoo gerade deswegen nicht.

  2. #2 | Ben sagt am 22. November 2015 um 10:19 Uhr

    Was in der Sache richtig ist, kann auch in der Ausführung ganz ganz traurig sein. Wir sind viele sic! 111eins!elf!! ist der Duktus der Rechten, die sich Mehrheiten fabulieren. Herr Flyte, Sie sind nicht die Mehrheit und auch das bürgerschaftliche Engagement, das hier gepriesen wurde, spiegelt nicht die Mehrheit wieder. Ganz gewiss nicht.

    Vielleicht sollte es die Mehrheit wiederspiegeln – schön wäre es. Aber wen wollen Sie eigentlich erreichen? Ein gegenseitiges auf die Schulterklopfen ist hier überhaupt nicht nötig. Dieses ewige "wir wissens besser" ohne aber den Lesern auch die Argumente zu präsentieren, ist das erwarten eines Glaubensbekenntnisses der Leser. Das Problem ist, dass sie sich so sehr in der moralischen Wahrheit wähnen, dass sie ihre Aussagen nicht mehr belegen müssen – sie sind ja wahr. Mag sein, mag nicht sein. Nun verbringen nur die meisten Menschen ihre Zeit nicht auf Facebook-Watchblogs, damit sie auf dem laufenden bleiben, wer nun als nächstes zu brandmarken ist. Deshalb wäre es ganz sinnvoll, wenn ein Journalist immer wieder aufzeigt, worum es inhaltlich eigentlich geht – und sich nicht darauf verlässt, dass die Gesinnungsgenossen eh Bescheid wissen.

    Trifft es mit Naidoo den Richtigen? Na sicher. Sind die Methoden die Richtigen? Aber ganz sicher nicht. Allein schon die Okkupation von #notinmyname ist an Lächerlichkeit nicht zu überbieten. Ein "wir sind viele" und deshalb "wir haben Recht" macht die Sache nicht wirklich besser.

    Empörung ist ein schlechter Ratgeber beim Verfassen von Texten. Und Herr Flyte, mal ehrlich, den ganzen zweiten Teil hätten Sie sich sparen können, denn es geht Ihnen doch nicht um den ESC, es geht Ihnen um Xavier Naidoo. So hätten Sie gleich viel mehr Platz gehabt, um Jan Feddersen nicht nur nur anzuflamen, sondern gleich noch ihm und allen Lesern ein paar Beispiele aufzuzeigen, warum es richtig ist, dass Naidoo nicht zum ESC fährt.

  3. #3 | Klaus Lohmann sagt am 22. November 2015 um 10:37 Uhr

    Momentan zeigt sich bei einer ganzen Kette von Promis aus dem Showbizz – unter anderem leider auch bei ansonsten für mich eher "unverdächtigen" Leuten wie Michael Mittermeier (http://www.rosenheim24.de/stars/medienhetze-terrorismus-schweiger-mittermeier-verteidigen-xavier-naidoo-5887134.html) -, welchem "Herrchen" sie mehr gehorchen müssen, wenn es um zeitgemäße Kritik am folkloristischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk geht.

    Dass ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber wohl ganz genau wusste, was Naidoo für eine gequirlt-braune K.cke erzählt und dass genau deshalb kein offenes Voting stattfinden sollte, zeigt einfach überdeutlich, dass die ARD die Hoheit über ihren "Unterhaltungs"-Sektor schon längst an die geriatrische Volkslobby abgegeben hat, die das Internet immer noch für Teufelszeug hält – außer natürlich auf KenFM- und PI-Seiten – und lieber Pegida-Märsche statt HipHop hören will.

  4. #4 | Alreech sagt am 22. November 2015 um 10:51 Uhr

    Solange der Zuschauer zahlt und die Fresse hält können die öffentlich-rechtlichen Sender doch machen was sie wollen.
    Auch jemand wie Naidoo zum ESC schicken.

    Eine Petition gegen diese Entscheidung ist ein Affront gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen und damit gegen unsere freiheitlich demokratische Grundordnung.
    Die Beitragspflichtigen erdreistet sich eine Programmentscheidung in Frage zu stellen, und zwar ohne die Gremien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einzuschalten.
    Der Rundfunkrat des NDR in dem unter anderem gesellschaftlich relevante Gruppen wie die katholische und evangelische Kirche sitzen wäre der richtige Ansprechpartner für diese Bedenken gewesen.
    Ich bin mir sicher dieses Gremium hätte den bekennenden Christen Naidoo schon vor jeder Sünde freigesprochen und zum ESC geschickt, auf das Deutschland mit frommen Liedgut punktet.

    Im übrigen steht es jedem Beitragspflichtigen frei die Zahlung des Rundfunkbeitrags einzustellen und gegen den nach circa einem Jahr eingehenden Beitragsbescheid vor dem Verwaltungsgericht zu klagen. Würde das jeder machen der mit den öffentlich-rechtlichen Sendern unzufrieden ist, würden die Verwaltungsgerichte unter der Last der Klagen zusammenbrechen.

    Das die Konsumenten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mehr Mitsprache enthalten ist dringen nötig.
    Hier bietet sich eine Direktwahl der Rundfunkräte durch die Beitragspflichtigen an. Der ARD ZDF Deutschlandfunk Beitragsservice hat alle dazu nötigen Daten (wer in welchen Haushalt wohnt) und die Wahl kann per Briefwahl erfolgen. Der Rundfunkrat sollte dann vor allem den Haushalt der Rundfunkanstalten und ihre Personalpolitik kontrollieren.
    Skandale wie Millionenverträge für einen abgehalfterte Showstar dessen Bruder in Verdacht steht Schleichwerbung bei einer großen Show des ZDFs untergebracht zu haben sollten damit nicht mehr vorkommen.

    Zudem wäre es angebracht das die Landesmedienanstalten bei Verstößen der öffentlich-rechtlichen Sender gegen den Rundfunkstaatsvertrag Sanktionen verhängen könnten. Bei den privaten Sendern dürfen sie das schon jetzt, und es gibt keinen Grund die öffentlich-rechtlichen Sender von dieser Kontrolle auszunehmen.

  5. #5 | Arnold Voss sagt am 22. November 2015 um 11:05 Uhr

    @ Ben # 2

    "Herr Flyte, Sie sind nicht die Mehrheit und auch das bürgerschaftliche Engagement, das hier gepriesen wurde, spiegelt nicht die Mehrheit wieder. Ganz gewiss nicht."

    Ben, was macht sie da so sicher? Oder wissen s i e, was die Mehrheit denkt? Und wenn sie es wissen, w o h e r wissen sie das in diesem Fall?

    Im übrigen hat Herr Flyte nichts von Mehrheit geschrieben. Er hat stattdessen darauf hingewiesen, wie man die Meinung der Mehrheit zumindest annäherungsweise hätte herausbekommen können. Und zwar in dem die Verantwortlichen sich an das bisher übliche Verfahren der Kandidatenauswahl halten.

    Falls sie das überlesen haben, hier nochmal der Originalton von Herrn Flyte: "Ich bin mir sicher, dass, wenn der NDR über Naidoo als ESC-Vertreter hätte abstimmen lassen, die virtuelle Wut geringer gewesen wäre. Hätte sich Naidoo sogar in einer Vorauswahl gegen andere durchgesetzt, wäre die Kritik wohl gänzlich ausgefallen. "

    Dass sie dann gänzlich ausgefallen wäre, glaube ich, im Gegensatz zu Herrn Flyte, allerdings nicht.

  6. #6 | Thorsten Stumm sagt am 22. November 2015 um 11:17 Uhr

    Danke Sebastian, genau auf den Punkt.

  7. #7 | Petra sagt am 22. November 2015 um 13:00 Uhr

    Es hätte keinen Aufschrei, keinen Shitstorm gegeben, wenn man uns demokratisch hätte wählen lassen. Selbst Kritiker von Naidoo hätten mit den Achseln gezuckt und sich in das Schicksal ergeben, ausgerechnet jemanden nach Stockholm zu schicken, der zum einen für ein Land hätte antreten müssen, dessen Existenz er anzweifelt und zum anderen für eine Organisation der ÖR, deren Finanzierungsmodell er ablehnt. Wie könnte er eigentlich eine Gage kassieren, die von "dummen Schlafschafen" bezahlt wird?

  8. #8 | mike sagt am 23. November 2015 um 12:39 Uhr

    immer dasselbe,ein paar schwule medien experten sind schlecht drauf und machen mit stimmen der schwulen Lobby verbände und schwulen polikern Stimmung gegen einen nicht Stromlinien förmigen sänger der mal irgendeinen Halbsatz falsch formuliert hat.hahahahahah weiter so dann wird alles was unnormal ist bald als normal verkauft.

  9. #9 | JR sagt am 23. November 2015 um 13:19 Uhr

    @mike: Lediglich die Substantive "Sänger" und "Halbsatz" sind in Ihrem Beitrag nicht mit dem Adjektiv "schwul" beschrieben. Ich bitte, das noch zu korrigieren. Danke!

  10. #10 | Andrea Knobloch sagt am 23. November 2015 um 21:15 Uhr

    Besonders der polemische Teil leidet unter den grammatikalische Irrtümern und Rechtschreibfehlern, die der Autor aufbietet um Feddersen in seine Schranken zu weisen. Aber die Diskussion ist wichtig. Medienmacht ist nicht alles, 30.000 Unterstützer aber eben auch nicht!

  11. #11 | Alreech sagt am 23. November 2015 um 22:58 Uhr

    Natürlich sind es nur die Schwulen die Naidoos Texte kritisch finden.
    Ansonsten ist der Song über schwule Geheimgesellschaften die Kinder schänden völlig o.k. Ist ja nicht so das wegen solcher Gerüchte nicht schon Menschen unschuldig in den Knast gewandert und Familien zerstört worden sind…
    https://de.wikipedia.org/wiki/Wormser_Prozesse
    https://en.wikipedia.org/wiki/McMartin_preschool_trial
    Komischerweise hat der Sohn Mannheims sich noch nicht über eine gewisse Sekte geäußert deren Hauptquartier seit fast 2000 Jahren in Rom ist, und die jahrzehntelang sexuellen Mißbrauch von Kindern geduldet und vertuscht hat. Laut einem Gerichtsurteil darf man die sogar als Kinderschändersekte bezeichnen.
    NaJa, immerhin sitzt diese Sekte auch in den Rundfunkräte, mit denen will man es sich als christlicher Künstler nicht unbedingt verscherzen…

  12. #12 | Die Promi-Claqueure des Xavier Naidoo: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr @ gwup | die skeptiker sagt am 24. November 2015 um 11:37 Uhr

    […] Liedzeile Naidoos in Erinnerung, und bei den Ruhrbaronen erklärt Sebastian Flyte in einem offenen Brief an den […]

  13. #13 | Die Schweiz und der Eurovision Song Contest | blog.bergpirat.com sagt am 29. November 2015 um 16:27 Uhr

    […] Dieses Jahr war es die Nomination von Xavier Naidoo für Deutschland welche mir die Timeline flutete. Aber dazu möchte ich gar nichts schreiben, das haben andere schon zu genüge getan: http://www.ruhrbarone.de/offener-brief-an-den-ndr-darum-lehnten-die-menschen-naidoo-ab/117566 […]

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