Ein möglicher Wechsel von Sebastian Kehl zum HSV, wie er aktuell in einigen Medien diskutiert wird, würde in Dortmund zunächst für Schlagzeilen sorgen – und vermutlich für empörte Reaktionen in der Vereinsführung. Doch jenseits der Emotionen lohnt sich ein genauer Blick. Denn so unbequem es klingt: Ein Abgang Kehls wäre für Borussia Dortmund möglicherweise genau der Impuls, den der Klub seit Jahren vergeblich sucht.
Bei der Vorstellung von BVB-Trainer Niko Kovac in Dortmund im Februar. Foto: Robin Patzwaldt
Ein 3:3 bei Eintracht Frankfurt ist objektiv betrachtet kein schlechtes Resultat. Kaum ein Bundesligist fährt regelmäßig mit drei Punkten aus dem Deutsche-Bank-Park nach Hause, und selbst ein Rückstand kurz vor Schluss wird dort oft nicht mehr korrigiert. Auch für Borussia Dortmund gilt das grundsätzlich. Und doch fühlt sich dieses Remis des BVB vom Freitagabend wie ein weiterer Rückschlag an.
Ist BVB-Sportgeschäftsführer Lars Ricken zu harmoniebedürftig? Foto: Robin Patzwaldt
Matthias Sammer hat mit seiner von vielen Medien aufgenommenen Kritik an der Vereinsführung des BVB recht – und genau deshalb trifft seine Kritik einen empfindlichen Nerv, sorgt aktuell für leidenschaftliche Diskussionen im Umfeld des Klubs.
In einem Verein, der sich gern als selbstkritisch und ambitioniert begreift, wird unangenehme Wahrheit zunehmend als Störgeräusch wahrgenommen. Sammer benennt dieses Problem offen – und entlarvt damit eine Führungskultur, die sich zu oft im eigenen Wohlklang verliert.
Aki Watzke hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt – das ist die bittere Erkenntnis nach seiner Wahl zum neuen Präsidenten von Borussia Dortmund am Sonntag. Natürlich: Er wurde gewählt. Doch entscheidend ist nicht das Ob, sondern das Wie. Nur 59 Prozent der abstimmenden BVB-Mitglieder gaben ihm am Sonntag ihre Stimme. Ein Wert, der für einen Kandidaten ohne offiziellen Gegenkandidaten kaum anders als eine schallende Ohrfeige zu deuten ist.
Wer als alleiniger Bewerber nicht einmal Zwei-Drittel-Zustimmung erhält, bekommt nicht das Vertrauen – er bekommt einen Warnschuss. Und zwar einen sehr lauten.
Hans-Joachim ‚Aki‘ Watzke. Archiv-Foto: Robin Patzwaldt
Hans-Joachim Watzke präsentiert sich in seinem jüngsten Interview bei einem BVB-Fanmagazin, über das in gestraffter Form auch die Kollegen der WAZ berichteten, als erfahrener Krisenmanager, der nach zwei turbulenten Jahrzehnten beim BVB noch einmal „Ordnung schaffen“ will.
Doch gerade diese Selbstinszenierung offenbart die Grundprobleme seines Führungsstils: ein Festhalten an alten Machtstrukturen, ein Hang zur Personalisierung von Konflikten und ein Verständnis von Verantwortung, das allzu oft hinter politischen Formulierungen verschwimmt.
Als der FC Bayern München im Sommer 2024 Vincent Kompany als neuen Cheftrainer präsentierte, war die Skepsis groß. Zu unerfahren, zu unerprobt auf höchstem Niveau, zu riskant für einen Klub, der sich traditionell nur mit Titeln zufriedengibt.
Während in München noch über seine Verpflichtung diskutiert wurde, wurde anderswo gelacht – vor allem auch in Dortmund. Dort schien man sich sicher: Der FC Bayern habe nach einer chaotischen Trainersuche die Notlösung gewählt, während Borussia Dortmund mit Nuri Sahin den „Wunschtrainer mit Stallgeruch“ gefunden zu haben glaubte.
Am Stadion des BVB in Dortmund. Foto: Robin Patzwaldt
Als Borussia Dortmund an diesem Wochenende offiziell bestätigte, dass Mike Tullberg sein letztes Spiel als Trainer der U23 gegen Gladbach II bestreiten würde, brach eine Welle von Enttäuschung über die Fan-Szene des BVB herein.
Für viele Anhänger war er mehr als nur ein Trainer – ein Hoffnungsträger für die Nachwuchsförderung, der Werte und Nähe zum Klub verkörperte. Umso schmerzlicher erscheint es, dass dieser Abschied nicht in Ruhe, sondern mitten im Saisonstart erfolgte.
Das kommt überraschend! Nun doch kein Wahlkampf, keine inhaltliche Kontroverse auf offener Bühne, kein Ringen um den richtigen Weg – Borussia Dortmund bekommt doch keinen offenen Wettbewerb um das Präsidentenamt.
Amtsinhaber Reinhold Lunow hat am Freitag seinen Verzicht erklärt. Damit bleibt die spannendste Frage der letzten Monate unbeantwortet: Wie viel Demokratie und innerer Streit ist beim BVB eigentlich noch gewollt?
Vorstellung von BVB-Trainer Niko Kovac (2.v.r.) in Dortmund im Februar. Foto: Robin Patzwaldt
Es sollte ein Sommer des Umbruchs in Dortmund werden. Ein Neuanfang. Nach einer Saison voller Widersprüche, in der der BVB zwar dank eines starken Endspurt erneut die Champions-League-Qualifikation klar machte, aber gleichzeitig in der Bundesliga über weite Strecken enttäuschte, war die Marschroute eigentlich klar: Die Mannschaft muss neu strukturiert, mit frischer Qualität und neuer Mentalität aufgeladen werden.
Doch Stand Ende Juli wirkt die vielbeschworene Erneuerung eher wie eine leere Worthülse. Denn von einem Umbruch ist bislang kaum etwas zu sehen. Im Gegenteil: Der BVB droht, eine einmalige Gelegenheit zu verspielen.
Das Stadion in Dortmund im Februar 2025. Foto: Robin Patzwaldt
Matthias Sammer hat sich in den vergangenen Monaten mehrfach kritisch zum Zustand des deutschen Fußballs geäußert – und dabei den Finger tief in die Wunde gelegt. Seine Diagnose: zu viel Selbstzufriedenheit, zu wenig Führung, mangelnde Charakterstärke bei Spielern und Funktionären, eine Entfremdung vom Leistungsgedanken und ein erschreckendes Maß an Durchschnittlichkeit im internationalen Vergleich. Wer dem deutschen Fußball ehrlich ins Gesicht schaut, wird schwerlich widersprechen können. Die Länderspiel-Enttäuschungen der letzten Jahre, das anhaltende Mittelmaß deutscher Klubmannschaften in Europa sowie die strukturellen Schwächen in Ausbildung und Führungskultur sprechen eine klare Sprache.
Sammer trifft mit seinen Worten einen Nerv, weil er aus dem Innersten des Systems spricht – als Ex-Profi, Trainer, Sportdirektor und heutiger Berater. Seine Perspektive ist nicht die eines außenstehenden Kritikers, sondern eines Mitverantwortlichen, der aus tiefer Überzeugung heraus Missstände anprangert. Genau darin liegt aber auch ein Widerspruch: Denn Sammer ist seit Jahren externer Berater bei Borussia Dortmund – jenem Klub, der selbst Teil des Problems ist.
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