Uraufführung am Tanztheater Wuppertal: Neues Stück II von Alan Lucien Øyen

Neues Stück II am Tanztheater Wuppertal von Alan Lucien Øyen (Foto: Mats Bäcker)

Als vor nur drei Wochen Dimitris Papaioannou mit „Seit sie“ die Nach-Pina-Bausch-Ära am Wuppertaler Tanztheater einläutete, hatte der Choreograph vor lauter trickreicher Bilder das Tanzen vergessen. Das machte nun bei der Premiere des noch unbetitelten Neuen Stückes II am 2.6. der junge norwegische Choreograph Alan Lucien Øyen anders.

Zunächst einmal zeigt jedoch das Bühnenbild von Alex Eales, dass es tanzen kann. Der Brite hat mehrere Elemente gebaut, die Teile von Räumen mit Fenstern, Lampen und Türen,   abblätternder Wandfarbe und sich lösenden Tapeten zeigen. An die wunderbar aus der Zeit gefallenen Räume von Anna Viehbrock könnte man denken, wären da nicht die Rückseiten, die Ränder, die deutlich klar machen, dass es sich hier nur um Kulissen handelt. Hoch im Bühnenhimmel hängt ein unordentlich geraffter Vorhand – oder ist es ein gerefftes Segel? Die beiden mittleren Winkelelemente der Wände sind drehbar, bilden so unablässig neue Situationen, bewegt von den Tanzenden selbst. Und so vollführt das Bühnenbild die erste Pirouette des Abends, doch dann folgt auch schon das erste menschliche Tanzsolo.

Vor allem setzt aber Øyen an diesem dreieinhalbstündigen Abend auf Schauspiel. Unzählige knappe Szenen und Szenenskizzen, meist dialogisch, reiht er aneinander. Immer geht es um Abschied und Tod, Trennung und Verlust, mal melancholisch, mal mit einer Wendung ins Absurde. Wenn etwa die Trauernde sich vom Bestatter erklären lassen muss, dass sie nicht erwarten kann für den Verstorbenen ein Grab mit Aussicht zu erhalten, wenn sie nicht rechtzeitig im Voraus gebucht hat. Das erinnert oft von Ferne an Roland Schimmelpfennig, zumal dann, wenn Øyen im zweiten Teil seine Geschichten lose verknüpft, wie es der Dramatiker oft in seinen Copy/Paste-Dramaturgien tut. Der Vorteil von Øyens Herangehensweise ist, dass sie für den Zuschauer sehr zugänglich ist und in der Vielzahl der Versatzstücke sich auch viel Reizvolles findet. Der wohl poetischste Augenblick ist, wenn Julie Shanahan im zweiten Teil bäuchlings auf der Bühne liegend Fragen stellt. Fragen wie „Do stairs know, where they lead to? Are raindrops afraid of falling? Are snowflakes aware of their uniqueness?“ Eine Fragestunde wie von Fischli/Weiss erdacht. Problematisch wird es jedoch oft, wenn die Ensemblemitglieder auf deutsch spielen. Allzuoft wird dann offenbar, dass sie eben keine Schauspieler sind. Der eine oder andere durchaus schöne Text kommt da nicht recht überzeugend über die Rampe. Auch beim Humor geht es manchmal nicht ganz glatt, wenn etwa der Bestatter seine Kundin bittet, ihm den Aschenbecher zu reichen und dabei auf die Urne im Schaufenster deutet. Das ist platt und überflüssig.

Neues Stück II von Alan Lucien Øyen am Wuppertaler Tanztheater (Foto: Mats Bäcker)

Bei der Verbindung von Schauspiel und Tanz scheitert Øyen allerdings weitgehend. Ihm fällt dazu oft nichts anderes ein, als neben einer Spielszene irgendwo im Bühnenbild noch ein Ensemblemitglied tanzen zu lassen. Es sind fast ausschließlich Solos, die weitgehend verbindungslos zum szenischen Geschehen bleiben. Beides steht oft störend nebeneinander. Die schönsten Tanzszenen sind deshalb die, die sich nicht gegen die Szene durchsetzen müssen. Etwa wenn Nazareth Panadero ein kurzes Solo mit riesigem rosa Morgenmantel tanzt, oder wenn in der Szene über die Anziehung und Zurückweisung eines schwulen Paares Tanz und Text ineinander verwoben sind.

Rätselhaft bleibt, warum Stine Sjøgren die Tanzenden in verwaschen blassfarbige Kleider, Hemden und Hosen steckt, die am ehesten an die 1950er Jahre gemahnen. Zwar korrespondiert das in Etwa mit Eales‘ Bühnenbild, mit den Tapetenmustern und Lämpchen, man mag es auch in der Musik bei den eingestreuten Swing-Nummern des Casa Loma Orchestra, von Billy Holiday oder Nat King Cole wiederfinden. Vielleicht auch szenisch bei den zwei Episoden, die auf das Hollywood-Kino verweisen. Doch in Gänze wirkt diese zeitliche Verortung nur wohlfeil und geschmäcklerisch. Auf der Suche nach der Zukunft des Wuppertaler Tanztheaters wäre es sehr hilfreich, wenn die flatternden Blumenkleidchen und pastellfarbene Hemden mal im Fundus bleiben würden.

Was den Abend jedoch wirklich problematisch macht, ist die Musik. Øyen lässt sie fast durchgehend laufen, manchmal etwas vordergründiger, manchmal leise im Hintergrund dudelnd. Die Swingnummern sind dabei die Ausnahme. Der Rest ist von enervierender Belanglosigkeit. Geklimperte Akkordbrechungen von Nils Frahm, Goldmund, Joel Beving und wie die „neoklassischen“ Hintergrundmusik-Langweiler alle heißen. Dazu ein bisschen Filmmusik von Jon Brion und anderen, die sich als elektronischer Ambient mit Plingplong, mal mehr mal weniger cheesy, nahtlos in die quälende Bedeutungslosigkeit einreiht. Zu guter Letzt gibt es noch ein bisschen possierliche Minimal Music von John Adams und Terry Riley oben drauf. Ein kaum unterscheidbarer Brei an wohliger Atmosphärelosigkeit, in dem jeder mögliche Stimmungswechsel sofort ertränkt wird, als hätte Yann Tiersen seine schmalztriefende Finger im Spiel gehabt. Gerade den Tanznummern schadet diese musikalische Nichtigkeit, weil expressive Bewegungen auf dieser Folie schnell wie prätentiöses Gezappel wirken. Die Musik macht diesen ansonsten nicht langen dreieinhalbstündigen Abend irgendwann zu einem quälend zähen Ereignis.

Genauso wie Papaioannou scheitert auch Øyen an dem Versuch, das Wuppertaler Ensemble, die Form des Tanztheaters an sich und den modernen Tanz in die Jetztzeit zu holen, wenn auch auf ganz unterschiedliche Art. Zeitgenossenschaft findet sich im Tanz tatsächlich zur Zeit eher im Performativen und im zeitgenössischen Ballett. Und dennoch sind diese beiden Arbeiten wichtig und richtig gewesen, gerade auch in ihrem Scheitern. Es wäre naiv zu glauben, ausgerechnet dieses unter seiner Tradition ächzende Ensemble könne so einfach ins Heute geholt werden. Das Scheitern Papaioannous und Øyens werden sich die nächsten Gast-Choreographen (und hoffentlich bald auch mal Choreographinnen) genau anschauen und analysieren, bevor sie sich an diese Herkulesaufgabe heranwagen.

Termine und Tickets: Wuppertaler Tanztheater

 

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Tanzliebling
Tanzliebling
6 Jahre zuvor

Wo ist Pina Bauschs Geist geblieben, wo der Tanz?
Wenn nach dem neuen Stück II im Tanztheater Wuppertal
das der Aufbruch in eine neue Ära sein soll,
dann doch der Aufbruch in den Untergang:
Unklare, schwammige Szenen, verschwindend wenig Tanz,
dafür Bühnenbilder die mit ihrer Mechanik und Fläche das Geschehen
dominieren,
langweilen selbst den Kunstkenner, der Ungewohntes, Unerwartetes
und Widersinniges moderner Kunst einzuordnen weiß.

trackback

[…] nur wenig verantwortlich war. Sowohl der in Ehrfurcht schlicht erstarrte Papaioannou als auch Øyen klebten in ihren Arbeiten an einem Frau-Mann-Verhältnis, an Rollenbildern und -Klischees und dem […]

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