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Warum ich als BVB-Fan dem FC Bayern München heute ausnahmsweise mal die Daumen drücke

Thomas Tuchel in seiner Zeit als BVB-Trainer. Archiv-Foto: Robin Patzwaldt

Am heutigen Abend trifft der FC Bayern München im Rückspiel des Achtelfinales in der UEFA Champions League in der heimischen Arena auf Lazio Rom. Nach dem 0:1 im Hinspiel gilt es für den deutschen Rekordmeister dabei einen Sieg mit zwei Toren Vorsprung zu erzielen, wenn das frühzeitige Aus in diesem Wettbewerb denn noch verhindert werden soll.

Normalerweise wäre das für mich als bekennenden BVB-Fan ja eine willkommene Gelegenheit auf eine Blamage der Bayern zu hoffen. Heute ist das jedoch einmal anders. Ganz anders. Und dazu gibt es einen besonderen Grund.

Als die Münchener vor rund einem Jahr Trainer Thomas Tuchel als Nachfolger von Julian Nagelsmann verpflichtet hatten, da blickte ich tatsächlich ein paar Tage lang neidisch in Richtung Isar. Tuchel hätte ich viel lieber in Dortmund auf der Trainerbank gesehen. Trotz seines unrühmlichen Ausscheidens nach einem Streit im Sommer 2017 überzeugte Tuchel mich jahrelang als Typ mit Ecken und Kanten und natürlich auch als moderner, aufstrebender Coach. Ich mochte Tuchels Art schon zuvor, als er noch als Coach des FSV Mainz 05 in der Bundesliga frischen Wind erzeugte, und ich freute mich dann, dass ausgerechnet er in Dortmund zum Nachfolger des 2015 scheidenden Jürgen Klopp ernannt wurde.

Im Rahmen etlicher Pressekonferenzen in Dortmund, in denen ich Tuchel dann auch ein Stück weit abseits des Kameralichts zumindest etwas besser kennenlernen durfte, überzeugte er mich weiter mit seiner authentischen Art. Tuchel gab sich zielstrebig und extrem ehrgeizig. Für mich war er genau der richtige Mann für die Schwarzgelben.

Viele sahen das damals anders. Ihnen war Tuchel nach Klopp, dem Liebling der Massen, nicht ‚fannah‘ genug. Sportlich erfüllte Tuchel die Ansprüche. Er führte den BVB nach dem enttäuschenden letzten Klopp-Jahr (nach Endspurt immerhin noch 7. in der Bundesliga) zurück an die nationale Spitze (2. und 3. Platz in der Liga), gewann im Sommer 2017, als Abschluss seiner Zeit im Ruhrgebiet, noch den DFB-Pokal mit der Borussia, feierte im bisher letzten großen Autocorso rund um den Borsigplatz mit Mannschaft und Anhängern.

Ich hatte mir auch nach der Trennung im Juni 2017 immer gewünscht, dass er eines Tages nach Dortmund zurückkehren würde, wenn dies natürlich auch von Anfang an nicht besonders realistisch erschien, nachdem Tuchel und BVB-Boss Aki Watzke sich rund um den Bombenanschlag auf den BVB-Mannschaftsbus im April 2017 offenbar hinter den Kulissen so sehr verkracht hatten, dass eine weitere Zusammenarbeit (zumindest aus Watzkes Sicht) unmöglich erschien. Ich hätte es begrüßt, wenn die beiden über ihre Schatten gesprungen wären und sich irgendwie im Sinne der Sache arrangiert hätten. Zum Wohle des BVB. Ich bin mir sicher, der Verein wäre heute in seiner Entwicklung weiter, als er es aktuell ist.

Als Tuchel nach seiner Zeit in Paris und London dann im vergangenen Frühjahr nach München kam, machte mich das auf Anhieb wieder ein Stück weit wehmütig. Der Weg zurück nach Dortmund, er schien für mich spätestens seit diesem Zeitpunkt auf Jahre verbaut, wenn nicht sogar dauerhaft unmöglich gemacht.

Mit dem, was Tuchel seither in München miterleben musste, habe ich damals aber nicht ansatzweise gerechnet. Jetzt, gerade einmal ein knappes  Jahr später, droht ihm bei Bayern schon wieder das sofortige Aus. Auf eine Trennung nach Saisonende hatten sich die Beteiligten schon vor einigen Tagen geeinigt. Die erforderliche Rückendeckung für den neuen Trainer schien im Klub von Anfang an nicht uneingeschränkt vorhanden zu sein. Gerade aber in den Tagen seit dem Hinspiel in Rom, scheint die Position von Tuchel von Tag zu Tag noch weiter geschwächt zu werden. Ich finde, er hat das in dieser Form nicht verdient. Dass er jetzt stellenweise unsouverän und patzig reagiert mag unprofessionell erscheinen, ist für mich, bei diesem Umgang, aber durchaus nachvollziehbar. So etwas habe ich in dieser Form in den vergangenen Jahrzehnten im Profifußball nur selten erlebt. Im Regelfall wird ein Trainer auch in schwierigen Zeiten, zumindest nach außen hin, deutlich länger und leidenschaftlicher unterstützt. Tuchel scheint in München aktuell fast als Einzelkämpfer unterwegs zu sein. Sehr ungewöhnlich!

Natürlich müsste einem um die berufliche Zukunft eines Thomas Tuchel grundsätzlich nicht bange sein, auch wenn er nach einem Ausscheiden heute Abend tatsächlich noch vor Saisonende aus dem Amt scheiden müsste. Trotzdem drücke ich ihm heute Abend besonders kräftig die Daumen, dass es ihm doch noch irgendwie gelingen möge, den seit Wochen lustlos agierenden Teilen der Bayern-Mannschaft und den Teilen der Offiziellen, die ihm bereits die volle Rückendeckung zu verwehren scheinen, ein Schnippchen zu schlagen.

Tuchel ist schwierig. Das war aber auch bei seiner Verpflichtung in München schon allen bekannt. Jetzt so zu tun als wäre das anders gewesen, ist ein Unding. Tuchel ist selbstbewusst, manchmal arg unbequem und ein Stück weit ‚bockig‘. Das war er auch schon in Dortmund. So sind sie aber häufig, die ganz großen Trainer. Fragt mal bei Pep Guardiola oder José Mourinho nach. Wir in Dortmund müssen hingegen aktuell mit einem blassen Coach vom Schlage eines Edin Terzic vorlieb nehmen, dessen  immer gleiche Floskeln man in den Pressekonferenzen kaum noch hören mag.

Auch in Sachen Erfolg kann Terzic einem Tuchel auf Dauer längst nicht das Wasser reichen. Dazu muss man gar nicht auf die aktuelle Tabelle in der Bundesliga oder aber die Titelsammlung eines Thomas Tuchel (u.a. Champions League-Sieger mit Chelsea 2021) schauen, dazu muss man sich in Dortmund nur noch einmal an das verkorkste Saisonfinale 2022/23 erinnern, wo der BVB mit Terzic auf der Bank am Ende mit dem Druck nicht klar kam und ausgerechnet dem in Dortmund damals aussortierten Ex-BVB-Coach  Tuchel und seinen Bayern auf der Zielgrade den Vortritt lassen musste.

In diesem Sinne: Kämpfen, Thomas Tuchel! 🙂

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