Kategorie: Umland

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[Warpaint eröffnen VISIONS-Party in Münster]

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Die legendäre VISIONS-Party-Reihe expandiert neben Dortmund, Berlin und München im September nun auch nach Münster – und bringt mit Warpaint gleich einen echten Live-Kracher als Auftakt für den Abend mit.

Die mittlerweile aus vier Frauen bestehende US-amerikanische Rock-Band aus Los Angeles besteht seit genau zehn Jahren. Musikalisch findet sie sich  in einer Mischung aus Post-Punk, Post-Rock, Psychedelic Rock und Indie-Rock wieder. Dabei bietet sie ein Repertoire aus melancholischen Stücken, die eine atmosphärische Schwere tragen und an Bands wie The Cure, Joy Division und die frühen Cocteau Twins erinnern.

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Ice Bucket Challenge: Captain Picard mahnt uns alle wieder zur Ordnung


Die sogenannte ‚Ice Bucket Challenge‘ wabert seit Tagen durch die sozialen Netzwerke. Die faktisch als ‘Kettenbrief’ angelegte Aktion, wo man sich, nachdem man nominiert wurde, innerhalb von 24 Stunden, entweder einen Kübel Eiswasser über den Kopf schütten soll, oder aber für einen wohltätigen Zweck spenden muss, soll Aufmerksamkeit und Geld zugunsten der ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) Association einbringen, um die Erforschung einer der heimtückischsten Krankheiten der Welt zu unterstützen.

Weit über 60 Millionen Dollar sollen so mittlerweile zusammengekommen sein. Eine beträchtliche Summe für einen guten Zweck. Das ist natürlich klasse. weiterlesen

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Ein Abend mit Degenhardt. Teil 3: Sickboy

Badezimmer

Bild: Jennifer Apolinario-Hagen

Für die Ruhrbarone traf sich Julius Hagen mit dem Düsseldorfer Underground-Art-Rapper Degenhardt und sprach mit ihm über Pornographie und die Liebe, eine Jugend zwischen Stasi-Knast und Punkrock, drogeninduzierten Psychosen und dem alltäglichen Wahnsinn. In Teil 3 berichtet Degenhardt vom Wahnsinn und der “long hard road out of hell”.

Ich frage Degenhardt nach dem altgedienten Klischee von Genie und Wahnsinn. „Ich bin sehr sensibel, alle Künstlertypen sind sensibel und gehen irgendwann kaputt. Nimm dir den klassischen Handwerker, der abends seine zwanzig Bier trinkt.“ beginnt er, nachdem ich den Aufnahmeknopf des Mikrofons betätigt habe. Es ist spät geworden. „Der könnte wahrscheinlich auch auf LSD und Ecstasy klarkommen. Der wird vielleicht noch nicht einmal drei Gedankengänge mehr davon haben.“ Im letzten Teil des Interviews will ich mit ihm die Geschichte seines (laienhaft gesprochen) Wahnsinns aufbereiten. „Das ist wie bei einem Scheiß-Autoradio. Bei einem Autoradio mit 200 Funktionen kann auch mehr kaputt gehen als bei einem mit drei Funktionen – da kann ich Benzin drüber kippen und vielleicht funktioniert es noch. Bei 200 Funktionen können mindestens 150 kaputtgehen. Ich hoffe, das wirkt jetzt nicht zu elitär. Ich glaube, das ist in gewisser Hinsicht sogar fair. Du bist halt sensibler in anderer Instanz, kannst ein wunderschönes Gedicht über eine Schwalbe schreiben. Anderseits können eine Pille oder ein Pilz dich ficken. Und so war es dann ja auch.weiterlesen

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“Wo sollen wir denn hin? Schon wieder wissen wir nicht wohin?“

Gabriel Goldberg auf der Kundgebung in Köln Foto: Privat

Am vergangenen Sonntag hielt Gabriel Goldberg auf einer Demonstration gegen Antisemitismus in Köln eine sehr persönliche Rede, die wir hier wiedergeben.

Verehrte Anwesende,

vielen Dank, dass Sie so zahlreich zu dieser Veranstaltung erschienen sind.

Und vielen Dank an das Bündnis gegen Antisemitismus Köln, eine Organisation die erst kürzlich gegründet wurde, eine Organisation, bestehend aus jungen, idealistischen Menschen, die beschlossen haben, ihr Schicksal selbst in die Hände zu nehmen.

Ich wurde gebeten, einen Redebeitrag über die Befindlichkeit eines Juden in Deutschland, im Sommer 2014 zu halten. Ich möchte anmerken, dass ich nicht für alle deutschen Juden sprechen kann, ich spreche für mich. weiterlesen

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Bruce Hornsby – Neues Live-Doppel-Album ‘Solo concerts’


Es gibt Musiker, die erfreuen sich zwar bei Kritikern und in der Fachwelt eines exzellenten Rufes, sind aber längst nicht einem so breiten Publikum bekannt, wie es ihrer musikalischen Leistung wohl gebühren würde. Wenn das zu beurteilen natürlich auch immer ein gute Stück weit subjektiv ist.

Zu diesen von den reinen Verkaufszahlen her wohl etwas zu kurz gekommenen Musikern würde ich auch den 1954 in Williamsburg (Virginia) geborenen Pianisten und Sänger Bruce Hornsby zählen. Musikalisch ist der inzwischen fast 60-jährige Songschreiber sehr vielseitig, spielt unterschiedliche Stilrichtungen von Pop und Jazz bis hin zu Bluegrass. Weltweit bekannt wurde Hornsby 1986 mit seinem Hit ‚The Way It Is‘, der in den USA Platz 1 erreichte. weiterlesen

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Theater Dortmund beginnt neue Spielzeit: “Kulturgenuss mit Format”

Alexander Klaws als Jesus Christ Superstar, Foto: Marcel Schaar

Alexander Klaws als Jesus Christ Superstar, Foto: Marcel Schaar

Startschuss mit Genuss – die neue Spielzeit hat begonnen

Die Theaterferien sind zu Ende und unter dem Motto Kulturgenuss mit Format meldet sich das Theater Dortmund zurück aus der Sommerpause. Die Freude über die Produktionen der neuen Spielsaison ist bei allen sichtbar – die Highlights werden noch einmal vorgestellt. Die fünf Spartenleiter Jens-Daniel Herzog (Oper), Andreas Gruhn (Kinder- und Jugendtheater), Xin Peng Wang (Ballett), Kay Voges (Schauspielhaus) und Generalmusikdirektor Gabriel Feltz begrüßen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Theaters. Gemeinsam stimmt man sich auf die neue Spielzeit ein.

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Fussballtempel: ‚Groundhopping light‘ vom heimischen Sofa aus

Parkstadion Gelsenkirchen 1998

Das Parkstadion in Gelsenkirchen 1998.

In der nun zu Ende gehenden Fußball-Sommerpause bin ich u.a. auch über das ideale Buch für ‚Groundhopper‘ gestolpert, welches ich hier heute einmal kurz vorstellen möchte.

Groundhopping? Das ist eine Sammelleidenschaft von Fußballfans, bei der es darum geht, Spiele in möglichst vielen verschiedenen Stadien zu besuchen.

Aber auch für den, der sich den Stress der Reisen vielleicht ersparen möchte, das Geld dafür (im Moment) nicht hat, oder wer sich vielleicht schon einmal auf seine nächsten Reisen bzw. Auswärtsfahrten mit seinem Team in Gedanken etwas vorbereiten möchte, für den ist das Buch ‚Fussballtempel‘ von Reinaldo Coddou, einem der Mitbegründer des bekannten Magazins ‚11 Freunde‘, die ideale Wahl. ‚Groundhopping light‘, sozusagen! weiterlesen

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Christoph Kramer und die offenbar sinkende Bedeutung von Verträgen im Profifußball

Das Stadion von Borussia Mönchengladbach. Quelle: Wikipedia, Foto: Marcel Meier, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Das Stadion von Borussia Mönchengladbach. Quelle: Wikipedia, Foto: Marcel Meier, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Jüngste Äußerungen des 23-jährigen Fußball-Nationalspielers Christoph Kramer lassen einen mal wieder über Sinn bzw. Unsinn der aktuell üblichen Verhaltensweisen von Profikickern und Vereinen in diesem Lande in Sachen Vertragstreue und -wirksamkeit nachdenken.

Kramer, aktuell von Bayer 04 Leverkusen an den Konkurrenten Borussia Mönchengladbach ‚ausgeliehen‘, möchte nämlich seinen bei den Werkskickern unterschriebenen Vertrag, der aktuell noch bis 2017 läuft, dort wohl nicht (mehr) erfüllen. Dies legen zumindest jüngste Äußerungen des Spielers nahe.

Der gebürtige Solinger widerspricht in einem aktuellen Interview mit dem ‚Spiegel‘ Darstellungen, wonach er 2015 auf jeden Fall vereinbarungsgemäß wieder für Leverkusen spielen werde: “Wenn ich irgendwo nicht spielen möchte, spiele ich da nicht. Da kann ein Vertrag aussehen, wie er will.”

Und er legt nach: “Ganz generell” fühle er sich im Fußballgeschäft “manchmal wie in einem modernen Menschenhandel. Doch am Ende entscheide immer noch ich”.

Das sitzt! Und die selten klaren Aussagen des Überraschungsweltmeisters fachen aktuell die Diskussionen in der Fußballlandschaft wieder neu an. Was ist von den in der Regel hochdatierten Verträgen im Fußball aktuell überhaupt noch zu halten? weiterlesen

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DFB-Elf nach Titelgewinn nun vor größeren personellen Herausforderungen

Philipp Lahm in Brasilien. Quelle: Wikipedia, Foto: Agência Brasil, Lizenz: CC BY 3.0

Auch Philipp Lahm wird der DFB-Elf demnächst fehlen. Quelle: Wikipedia, Foto: Agência Brasil, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Erst Phillip Lahm, dann Miroslav Klose und nun also auch noch Per Mertesacker. Drei prominente Spieler der Weltmeistermannschaft ziehen sich ab sofort auf ihr ‚Altenteil‘ zurück, wollen sich zukünftig ganz auf ihre Aufgaben im Verein konzentrieren. Der Titel in Brasilien hat sie für sich persönlich erkennen lassen, dass der Zeitpunkt für einen Rücktritt mit dem begehrtesten Pokal der Fußballwelt in der Hand, ideal für einen Abschied auf dem Zenit des möglichen Erfolges als Nationalspieler ist.

Die Deutsche Auswahl wird nun also, ob man beim DFB will oder nicht, zwangsweise vor einige Probleme gestellt, wenn altgediente Eckpfeiler der Mannschaft ab sofort wegbrechen, die ohnehin recht junge Mannschaft zukünftig somit wohl noch weiter verjüngt werden wird. Die Truppe, welche die Qualifikation für die Europameisterschaft im Jahre 2016 angehen wird, wird zwangläufig ein anderes Gesicht haben als die Mannschaft, welche vor wenigen Wochen in Berlin mit den Massen den Triumph von Brasilien  gefeiert hat. weiterlesen

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“Anelka – Der Hund, der um die Ecke pupsen kann”

Adobe Photoshop PDFAnelka? Der Name kommt Ihnen bekannt vor? Das kann gut sein. Nicolas Anelka ist ein 1979 geborener französischer Fußballspieler. Der 69-fache Nationalspieler und Europameister von 2000 war in seiner erfolgreichen Laufbahn in verschiedenen europäischen Topligen bei Spitzenklubs erfolgreich.

Anelka heißt aber auch der Kromfohrländer (eine noch relativ unbekannte, neue Hunderasse) der Sportjournalistin Jessica Kastrop. Und um diesen soll es hier, merkwürdiger Weise werden Sie vielleicht sagen, gehen. Sportfans werden sich vielleicht noch an seine Auftritte in der Sky-Fernsehsendung ‚Samstag live‘ ab dem Herbst 2010 erinnern, als ‚Anelka‘ dort u.a. eine feste Rolle als ‚Orakel‘ für anstehende Fußballspiele in der Bundesliga einnahm.

Seit wenigen Wochen gibt es nun das Buch „Anelka – Der Hund, der um die Ecke pupsen kann“ auf dem Markt, welches die 40-jährige Sky-Journalistin zusammen mit dem Ruhrbarone-Lesern wohl spätestens seit dem von meinem Kollegen Sebastian Bartoschek vor wenigen Wochen mit ihm geführten Interview bekanntem Künstler Peter ‚Bulo‘ Böhling veröffentlicht hat. weiterlesen

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Die Erde bei Nacht – Blick von der ISS


Ein Netzfundstück, welches ich, obwohl schon vor fast drei Jahren hochgeladen, also bereits nicht mehr ganz ‚frisch‘, für so faszinierend halte, dass ich es unseren Lesern hier heute nicht vorenthalten möchte. Auch wenn es der Ein oder Andere vielleicht schon kennt.

Wunderbare Bilder, die einem mal wieder klar machen, wie schön unser Heimat-Planet eigentlich ist und wie unwichtig wir hier als Einzelpersonen sind, auch wenn sich manch ein Zeitgenosse vielleicht immer noch für besonders bedeutend und mächtig hält. ;-) Schönes Wochenende!

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Ein Abend mit Degenhardt. Teil 2: Leben, Singen, Kämpfen.

Für die Ruhrbarone traf sich Julius Hagen mit dem Düsseldorfer Rapper Degenhardt und sprach mit ihm über Pornographie und die Liebe, eine Jugend zwischen Stasi-Knast und Punkrock, drogeninduzierte Psychosen und den alltäglichen Wahnsinn. In Teil 2 der Serie erzählt Degenhardt von der Verhaftung seiner Eltern durch die Stasi und der Familienzusammenführung in einem bayrischen Asylantenheim.

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Degenhardt (früher: Disko Degenhardt) ist –im Slang der Vertriebsmenschen gesprochen- ein erklärungsbedürftiges Produkt. In seiner Lyrik verschmilzt eine Vielzahl doppeldeutiger, politisch aufgeladener Versatzstücke. Einzelne Passagen sind durchwoben von proletarisch angereicherten Slogans: Talent ist was für reich und schön/ Ich steh auf hart erarbeitet. Daneben wird die Stalinorgel aufgestellt. Dieser Eindruck wird in Johnnys Ende wieder ins Gegenteil verkehrt: Wir sind prokapitalistisch/ Also fick dich/ Alles Absicht. Dabei schwingt hintergründig das Unbehagen eines selbsternannten Egonazis in der spätkapitalistischen Konsumwelt mit. Doch noch bevor sich Degenhardts Texte als Ausdruck einer politischen Gesinnung überführen lassen, negiert er die Sphäre des Politischen in Terror Tradition selbst: Ich bin positiv politisch/ Das heißt: Nicht aktiv.

Die Selbstverortung im Widersprüchlichen hat Methode: Wer sich darauf einlässt, erhält einen intimen Einblick in das Spielzimmer eines Dreckskindes aus dem Osten, das vom Durchbruch in Hollywood träumt. Degenhardts Alben klären niemanden auf, wollen nicht belehren, geschweige denn indoktrinieren. Der kommunistische Liedermacher Franz-Josef Degenhardt erzählte in seinen Liedern Geschichten, um politische Statements zu untermalen. Beim neuen Degenhardt erscheint Politik nur noch als das Bühnenbild eines Psychodramas, das mit der Hoffnung seiner Eltern auf eine Zukunft beginnt, die außerhalb der Zielreichweite der Mauerschützen der DDR liegt.

Raider und das MfS

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Auf dem Wohnzimmertisch habe ich -in der Bemühung, mich als Gastgeber zu bewähren- Süßigkeiten und Softdrinks aufgetürmt. Degenhardt greift nach der Flasche Arizona Ice Tea und betrachtet den Aufdruck. „Die Packung ist viel schöner als der Geschmack“ stelle ich fest. „Die ist echt gut. Tolles Produktdesign“ bestätigt Degenhardt mit leuchtenden Augen. Ich will mit ihm über „den Osten“ sprechen, seine Kindheit in Honeckers Arbeiter- und Bauernstaat. „Ich habe mir die Faszination für Verpackungen immer bewahrt.“ sagt er. „Da bin ich dankbar, Ossi zu sein. Ich steh immer noch vorm Schnapsregal und denk mir: Das sieht wunderschön aus! Du kannst dir das nicht vorstellen. Ich kannte kein Produktdesign. Es gab ja keine Werbung im Osten. Du weißt nicht, wie schön Werbung sein kann.

Der Lockruf der Bundesrepublik durchbrach den antifaschistischen Schutzwall schon vor der Wende. Niemand sprach darüber, aber fast jeder DDR-Bürger empfing West-Fernsehen. „Ich bin damals bei einer Freundin in Berlin-Lichtenberg rausgeflogen, weil wir zusammen Werbelieder von Raider aus dem West-Fernsehen gesungen haben.“ Von Lichtenberg aus agierte das Ministerium für Staatssicherheit. „Das Schlimme am Osten war, dass du schon als Kind dachtest, dass du niemandem vertrauen kannst. Du hattest ein Gefühl, wie wenn dir ein beschissener Chef über die Schulter schaut. Du denkst: Der zieht mich ab, der nutzt mich aus, der kontrolliert mich. Und deine Kollegen warten nur auf eine Gelegenheit, dich zu verpfeifen- auch, wenn du nichts falsch gemacht hast. Du spürst die Hinterfotzigkeit um dich herum. Niemand droht dir offen an, dich ins Gefängnis zu stecken. Aber du weißt, dass du in einer heimtückischen Gesellschaft lebst.

Rote Kirschen

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Die Heimtücke des real existierenden Sozialismus schildert Degenhardt in seinem Lied Rote Kirschen. „Meine Eltern haben damals einen Ausreiseantrag gestellt, der von der DDR natürlich geflissentlich ignoriert wurde. Der wird wohl in irgendeinem Papierkorb gelandet sein. Dann haben sie eine andere Fluchtmöglichkeit gesucht und sich mit einem Freund in Ungarn getroffen, der einen Brief an in die Bundesrepublik schmuggeln sollte. Darin stand, dass wir in der DDR festgehalten wurden. Der Freund wurde an der Grenze festgehalten. Der Brief wurde entdeckt. Einen Tag vor dem Geburtstag meiner Mutter sind meine Eltern vom MfS vorgeladen worden. Morgens erzählten sie mir von der Vorladung. Sie hatten Angst. Aber ich war zu jung und habe nichts verstanden.“

Die Eltern kamen nicht heim. Die Vorladung stellte sich als Vorwand für die Inhaftierung heraus. Statt der Eltern betrat ein Hippie mit Latzhose, ein Familienfreund und Systemgegner, die Wohnung. Dieser hatte von der Inhaftierung der Eltern erfahren und brachte Degenhardt in seine Wohnung. In derselben Nacht klingelte die Volkspolizei und fuhr Degenhardt zu seiner systemtreuen Großmutter, die ihm ihr Nähzimmer herrichtete, wo er als Junger Pionier die nächsten Jahre verbrachte.

Über den Verbleib seiner Eltern konnte ihm niemand Auskunft geben. Erst nach einem halben Jahr ließ die Gefängnisleitung erste Briefe zu. „Sie wurden in getrennten Gefängnissen untergebracht. Natürlich in den schwierigsten Haftanstalten. Es war üblich, politische Häftlinge mit den schlechtesten Haftbedingungen zu konfrontieren. Meine Eltern wurden zusammen mit Schwerverbrechern untergebracht. Mein Vater teilte sich das Hochbett mit einem Mörder. In den Gefängnissen gab es noch Wasserzellen. Sie wurden zwar nicht mehr genutzt, es gab sie noch, was man die Häftlinge auch wissen ließ. Ein halbes Jahr lang erfuhren meine Eltern nicht, wo der andere ist. Sie wussten auch nicht, was aus mir wurde. So hat man versucht, sie zu brechen.

Ein unmittelbarer Kontakt zu den Eltern wurde Degenhardt verwehrt. Mit seiner Großmutter packte er Zigarettenpakete, damit die Eltern im Gefängnis zur Existenzsicherung handeln konnten. Über die Haftbedingungen von Republikflüchtlingen erfuhr Degenhardt erst im Nachhinein mehr: „Ich bin mit meiner Mutter zusammen in die Gefängnisse gefahren. Mein Vater berichtet als Zeitzeuge an Schulen über die DDR.

Die Haft dauerte zwei Jahre. Anschließend wurden Degenhardts Eltern als zwei von insgesamt 33.755 politischen Gefangenen von der Bundesrepublik freigekauft. Der Häftlingsfreikauf diente dazu, die klinisch tote Planwirtschaft künstlich am Leben zu erhalten. „Meine Eltern sind Akademiker, Bauingenieure. Sie wurden natürlich sehr gerne freigekauft. Honecker hat auch richtig Kohle bekommen.“ Wenige Jahre vor der Wende betrug der Preis pro Häftling bis zu 100.000 DM. „Sie wurden in denselben Klamotten entlassen, in denen sie inhaftiert wurden.

Um ihren Sohn wiederzusehen, stellten die Eltern vom Westen aus einen Antrag auf Familienzusammenführung, der nach sechs Monaten angenommen wurde. „Ich war zu jung, um alleine über die Grenze zu gehen. Meine Oma war systemkonforme Sozialistin, also war niemand da, der mich rüberbringen konnte. Über zwanzig Ecken fanden meine Eltern dann aber doch jemanden, der mich abgeholt hat.“

Leben, Singen, Kämpfen

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Das Wiedersehen mit den Eltern verarbeitet Degenhardt in der letzten Strophe von Rote Kirschen:

Sie haben dieselben Klamotten an wie vor drei Jahren bei der Inhaftierung
Denn sie haben keine anderen und zur besseren Orientierung
Diplombauingenieure mit dreihundert Mark vom Staat
Verlieren Haus, Familie, Freunde, ihren Sohn an einem Tag
Sie wollten frei sein auch für mich- so etwas musst du dich erst trauen
Sie gaben das, was sie besaßen für das, woran sie glauben
Und jetzt sitz ich hier im Auto und ich kenn sie irgendwie nicht mehr
Ich weiß nicht, was ich sagen soll- drei Jahre sind sehr lange her
Ich weiß nicht, wie es mir geht, mir ist nicht nach Heulen oder Feiern
Wir fahren ins neue Zuhause- von Ostberlin nach Bayern

Den abrupten Systemneustart darf man sich nicht als Seifenoper vorstellen: „Wir lebten mit drei Familien in einer Dreizimmerwohnung in einem Asylantenheim zusammen mit Rumänen, Russen und anderen Flüchtlingen aus dem Ostblock. Als ich eintraf, sah auch ich aus wie ein Ossi und hatte den Geist der DDR aufgesogen. Man hatte mir diese Honecker-Brille verpasst. Sie wurde schnellstmöglich durch eine Brille von der Kasse ersetzt. Das war natürlich nur Kosmetik.

Degenhardt musste nun die Spielregeln der kapitalistischen Gesellschaft erlernen, die er nur aus den Werbespots des Westfernsehens kannte. Ich möchte wissen, wie schnell die Integration dieses innerdeutschen Migranten gelang. Degenhardt erwidert mit einer Anekdote. Sein erster Schultag auf einer Würzburger Hauptschule begann mit der Aufforderung des Lehrers, zur Vorstellung  etwas singen. Der ehemalige Junge Pionier trat vor die Klasse und stimmte das erste Lied an, das ihm einfiel:

Ich trage eine Fahne,
und diese Fahne ist rot.
Es ist die Arbeiterfahne,
die Vater trug durch die Not.
Die Fahne ist niemals gefallen,
sooft auch ihr Träger fiel.
Sie weht heute über uns allen
und sieht schon der Sehnsucht Ziel.

Ich frage, ob er diese Situation so komisch findet wie ich. „Ich habe die klassischen Lyrics, die ich vom System geballert gekriegt habe, völlig frei und in vollster Überzeugung gesungen. Ich habe damals nicht realisiert, was ich da gesungen habe. Das waren halt Volkslieder. Das ist im Nachhinein nicht nur irre komisch, sondern auch verdammt peinlich. Ich habe mich immer dafür geschämt, Ossi zu sein. Als wäre ich behindert. Oder impotent. Früher gab es keine Ostalgie- als Ossi warst du ein Spasti.“ erzählt er. „Ich kann diese Lieder wahrscheinlich besser auswendig als meine eigenen Texte. Ich habe das Liederbuch immer noch. ‚Leben, Singen, Kämpfen‘ heißt es. Den Buchtitel ließ ich mir ins Tschechische übersetzen und auf mein Knie tätowieren.“ Ich stecke eine Zigarette an und scherze, dass der real existierende Sozialismus seinen Bürgern wohl tief unter die Haut ging. Es ist Zeit, zum letzten Themenblock überzugehen. Degenhardt nimmt einen Schluck Arizona Ice Tea. „Du wolltest mit mir noch über meine Drogenphase reden, oder?

Degenhardts Internetpräsenz findet man hier.

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Teil 1 der dreiteiligen Serie widmete sich der Koexistenz von romantischem Kitsch und Perversion.

In Teil 3 berichtet Degenhardt von der Arbeit in der Psychiatrie, seiner drogeninduzierten Psychose und dem schmalen Grat zwischen Kunst und Wahnsinn.

 

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Köln: Gegen jeden Antisemitismus

Israelkritik im Juli in Essen

Offener Antisemitismus auf den Straßen, einseitige Kritik an Israel (“Man wird ja wohl noch dürfen…”) in Politik und Medien: Das ist der Sommer 2014. Auch in Köln fanden mehrere pro-Hamas Demonstrationen statt. Hier wehrt sich nun das örtliche Bündnis gegen Antisemitismus gegen die Entwicklung. Am Sonntag gibt es eine Kundgebung “Gegen jeden Antisemitismus” – ganz in der Nähe der antisemitischen “Klagemauer”, deren Entfernung jüdische Gemeinden und Politiker seit Jahren vergeblich fordern. Die Kundgebung soll um 16 Uhr auf dem Hauptbahnhofs-Vorplatz beginnen.

Ein Gespräch mit Robin Becker, dem Sprecher des Bündnisses, ist heute in der Jüdischen Allgemeinen erschienen. Darin geht es um die Situation in Köln, und um die Kundgebung am Sonntag. Zudem hat die Gruppe eine Broschüre zum gegenwärtigen Antisemitismus veröffentlicht, die auch online abrufbar istweiterlesen

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