
Es gibt Momente im Fußball, in denen Tabellen plötzlich zweitrangig werden. Momente, in denen es um etwas Größeres geht als Tore, Punkte oder Personalien. Von unserem Gastautor Philipp Klein
Es geht um die Frage, ob ein Verein aus seiner Vergangenheit gelernt hat. Ob er den Mut besitzt, einen eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen – oder ob er sich, kaum dass wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist, selbst zurück in die Dunkelheit zieht.
Schalke 04 steht genau an einem solchen Punkt.
Wer die vergangenen Jahre erlebt hat, weiß, wie tief dieser Verein gefallen ist. Finanzielle Sorgen, sportlicher Niedergang, permanente Wechsel in den Führungspositionen und eine Atmosphäre, in der jede Woche eine neue Krise die vorherige ablöste. Aus einem der größten Traditionsvereine Europas war ein Klub geworden, der fast ausschließlich durch Negativschlagzeilen wahrgenommen wurde.
Heute ist das Bild ein anderes.
Schalke ist zurück in der Bundesliga. Nicht durch Zufall, sondern weil viele Menschen in den vergangenen Jahren unbequeme Entscheidungen getroffen haben. Weil Fehler analysiert wurden. Weil Strukturen verändert wurden. Weil Verantwortung übernommen wurde.
Natürlich verlief dieser Weg nicht fehlerfrei. Das wäre eine Legende, die niemand erzählen sollte. Auch der heutige Aufsichtsrat und die Vereinsführung haben Entscheidungen getroffen, die sich im Nachhinein als falsch erwiesen. Der entscheidende Unterschied zu früher ist jedoch: Fehler wurden erkannt, eingestanden und korrigiert. Genau das zeichnet gute Führung aus – nicht Unfehlbarkeit, sondern Lernfähigkeit.
Die Zahlen sprechen inzwischen eine deutliche Sprache. Mehr als 80 Millionen Euro Verbindlichkeiten wurden abgebaut oder neu strukturiert. Die Anleihe wurde erfolgreich neu geordnet. Sportlich wurden mit Frank Baumann und Miron Muslic zentrale Weichen gestellt. Neue Sponsoren gewinnen wieder Vertrauen in den Verein. Unternehmen investieren wieder in Schalke, weil sie erkennen, dass dort wieder seriös gearbeitet wird. Und in unserer WAZ gibt es endlich wieder positive Artikel über Schalke – läuft doch!
Dieses Vertrauen entsteht nicht über Nacht. Es wächst langsam. Und es ist zerbrechlich. Gerade deshalb wirkt die aktuelle vereinspolitische Auseinandersetzung auf mich so irritierend.
Während außerhalb Gelsenkirchens viele zum ersten Mal seit Jahren wieder positiv auf Schalke blicken, droht der Verein erneut, sich vor allem mit sich selbst zu beschäftigen. Wieder geht es um Lager, Machtfragen und gegenseitige Vorwürfe. Wieder entstehen Schlagzeilen, die nichts mit Fußball zu tun haben.
Dabei müsste die eigentliche Botschaft doch eine ganz andere sein. Schalke ist zurück. Nicht am Ziel, aber endlich wieder auf dem richtigen Weg.
Warum sollte man mitten in dieser Entwicklung funktionierende Strukturen auseinanderreißen? Warum sollte ausgerechnet jetzt der Eindruck entstehen, als beginne erneut ein Machtkampf, obwohl der Verein erstmals seit langer Zeit Stabilität ausstrahlt?
Niemand behauptet, dass Kritik unzulässig wäre. Im Gegenteil: Demokratie lebt vom Diskurs. Mitgliederversammlungen sind das Herz eines eingetragenen Vereins. Unterschiedliche Meinungen gehören dazu.
Aber ebenso wichtig ist die Fähigkeit, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen. Es gibt Phasen, in denen Veränderungen notwendig sind. Und es gibt Phasen, in denen Kontinuität der größere Wert ist. Schalke befindet sich derzeit eindeutig in der zweiten Kategorie.
Wer den Verein liebt, sollte sich deshalb eine einfache Frage stellen: Dient die aktuelle Diskussion tatsächlich der Zukunft des FC Schalke 04 oder beschäftigt sie sich vor allem mit Nebenschauplätzen?
Besonders bedenklich ist dabei, dass Themen miteinander vermischt werden, die sachlich gar nicht zusammengehören. Wer in die Kommentare auf den bekannten Fanportalen schaut, sieht, dass immer wieder etwa Fragen rund um die Ticketvergabe oder den Kooperationsvertrag mit dem Aufsichtsrat verknüpft werden. Tatsächlich handelt es sich hierbei um operatives Geschäft des Vorstands. Der Aufsichtsrat entscheidet darüber satzungsgemäß nicht. Wer beides dennoch miteinander verbindet, erzeugt ein Bild, das den tatsächlichen Zuständigkeiten nicht gerecht wird. Der Schalker Fanclub-Verband wirkt auf mich, als ob er nicht unseren Verein, sondern nur seine eigenen Pfründe im Blick hat.
Auch bei den anstehenden Satzungsänderungen sollte weniger Emotion und mehr Sachlichkeit gelten. Es geht nicht darum, die Fanvertretung abzuschaffen oder einzelne Gruppen auszuschließen. Es geht vielmehr um die Frage, wie Mitbestimmung künftig möglichst breit organisiert werden kann. In einem Verein, der sich der Marke von 250.000 Mitgliedern nähert, ist es legitim, zu diskutieren, ob Beteiligung künftig auf noch mehr Schultern verteilt werden sollte.
All das sind wichtige Debatten. Aber sie dürfen nicht den Blick auf das Wesentliche verstellen.
Denn das Wesentliche trägt Königsblau.
Es sind die Mädchen und Jungen, die nach Jahren endlich wieder Bundesliga erleben dürfen. Die Familien, die wieder voller Stolz mit Schalke-Trikots durch die Stadt, durch unser schönes Ruhrgebiet laufen. Die Mitarbeiter, die in schwierigen Zeiten geblieben sind. Die Sponsoren, die wieder Vertrauen gefasst haben. Die Spieler, Trainer und Verantwortlichen, die jeden Tag daran arbeiten, dass dieser Verein nie wieder so tief fällt wie einst. Danke gerade an die Hauptamtlichen!
Sie alle verdienen vor allem eines: Ruhe. Nicht Stillstand. Nicht kritiklose Zustimmung. Sondern die Chance, einen erfolgreichen Weg weiterzugehen.
Die Mitgliederversammlung an diesem Samstag, dem 18. Juli 2026, ist deshalb weit mehr als eine gewöhnliche Wahlveranstaltung. Sie ist eine Richtungsentscheidung. Nicht zwischen Gut und Böse. Nicht zwischen Gewinnern und Verlierern. Sondern zwischen Stabilität und neuer Unruhe.
Schalke hat sich seinen Optimismus hart erarbeitet. Jetzt wäre der denkbar schlechteste Zeitpunkt, ihn leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Denn große Vereine scheitern selten an ihren Gegnern. Sie scheitern meist an sich selbst.
Schalke hat endlich begonnen, diese alte Wahrheit zu widerlegen.
Wir Mitglieder haben nun die Chance, dieses Signal zu verstärken, indem wir den Blick nach vorne richten und Brücken bauen.
Die Zukunft dieses Vereins entscheidet sich nicht daran, wer den lautesten Wahlkampf führt. Sie entscheidet sich daran, ob Schalke endlich lernt, den Erfolg gemeinsam zu schützen. Gemeinsam in die Zukunft. Genau das sollte jetzt das Motto des FC Schalke 04 sein.
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