Reproduktionsmedizin – Fortpflanzung ist ein Menschenrecht

Darstellung einer IVF-/ICSI-Behandlung Bild: ChatGPT/Chatti


Der Fall Jens Spahn führt momentan zu Kontroversen zum Thema Leihmutterschaft. Dass die Angelegenheit, was Spahn betrifft, an Scheinheiligkeit kaum zu überbieten ist, muss hier sicher nicht erneut diskutiert werden. Ich möchte allerdings meine Meinung zur Reproduktionsmedizin aus Sicht einer vierfachen Mutter und auch als Biologielehrerin einmal darlegen. Zudem möchte ich eine kurze Übersicht geben, wie medizinisch bei der biologischen Fortpflanzung nachgeholfen werden kann.

Gibt es ein Recht auf ein eigenes Kind? Ja, in meinen Augen gibt es das, denn es ist eine Form der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung, auch wenn der Kinderwunsch nicht immer erfüllt werden kann, weil die Reproduktionsmedizin an Grenzen stößt. Der Wunsch nach eigenen Nachkommen ist biologisch in allen Spezies, die sich geschlechtlich fortpflanzen, angelegt. Natürlich ist dieser Wunsch individuell unterschiedlich groß, aber er ist nun einmal biologisch begründbar und nachzuvollziehen. In meinen Augen ist es sogar ein Menschenrecht und mit unserer Art und unserer Sterblichkeit eng verbunden. Die eigenen Gene weiterzugeben, sichert unser Überleben nach dem Tod, zumindest was unsere Art und einen Teil unserer Individualität in Form unserer Gene betrifft. Unfruchtbarkeit ist eine Krankheit, die behandelt werden kann. Die moderne Medizin bietet viele Möglichkeiten nachzuhelfen, wenn ein Kinderwunsch unerfüllt bleibt. Und diese Möglichkeiten medizinischer Intervention sollten auch angewendet werden dürfen, wenn niemand anderes dabei zu Schaden kommt. In Deutschland ist das aber leider nicht vollumfänglich der Fall.

Besonders die Diskussion um Leihmutterschaft wird bedauerlicherweise oft sehr unsachlich geführt. Vor allem von Radikalfeministinnen wird sie oft aufgebauscht und ausschließlich die kommerzielle Ausbeutung betrachtet. Die in vielen Fällen ethisch vollkommen einwandfrei ablaufenden Fälle werden von ihnen komplett ausgeblendet.

Sobald das Wort Genetik fällt, wird man von Radikalfeministinnen in die Eugenik-Ecke gestellt, dabei geht es genau darum, nämlich eigene Gene weiterzugeben. Für viele Menschen ist gerade das unglaublich wichtig und, wie erwähnt, auch biologisch komplett nachvollziehbar. Auch, dass Eltern, die sich die Mühe machen und medizinisch an gewisse Grenzen gehen, um ihren Kinderwunsch zu erfüllen, genetisch eher gut ausgestattet sind, ist die Wahrheit und logisch begründbar und wertet niemanden ab. Zwei Gründe sprechen dafür: Zum einen ist die genetische Komponente, die zum Beispiel für Intelligenz und generelle Gesundheit wichtig ist, bei gut situierten Eltern eher gegeben. Dazu gibt es Statistiken.  Zum zweiten erfolgt eine Auswahl möglichst qualitativ guter Eizellen, Spermien und Embryonen, die im jeweiligen Prozess der Behandlung der Unfruchtbarkeit ausgewählt werden müssen. Das geschieht einfach auch, um die Erfolgsaussichten dieser Behandlungen zu gewährleisten. Das ist vernünftig und keine Eugenik. Einfach ausgedrückt: Keine Frau erduldet die Prozeduren einer Fruchtbarkeitsbehandlung und überlässt es dem Zufall, ob die Embryonen etwas taugen oder nicht. Dass die Einnistung gelingt, ist logischerweise mit der Qualität der Embryonen verbunden.

Welche Möglichkeiten gibt es nun, um Unfruchtbarkeit zu behandeln?

Es fängt im Prinzip schon mit der medizinischen Behandlung von verschiedenen Erkrankungen, die eine Unfruchtbarkeit verursachen, an. Dazu zählen bei der Frau die hormonelle Stimulation, operative Eingriffe und eine Zyklusoptimierung, beim Mann ebenfalls eine Hormontherapie, Operationen oder Medikamente zur Behandlung von bakteriellen Infektionen im Genitaltrakt (Antibiotika). Auch die komplexere Behandlung des Polyzystischen Ovarialsyndroms (PCOS), des Adrenogenitales Syndrom (AGS) oder der Hyperprolaktinämie ist hier zu nennen.

Eine Hormonbehandlung bei unerfülltem Kinderwunsch erfolgt abhängig vom Menstruationszyklus. Zunächst wird die Eizellreifung mit Wirkstoffen wie Clomifen, Letrozol oder mit täglichen Spritzen mit follikelstimulierendem Hormon (FSH) und vergleichbaren Wirkstoffen angeregt. Sobald die Eibläschen die richtige Größe haben, wird mit einer Spritze mit humanem Choriongonadotropin (hCG, auch Schwangerschaftshormon) der Eisprung ausgelöst. Um die Gebärmutterschleimhaut vorzubereiten und die Einnistung der Eizelle zu unterstützen, wird in der zweiten Zyklushälfte mit Progesteron weiterbehandelt. Dieses kann eingenommen oder vaginal als Zäpfchen oder Gel verabreicht werden.

Bleibt diese Methode erfolglos oder ist die Unfruchtbarkeit beim Mann begründet, gibt es die Möglichkeit der künstlichen Befruchtung. Die einfachste Methode ist hier die Übertragung von Samenzellen direkt in die Gebärmutter. Schwieriger ist dann die In-vitro-Fertilisation, bei der die Vereinigung von Eizelle und Samenzelle außerhalb des weiblichen Körpers in einem Labor stattfindet. Hier werden dann die im Labor entstandenen Embryonen in die Gebärmutter der Frau eingesetzt (meist ein oder zwei). Man wählt hier immer die qualitativ besten Embryonen aus. Die Befruchtung erfolgt bei dieser Methode durch einfaches „Mischen“ von Eizellen und Sperma. Ist dies nicht möglich, z. B. wenn zu wenig Samenzellen im Sperma sind, wird eine intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) durchgeführt. Dabei wird im Labor ein einzelnes Spermium direkt mit einer feinen Nadel in das Zellplasma einer zuvor entnommenen Eizelle injiziert. Die Spermien werden dann i. d. R. operativ aus den Nebenhoden oder dem Hoden gewonnen, falls sich im Sperma selbst keine befinden. Auch bei der künstlichen Befruchtung wird die Frau mit entsprechenden Hormonen behandelt, um sie auf die Schwangerschaft vorzubereiten und diese zu erhalten (siehe Hormonbehandlung bei unerfülltem Kinderwunsch).

Alle weiteren Möglichkeiten zur Behandlung der Unfruchtbarkeit, die ich nun kurz beschreiben möchte, sind in Deutschland verboten.

Die Eizellspende, egal ob anonym, offen oder durch Verwandte oder Bekannte, ist in Deutschland komplett verboten. Die Eizellspende ist im Vergleich zur Spermaspende eine nicht zu unterschätzende medizinische Prozedur. Dazu muss die Bildung der Eizellen hormonell stimuliert werden, was mit Nebenwirkungen verbunden sein kann. Dann entnimmt man die Eizellen durch Punktion, was ein invasiver Eingriff mit entsprechenden Risiken ist. Allerdings sind schwere Komplikationen mit einer Häufigkeit von unter einem Prozent sehr selten.

Für Frauen, die zwar eine Gebärmutter besitzen, aber keine Eizellen produzieren können, zum Beispiel beim Swyer-Syndrom, ist dies eine Möglichkeit, ein Kind selbst auszutragen, auch wenn es nicht das genetisch eigene ist. So kann diesen Frauen aber die Erfahrung des Mutterseins, ein Bedürfnis, das viele Frauen von Natur aus besitzen, oft auch mit den Genen des geliebten Partners erfüllt werden.

Auch die Leihmutterschaft ist in Deutschland ausnahmslos verboten und kann nur im Ausland erfolgen. Zwei Formen der Leihmutterschaft muss man unterscheiden:

Bei der traditionellen oder auch partiellen Leihmutterschaft wird die Leihmutter mit dem Samen des Wunschvaters befruchtet. So ist das Kind von Jens Spahn entstanden. Die vollständige Leihmutterschaft, die oft von heterosexuellen Paaren genutzt wird, erfolgt in Kombination mit einer In-vitro-Befruchtung. Hier werden die im Labor gewachsenen Embryonen der genetischen Eltern einer Leihmutter eingesetzt. Sie ist dann nicht die biologische Mutter des Kindes, das sie austrägt.

Ohne Risiken sind Fruchtbarkeitsbehandlungen nicht, wie die tragische Geschichte eines Kollegen zeigt. Deshalb sollte von entsprechenden Kliniken auch aufgeklärt und nicht geworben werden.

Ich möchte unbedingt erwähnen, dass ich sowohl die Eizellspende als auch die Leihmutterschaft grundsätzlich befürworte. Wenn Frauen über die Risiken aufgeklärt sind und es freiwillig tun, ist das ein Akt der Selbstbestimmung. Allerdings befürworte ich die sogenannte altruistische Leihmutterschaft. Hier handelt die Leihmutter nicht aus kommerziellen Gründen, sondern um zu helfen. Oft sind nämlich auch Verwandte oder Bekannte, wie zum Beispiel Schwestern oder Cousinen, die Leihmütter.

Die kommerzielle Leihmutterschaft lehne ich ab. Eine großzügige Erstattung des Unterhalts für die Zeit der Schwangerschaft, die auch die Risiken und Kosten der Leihmütter vollständig abdeckt, sollte es allerdings geben.

Wenn man bedenkt, wie viele glückliche Einzelschicksale es gibt, die nur durch Umgehung der restriktiven Vorschriften in Deutschland möglich waren, ist es dringend an der Zeit, in Deutschland Regulierungen für Eizellspende und Leihmutterschaft zu schaffen, die der Lebensrealität gerecht werden. Das bedeutet, den Menschen mehr Möglichkeiten zu geben, anderen Menschen zum Familienglück zu verhelfen, aber gleichzeitig die Ausbeutung von Frauen im Zusammenhang mit Eizellspende und Leihmutterschaft zu verhindern. Das ist kein Hexenwerk und sollte politisch endlich umgesetzt werden.

 

Autorenseite: Antje Jelinek
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2 Comments
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Arnold Voss
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1 Stunde vor

Alles gut und schön. Aber warum wir hier nicht ein einziger Gedanke daran verschwendet als Alternative eines von Tausenden von Waisenkindern zu adoptieren, die liebende Eltern mindestens ebenso, wenn nicht noch mehr, brauchen.

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